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Comeback der Dorfläden: Provinz probt die Tante-Emma-Revolution

Aus Gülzow berichtet Daniela Schröder

Sie sind klein - aber sie bieten alles, was der Kunde braucht: In immer mehr deutsche Dörfer kehren Tante-Emma-Läden zurück, weil die Bewohner nicht zu den weit entfernten Supermärkten fahren wollen. Die Renaissance der Mini-Händler wird mit Staatsgeldern gestützt.

Dorfladen Gülzow: Tante Emma kehrt zurück Fotos
MLUR

Gülzows Tante Emma heißt Detlev, Detlev Schweim. Er ist der Betreiber eines kleinen Supermarktes in dem kleinen 1300-Einwohner Dorf im Südosten Schleswig-Holsteins. Kurz vor halb sieben schließt er den Laden auf und verkauft seinen ersten Kunden frische Brötchen und Zeitungen. Später bestellt er beim Großhändler neue Ware und packt zwei Geschenkkörbe für einen runden Geburtstag. In der Mittagspause entwirft er Werbezettel mit den Angeboten der kommenden Woche, zwischen halb drei und sechs kümmert er sich um die Kunden, nach Ladenschluss um die Buchhaltung. Ein Job für Allrounder.

"Wir sind froh, dass er hier ist", sagt Vera Poggenhorn - und meint damit Schweim und das Geschäft, das er führt: MarktTreff heißt der kleine Lebensmittelladen an der Hauptstraße. Poggenhorn wiegt Äpfel ab. Milch und Joghurt braucht sie noch, außerdem ein kleines Päckchen Butter und die neuen Illustrierten. "Käse und Wurst hole ich hier auch gern", sagt sie, "das bekommt man schön scheibchenweise, nicht als Familienpack wie im Supermarkt."

20.000 Lebensmittelläden haben dicht gemacht

Gülzows MarktTreff ist der Tante-Emma-Laden des 21. Jahrhunderts. Eigentlich war das alte Kaufmannsmodell für tot erklärt worden: Während die großen Märkte wuchsen, gingen die kleinen Geschäfte pleite, gegen die Schnäppchen der Discounter hatten sie keine Chance. Mehr als 20.000 Lebensmittelläden haben in den vergangenen zehn Jahren in Deutschland deshalb dicht gemacht, aus Orten mit weniger als 5000 Einwohnern haben sich die Handelsketten fast völlig verabschiedet. Denn neue Filialen zu eröffnen, lohnt sich erst ab 8000 potentiellen Kunden im Umkreis, Tendenz weiter steigend.

Zu spüren bekommen es vor allem die Menschen auf dem Land - und das sind immerhin 12,3 Millionen und damit 15 Prozent der Bundesbürger. Auch Gülzow war betroffen. Als der damalige Lebensmittelladen vor elf Jahren dicht machte, waren vor allem die Älteren aufgeschmissen: Die nächsten Discounter und Märkte sind zehn Kilometer entfernt, und der Linienbus richtet sich nach den Schulzeiten. Auch die jungen Leute waren genervt, weil sie nun für Kleinigkeiten zwischendurch oder die Tüte Brötchen am Wochenende ins Auto steigen mussten. Zwar schaffte es der Gemeinderat, einen Bäcker ins Dorf zu holen. Doch der hielt sich nur ein Jahr, da die Menschen zum Einkaufen ohnehin in die nächste Stadt fuhren und von dort auch ihr Brot mitbrachten.

Seit vier Jahren aber bekommen die Gülzower fast alles wieder im Ort. Denn als die Regierung in Kiel ein Programm zur Versorgung auf dem Land startete, griffen sie zu: Rund 800.000 Euro Fördergelder gab es, die Gemeinde investierte eine Million und kaufte für das neue Geschäft ein Gebäude mitten im Ort.

Gülzow liegt im Trend

Doch daraus ist nicht nur ein normaler Laden geworden. Weil die Bürger sich mehr wünschten, haben sich neben Supermarkt und Getränkeshop ein Lieferdienst, ein Party- und Buffetservice, sogar ein Café plus Kaffeegarten mit Frühstück unter der Woche und Brunch auf Bestellung entwickelt. Im Versammlungsraum treffen sich die Vereine, unter dem Dach stellen Künstler aus der Region aus. Man will vor allem Dienstleister für die älteren Bürger sein, daher soll im Obergeschoss bald eine Praxis eröffnen, in der verschiedene Ärzte abwechselnd ihre Sprechstunde abhalten.

