Private oder gesetzliche Krankenversicherung Wie entscheiden Sie sich richtig?

Bei der Krankenkasse haben Verbraucher die Wahl zwischen privater und gesetzlicher Versicherung. Die Entscheidung sollte reiflich überlegt sein, denn sie ist fast unveränderbar. Gute Gründe gibt es für beide.

Gesundheitskarten
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Eine Kolumne von


Wer eine private Krankenversicherung abschließt, geht wahrhaft einen Bund fürs Leben ein. Der Versicherer zahlt für die Leistungen, die der Kunde vertraglich mit ihm vereinbart hat: Ärzte, Krankenhäuser, Medikamente, Zahnersatz und so weiter. Der Beitrag, den er dafür Monat für Monat berechnet, muss für jeden Kunden auch die tatsächlichen Kosten decken.

Kein Entkommen bei den Leistungen - für den Versicherer. Die sind festgeschrieben. Verträge gelten in Deutschland normalerweise, auch wenn es für den Versicherer teuer wird. Aber auch kein Entkommen für den Kunden bei der Abrechnung. Bis zum 55. Geburtstag kann man sich bei wirtschaftlicher Überforderung mit einigem Geschick noch aus der Privatversicherung zurück in die gesetzliche Krankenkasse flüchten. Doch danach ist der Rückweg weitgehend versperrt.

Deshalb will die Entscheidung für eine private Krankenversicherung auch besonders reiflich überlegt sein. Es ist nicht unbedingt eine im eigentlichen Sinne wirtschaftliche Entscheidung, es gibt langfristig wahrscheinlich preiswertere Lösungen für die Absicherung im Krankheitsfall als die private Krankenversicherung. Und doch ist es natürlich auch eine wirtschaftliche Entscheidung.

Denn wer sich als Kunde für die private Krankenversicherung entscheidet, sollte in den kommenden Jahrzehnten immer das Geld zur Verfügung haben, das er braucht, um diesen Schutz auch bezahlen zu können.

Die besten Aussichten haben Beamte. Sie können über Jahrzehnte zumindest einen Eckpfeiler ihrer finanziellen Situation abschätzen, nämlich das Einkommen und die Pension. Und sie erhalten von ihren Dienstherren (Bund oder Land) eine sogenannte Beihilfe. Bund und Land zahlen einen großen Teil der privaten Rechnungen der Ärzte, nur für einen häufig kleineren Teil muss sich jeder Beamte noch einen Versicherungsschutz verschaffen. Das führt dazu, dass die Beiträge der Staatsdiener in der privaten Krankenversicherung bezahlbar bleiben.

Angestellte und Selbstständige sind im Hinblick auf die Sicherheit ihres Einkommens selten in einer so privilegierten Situation. Sie verfügen zwar öfter mal über deutlich höhere Einkommen, aber die sind bei Weitem nicht immer sicher für die Zukunft. Deshalb sollten sie vor dem Abschluss der privaten Krankenversicherung überlegen, wie sie in den folgenden Jahrzehnten auch regelmäßig steigende Beiträge zur Krankenversicherung bezahlen können. Das gilt insbesondere für den Ruhestand, in dem bei vielen Bürgern das Einkommen deutlich abnimmt, die Kosten für die Krankenversicherung aber durchaus weiter steigen. Ein Vermögen in der Hinterhand beruhigt.

Das wirtschaftliche Risiko der privaten Krankenversicherung hat sich herumgesprochen. In den vergangenen Jahren ist die Zahl der Neuabschlüsse solcher Versicherungen deutlich zurückgegangen, insbesondere unter Angestellten.

Zum Autor
  • Finanztip
    Hermann-Josef Tenhagen (Jahrgang 1963) ist Chefredakteur von "Finanztip". Das Onlineportal ist gemeinnützig. "Finanztip" refinanziert sich über sogenannte Affiliate-Links. Mehr dazu hier.

