Einkommen und Zufriedenheit: Warum Geld nicht immer glücklicher macht

Mit dem Einkommen steigt die Zufriedenheit, das ist wissenschaftlich belegt. Doch Glück lässt sich mit Geld nicht endlos steigern. Der Ökonom Bruno S. Frey erklärt, woran es liegt - und was das Ganze mit Pizza-Essen zu tun hat.

Mann auf einer Millionärsmesse in Moskau: Der Schöne Schein trügt bisweile Zur Großansicht
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Mann auf einer Millionärsmesse in Moskau: Der Schöne Schein trügt bisweile

Alle Menschen wollen glücklich werden. Diese Auffassung wurde schon von Aristoteles vertreten und danach von vielen andern Philosophen und Schriftstellern aufgenommen.

Personen mit höherem Einkommen verfügen über einen größeren Spielraum, sich ihre persönlichen materiellen Wünsche zu erfüllen. Sie können sich mehr Güter und Dienstleistungen leisten. Zusätzlich haben sie einen höheren gesellschaftlichen Status inne. Die Beziehung zwischen Einkommen und Glück - zu einem bestimmten Zeitpunkt und in einem bestimmten Land - war und ist das Thema von umfangreicher empirischer Forschung.

Die Ergebnisse sind eindeutig: Personen mit höherem Einkommen bewerten ihr subjektives Wohlbefinden höher als ärmere Personen. Diese positive Korrelation zwischen Einkommen und Glück ist statistisch gut gesichert.

Der positive Zusammenhang zwischen Einkommen und Lebenszufriedenheit lässt sich anhand der Daten des Deutschen Sozioökonomischen Panels über die Periode 1985 bis 2003 quantitativ ermitteln: Das Haushaltseinkommen korreliert positiv mit der geäußerten Lebenszufriedenheit. Bei einer Verdoppelung des Haushaltseinkommens steigt sie auf einer Zehn-Punkte-Skala um 0,55 Punkte. Wer seine Lebenszufriedenheit zuvor beispielsweise mit 8 angab, gibt nach einer Einkommensverdoppelung etwa 8,5 an, was einen recht deutlichen Anstieg des Glücks darstellt.

Zusätzliches Einkommen und Vermögen erhöht die Lebenszufriedenheit allerdings nicht unbegrenzt. Die Beziehung zwischen Einkommen und Glück ist nicht linear; es besteht vielmehr ein abnehmender Grenznutzen.

Das ökonomische Gesetz des abnehmenden Grenznutzens kennen wir auch aus anderen Bereichen: Das erste Stück Pizza stiftet einen hohen Nutzen, das zweite Stück ist auch noch willkommen, macht aber schon weniger zufrieden. Mit dem fünften Stück ist allerdings im Normalfall der Hunger definitiv gestillt.

Ähnlich verhält es sich mit dem Einkommen: Der gern zitierte amerikanische Tellerwäscher war bestimmt überglücklich, als er die ersten finanziellen Erfolge erzielte. Einmal zum Millionär avanciert, tragen aber weitere 1000 Dollar Einkommen kaum mehr zu einer signifikanten Zunahme seiner Lebenszufriedenheit bei.

Wenn der Lottogewinn zur Last wird

Es gibt sogar Situationen, in denen zusätzliches Einkommen als Last empfunden wird. Betrachten wir einen Lotteriegewinner: Die anfängliche Freude ist hoch, und die Lebenszufriedenheit nimmt sicherlich zu. Vermutlich kündigt der Lotteriegewinner nun seinen alten Job. Dadurch verliert er aber wichtige Beziehungen und Anerkennung. Zudem können Spannungen entstehen, weil von ihm erwartet wird, seine Verwandten und Freunde finanziell zu unterstützen.

Studien zufolge ist die durchschnittliche Lebenszufriedenheit der Lotteriegewinner nach einer Zeit der Anpassung nicht signifikant höher als vor dem Gewinn. Ein hohes Einkommen hat in diesem Fall zwei Gesichter: Zum einen garantiert es anhaltende Behaglichkeit. Zum anderen raubt es die Notwendigkeit, sich etwas erarbeiten zu müssen und daraus Freude zu schöpfen.

In vielen Ländern kann ein überraschendes Phänomen beobachtet werden: Obwohl das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen in den vergangenen Jahrzehnten stark angestiegen ist, blieb das durchschnittliche Glücksniveau konstant oder sank sogar. Die Menschen können sich viel mehr Güter und Dienstleistungen leisten, sind damit jedoch nicht wesentlich glücklicher geworden.

So hat sich zwischen 1970 und 2000 das um Preissteigerungen bereinigte Pro-Kopf-Einkommen in Deutschland beinahe verdoppelt. Diese Steigerung beim materiellen Wohlergehen ging jedoch nicht mit einem Anstieg der durchschnittlichen Lebenszufriedenheit einher.

