Bolivien Der Fluch des Quinoa-Booms

Quinoa ist in Europa zum Trendessen geworden. Doch im Ursprungsland der nährstoffreichen Pflanze geht es den Bauern so schlecht wie lange nicht. Eine Globalisierungsgeschichte aus Challapata, Bolivien.

DPA

Boliviens Präsident Evo Morales isst im Regierungsflieger am liebsten Quinoa-Riegel - denn die Pflanze kurbelt das Wachstum seines Landes an. Lag die Produktion vor zehn Jahren weltweit bei 60.000 Tonnen, sind es heute mehr als 250.000 Tonnen.

Früher wurde die nährstoffreiche Quinoa fast nur in den Anden gegessen, auf 3800 Meter Höhe ist ihr traditionelles Anbaugebiet. Dann machte die reisähnliche, glutenfreie Pflanze weltweit Karriere. Es gibt jetzt Quinoa-Shampoo, Quinoa-Bier und viele weitere Quninoa-Gerichte in den hippen Bio-Cafés der westlichen Großstädte. Im Berliner Literaturhaus wird zum Beispiel Lachstatar auf feiner schwarzer Quinoa serviert.

Nur in der bolivianischen Kleinstadt Challapata, dem einstigen Zentrum des Quinoa-Anbaus, ist vom Boom nicht viel geblieben.

Es ist eine dieser Globalisierungsgeschichten. Plötzlich macht ein Produkt Karriere - prompt wird das Saatgut verändert, um es auch in anderen Regionen anzubauen. In Peru, das Bolivien als Marktführer abgelöst hat, wird Quinoa verstärkt im industriellen Stil angebaut. Auch in den USA, Indien und China wird inzwischen Quinoa produziert.

Rapider Preisverfall

Gegen die neue globale Konkurrenz kommen Boliviens Bauern nicht an - die erhöhte Produktion hat zu einem drastischen Preisverfall geführt. Statt zeitweise 6000 Dollar je Tonne Quinoa gibt es heute beim Export nur noch rund 2500 Dollar.

Wegen des Preisverfalls - und wegen einer Dürrephase - brach die Produktion in Bolivien 2016 nach sechs Jahren Wachstum von 89.000 auf 69.000 Tonnen ein. Bereits rund 200 der gut 2000 Bauern haben nach Angaben des Präsidenten der lokalen Quinoa-Produzenten, Benjamin Martínez, aufgegeben.

"Als der Preis immer weiter stieg, haben wir zu Hause Pommes statt Quinoa gegessen, um noch mehr zu verkaufen", sagt Quinoa-Bauer Germán Velarde, 29. Dann ging es rasch bergab.

Im deutschen Edeka-Supermarkt kosten 250 Gramm rote Quinoa aus Südamerika heute 3,29 Euro. Velarde bekommt für 250 Gramm rote Quinoa nur 1,74 Boliviano, das sind gerade einmal 21 Eurocent. Velarde hat vier Kinder zu ernähren. Zuletzt ist sein Lohn auf 87 Dollar geschrumpft.

Wind des Wandels

Auf dem Marktplatz steht auch Julian Canavari. 80 Kilometer ist er nach Challapata gefahren, um drei Säcke Quinoa zu verkaufen. Er lädt zu einer Fahrt durch die Quinoafelder ein, gerade wird die letzte Ernte eingefahren. Canavari klopft auf das Lenkrad seines Suzuki-Geländewagens. "Das war eine goldene Zeit. 2013, 2014. Von dem Geld habe ich mir das erste Auto in meinem Leben kaufen können." Heute kann er kaum noch das Benzin bezahlen.

Er fährt an Feldern vorbei. "Vor ein paar Jahren gab es nur Quinoa hier, jetzt steigen einige wieder auf Getreide und Klee für die Viehzucht um", sagt Canavari. Kurzer Stopp auf einem seiner Felder. Das Bewirtschaften der 30 Hektar lohnt sich für Canavari kaum noch. "Wenn es so weiter geht, müssen wir wegziehen in die Stadt, nach Oruro oder La Paz", sagt er.

Als Canavari wieder am Marktplatz von Challapata eintrifft, dröhnt aus den Boxen einer Kneipe gerade "Wind of Change" von den Scorpions. Der Wind der Veränderung brachte hier erst den Boom - und dann den Absturz.

