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Mängel in deutschen Zügen: Der tägliche Bahnsinn

Von (Text) und Michael Niestedt (Karikaturen)

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Klo kaputt, Bordbistro fehlt, Reservierung ausgefallen: Jeder zehnte Zug der Deutschen Bahn startet schon morgens mit Mängeln. Das geht aus internen Konzernunterlagen hervor, die SPIEGEL ONLINE vorliegen.

Vielleicht kennen Sie das: Sie steigen erschöpft in den ICE, möchten einfach schlafen. Doch der Wagen, in dem Sie einen Sitzplatz reserviert haben, existiert nicht. Vor Ihrem geistigen Auge sehen Sie, wie ein sadistischer Bahn-Mann ihn irgendwo in der Holsteinischen Schweiz abkoppelt.

Sie durchqueren menschenverstopfte Abteile, in denen kollektives Reise-nach-Jerusalem-Feeling herrscht: Jeder versucht, sich einen der wenigen Plätze zu sichern. Schräg hinter der Reisegruppe mit den Prosecco-Fläschchen ist noch einer frei.

Sie setzen sich. Ihr Magen knurrt. Doch das Bordbistro ist mal wieder geschlossen. Noch fünfeinhalb Stunden bis zu Hause. Ach nein, jetzt schon fünfdreiviertel.

Unannehmlichkeiten dieser Art kennt wohl jeder, der öfter mit der Deutschen Bahn reist. Gefühlt treten solche Mängel ziemlich oft auf. Eine Kollegin sagte einmal, sie könne ein halbes Abendessen lang mit ihrem Partner darüber sprechen, wenn auf einer Bahn-Reise ausnahmsweise mal nichts nicht geklappt habe.

Fragt sich, was an diesem Gefühl, das so viele von uns haben, wirklich dran ist. Ist die Flotte der Deutschen Bahn tatsächlich so mangelhaft? Oder haben wir nur eine selektive, negativ gefärbte Wahrnehmung?

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Eine Auswertung interner Konzerndaten gibt nun zumindest einen kleinen Einblick: Ihr zufolge ist schon früh morgens jeder zehnte Zug - noch bevor er überhaupt aufs Gleis gesetzt wird - alles andere als im Top-Zustand. Bei den ICE haben sogar bis zu 15 Prozent der Züge vor der Abfahrt Probleme.

Bei den Daten, die SPIEGEL ONLINE vorliegen, handelt es sich um Auszüge aus dem sogenannten "Betriebsanlauf Fernverkehr", den die Konzernzentrale jeden Morgen an alle regionalen Verkehrsleitungen verschickt. Im Betriebsanlauf sind alle bis fünf Uhr morgens gemeldeten Mängel aufgelistet. Aus den Daten ergibt sich unter anderem Folgendes:

  • Am 8. Januar wurden 77 Züge mit Mängeln aufs Gleis gesetzt. An einem Standardtag sind rund 740 Fernverkehrszüge der Deutschen Bahn unterwegs.
  • Jeden Tag fahren Dutzende Züge mit weit weniger Waggons als vorgesehen an ihrem Startbahnhof ab. Am 25. Januar waren es zum Beispiel 54 Züge - das entspricht gut 7,3 Prozent aller Deutsche-Bahn-Züge an einem Durchschnittstag.
  • Aufgrund fehlender Waggons sind täglich, schon bevor der Zug losfährt, mehrere Hundert Sitzplatzreservierungen geplatzt. Am 25. Januar hatten ganze 614 Gäste die Reservierungsgebühr von 4,50 Euro berappt, ohne etwas dafür zu bekommen.
  • Auch das Bordbistro ist schon vor Abfahrt in zahlreichen Zügen defekt, oder es fehlt ganz: Am 8. Januar starteten beispielsweise 19 Bahnen ohne gastronomischen Service in den Tag.
  • Dasselbe gilt für sanitäre Einrichtungen. Am 25. Januar rollten 18 Züge mit defekten Rollstuhlfahrer-WCs los, in vier Zügen waren erst gar keine behindertengerechten Toiletten an Bord.
  • Defekte oder fehlende Waggons werden oft tagelang nicht ersetzt. Die Bordküche im InterCity 2073 von Sylt nach Dresden fehlte bereits am 8. Januar, eine Woche später, am 16. Januar, war sie noch immer nicht wieder angedockt. Das Behinderten-WC in Wagen 11 des IC 2082 war am 16. Januar defekt und am 18. Januar immer noch nicht repariert.

"Die internen Mängellisten der Deutschen Bahn sprechen für sich", sagt Matthias Gastel, der bahnpolitische Sprecher der Grünen. Es sei problematisch, "so viele Züge mit Mängeln aufs Gleis zu setzen".

Doch das ist leichter gesagt als getan. Nach Angaben von Insidern ist die Flotte des Konzerns hoffnungslos veraltet. Die Bahn sei mit ihren Reparaturkapazitäten regelmäßig am Anschlag, sagen sie. Das Unternehmen komme gar nicht darum herum, schon morgens reihenweise Problemzüge aus dem Depot rollen zu lassen.

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Die Bahn selbst sagt, man müsse die Zahlen ins Verhältnis setzen. Einem Sprecher zufolge gibt es im Schnitt 145.000 Reservierungen am Tag. Die Ausfälle am Morgen seien demnach vergleichsweise gering.

