Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Datenskandal: Firma versteigert Hunderte Bewerbungsunterlagen im Internet

Er wollte bei Ebay leere Bewerbungsmappen ersteigern, doch dann bekam ein Schreibwarenhändler für zehn Euro eine Kiste mit den persönlichen Daten, Lebensläufen und Zeugnissen von Hunderten Jobsuchenden. Datenschutzexperten sind empört - aber nicht überrascht.

Zeugnis: Bei einigen Firmen fühlt sich niemand für die Datensicherheit verantwortlich Zur Großansicht
dpa

Zeugnis: Bei einigen Firmen fühlt sich niemand für die Datensicherheit verantwortlich

Frankfurt am Main - Schon wieder ein neuer Skandal, der die Frage aufwirft, wie sicher persönliche Daten wirklich sind: Hunderte Bewerbungsunterlagen, die Jobsucher an eine mittlerweile aufgelöste Firma in Frankfurt am Main geschickt hatten, wurden im Internet gehandelt. Die Kiste voller persönlicher Daten, Bewerbungsfotos, Lebensläufe und Zeugnisse von Hunderten Menschen aus dem Rhein-Main-Gebiet sei am 16. Juli 2009 beim Internetauktionshaus Ebay versteigert worden, berichtet die "Frankfurter Rundschau" ("FR"). Selbst Gesundheitszeugnisse hätten sich unter den Unterlagen befunden.

Angeblich standen bei Ebay 500 leere gebrauchte Bewerbungsmappen zum Verkauf. Für zehn Euro habe ein Schreibwarenhändler die Ware ersteigert, sich aber über den Inhalt gewundert ("Es war in fast jeder Mappe noch die komplette Bewerbung drin!") und ihn der Zeitung übergeben. Nach Informationen der "FR" handelt es sich um Bewerbungen an die Firma CSS-Marketing GmbH aus Frankfurt.

Deren ehemaliger Geschäftsführer ist nach "FR"-Angaben - genau wie seine Firma - abgetaucht und war zunächst auch für SPIEGEL ONLINE nicht erreichbar. Er hatte via Internet und Zeitung 46 Vollzeit-Stellen in Festanstellung und mit gutem Verdienst "für unsere Telekommunikationsabteilung" ausgeschrieben und CSS-Marketing dabei als Vertriebspartner der Telekom dargestellt. Die Telekom bestreitet das: "Die CSS-Marketing ist bei uns nicht als Vertriebspartner geführt", stellte ein Sprecher gegenüber der Zeitung klar.

Experten sollen Unterlagen prüfen

Gegenüber der "FR" nannten Bewerber die Tatsache, dass ihre Daten im Internet gehandelt wurden", eine "Riesensauerei". Ein Stelleininteressent wollte sogar in den Büroräumen der Firma seine Unterlagen zurückfordern - doch da existierte das Unternehmen bereits nicht mehr.

"Was hier passiert ist, ist definitiv illegal", sagte Thilo Weichert, Datenschutzbeauftragter von Schleswig-Holstein, zur "FR". Bewerbungsschreiben seien hochsensible Unterlagen, die nicht an Dritte weitergegeben werden dürften. Die Unterschriften, Fotos und Adressen könnten für illegale Geschäfte genutzt werden. Bewerbungsunterlagen müssten immer entweder zurückgeschickt oder vernichtet werden, sagte Weichert. Die Verantwortung für die Datensicherheit trage der Geschäftsführer. Doch "wir erleben sehr oft, dass sich bei Firmenauflösungen niemand um die Mitarbeiterdaten kümmert".

Die Piratenpartei, die sich für einen besseren Datenschutz insbesondere im Internet einsetzt, erklärte, der Fall zeige, "wie wichtig es ist, das Bewusstsein im Bereich Datenschutz zu schärfen, damit jeder Bürger und jedes Unternehmen verantwortungsvoll mit persönlichen Daten umgehen."

