Dumme Sprüche der Bahn Nicht komisch, Max Maulwurf

Mit der Zeichenfigur Max Maulwurf wirbt die Bahn seit mehr als 20 Jahren für Verständnis, wenn Baustellen den Fahrplan durcheinanderbringen. Höchste Zeit, dass sie ihre dummen Sprüche für sich behält.

Hinweisschild der Bahn (in Stuttgart): Passt der alte Max noch zur Bahn?
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Hinweisschild der Bahn (in Stuttgart): Passt der alte Max noch zur Bahn?

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Irgendwo vor Solingen blieb mein Zug auf freier Strecke stehen. Wir hatten ohnehin schon Verspätung, weswegen sich meine Laune augenblicklich verschlechterte.

"Mann, was ist denn hier wieder los?", maulte ich.

"Ich glaube", sagte der Passagier neben mir, "es liegt an der Müngstener Brücke." Diese führe über die Wupper und werde gerade renoviert, weswegen es zu Verspätungen komme. Als ich später in Solingen ausstieg, fiel mir eine Hinweistafel der Deutschen Bahn auf. Auf ihr war ein Maulwurf in Bauarbeiterklamotten zu sehen, der an einer Stahlbrücke herumwerkelte. Darunter stand: "Wir tun alles, damit uns die Müngstener Brücke nicht über die Wupper geht."

Trotz meiner schlechten Laune musste ich grinsen - gegen derlei charmante Dreistigkeit ist man dann doch machtlos. Die Masche ist natürlich nicht ganz neu: Seit 1993 setzt die Bahn Max Maulwurf ein. Er ist eine Kommunikationsfigur, wie das im PR-Sprech heißt, und soll dafür sorgen, dass die Fahrgäste angesichts der vielen Baustellen nicht den Humor verlieren. Millionenfach grinst der kleine Maulwurf uns entgegen, von Plakaten oder Handzetteln. Er besitzt sogar eine eigene Facebook-Seite, und es gibt ihn als Plüschfigur.

Gute Verkaufe für schlechte Nachrichten?

Als ich mich eingehender mit Max beschäftigte, war mein erster Impuls, ihn toll zu finden. Denn mit Chuzpe an das leidige Dauerbaustellenthema heranzugehen, ist sicherlich besser als jene Art und Weise, auf die uns die alte Bundesbahn informiert hätte: "Aufgrund von Brandschutzertüchtigungen kann mit Anschluss nicht gerechnet werden."

Hinzu kommt, dass die Maulwurf-Messages ein erfreulich ganzheitlicher Ansatz sind. Statt es jedem Bahnhofsmanager zu überlassen, ob und wie er die klaffenden Löcher in seinem Gleisbett kommuniziert, werden Max' "Verständnisplakate" alle vom selben Team konzipiert. Sieht man den Maulwurf, weiß man sofort, dass man sich auf Verspätungen oder Umleitungen gefasst machen muss.

Also ein toller Typ, der Max? Nun ja.

Als ich von Essen nach Düsseldorf wollte, musste ich feststellen, dass dies schwieriger würde als erwartet. Ein Bahn-Plakat informierte mich über die Totalsperrung aller Stationen zwischen Essen-Hauptbahnhof und Düsseldorf-Derendorf. Darauf waren sechs durchgestrichene Haltestellen abgebildet. Daneben stand Max Maulwurf vor einer Lottoziehungsmaschine. Text: "Die ersten sechs Richtigen, bei denen alle gewinnen."

In diesem Moment fühlte ich mich von Max nicht mehr freundlich auf den Arm genommen - ich fühlte mich verhöhnt. Nicht nur durfte ich die Totalsperrung ausbaden, ich musste mir zusätzlich auch noch von einem Cartoon-Maulwurf einen blöden Spruch reindrücken lassen.

