Familienfeindlichkeit bei der Bahn Kinder, Kinder!

Die Deutsche Bahn bietet in den ICEs demnächst neue Familienbereiche an. Um herauszufinden, was Kunden dort vorzufinden wünschen, hat das Unternehmen mächtig Marktforschung betrieben - nur leider nicht bei den Kindern.

Reisen im ICE: Kinder träumen von Spielmöglichkeiten
Deutsche Bahn

Reisen im ICE: Kinder träumen von Spielmöglichkeiten

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Meinem Sohn Toni ist langweilig. Stinklangweilig. Wir fahren im ICE von Hamburg nach München, und so langsam ist die gute Laune perdu. Wir haben bereits fünfmal Uno gespielt. Toni das Bahnmagazin "Leselok" durchgearbeitet und sein einstündiges iPad-Kontingent aufgebraucht. Trotzdem ist erst die Hälfte der Fahrzeit um.

"Warum", fragt Toni, "gibt es hier keinen Spielplatz?"

"Im Zug?"

"Ja. So wie in der Schwitz."

"In der Schweiz meinst Du?", erwidere ich.

Er nickt eifrig. "Ja, das war toll."

Stimmt, das war es. Wir fuhren mit einem Intercity-Doppeldeckerwagen der SBB. Hinten gab es den sogenannten Tickipark, einen Spielplatz im Zug, mit Raum zum Toben, einer Rutsche, Puzzles. In die Tische waren Brettspiele eingelassen.

Aber wir sind nicht in der Schweiz, sondern irgendwo hinter Kassel.

Als wir in München ankommen, hängen meine Nerven in Fetzen. Mir graut bereits vor der nächsten langen Bahnfahrt, und die steht schon zu Weihnachten an. Folglich mache ich einen kleinen Freudenhüpfer, als ich einige Tage später lese, dass es ab Dezember 2015 in den ICEs der Deutschen Bahn neue Familienbereiche gibt. Bisher existieren nur Kleinkinderabteile, und die nutzen zumindest mir nichts mehr.

Ist das ein Witz?

Ich klicke mich durch die Details. Danach ist meine Euphorie verflogen. Denn während die SBB Autos, Raketen und eine bunte Dschungellandschaft bietet, offeriert die Deutsche Bahn Kindern demnächst: Aufkleber.

Ja, Aufkleber. Und ich meine jetzt keine lustigen bunten, die die Kinder in irgendein Album kleben können. Bei den Aufklebern handelt es sich um bläuliche Banderolen, die in einigen Großraumabteilen oberhalb der Sitzplätze angebracht werden. Sie markieren die neuen Familienbereiche. Man kann dort reservieren.

Fragt sich nur, wozu.

Die Bahn sagt, sie habe mächtig Marktforschung betrieben, um herauszufinden, was Familien wollen. Ein Ergebnis sei, dass Familien lieber in der Nähe anderer Familien säßen. Wichtig sei den Befragten zudem gewesen "dass sich die Sitzbereiche in der Nähe eines Eingangs und einer Gepäckstellfläche befinden. Und bis zur Toilette sollte es auch nicht weit sein!"

Ganz offensichtlich waren diese Marktforschungsteilnehmer keine Kinder. Denn Kinder träumen nicht von Gepäckstellflächen, sondern von Spielmöglichkeiten.

Sie kriegen aber nur die bläuliche Banderole.

Ich habe den PR-Infotext zu den Familienbereichen mehrmals gelesen, weil ich mir sicher war, irgendetwas übersehen zu haben. Vielleicht liegen Brettspiele aus? Oder es werden Trickfilme gezeigt?

Nein. Es gibt nur die bläuliche Banderole.

Es wäre so einfach

Nun ist die Bahn ein Unternehmen, dem ich mich aus Gründen des Selbstschutzes seit Jahren mit einer sehr niedrigen Erwartungshaltung nähere. Aber diese absolute Nullnummer fand ich dann doch niederschmetternd.