Mit seinem Konzept ist Gülzow nicht allein: Mittlerweile haben sich 25 Dörfer in Schleswig-Holstein einen MarktTreff zugelegt, in der Regel zwischen 20 und 500 Quadratmeter groß. Zwar lassen sie sich von einem gemeinsamen Großhändler beliefern, in Sortiment und Konzept jedoch gleicht kein Laden dem anderen, jeder ist ganz auf die Wünsche und Bedürfnisse der Bürger zugeschnitten. Sie profilieren sich mit Aktionen wie einem Mittagstisch für Schüler und Senioren oder Post- und Lottoservice. Entscheidend für den Erfolg sei vor allem das offene Ohr für die Wünsche der Menschen, sagt denn auch Christina Pfeiffer, die das Projekt beim Landwirtschaftsministerium in Kiel koordiniert. "Gerade in wirtschaftlich unsicheren Zeiten läuft ein Dorfladen nur, wenn sich die Bürger mit ihm identifizieren."

Und das heißt in erster Linie, dort auch einzukaufen: In Gülzow schreibt das kleine Geschäft mittlerweile schwarze Zahlen, was vor allem an der Auswahl liegt: Rund 4000 Artikel gibt es auf den 75 Quadratmetern Lädenfläche, neben Lebensmitteln auch Drogerieartikel, Haushalts- und Schreibwaren und einige Bücher. "Die Fahrt in die nächste Stadt darf sich für den Kunden nicht lohnen", sagt Einzelhandelskaufmann Schweim, der für die Stelle in Gülzow seinen Posten in einem großen Lebensmittelmarkt aufgegeben hat.

Auch in anderen Regionen setzen sich die modernen Tante-Emma-Läden immer häufiger durch - oft in Genossenschaftsform. Allein in Bayern und Baden-Württemberg entstanden in den vergangenen Jahren mehr als 200 kleine Geschäfte auf dem Land, überwiegend durch die Initiative der Bürger. So gehören etwa in Geretsried-Gelting bei Bad Tölz 280 Bürger zur Dorfladen-Genossenschaft, Anteilsscheine gab es schon ab 180 Euro.

Ein Vorteil: Es gibt Tratsch und Klatsch

Auf den Sympathiebonus der Bürger können sich die Dorfläden von heute allerdings trotzdem nicht verlassen, warnen Unternehmensberater. Denn die Sozialromantik der ersten Monate sei schnell wieder weg, dann zähle für den Kunden allein die Frage, was er für sein Geld bekommt. Also muss ein Dorfladen wie jeder Supermarkt knallhart rechnen: Er muss Markenprodukte und günstige Eigenmarken seines Lieferanten anbieten, er muss den Kunden zum Griff ins Regal anregen und mit Sonderangeboten locken.

Einen Vorteil aber besitzt die neu erfundene Tante Emma gegenüber den Discountern auf der grünen Wiese: die lokale Eigenmarke mit Kultfaktor. Im bayerischen Gelting ist es ein Brot, das sich die Geschäftsführerin zusammen mit einem Bäcker ausdachte und nun exklusiv im Dorfladen verkauft. Auch in Norddeutschland setzen die neuen Tante-Emma-Läden auf Lebensmittel aus der Region. So bezieht auch der MarktTreff in Gülzow Joghurt, Eier, Honig und Wurst aus der Nachbarschaft, jeden Dienstag steht ein Fischwagen vor dem Geschäft.

