Von Stefan Kaiser
Hamburg - Folker Hellmeyer sieht sich als Opfer. "Spekulative Kräfte" und die "amerikanisch-angelsächsische Finanzaristokratie" seien dafür verantwortlich, dass sich der Dax im Jahr 2011 nicht dahin bewegt hat, wo Hellmeyer ihn vor zwölf Monaten sah: bei 9000 Punkten. Ein "positives Aktienjahr" hatte der Chefanalyst der Bremer Landesbank damals vorausgesagt, "neue historische Höchstmarken stehen für den Dax auf der Agenda". Es kam bekanntlich anders: Am letzten Handelstag des Jahres standen 5898 Punkte zu Buche - fast 15 Prozent weniger als ein Jahr zuvor.
Wer einmal so daneben liegt, wird vorsichtig. In seinem Ausblick auf das Aktienjahr 2012 erstellt Hellmeyer derart viele Szenarien und Bandbreiten, dass von minus 20 Prozent bis Plus 35 Prozent praktisch alles abgedeckt ist. Die "Prognoseunsicherheit" sei "sehr hoch ausgeprägt", schreibt der Finanzmarktexperte.
So wie Hellmeyer ging es in den vergangenen Wochen vielen Aktienexperten: Einerseits verlangen Arbeitgeber und Kunden von ihnen möglichst detaillierte Vorhersagen, wie sich der Markt im neuen Jahr entwickeln wird. Andererseits zeigt sich jedes Jahr aufs Neue, dass solche Prognosen kaum verlässlicher sind als die Kristallkugel einer Wahrsagerin auf dem Rummel. In Zeiten wie diesen, in denen die Kurse stark schwanken, ist die Unsicherheit besonders hoch.
In ihrer Not setzen die meisten Analysten auf verhaltenen Optimismus. Unter 26 in- und ausländischen Banken prognostizieren gerade einmal drei für Ende 2012 einen niedrigeren Dax-Stand als Ende 2011. Der Durchschnitt der Schätzungen liegt bei rund 6500 Punkten - was auch nicht gerade ein Kursfeuerwerk wäre.
Der Start ins neue Jahr war jedenfalls vielversprechender als die Prognosen: Um drei Prozent stieg der Dax
am ersten Handelstag - und schloss bei 6075 Punkten. Das passt zum Trend der vergangenen Wochen: Seit seinem Jahrestief Mitte September hat der deutsche Leitindex 1000 Punkte und damit fast 20 Prozent zugelegt.
Tatsächlich gibt es einige gute Gründe, derzeit auf Aktien zu setzen.
All diese Gründe sprechen dafür, dass 2012 ein gutes Jahr für Aktien wird. Doch es gibt natürlich auch viele Risiken: Was, wenn aus der milden Rezession eine schwere Depression wird? Was, wenn die Euro-Zone auseinanderbricht oder die chinesische Immobilienblase mit einem lauten Knall platzt? Dann fallen die Gewinnerwartungen der Unternehmen schneller als das Laub im Herbst - und aus günstigen Schnäppchen werden überteuerte Aktien, die keiner mehr haben will.
Sicherheitshalber haben viele Analysten solche Szenarien dieses Mal in ihre Prognosen aufgenommen. Die Landesbank Hessen-Thüringen etwa sieht eine Wahrscheinlichkeit von 20 Prozent, dass der Dax unter die Marke von 4000 Punkten fällt. Auch Folker Hellmeyer möchte auf den schlimmsten Fall vorbereitet sein. Festlegen will er sich allerdings lieber nicht: Wenn die Euro-Zone zerfällt, weiß der Experte, drohe ein "nicht quantifizierbares Abwärtsrisiko".
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