Was der Sprecher nicht sagt: Im Laufe des Tages gehen in den Zügen noch deutlich mehr Bordrestaurants und WCs kaputt. Hinzu kommen Weichenstörungen und Signalstörungen. Andere Züge fallen wegen Schlechtwetterlagen komplett aus. Es kommt zu Verspätungen, Anschlusszüge werden nicht erreicht - wodurch viele weitere Reservierungen platzen.

"Deutliche Defizite in der Pünktlichkeit und in der Erbringung von Basisleistungen wie Funktionsfähigkeit von Toiletten, Bordrestaurants und Klimaanlagen belasten das Image der Bahn als zuverlässiges Verkehrsmittel", heißt es selbstkritisch in einer Broschüre der Deutschen Bahn vom Dezember. "2014 fanden nur 70 Prozent aller Zugfahrten unter voller Verfügbarkeit aller Netz- und Fahrzeugkomponenten statt."

All die Züge, die schon morgens mit Mängeln in den Tag starten, erklären demnach auch, warum Gäste so oft warten müssen. Wären Züge und Schienennetz ohne Mängel, "könnte die Pünktlichkeit der Fahrten um ganze fünf Prozent erhöht werden", heißt es in der Broschüre der Bahn.

Die Bahn hatte im Dezember einen umfangreichen Maßnahmenkatalog zur Qualitätssteigerung vorgestellt. Nun sollen den Worten offenbar bald Taten folgen. Laut "Handelsblatt" sollen alle 253 ICE-Züge bis Ende Mai generalüberholt werden. Vielleicht ändert sich dann doch etwas an unserem unguten Gefühl im Bezug auf die Bahn.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 247 Beiträge
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1. Es schlimmer
rdzens 29.01.2016
Die Wirklichkeit in den Zügen und beim gesamten Service der Bahn ist eine Zumutung. Wer sich gegen die Bahn und ihre Abzocke, die durch Nicht- oder Fehlleistung ensteht, wehrt, wird belogen, dass sich Schienen verbiegen. Kundendialog nennt sich diese Spezialabteilung.
2. Hmm
Wohngebietsuwe 29.01.2016
Also ich bin nun auch eher Auto-Fan, aber auf der Bahn rumzuprügeln, weil ein Bord-Bistro fehlt (Essen kann man sich doch nun wirklich VORHER irgendwie anders organisieren, man weiß doch, wie lange man unterwegs ist), finde ich gelinde gesagt albern. Und 77 von 740 sind mit Mängeln losgefahren...uuh. Das sind knappe 10%. Finde ich jetzt auch nicht übermäßig fatal. Dass die Bahn selbst erkannt hat, dass es Nachholbedarf gibt (und man sich u.a. aufgrund von Managementversäumnissen á la Mehdorn nicht mal eben junges Fachpersonal nachbacken kann), ist doch schon mal gar nicht so übel. Das fehlt anderen Firmen ganz. Fehlende Waggons sind allerdings nervig, ja. Auf 5 Stunden Stehen hätte ich auch keinen Bock. Aber deswegen fahre ich ja Auto ^^
3. Unglaublich
Shelumia 29.01.2016
Diese Wut auf die Bahn resultiert, wie so oft aus der Kleingeistigkeit der Menschen, verglichen mit Bahnen aus dem Ausland ist die Deutsche Bahn eine der besten die es gibt. Die Leute schreien wenn die Preise für die Fahrkarten so hoch sind sie schreien aber auch wenn die Fahrpreise niedriger sind und deshalb Mängel auftreten.
4. Was erlaube Bahn?
Leser161 29.01.2016
"Die Bahn selbst sagt, man müsse die Zahlen ins Verhältnis setzen. Einem Sprecher zufolge gibt es im Schnitt 145.000 Reservierungen am Tag. Die Ausfälle am Morgen seien demnach vergleichsweise gering. Was der Sprecher nicht sagt: Im Laufe des Tages gehen in den Zügen noch deutlich mehr Bordrestaurants und WCs kaputt. Hinzu kommen Weichenstörungen und Signalstörungen." Was haben die geplatzen Reservierungen mit ausfallenden WCs zu tun? Ich bin kein Bahnfreund. Aber wenn man die Bahn kritisieren will muss man die Probleme tatsächlich ins Verhältnis setzen. Und 614 geplatzte Reservierungen auf 145.000 finde ich eigentlich eine gute Quote. Gibt es auch Verhältnisse zu den anderen Problemen?
5. Goldgrube Reservierungsgebühr
spon-facebook-1157101943 29.01.2016
Der Bericht wundert mich nicht. Aber die größte Unverschämtheit ist das Verfahren mit den Reservierungen. Wie oft können Reservierungen nicht eingehalten werden (weil Anzeige kaputt, System spinnt, anderer Zug als geplant eingesetzt, Zug fällt aus etc.) und wie oft wird die Gebühr erstattet? Der Großteil an Reservierungen an Werktagen fällt sicher auf Geschäftsreisende, die, weil es eh die Firma zahlt, kein Interesse daran haben, sich die Gebühr erstatten zu lassen. Ich habe das ein Mal gemacht, aus Prinzip und weil ich wissen wollte, wie es von statten geht. Da kriegt man nach viel Nachfragen (Schaffner, Servicepoint, Reisezentrum) und einem augefüllten Formular am Bahnhof 4,50 Euro bar ausgezahlt. Warum kann die Bahn nicht einfach das Geld zurücküberweisen? Warum tut sie das in offensichtlichen Fällen (Zugausfall, Defekt am Reservierungssystem, ..) nicht von sich aus? Hier werden die zahlenden Unternehmen um sehr viel Geld gebracht!
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