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Berufsunfähigkeit: Hier haben Versicherte die besten Chancen auf ihr Geld

Von Michael Fröhlingsdorf, Udo Ludwig und

Wegen der Gesundheit den Job aufgeben zu müssen - vor diesem finanziellen Risiko soll die Berufsunfähigkeitsversicherung schützen. Doch die Zahlungsbereitschaft der einzelnen Versicherer unterscheidet sich dramatisch. Das Ranking.

Hendrik Tenhaven: Ärger mit Rücken und Versicherung Zur Großansicht
Andreas Teichmann/ DER SPIEGEL

Hendrik Tenhaven: Ärger mit Rücken und Versicherung

Buddeln, Pflastern, Bäume fällen: Hendrik Tenhaven, 42, hat lange Zeit kräftig zugepackt. Der Landschaftsgärtner baute sich einen kleinen Gartenbaubetrieb in Essen auf, eine Erfolgsgeschichte. Dann eröffneten ihm Ärzte, er leide an Morbus Bechterew, einer rheumaähnlichen Erkrankung des Rückens, bei der die Wirbelsäule versteift. Mehrere Jahre quälte sich Tenhaven, schluckte Schmerztabletten. Irgendwann musste er sich eingestehen: Es geht so nicht mehr. Schufte er weiter, könne das "zu bleibenden Gesundheitsschädigungen führen", attestiert ihm sein Arzt.

Anfang 2013 beantragte Hendrik Tenhaven eine Berufsunfähigkeitsrente bei seiner Versicherung, der LVM in Münster. Bevor er dort seinen Vertrag abgeschlossen hatte, hörte er von Bekannten, die Versicherung sei seriös, konservativ, eine sichere Sache. Heute sieht sich Tenhaven gezwungen, die LVM zu verklagen. Sie weigert sich, ihm eine Rente in Höhe von 1585 Euro pro Monat auszuzahlen. Nicht weil die Assekuranz seine Krankheit anzweifelt, sondern weil Tenhaven die Möglichkeit habe, seinen Betrieb "so umzustrukturieren, dass die Berufsunfähigkeit vermieden wird". Weniger anstrengende Arbeiten könne er weiter ausüben, schwere delegieren.

Hendrik Tenhaven kann das nicht nachvollziehen. Er könne nicht mehr wie früher auf der Baustelle anpacken, als mitarbeitender Chef - genau für diesen Fall wollte er sich absichern. Weil er selbst immer weniger leisten könne, habe er schon einen zusätzlichen Meister einstellen müssen.

"Lange prüfen, lange prozessieren scheint das Kalkül zu sein"

Tenhavens Anwalt Frank Vormbaum, spezialisiert auf Versicherungsrecht, hat mit vielen ähnlichen Fällen zu tun. Klagen, die sich über drei bis fünf Jahre hinziehen, seien nicht ungewöhnlich. Ein Elektriker, den er bis vor Kurzem vertrat, habe nach acht Jahren sein Geld bekommen. "Lange prüfen, lange prozessieren: Das scheint das Kalkül vieler Versicherungen zu sein", sagt der Rechtsanwalt.

Vor drei Wochen hat der SPIEGEL in einer Titelgeschichte ("Versichert und verraten") aufgezeigt, was Assekuranzen mitunter versuchen, um nichts oder möglichst wenig zahlen zu müssen.

Die Versicherungswirtschaft reagierte empört. Es gebe "keine Indizien für einen systematischen Missstand", sagte der Hauptgeschäftsführer des Branchenverbands GDV, Jörg Freiherr Frank von Fürstenwerth. "Versicherer verzögern nicht und finden auch in strittigen Fällen fast immer Wege, die den Belangen aller Beteiligten gerecht werden."

Unter den SPIEGEL-Lesern überwog ein anderer Eindruck: Mehr als 110 Zuschriften gingen ein. Vereinzelt beschwerten sich zwar Versicherungsmitarbeiter über ein verzerrtes Bild der Wirklichkeit und beteuerten, "anständige Menschen" zu sein. Weitaus größer aber war die Zahl der Zuschriften, in denen Versicherte von schlechten Erfahrungen mit den Assekuranzen berichteten; teils stritten sie sich schon seit Jahren oder gar Jahrzehnten mit den Konzernen. Von einem "vorsätzlichen Zermürben" sprach eine Betroffene.

Auch eine Forsa-Umfrage, an der sich vor einigen Monaten rund 1250 Rechtsanwälte aus dem Deutschen Anwaltverein beteiligten, hatte Bedenkliches ergeben: 70 Prozent beklagten, dass sich die Schadensregulierung der Versicherungen verschlechtert habe. Als Sparte, in der es besonders oft Streit gebe, nannten die Anwälte die Berufsunfähigkeitsversicherung. Kein Wunder - geht es bei ihr doch oft um besonders hohe Summen.

Nach brancheneigenen Angaben leisten die Versicherungen bei rund 30 Prozent der Anträge nichts, etwa weil sie die Bedingungen nicht erfüllt sehen oder ihren Kunden vorwerfen, bei Vertragsabschluss Vorerkrankungen verschwiegen zu haben. Dabei gibt es jedoch große Unterschiede zwischen den Assekuranzen: Nach Informationen der Marktanalysten von Morgen & Morgen zahlen manche in neun von zehn Fällen - andere noch nicht mal in vier von zehn (siehe Tabelle am Ende des Textes).

"Ich habe meine Beiträge immer brav bezahlt"

Im Fall von Hendrik Tenhaven, dem rückenkranken Landschaftsgärtner aus Essen, sah es zwischenzeitlich so aus, als lenke die Versicherung ein. Die LVM lud ihn und seine Frau nach Münster ein, in die Zentrale des Unternehmens, ein eindrucksvoller Glaspalast. In einem Konferenzraum trug Tenhaven seinen Fall vor, dann kritzelte ein Versicherungsmitarbeiter einen Vorschlag auf einen Zettel: 600 Euro monatlich solle Tenhaven bekommen, gerade mal ein gutes Drittel der eigentlichen Berufsunfähigkeitsrente, außerdem würden ihm bis auf Weiteres die Prämien erlassen. Ende 2018 werde sein Fall neu geprüft.


Lesen Sie mehr zum Thema in der SPIEGEL-Titelgeschichte: Versichert und verraten


Das Ehepaar kam sich angesichts des Gefeilsches vor wie beim Gebrauchtwagenhändler - und lehnte das Angebot ab. "Ich habe meine Beiträge immer brav bezahlt", sagt Tenhaven, "und jetzt, wo ich darauf angewiesen bin, lässt mich die Versicherung hängen."

Die LVM sieht das anders. Sie habe "die besonderen Umstände berücksichtigt und dem Versicherten einen Vergleich angeboten - obwohl im Sinne der Versicherungsbedingungen keine Berufsunfähigkeit vorlag", schreibt sie SPIEGEL ONLINE. Tenhavens "Unfähigkeit, im eigenen Landschaftsbaubetrieb körperlich mitzuarbeiten" führe "nicht unweigerlich" zum Versicherungsfall. Der würde vorliegen, wenn Tenhaven "nicht mehr fähig wäre, seinen Betrieb zu führen", argumentiert die Assekuranz, bisher habe er das kleine Unternehmen trotz Krankheit "ohne eine spürbare Gewinneinbuße weitergeführt".

Nun müssen die Gerichte die Angelegenheit klären.

Wer zahlt wie oft? Leistungsquoten von Berufsunfähigkeits-Versicherungen
Anbieter
Leistungsquote in Prozent
Condor 92,3
RheinLand 90,3
HDI 84,6
Allianz 84,2
VGH Versicherungen 83,5
VPV Lebensvers. AG 82,3
Debeka 81,8
SV Leben 80,8
AXA 80,7
Württembergische 80,1
Öfftl. Braunschweig 79,7
Europa 78,3
Arag 78,2
Swiss Life 77,6
Volkswohl Bund 76,8
AachenMünchener 76,0
Deutsche Ärztevers. 75,9
Inter 75,4
R+V 74,9
Bayern Versicherung 74,6
Standard Life 74,4
Münchener Verein 73,8
Alte Leipziger 73,2
Provinzial Rheinland 73,2
Barmenia 72,7
Continentale 72,6
Credit Life 72,2
Generali 72,1
LVM 71,3
Basler 70,1
CosmosDirekt 70,1
DEVK Eisenbahn a.G. 70,0
Gothaer 69,8
Hannoversche Leben 69,7
IDUNA Leben 68,7
HUK-COBURG 68,6
Dialog 66,6
Stuttgarter 66,5
Nürnberger 65,2
Zurich Dt. Herold 65,1
WWK 64,8
LV 1871 61,1
Öfftl. Berlin 60,5
Süddeutsche 58,8
InterRisk 57,9
Concordia Oeco 57,8
die Bayerische 56,6
HanseMerkur 55,1
DEVK-Allgemeine 54,0
myLife 52,7
Nürnberger Beamten 49,1
Familienfürsorge 47,1
Mecklenburgische 39,4
Canada Life 27,7
uniVersa zwischen 50 und 55*
ERGO Leben zwischen 65 und 85*
Helvetia zwischen 65 und 85*
neue leben zwischen 65 und 85*
VLV keine Teilnahme
Community Life keine Daten verfügbar
Itzehoer keine Teilnahme
Provinzial NordWest keine Teilnahme
Saarland keine Teilnahme
TARGO keine Teilnahme
VHV Leben keine Teilnahme
Vorsorge Leben keine Teilnahme
WGV keine Teilnahme
Quelle: MORGEN & MORGEN GmbH, 06/2015
* genaue Werte liegen vor, dürfen aber nicht veröffentlicht werden
Haftpflicht, Rente, Zahnersatz

