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10. Februar 2013, 15:40 Uhr

Pferdefleisch in Tiefkühlkost

Briten vermuten internationale Lebensmittel-Verschwörung

Tausende Briten haben ohne ihr Wissen Pferdefleisch gegessen. Die Regierung in London vermutet hinter dem Skandal ein internationales Komplott. Kenner der Fleischindustrie halten sogar eine Mafia-Beteiligung für möglich.

London - Der Skandal um Pferdefleisch in Tiefkühlkost könnte größere Ausmaße haben als bislang gedacht. Großbritanniens Umweltminister Owen Paterson sagte, er schließe nicht aus, dass es sich "um einen grenzüberschreitenden kriminellen Komplott in betrügerischer Absicht" handele - und nicht um die Folge grober Fahrlässigkeit.

Noch weiter gehen in der britischen Zeitung "The Observer" namentlich nicht genannte Kenner der Fleischindustrie. Sie äußern den Verdacht, dass polnische und italienische Mafiagruppen in den Skandal verstrickt seien. Es gebe Hinweise, dass Tierärzte, Schlachter und offizielle Stellen eingeschüchtert worden seien. Konkret sind diese Spekulationen allerdings nicht.

Der Skandal hatte am Freitag europaweit für Aufsehen gesorgt. Tausende Menschen haben ohne ihr Wissen Pferdefleisch gegessen. Der britischen Behörde für Lebensmittelsicherheit FSA zufolge wiesen Lasagne-Produkte des Tiefkühlkostkonzerns Findus einen Pferdefleischanteil von bis zu hundert Prozent auf - obwohl auf dem Etikett Rindfleisch angegeben war. Das gleiche galt für zwei von der Aldi-Kette in Großbritannien vertriebene Fertiggerichte.

Die britische Lebensmittelaufsicht ordnete Tests aller Fertigmahlzeiten an, die laut Verpackung Rindfleisch enthalten. Die Abgeordnete Anne McIntosh, Vorsitzende des britischen Parlamentsausschusses für Lebensmittelsicherheit, forderte, den Fleischimport aus der gesamten EU sofort einzustellen, bis der Etikettenschwindel aufgeklärt sei.

Mittlerweile ist bekannt, dass der Konzern auch Deutschland beliefert hat. Ob mit Pferdefleisch verunreinigte Tiefkühlgerichte in den Handel gelangten, ist noch nicht bekannt.

"Wir sind getäuscht worden"

Der Lebensmittelkonzern Findus hat indes eine Betrugsklage gegen Unbekannt angekündigt. Diese werde am Montag eingereicht, sagte der Chef von Findus France, Matthieu Lambeaux. "Wir sind getäuscht worden."

Alle beanstandeten Gerichte waren vom französischen Tiefkühllieferanten Comigel hergestellt worden, der das verwendete Fleisch vom Unternehmen Spanghero mit Sitz in Südwestfrankreich erhielt. Spanghero seinerseits erklärte, das Pferdefleisch sei ihm aus Rumänien untergeschoben worden und kündigte eine Klage gegen den rumänischen Lieferanten an.

"Wir haben Rindfleisch mit der Herkunftsbezeichnung Europa gekauft und wieder verkauft", sagte Spanghero-Chef Barthélémy Aguerre. Frankreichs Verbraucherminister Benoît Hamon erläuterte, das rumänische Fleisch sei über Zwischenhändler in Zypern und den Niederlanden nach Frankreich gelangt.

Rumäniens Landwirtschaftminister Daniel Constantin leitete am Wochenende Vorermittlungen gegen zwei Schlachtbetriebe ein, die von den französischen Behörden benannt worden seien. Sollte sich ein Betrugsverdacht erhärten, würden die Schuldigen bestraft. Derzeit sei aber noch nichts erwiesen, betonte Constantin.

Der Präsident des rumänischen Verbands der Lebensmittelindustrie (FSIA), Dragos Frumosu, äußerte Zweifel an den Beschuldigungen aus Frankreich. Da es sich um eine bedeutende Liefermenge handelte, müsse der französische Importeur "entweder mit dem rumänischen Produzenten unter einer Decke stecken oder er hat das Fleisch selbst umetikettiert".

Unterdessen ermittelt auch die schwedische Lebensmittelaufsicht gegen den Tiefkühlkonzern Findus. Die Behörde teilte am Sonntag mit, man wolle vor weiteren Schritten wie einer möglichen Einschaltung der Polizei den Umfang des Betrugs mit Lebensmitteln klären. Die zuständige Sprecherin Mona-Lisa Dahlbom-Wiedel sagte: "Rindfleisch durch billiges Pferdefleisch zu ersetzen, ist ein Verbrechen."

cte/AFP/dpa

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