    Tenhagen hat zuvor als Chefredakteur 15 Jahre lang die Zeitschrift "Finanztest" geführt. Nach seinem Studium der Politik und Volkswirtschaft begann er seine journalistische Karriere bei der "Tageszeitung". Dort ist er heute ehrenamtlicher Aufsichtsrat der Genossenschaft. Bei SPIEGEL ONLINE schreibt Tenhagen wöchentlich über den richtigen Umgang mit dem eigenen Geld.

Natürlich gibt es neben den Beamten trotzdem immer noch zahlreiche gutverdienende Angestellte und Selbstständige, die sich eine private Krankenversicherung leisten könnten. Sind die Interessenten jung und gesund genug, können sie im Prinzip von mehr als 30 Unternehmen ein Angebot für eine private Krankenversicherung bekommen. Gesund ist wichtig, weil alle Versicherer vor dem Vertragsabschluss die Gesundheit des Interessenten prüfen und im Zweifel auch abwinken. Eine Psychotherapie, weil die Freundin gegangen ist, kann für einen Vertrag schon das Aus bedeuten.

Worauf sollten solche Kunden bei der Vertragsauswahl achtgeben?

Natürlich auf die Leistung. Denn dass man in bestimmten Bereichen Leistungen vereinbaren kann, die über die der gesetzlichen Kasse hinausgehen, macht den Reiz der privaten Krankenversicherung aus. In einigen Bereichen wie Psychotherapie, Reha oder Palliativversorgung sind Verträge allerdings oft sogar schlechter als der Leistungskatalog der gesetzlichen Kassen. Der Umfang lässt sich zu Beginn weitgehend individuell vereinbaren - am Ende steht aber immer ein Kompromiss, denn kein Tarif hat alle gewünschten Leistungen.

Ein späteres Nachbessern ist schwierig, im Zweifel werden erneut Gesundheitsprüfungen notwendig. Dabei geht es nicht nur um die Leistungen, die ein junger Mensch außer Acht lässt, weil er sich noch nicht vorstellen kann, was er im Alter mal braucht. Sondern auch um Therapien und Behandlungen, die vielleicht in kommenden Jahrzehnten wichtig werden, von denen wir aber heute nicht die Spur einer Ahnung haben. Wer den falschen Vertrag abschließt, bekommt die Medizin der Zukunft im Zweifel nicht bezahlt. Versicherungen halten sich an die Verträge - das kann in solchen Fällen zum Nachteil des Versicherten ausgehen. Die gesetzlichen Krankenkassen passen dagegen ihren Leistungskatalog laufend an.

Achten sollten Kunden bei der Wahl, soweit dies denn möglich ist, auch auf die Solidität des Vertragspartners Versicherung. Für den Kunden ist das eine Herausforderung:

  • Erstens kann der normale Kunde die wirtschaftliche Situation des Versicherers nicht beurteilen.
  • Zweitens ergibt sich aus wirtschaftlicher Solidität jenseits der Buchstaben des Vertrages nicht notwendig eine solidere Leistung für den Kunden.
  • Und drittens sagt die wirtschaftliche Solidität des Jahres 2017 nicht notwendig etwas über die Gesundheit des Krankenversicherers im Jahr 2057 aus. Wer aber im Alter von 35 einen solchen Vertrag abschließt, muss sich nicht nur für 40 Jahre, sondern eher für 50 bis 60 Jahre dem Krankenversicherungsunternehmen anvertrauen - jedenfalls wenn man von den Lebenserwartungen ausgeht, die Versicherer heute für 35-Jährige annehmen.

Beides, Informationen über die Leistungsstärke und die aktuelle Solidität der Versicherungsunternehmen, sind mit einigem Aufwand verfügbar. Diesen Aufwand sollten Kunden vor einer lebenslangen Bindung unbedingt betreiben. Weiterführende Informationen gibt es natürlich auch bei Tausenden Versicherungsmaklern. Allerdings sollten Kunden wissen, dass das Einkommen der Makler weitgehend davon abhängt, dass man bei ihnen den Vertrag für die Versicherung abschließt. Im Normalfall geht es dabei für die Makler um einige Tausend Euro je Vertragsabschluss.