Von Georg Ismar, dpa

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insgesamt 51 Beiträge
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bielefelder73 20.06.2017
1. Es ist immer das gleiche
Es ist immer das gleiche bei Bio- oder Ökotrends: Sobald ein Boom einsetzt, werden nur noch die Großkonzerne reich und die kleinen Anbieter bleiben auf der Strecke. Aber Hauptsache die grüne "high Society", oder diejenigen, die sich dafür halten, können sich in ihrem guten Gewissen sonnen, in der irrigen Annahme, etwas für die "kleinen Leute" getan zu haben. Quinoa? - Brauche ich nicht.
mk1964 20.06.2017
2. Typischer "Schweinezyklus"
Wie von Arthur Hanu beschrieben: In der Phase mit hohen Marktpreisen versucht jeder einzusteigen. Dadurch kommt es zur Produktionssteigerung und damit zum Preisverfall. Wobei vermutlich noch etwas Anderes dazu kommt: Der Hype bei den Verbrauchern in den Industrieländern ist durch. Jeder hat´s ausprobiert. Jetzt steigen (vermutlich) die Abnahmemengen nicht mehr und gehen in Kürze dann sogar zurück.
sudiso 20.06.2017
3. Tja....
Preiskämpfe an den Nahrungsmittel-börsen (ja es gibt sie) und der ("hippe") Konsum macht den Verkaufspreis und damit auch den Einkaufspreis kaputt und damit auch die Existenzgrundlage der örtlichen Bauern, weil andere Länder auch auf diesen Zug aufspringen wollen. Dies ist ja im Bericht zu lesen, genmanipulierte ähnliche Pflanzen werden produziert, damit diese auch dort wachsen, wo sie eigentlich von NAtur aus nicht hingehören. Mit den Folgen der Monokultur-Anbaus und Einsatz von Düngern und Pflanzenschutzmittel und Vernichtungsmitteln mit Folgeschäden für die Anbaugebiete. So ähnlich ist es auch mit der Fleischproduktion in Deutschland. Hauptsache billiges Fleisch, was zur Folge hat, eine Vielzahl von Mastbetrieben, massenweiser Einsatz von Antibiotika, massive Produktion von Gülle sowie Verwendung von Gülle als Düngemittel auf deutschen Feldern und damit Verunreinigung des Grundwasser mit Gülle und somit ein erhöhter Verbraucherpreis bei Leitungswasser aufgrund der komplexen Reinigung des Leitungswassers... Naja, wer jetzt die Lust hat den Kommentar zu kommentieren und zu interpretieren, ich werde diese nicht lesen !
maxmarius 20.06.2017
4. Eventuell Irrtum?
Zitat von bielefelder73Es ist immer das gleiche bei Bio- oder Ökotrends: Sobald ein Boom einsetzt, werden nur noch die Großkonzerne reich und die kleinen Anbieter bleiben auf der Strecke. Aber Hauptsache die grüne "high Society", oder diejenigen, die sich dafür halten, können sich in ihrem guten Gewissen sonnen, in der irrigen Annahme, etwas für die "kleinen Leute" getan zu haben. Quinoa? - Brauche ich nicht.
Ich glaube nicht, dass dies irgendwas mit Bio oder Öko zu tun hat, sondern nur mit Trend. Der Preis scheint ja erst gesunken zu sein als die großen Handelskonzerne in das eingestiegen sind. Und wer dort kauft wird wohl kaum so dämlich sein zu glauben, er würde irgend etwas für besagte "kleine Leute" tun. Bio (keine Ahnung ob das bei den Ketten überhaupt aus Bioanbau ist) dürfte für diese Leute die geringste Rolle spielen. Es zeigt einfach, dass man hip ist, wenn man beim Quinoasalat den Freunden auf dem neuen eiPhone die Bilder des Dritturlaubs zeigt.
Jöel L. 20.06.2017
5. einfach was tun....
Meine erste Quinoa habe ich auf der Insel Amantani im Lago Titicaca gegessen. Ja ich hatte dort eine gute Zeit und viele interessante Begegnungen. Und ich habe einen Schatz von Erinnerungen mitgenommen. Südamerika hat was gut von mir. Gerne würde ich für Produkte ein wenig mehr bezahlen, wenn es nicht im Zwischenhandel hängen bleibt, sondern im Herkunftsland ankommt. Die Weltläden sind immerhin eine Möglichkeit dazu. Auch wenn ich nicht so der Kuper-Wolle-Bast-Typ bin, kaufe ich wwenn möglich Fair-Trade-Produkte. Dasist ein kleiner Schritt, aber er nützt den Betroffenen mehr als ein kluges Tja oder eine feurige Kapitalismuskritik. Auch in normalen Geschäften finden sich immer mehr Fair Trade Produkte. Viele kleine Beiträge bringen mehr als die beste Analyse.
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