Die Lebenszufriedenheit hängt somit nicht ausschließlich vom Einkommensniveau ab. Wichtig sind zwei psychologische Prozesse beziehungsweise Mechanismen:

  • Wir vergleichen uns mit anderen Für uns Menschen ist die Position auf der Einkommensleiter maßgebend. Uns interessiert nicht die absolute Höhe unseres Einkommens, sondern vielmehr unsere Position auf der Einkommensleiter im Vergleich zu den Anderen, also das relative Einkommen. Wie viel verdienen wir im Vergleich zu den Anderen? Dabei schauen wir die Leiter aufwärts, nicht abwärts. Wir vergleichen uns also mit Personen, die ein höheres Einkommen haben als wir selbst. Unsere ärmeren Mitmenschen schließen wir hingegen nicht in unsere Betrachtung mit ein. Als Referenzgruppen dienen vor allem die Arbeitskollegen und die Familienangehörigen, aber auch Freunde und Bekannte.
  • Wir gewöhnen uns rasch an ein höheres Einkommen Zusätzliche Güter und Dienstleistungen stiften Zufriedenheit - zumindest vorübergehend. Ein anhaltend, unverändert hohes Konsumniveau oder wiederholter Konsum lassen die Befriedigung allerdings recht schnell verschwinden. Wir gewöhnen uns rasch an ein höheres Einkommen, das uns eine bessere materielle Versorgung mit Gütern erlaubt. Vor noch nicht allzu langer Zeit waren wir glücklich, wenn wir ein oder zwei Fernsehkanäle in Schwarz-Weiß empfangen konnten. Heute erwarten wir, Dutzende von Sendern empfangen zu können, selbstverständlich farbig. Wir haben unsere Erwartungen schnell an den technischen Fortschritt angepasst und uns an die neuen Möglichkeiten gewöhnt.

Das Ausmaß sowie die Art und Weise der Anpassung ist von Mensch zu Mensch und von Situation zu Situation verschieden. Beim Einkommen scheint der Gewöhnungseffekt vollständiger zu sein als in anderen Lebensbereichen, wie beispielsweise Heirat, Freizeit oder Invalidität.

Auch Demokratie macht glücklich

Einkommen produziert also subjektives Wohlbefinden, insbesondere in Ländern unterhalb einer gewissen Wohlstandsschwelle. Zusätzliches Einkommen erhöht das subjektive Wohlbefinden aber nicht endlos. Die materiellen Werte dürfen nicht überinterpretiert werden. Menschen streben auch immaterielle Ziele an. Glück lässt sich nicht einfach mit Geld kaufen.

Auf der anderen Seite ist die zuweilen anzutreffende Verherrlichung des Armseins nur eine romantische Vorstellung. Höheres Einkommen führt gerade auch in armen Ländern zu einer Zunahme der durchschnittlichen Lebenszufriedenheit. Die Effekte sind aber klein und abnehmend.

Andere Faktoren sind wichtiger, wenn es darum geht, Unterschiede in der Lebenszufriedenheit verschiedener Länder zu erklären. Mit zunehmendem Durchschnittseinkommen sind die Demokratien stabiler, die Menschenrechte sicherer, die durchschnittliche Gesundheit höher und die Einkommensverteilung gleichmäßiger. Damit steigt auch die Lebenszufriedenheit.

Die moderne Forschung zeigt somit, dass Glück durch viele verschiedene Faktoren beeinflusst wird. Sicherlich ist der materielle Wohlstand nur einer der wichtigen Faktoren, aber er ist für das Erreichen des Glücks unerlässlich. Sich das Glück mit Hilfe von rein materiellen Gütern erkaufen zu wollen, ist verfehlt. Auch die allgemeinen gesellschaftlichen Bedingungen spielen eine große Rolle, allen voran die Möglichkeit der Menschen, sich politisch zu betätigen. Überdies sind gute soziale Beziehungen, insbesondere Freundschaften, und ein gutes Familienleben von zentraler Bedeutung für das Glück.

Dieser Text ist ein Auszug aus "Glück. Die Sicht der Ökonomie" von Bruno S. Frey und Claudia Frey Marti. Der Beitrag ist erschienen im Sammelband "Wertewandel mitgestalten. Gut handeln in Gesellschaft und Wirtschaft", herausgegeben von Brun-Hagen Hennerkes und George Augustin unter Mitarbeit von Thomas Hund.