Steht einmal die Auswahl der Versicherung und des Tarifs, muss der Kunde zuletzt mit ein wenig Optimismus davon ausgehen, dass er sich am Ende richtig entschieden hat. Und mit ein wenig Geld im Kreuz sollte er sich sicher sein, dass eine falsche Entscheidung an dieser Stelle zwar finanziell riskant sein kann - aber dass die eigene finanzielle Ausstattung ein solches Desaster verkraften hilft.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
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Seite 1
wolleb 18.03.2017
1.
Jeder der halbwegs bei Verstand ist, weis auf was er sich einlässt wenn er in die PKV wechselt. Darum sollte eine Rückkehr in die gesetzliche nicht möglich sein. Erst die Rosinen rauspicken, und wenn das Geld nicht mehr reicht wieder der Solidargemeinschaft auf der Pelle liegen. Die private Krankenversicherung in der jetzigen Form gehört abgeschafft.
fawlty 18.03.2017
2. Und die Moral...
... Von der Geschicht: die PKV nimmst besser nicht! Die sollte denn auch abgeschafft bzw. auf Zusatzleistungen zur GKV beschraenkt werden.
marthaimschnee 18.03.2017
3. das läßt sich dann aber sehr einfach zusammenkürzen
die PKV ist demnach nur was für Leute, die finanziell sorgenfrei sind, also die auch die komplette medizinische Behandlung aus eigener Tasche stemmen könnten. Nur für diese Gruppe ist das absolut risikofrei und gemessen an ihren Einkommen in der Regel noch dazu absurd billig, solange sie gesund sind zumindest. Hinzu kommt, daß sich die Frage für die Masse gar nicht stellt, denn die sind Angestellte und benötigen dafür ein Einkommen in Höhe des Durchschnittsverdienstes. Der Durchschnittsverdiener ist unter den Angestellten jedoch bereits ein Besserverdiener und residiert im oberen 7. Dezil, es verdienen demnach etwa 3/4 aller Angestellten schonmal gar nicht genug dafür. Und noch ein Punkt springt böse ins Gesicht: Was ist eigentlich mit der Solidität der Kasse? Wie wird es um diese in 30, 40 oder 50 Jahren bestellt sein, wenn ihr die Kosten aufgrund ausbleibender Neuabschlüsse schon heute über den Kopf wachsen? Was passiert mit dem Versicherten, wenn die pleite geht? Zu welchen Konditionen wird einen eine andere Kasse dann aufnehmen, der es mit hoher Wahrscheinlichkeit auch nicht besser geht? Wir kommen auch da wieder oben an, die PKV lohnt sich vor allem für die, die gar keine Versicherung bräuchten!
Worldwatch 18.03.2017
4. Wahl zwischen privater und gesetzlicher Versicherung
Was, wer diese "Wahl" nicht hat? Insbesondere AN die fuer inlaendische Unternehen im aussereuropaeischen Ausland arbeiten (muessen), und dessen mitreisenden Familienmitglieder, muessen zwangslaeufig eine Privat-KV abschliessen. Kommen diese AN dann eines Tages aus dem EU-Ausland nach Deutschland zurueck, verschliesst sich deren Rueckkehr in die allg. KV-Kassen?
sophica 18.03.2017
5. Richtig ist: Die Verbraucher haben erst ab einer bestimmten Einkommenshöhe die Wahl!
Wenn schon in dem Titel eine Sache falsch dargestellt wird, warum sollte man dann überhaupt noch den Artikel lesen! Arbeitnehmer, deren jährliches Einkommen unter 57.600 Euro brutto liegt (Stand 2017) sind in der gesetzlichen Krankenversicherung pflichtversichert; für Rentner, Empfänger von Arbeitslosengeld unter diesem Einkommen gilt das ebenso. Diese werden in der BRD immer noch die meisten Menschen sein; diese haben also nicht diw Wahl zwischen gesetzlicher und privater Krankenversicherung; sie können allerdings Zusatzversicherungen abschließen.
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