Und noch etwas kommt dazu: "Vor allem erfährt man hier zuerst, was so los ist im Dorf", sagt Kundin Vera Poggenhorn. Damit haben die modernen Tante-Emma-Läden die Funktion als Nachrichtenbörse übernommen - und das bieten weder Discounter noch die großen Supermärkte.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 79 Beiträge
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1. .
frubi 03.11.2009
Zitat von sysopSie sind klein - aber sie bieten alles, was der Kunde braucht: In immer mehr deutsche Dörfer kehren Tante-Emma-Läden zurück, weil die Bewohner nicht zu den weit entfernten Supermärkten fahren wollen. Die Renaissance der Mini-Händler wird mit Staatsgeldern gestützt. http://www.spiegel.de/wirtschaft/service/0,1518,657696,00.html
Find ich prima. Aber wieso benötigen diese Läden Staatsgelder? Damit die Preise auf Discounter Niveau bleiben? Das kann auch nicht der Sinn der Sache sein.
2. Missverstaendnis?
sgift 03.11.2009
Zitat von frubiFind ich prima. Aber wieso benötigen diese Läden Staatsgelder? Damit die Preise auf Discounter Niveau bleiben? Das kann auch nicht der Sinn der Sache sein.
So wie ich es verstanden habe hat die Gemeinde damit das Gebaeude gekauft. Kein Einzelhaendler kann es sich leisten erstmal 1.8 Millionen fuer ein Gebaeude zu investieren, von den Schulden wuerde er nie mehr wegkommen. Also muss die Gemeinde vorleisten, wenn sie moechte, dass sich ein Haendler bei ihnen niederlaesst. Mit den Preisen hat das nichts zu tun.
3. hervorragendes Ziel aber Subventionen sind das falsche Mittel
ex_t_kunde 03.11.2009
Da ich in der Regionalplanung tätig bin, beobachte ich die dargestellte Tendenz mit grosser Freude. Leider muss ich auch feststellen, dass Tante-Emma-Läden zur Zeit nicht gegenüber den ganz eng kalkulierenden Discountern konkurrenzfähig sind wenn sie keine staatliche Unterstützung unterhalten. Subventionen sind aber trotzdem der falsche Weg! Durch eine kleine Änderung der Ladenschlusszeiten liessen sich kleine kundennahe Geschäfte sehr viel wirksamer unterstützen als durch Subventionen und unser Nachbar Dänemark hat es vorgemacht: Die komplette Liberalisierung der Ladenschlusszeiten wird langfristig nur den grossen Ketten nutzen. Im Gegenteil dazu hat Dänemark zwar auch die Ladenschlusszeiten aufgehoben - aber nur für Geschäfte bis zu einer bestimmten Grösse (vielleicht 150 m2, die genaue Zahl kann ich jetzt nicht sagen) und ausschliesslich mit Waren des alltäglichen Bedarfs. Die Folge: Ein Boom kleiner Tante-Emma-Läden in den Quartieren und auf dem Dorf, die zudem sehr viel mehr Beschäftigung generiert haben als die durchrationalisierten Discounter. Und das ohne 1 cent Subventionen.
4. Tante Emma kommt wieder, auch in Berlin !
thrasymachnos 03.11.2009
Also ich wohne "mega zentral" in Berlin Schöneberg, nur 5 Minuten vom KaDeWe. Aber wenn ich mal eine bestimmte Schraube oder Lampe (Halogenbirnen!) brauche, muss ich schon ins Auto steigen und in das nächste Bauhaus fahren. Bei Büromaterial(Druckerpatronen!), ist es das Selbe, seit das kleine Hertie Kaufhaus am Ende der Akazienstraße zu ist. Jetzt muss ich mit dem Auto ins Europa Center zu Saturn. Was ich hier in Berlin (!) beobachte ist, dass der kleine Laden (teilweise)wieder zurückkommt. Es giebt hier schon noch einen Lampenladen, im Kopierladen gibt es auch Büromaterial und viele Feinkost Läden leben zwischen Reichelt und Edeka. Der Faktor der Konkurenzfähigkeit, ist : Laufe ich hin oder steige aufs Fahrad - oder muss ich das verdammte Auto wegen irgendeiner Kleinigkeit nehmen ? Und deshalb kommen die kleinen Läden (jedenfalls teilweise) wieder zurück. Und auf dem Land sowieso, weil da die Wege natürlich extrem viel weiter sind, als in der Berliner Innenstadt. Das ist nur eine Frage von Spritkosten, Nerven - also im Stau stehen, Parklatz suchen und bezahlen und genervt wieder zurück fahren. Das ist natürlich nicht mehr der Tante Emma Laden von früher, aber sehr wohl so etwas in der Art. Und das wird sich auch rechnen, weil ein Markt dafür da ist.
5. wunderbar
spiegel-hai 03.11.2009
Zitat von sysopSie sind klein - aber sie bieten alles, was der Kunde braucht: In immer mehr deutsche Dörfer kehren Tante-Emma-Läden zurück, weil die Bewohner nicht zu den weit entfernten Supermärkten fahren wollen. Die Renaissance der Mini-Händler wird mit Staatsgeldern gestützt. http://www.spiegel.de/wirtschaft/service/0,1518,657696,00.html
war allerdings eine Frage der Zeit. Nur müssen diese Läden, um sich auf Dauer zu halten, einen "Mehrwert" bieten, wie Nachbarschaftlichkeit, der es den Leuten wert erscheint, dort eventuell etwas mehr für ihren täglichen Bedarf auszugeben.
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