Fortan war mir Max über. Jedes Mal, wenn mir der kleine Graber witzig zu kommen versuchte, knirschte ich mit den Zähnen. Als etwa die Münchner S-Bahn, diese Schande der Stadt, wegen Bauarbeiten noch erratischer verkehrte als sonst, kam Max als Löwendompteur daher: "Manege frei für unseren Bauzirkus in den Tunnelbahnhöfen der Stammstrecke." Und als ich wegen einer starken Verspätung in Frankfurt über den Bahnsteig hastete, grinste er mir im Barmixer-Outfit zu: "Nicht jedermanns Geschmack, aber eine gute Mischung: unser Baustellen-Cocktail."

Sauf ihn selber, dachte ich mir.

Wieso geht mir dieser Maulwurf plötzlich so auf den Zeiger? Ich glaube, es liegt nicht allein daran, dass den Werbetextern nach 20 Jahren Dauergewitzel allmählich die lustigen Sprüche ausgehen. Vielleicht passt der alte Max auch einfach nicht mehr zur neuen Bahn. Als er 1993 seinen Dienst antrat, war die Bahn ein Transportunternehmen mit ein paar Macken. Nun, in der Post-Mehdorn-Ära, ist sie ein marodes Gebilde, das oft nur mit Mühe und Not zu funktionieren scheint.

Läuft alles rund, kann man über Problemchen eben charmante Witze machen. Wenn es jedoch überall hakt und hapert, sollte man seine dummen Sprüche besser für sich behalten.

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insgesamt 70 Beiträge
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Seite 1
schienbeinschoner 05.08.2014
1.
Zitat von sysopDPAMit der Zeichenfigur Max Maulwurf wirbt die Bahn seit mehr als 20 Jahren für Verständnis, wenn Baustellen den Fahrplan durcheinanderbringen. Höchste Zeit, dass sie ihre dummen Sprüche für sich behält. http://www.spiegel.de/wirtschaft/service/deutsche-bahn-max-maulwurf-wirbt-bei-fahrgaesten-fuer-verstaendnis-a-983396.html
Mir ist klar worauf der Artikel hinauswill, aber wäre es vllt. möglich nachzureichen, aus wessen Feder der Maulwurf stammt? Also von welcher Agentur und von welchem Illustrator? Vielen Dank vorab!
schienbeinschoner 05.08.2014
2.
Ah, Wikipedia macht mich z.Tl. schlauer: Zeichner des Maulwurfs: Wolf Erlbruch, ab 2002 dann Fritz Reuter!
archback 05.08.2014
3. Bart
Ach Herr König, niemand regt sich mehr über die Bahn auf, seit auf den Anzeigetafeln mittlerweile jede Abfahrt bzw. Ankunft Unregelmäßigkeiten aufweist. Man plant einfach eine Stunde mehr ein und holt sich 25% des Fahrpreises zurück.
fridericus1 05.08.2014
4. Genau das ist der Punkt:
"Läuft alles rund, kann man über Problemchen eben charmante Witze machen. Wenn es jedoch überall hakt und hapert, sollte man seine dummen Sprüche besser für sich behalten." Die Minderleistung der Deutschen Bahn ist mittlerweile ein solches Ärgernis für alle, die auf diesen S...tladen angewiesen sind, dass bestimmter Tüdelkram wie Max Maulwurf oder die völlig sinnfreien "Rotkäppchen" auf den Bahnsteigen oder W-Lan in Zügen oder die 25igste Variante der BahnCard den gepesteten Reisenden nur noch auf die Palme bringen. Soll die Bahn das Geld für all diesen Scheiss doch in die Infrastruktur oder neue Mitarbeiter stecken.
blinkythebrain 05.08.2014
5. Schienenersatzverkehr
Ich finde den Maulwurf aber besser als gar keine Infos! Im Moment muss ich 2 Stunden statt einer Stunde mit einem überfüllten überhitzten alten Bus vorlieb nehmen ohne zu wissen wann diese Tortur endlich wieder aufhört. Ein bisschen Information wäre da schon nett
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