Mensch, Bahn! Dir muss man echt die allereinfachsten Dinge erklären. Also gut, meinetwegen - hier sind einige der Sachen, die man in einen Familienbereich erwarten würde:

  • Spiel- oder Maltische
  • Puzzle, Memory oder Touchscreens an den Wänden
  • Kinderkino
  • Spielsets (siehe Lufthansa)
  • Spannende Hörspiele übers Bordradio
  • Farbenfrohes Ambiente (nein, die Banderole zählt nicht)

So Bahn, das wären jetzt mal die Basics. Mit ein wenig Fantasie ginge noch viel mehr. Wie wäre es zum Beispiel mit Infotafeln in jedem Waggon, die Teil eines "So funktioniert ein ICE"-Lehrpfades sind, den Kinder ablaufen können? Wenn Du mutig wärst, könntest Du sogar die SBB toppen und einen ganzen Kinderwaggon anhängen, ein rollendes Småland. Wetten, dass Hasbro, Lego oder Playmobil sich gegenseitig überbieten, um den betreiben zu dürfen?

Und bevor Du jetzt Dein Totschlagargument "zu teuer", rausholst: Diese Dinge wären natürlich auch Marketing und würden Dich als familien- und kinderfreundlichsten Anbieter der Transportbranche positionieren. Sie würden einer ganzen Generation von kleinauf beibringen, dass Bahnfahren die tollste Sache der Welt ist.

Also, liebe Bahn, kratz jetzt bitte diese albernen Familienbanderolen ab und geh nochmal in Dich. Das kannst Du doch besser, oder?

Hatten auch Sie ein besonderes Serviceerlebnis? Dann schreiben Sie an warteschleife@spiegel.de.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 145 Beiträge
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Seite 1
kuchengespenst 04.12.2015
1. Kinderabteile
Die kann man reservieren, nur leider sind die viel zu klein und da praktisch alle Kinder aus dem gesamten Zug dort spielen wollen, fühlt man sich bald wie im IKEA-Restaurant am Samstag. Die Bahn hat in jedem Falle noch sehr großen Nachholbedarf in Sachen Kinder und Service. Aber, hey, da zeigen wir doch lieber einen ICE 4!
vogtnuernberg 04.12.2015
2. Ich hatte als Kind nie Probleme mit der Langeweile in der Bahn....
Ich hatte als Kind nie Probleme mit der Langeweile in der Bahn.... Einmal durch den ganzen Zug laufen, hin und wieder zurück dauerte schon eine halbe Stunde. Dann noch ins Bahnrestaurant mit den Eltern - dauert ca. 1h mit einem richtigen Essen. Anschliessend zurück in die 1. Klasse, das spannende "Mark Brandis" Buch herausgeholt und ca. 3h gelesen. Zwischendurch noch aus dem Fenster geschaut, wenn der Zug in Bahnhöfen hielt. Schon waren um die 5 bis 6h und meist war die Bahnfahrt dann ohnehin beendet. Ach ja: Die Hörspiele hatten wir auf Kassette und Sony-Walkman mit dabei - aber ich weiß, das von Eltern heute zu verlangen wäre zuviel verlangt. Da müsste man ja rechtzeitig vorher Hörspiele auf das eigene Smartphone laden... Genau das machen wir heute bei unseren Kindern auf längeren Autofahrten. :P
forist0815 04.12.2015
3. Finnische Bahn
Die Bahn in Finnland hat ebenfalls separate Kinderabteile mit Rutschen, Spielsachen und allem drum und dran. Die Kinder sind glücklich, die Eltern sind glücklich und die Mitreisenden, die im normalen Abteil sitzen, sowieso. Es ist mir unverständlich, daß die Deutsche Bahn so etwas bislang nicht ebenfalls anbietet.
cherrypicker 04.12.2015
4. Selten phantasieloser Laden
Die Bahn ist einfach ein Laden von Schnarchnasen. Ein eigenes Kinderabteil/waggon mit Spielmöglichkeiten schlägt in der Tat zwei Fliegen mit einer Klappe: Die Kinder können sich beschäftigen, haben mordsmäßigen Spaß und ältere Herrschaften oder gestresste Geschäftsreisende fühlen sich nicht durch quengelnde Kinder gestört. Vom Marketing-Effekt ganz zu schweigen. Wäre sozusagen eine Win-win-Situation. Aber die Bahn weiß wahrscheinlich gar nicht, was das sein soll.
andreasclevert 04.12.2015
5. Chappeau...
.... ich nehme mal an, dass Sie mit Ihren Ideen gleich vom Fleck weg von der Bahn einen Vorstandspiszen erhalten. Meine ich ganz ernst. Ich glaube, die großen Spielzeuganbieter würden sich darum reißen, auf den wichtigen Strecken einen solchen Waggen zu betreiben. Und seien wir ehrlich, wir Eltern würden sogar ein erhöhtes Reservierungsgeld bezahlen...
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