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insgesamt 100 Beiträge
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1. Sehr schwierig
Leser161 14.08.2015
Den was ist Berufsunfähigkeit? Wenn ich im Rollstuhl säße könnte ich meinen aktuellen Job nicht mehr machen, wohl aber andere. Wenn ich keinen anderen finde - bin ich dann nur unqualifiziert&arbeitslos oder berufsunfähig. Was muss man überhaput haben um voll berufsunfähig zu sein? Wie sehen das richter? Ich sehe das Problem darin, dass heute viele Leut bei denen man Verträge macht gerne sämtliche Streitfälle ausblenden und einem erzählen, dass das schon passt. Was aber nicht ist. Aber gerade bei den extremen Summen um die es manchmal geht, ist Treu und Glauben nicht angebracht. Ich sehe ein Grundproblem. Versicherungen verkaufen gefühlte Sicherheit. Wenn man aber dann doch hinterher prozessieren muss um an sein geld zu kommen ist das ganze nichts wert.
2.
brutus972 14.08.2015
Da ist eigentlich der Gesetzgeber gefordert! Nach 3 Jahren Beitrag dürfte es keine Möglichkeit mehr geben, sich vor der Zahlung zu drücken! Prozesse müssen in 6 Monaten abgeschlossen sein (extra Schiedsgerichte)! Mit Parteispenden und Jobs für Politiker werden Versicherungen schon solche Gesetze verhindern...
3. Undifferenziert
Odinero 14.08.2015
Wieder einmal nehmen die Redakteure die ungeliebte Branche ins Visier und vermitteln den Eindruck, als wenn jeder Versicherte um sein Recht streiten müsste. Die dafür herangezogenen "Belege" sind nicht geeignet ein reales Bild der Regulierungspraxis wider zu spiegeln. Allein die am Ende des Artikels abgebildete Tabelle vermittelt den undifferenzierten Eindruck als handele sich bei einer Regulierungsquote von unter 100 % beim Rest um Streitfälle und soll dem Laien dazu verführen "ich hab´s ja gewusst" zu sagen. Auch der Unterschied der Zuschriften zwischen Versicherungsmitarbeitern und Versicherten zum vorgenannten Artikel kann doch kein Indiz dafür sein wie hoch die Prozeßquote in Wirklichkeit ist (diese finden Sie im Übrigen ganz leicht im Internet, aber das ist ja zuviel Arbeit). Dieser Artikel dient wieder einmal dazu Vorbehalte und Halbwissen zu bedienen und eine ganze Branche zu verunglimpfen. Aber was will man erwarten von Redakteuren, die bloss um ihre Wortquote zu erfüllen wieder mal etwas hinrotzen. "Danke" Spon.
4. Eine Frage der defenition!
kroganer 14.08.2015
Ich habe eine BUV und gehe davon aus das wenn ich meinen erlernten Beruf nicht mehr ausüben kann, diese Versicherung einspringt. Auch wenn ich durch aus noch arbeitsfähig bin. Ich werde ja schließlich bei einer BU Massiv an einkommen einbüßen und das muss ja irgendwie ausgeglichen werden.
5. @Leser161
parudol 14.08.2015
So schwierig ist das nicht. Es steht sogar in den Bedingungen. Wenn man aber einen Uraltvertrag hat mit konkreter Verweisung, dann kann der Maurermeister zwar nicht mehr maurern, sehrwohl aber als Pförtner den Parklplatz bewachen.
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