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1. Reichtum kann auch belasten
MDen 27.05.2012
Ich könnte mir gut vorstellen, dass es ab einem gewissen Reichtum sogar zusätzliche Probleme gibt, glücklich zu sein. Wenn ich weiß, dass ich weitaus wohlhabender bin als die meisten Menschen, wenn ich mir jeden Wunsch sofort erfüllen kann, müsste ich ja eigentlich auch entsprechend glücklich sein. Aber der Gewöhnungseffekt führt dazu, dass man nicht entsprechend glücklicher ist. Das kann das eigene Glücksgefühl zusätzlich belasten: Ich weiß, dass ich glücklich sein müsste, bin es aber nicht, was mich noch ünglücklicher macht. - Das ist - glaube ich - auch das Problem vieler Stars und Superreicher, dass sie sie merken, dass man Glück im wahrsten Sinne des Wortes am Ende nicht kaufen kann, das Fehlen von Gründen dafür, nicht glücklich zu sein, sie aber zusätzlich belastet. Auch wir spüren ja dieses Phänomen: Uns hier in Deutschland geht es besser als dem größten Teil der Menschheit heute und früher. Trotzdem sind die Menschen nicht entsprechend deutlich glücklicher. und genug von uns kennen den belastenden Effekt von "Frust-Käufen".
2. Dann biete ich jetzt eine neue Dienstleistung an!
spon-facebook-10000015820 27.05.2012
Wenn jemanden sein Geld belastet, kann er es gerne mir zur Verfügung stellen. Ich werde dann, natürlich aus reiner Menschenfreundlichkeit, diese Belastung auf mich nehmen. Bei Bedarf nehme ich auch weitere materielle Belastungen, wie Gold, Schmuck, Edelsteine und Sportwagen auf mich.
3. lieber reich und gesund ...
autocrator 27.05.2012
"lieber reich und gesund als arm und krank". Die glücksforschung kennt zwischen rd. 12 bis 20 einzelfaktoren, die mein homo sapiens "glück" auslösen bzw. ihn glücklich machen bzw. ihn in einem zustand von glücklichkeit versetzen. (Allein diese abgrenzungen zeigen, wie schwierig das ist, mit dem glück, mal ganz abgesehen vom spezialfall des "glück habens", z.b. wenn man knapp einem unfall entgeht.) Leider gibt es recht wenige tiefschürfende untersuchungen bzw. erkenntnisse über die interdependenz dieser faktoren - und was das z.b. in der politischen konsequenz bedeutet. Beispiel: "freiheit" bedarf einer gewissen, auch dauerhaften, materiellen/finanziellen grundausstattung. Nachdem prinzip "was nutzen mich die schönsten freiheiten, wenn ich es mir nicht leisten kann, sie zu nutzen?". Reisen oder ein Umzug kostet geld. Hier diesen beitrag zu schreiben kostet zeit - was, wenn ich die nicht habe, weil ich für mein mickereinkommen, das gerade mal für essen/trinken/wohnen reicht, in 2 oder 3 jobs bis zu 16, 18 stunden pro tag malochen muss? Oder was, wenn ich zwar einen gutbezahlten job habe, genügend freizeit die freiheit der meinungsäußerung auch nutzen zu können - aber einen chef oder mitarbeiter habe, die meine leistungen nicht anerkennen, mich vielleicht mobben, und ichdeswegen depressionen habe und mich infolgedessen gar nicht mehr aufraffen kann (depri bedeutet den verlust der handlungs-fähigkeit), meinen beitrag hier zu schreiben? Und wie muss folglich unser gemeinwesen, die arbeitswelt etc. strukturiert sein (das ist dann eben die aufgabe der politiker, sich darüber gedanken zu machen und entsprechende korrekturen vorzunehmen), damit diese interdependenzen letztendlich zu "glück" führen? Besorgniserregenderweise ist gerade zur zeit zu beobachten, dass auf politischer ebene (auf wirtschaftlicher ebene ja sowieso) auf derlei interdependenzen immer weniger rücksicht genommen wird.
4. Die Schlussfolgerung krankt etwas
Martin Franck 27.05.2012
Klar gibt es einen Gewöhnungeffekt, aber die Erwartungen werden auch höher. Früher hatte nicht jeder ein Telefon, heutzutage wird schon ein Mobiltelefon verlangt. Ebenso ist ein Computer und Internet auch schon häufig notwendig, denn die Ansprüche der Arbeitswelt sind gestiegen. Ebenso sind die Ausgaben für die Krankenversicherung gesteiegen, ohne dass man dadurch mehr Glück erreicht. Wer also nur den inflationsbereingten Anstieg betrachtet, sieht zu wenig. Wer sich nur auf Zahlen und Statistiken verlässt, verpasst etwas. Außerdem gibt es immer wieder die Mär vom Lottogewinner, der den Job schmeißt. Hingegen gibt es jedoch genügend Gewinner, die damit einfach ihr Haus abbezahlen, oder die in Not gegangene Firma retten. Wer kündigt denn heutzutage noch den Job, nur wegen eines Lottogewinns?
5. .
leolinoo 27.05.2012
da muss ich leider widersprechen. geld macht glücklich, das gegenteil wird nur behauptet, um diejenigen ruhig zu halten, die wenig oder gar nichts davon haben. sie ahnen bestimmt, wie klasse es ist, mal eben hierhin und dorthin zu fliegen oder sich einfach mal so ein neues auto/haus/dies und das zu kaufen. geld macht nur nicht mehr im selben maße glücklicher, wenn man viel hat und noch mehr dazu bekommt, als wenn man wenig hat und zu geld kommt, aber glücklicher machts auf jeden fall.
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