Die "FR" wird dem Bericht zufolge die Kiste mit den Unterlagen der Datenschutzabteilung des Regierungspräsidiums Darmstadt übergeben. Bis Freitagvormittag war sie dort allerdings noch nicht eingetroffen.

böl/ddp/AP

Diesen Artikel...
Forum - Datenschutz ausreichend?
insgesamt 165 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Nein...
Sgt_Pepper, 21.04.2009
Zitat von sysopLidl, Bahn und Telekom: Ein Datenskandal jagt den nächsten - und niemand fühlt sich verantwortlich? Der oberste Datenschützer Schaar hat der Politik Zögerlichkeit im Kampf gegen Datenmissbrauch vorgeworfen. Sind unsere Daten ausreichend geschützt?
...ich glaube nicht. Das Ganze ist eine zweischneidige Sache: Zum einen gehen wir teilweise selbst sehr fahrlässig mit unseren Daten um, in dem wir im Internet freiwillig Daten hinterlassen (Adressen, Alter, etc.) zum anderen ist der Staat seit einigen Jahren sehr erpicht darauf, alles mögliche über uns zu sammeln. Um es mal böse zu formulieren: Wir alle stehen unter Generalverdacht und die Regierungen träumen davon, über Datenbanken Ihre Bürger zu begreifen bzw. zu kontrollieren. Das hat schon orwell'sche Ausmaße und pathologische Züge. Nur was soll das bringen? Eine Straftat verhindert man so nicht. Aber wahrscheinlich soll schon das Potenzial erkennbar sein - ich warte nur noch auf die unfehlbare Software, die in einer Art Rasterfahndung Leute zur weiteren Befragung selektiert. Der letzte Schritt wäre dann die präventive Bestrafung, weil man ja zu xx% ein Straftäter sein könnte....
2.
Mulharste, 21.04.2009
Zitat von sysopLidl, Bahn und Telekom: Ein Datenskandal jagt den nächsten - und niemand fühlt sich verantwortlich? Der oberste Datenschützer Schaar hat der Politik Zögerlichkeit im Kampf gegen Datenmissbrauch vorgeworfen. Sind unsere Daten ausreichend geschützt?
Sind sie nicht - und wieso ist der Staat vor der Lobby eingeknickt? Der größte Schnüffler,Datensammler und Missbraucher sitz an der Regierungsbank. Das ist der eigentliche Skandal. Wenigstens die Gendaten bleiben gesperrt.
3. ein wenig OT
mc.bench, 21.04.2009
Zitat von MulharsteSind sie nicht - und wieso ist der Staat vor der Lobby eingeknickt? Der größte Schnüffler,Datensammler und Missbraucher sitz an der Regierungsbank. Das ist der eigentliche Skandal. Wenigstens die Gendaten bleiben gesperrt.
[QUOTE=Mulharste;3644044]Der größte Schnüffler,Datensammler und Missbraucher sitz an der Regierungsbank. QUOTE] Moin, in Bezug auf oben genanntes ein kleiner Hinweis zu weiteren Einschränkungen: http://www.heise.de/newsticker/Kinderporno-Sperren-Frontalangriff-auf-die-freie-Kommunikation-befuerchtet--/meldung/136485
4. Lobby und Staat
clauswclausen 21.04.2009
Zitat von MulharsteSind sie nicht - und wieso ist der Staat vor der Lobby eingeknickt? Der größte Schnüffler,Datensammler und Missbraucher sitz an der Regierungsbank. Das ist der eigentliche Skandal. Wenigstens die Gendaten bleiben gesperrt.
In jedem neuen Datenschutzbericht wird festgestellt, dass schärfere Datenschutz-Gesetze nötig seien. Und der Bürger wird trotzdem immer gläserner. Die Antwort auf die in Ihrem Beitrag gestellte Frage würde ich mit grossem Interesse hören wollen. Und im übrigen teile ich Ihre Meinung dazu, wo der grösste Schnüffler,...
5. ... pauschale Frage
huggi, 21.04.2009
Zitat von sysopLidl, Bahn und Telekom: Ein Datenskandal jagt den nächsten - und niemand fühlt sich verantwortlich? Der oberste Datenschützer Schaar hat der Politik Zögerlichkeit im Kampf gegen Datenmissbrauch vorgeworfen. Sind unsere Daten ausreichend geschützt?
... die so garnicht zu beantworten ist. Wenn Unternehmen Daten erheben und in unzulässiger Weise nutzen muss man diesen Fällen nachgehen und sie abstellen. Das grössere Problem sehe ich aber in der Form wie der Staat in die informelle Selbstbestimmung eingreift und Daten aus unterschiedlichsten Quellen nutzt. Diejenigen Politiker welche sich hier über Verstösse bei Unternehmen mockieren sollten sich besser einmal die eigene Datensammelwut anschauen. Ohne dass es der einzelne Bürger merkt, können interessierte Stellen (Verfassungsschutz, MAD und Finanzbehörden) heute schon genaue Bewegungs-, Kommunikations-, und Finanzprofile einzelner Bürger erstellen und auswerten. Und hierbei geht es durchaus nicht nur um vergleichsweise harmlose Basisdaten!
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: