Reaktivierte Nebenstrecken Die Bahn kommt - wieder

Seit 41 Jahren hat Nordhorn keinen Bahnanschluss mehr, nun geschieht Unerhörtes: Die Bahn wird die 53.000-Einwohner-Stadt in Niedersachsen bald wieder anfahren. Ein Ortsbesuch.

Archiv Bentheimer Eisenbahn

Von , Nordhorn


Wenn Johann Thien den Hebel umlegt und seine Lok auf die Strecke nach Nordhorn steuert, fährt er in eine vergangene Epoche. Er fährt in eine Welt, in der Lokführer Weichen noch mit der Hand stellen und vor Bahnübergängen auf die Hupe drücken. An diesen Bahnübergängen warten dann Bauern in ihren Traktoren geduldig darauf, dass Thiens Güterzug mit 40 Stundenkilometern an ihnen vorbeizuckelt. (Wollen Sie die Strecke jetzt schon aus der Lokführer-Perspektive erleben? Am Ende des Textes finden Sie ein Video.)

Auf Tausenden Kilometern Nebenstrecke ist in den vergangenen Jahrzehnten der Personenverkehr eingestellt worden, nur Güterzüge fahren noch hier und da. Jetzt möchte das Land Niedersachsen drei Strecken für Personenzüge reaktivieren. Die rot-grüne Landesregierung in Hannover sieht darin einen Beitrag zu einer umweltfreundlichen Verkehrspolitik: Schiene statt Straße. Die Grafschaft Bentheim ist eine der Gegenden, wo der jahrelange Kampf für die Eisenbahn erfolgreich war.

Geplante Zugstrecke

Ab Dezember 2017 sollen von Bad Bentheim nach Neuenhaus wieder Regionalbahnen rollen. Vier Unterwegshalte sind geplant.

Bahnhöfe
Nordhorn, 53.000 Einwohner: Es gibt hier ein Krankenhaus mit Schlaganfall-Station, einen Zoo mit seltenen Waldbisons und einen zentralen Omnibusbahnhof mit 14 Haltestellenschildern. Wer aber mit der Bahn anreisen möchte, wird enttäuscht. "Wir sind die größte deutsche Kreisstadt ohne Bahnhof", sagt Bürgermeister Thomas Berling. Noch zumindest. Ab Dezember 2017 sollen auf der Strecke Bad Bentheim - Nordhorn - Neuenhaus wieder Regionalbahnen fahren.

Der letzte Zug

Vor 41 Jahren hielt der letzte planmäßige Personenzug in der Kreisstadt. Tausende nahmen am Bahnsteig Abschied, die "Grafschafter Nachrichten" schrieben damals: "In Bentheim und Quendorf flossen die ersten Tränen, weil es hieß: 'Zurückbleiben! Die Wagen sind besetzt.'" Dabei hatte man extra acht Waggons angekoppelt.

Am 25. Mai 1974 hält der letzte Personenzug im Bahnhof von Nordhorn und Hunderte erwarten ihn am Bahnsteig
Archiv Bentheimer Eisenbahn/Göhler

Am 25. Mai 1974 hält der letzte Personenzug im Bahnhof von Nordhorn und Hunderte erwarten ihn am Bahnsteig

Lokführer Thien, 55, der heute mit seinem Güterzug die Strecke nach Nordhorn fährt, erinnert sich noch an die Zeit der Personenzüge: "Ich bin ja in dritter Generation hier. Opa, Papa und ich, wir waren alle bei der Bentheimer Eisenbahn." Sein Vater arbeitete als Heizer auf der letzten Dampflok, die über die Strecke stampfte.

Die Bentheimer Eisenbahn gehört mehrheitlich dem Landkreis Grafschaft Bentheim; der musste damals auch das Gros des Defizits ausgleichen, das die Personenzüge Jahr für Jahr einfuhren. Anfang der Siebzigerjahre entschieden die Politiker deshalb, den Verkehr auf Busse zu verlagern. Damit war der Zug in Nordhorn abgefahren. "Damals hat man nicht weit genug gedacht", sagt Berling.

1500 Pkw-Fahrten weniger

Vier Jahrzehnte später sind die Türfenster zur einstigen Wartehalle zugenagelt, eines ist eingeschlagen. Auf dem Bahnhofsvorplatz warten mittags Jugendliche, bis der Bus kommt, und starren solange auf die Bildschirme ihrer Smartphones. Die Linie 100 fährt heute stündlich die einstige Bahnstrecke entlang. Das Angebot ist nicht schlecht, wird aber vor allem von denen genutzt, die darauf angewiesen sind: von Schülern und Älteren. Das Reaktivierungsgutachten belegt einen "geringen Anteil der Erwachsenen" an den Busfahrgästen.

Noch lässt sich Nordhorn nur mit dem Bus erreichen - für viele Pendler ist das unattraktiv
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Noch lässt sich Nordhorn nur mit dem Bus erreichen - für viele Pendler ist das unattraktiv

"Von der Bahn wird die ganze Region profitieren", sagt Bürgermeister Berling. In Nordhorn finden immer mehr Menschen einen Job, Wohnraum sei dort aber knapp und eher teuer. Die Menschen ziehen zunehmend in die umliegenden Städtchen wie Neuenhaus - und fahren mit dem Auto zur Arbeit. Der Zug soll die Pendler in den öffentlichen Verkehr holen. 1500 Pkw-Fahrten würden sich täglich auf die Bahn verlagern, haben die Gutachter berechnet.

Doch der Schienennahverkehr ist noch immer ein Zuschussgeschäft, die Fahrkartenverkäufe decken die Kosten nur zu etwa 60 Prozent. Jede reaktivierte Strecke kostet das Land Niedersachsen also über viele Jahre viel Geld.

Ein Zuschussgeschäft

In den vergangenen 22 Jahren haben nur Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz in größerem Stil Strecken wiedereröffnet. In den neuen Bundesländern dachte sowieso niemand an Reaktivierungen; man hatte genug damit zu tun, das enge Netz der Deutschen Reichsbahn auszudünnen.

Die rot-grüne Landesregierung in Niedersachsen hat nun 74 mögliche Bahnstrecken auf ihre Wirtschaftlichkeit untersucht. Das Ergebnis: Auf drei Strecken lasse sich wirtschaftlich sinnvoll ein Personenzug betreiben. Neben der Bentheimer Eisenbahn sollen die Linien Einbeck-Mitte - Einbeck-Salzderhelden und Salzgitter-Lebenstadt - Salzgitter-Fredenberg "schnellstmöglich" reaktiviert werden. 75 Prozent der Investitionskosten übernimmt das Land, den Rest müssen Kommunen und Landkreise aufbringen.

Thomas Berling (l.), Bürgermeister der Stadt Nordhorn, und Joachim Berends, Vorstand der Bentheimer Eisenbahn, wollen Nordhorn wieder an den Zug bringen
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Thomas Berling (l.), Bürgermeister der Stadt Nordhorn, und Joachim Berends, Vorstand der Bentheimer Eisenbahn, wollen Nordhorn wieder an den Zug bringen

3 von 74. Der Weg zum eigenen Bahnanschluss ist steinig. "Wir haben schon mehrere Anläufe gemacht mit dem Land, den ersten in den Neunzigern", sagt Joachim Berends, der Vorstand der Bentheimer Eisenbahn. Damals lautete das Ergebnis noch, die Strecke sei nicht wirtschaftlich zu reaktivieren und betreiben.

44 Mal weniger tuten

Werden nötige Investitionen ein paar Millionen Euro höher veranschlagt oder die Fahrgäste pro Tag um einige Hundert geringer, senken die Gutachter schnell den Daumen. Dabei sind Fahrgastzahlen schwer zu prognostizieren. In Baden-Württemberg, wo konsequent an einer Netzverdichtung gearbeitet wurde, sind auf allen wiedereröffneten Strecken deutlich mehr Personen unterwegs als einst vorhergesagt. Nur ein Beispiel: Von Böblingen nach Dettenhausen fahren heute 9.800 Menschen täglich, gerechnet hatte man mit 2.500.

Damit die Passagiere kommen, muss aber auch das Angebot stimmen. Zwischen Bentheim und Neuenhaus heißt das vor allem: Die Züge müssen schneller werden, um mit dem privaten Pkw mitzuhalten. 15 Bahnübergänge habe man bereits aufgehoben, sagt Berends, sieben technisch gesichert, mit Rotlicht oder Schranke. Lokführer Thien muss also schon jetzt 44 Mal weniger tuten.

Bald ein Fernverkehrszug?

15 Millionen Euro an Investitionen sind noch nötig, damit die Triebwagen 2017 mit 80 Stundenkilometern unterwegs sein können. Etwa vier Millionen müssen Landkreis und Anrainerstädte aufbringen, hinzu kommt Geld für den Umbau der Bahnhöfe. Von Bad Bentheim nach Neuenhaus geht es dann in 29 Minuten, der Bus braucht derzeit 20 Minuten länger.

Joachim Berends denkt derweil schon weiter. Bis zum Jahr 2025 wolle man die Strecke weiter bis ins holländische Coevorden reaktivieren. "Dann könnten einmal Fernverkehrszüge von Groningen über Nordhorn bis nach Rheine fahren", sagt Berends. Er stellt sich da Züge vor, so bequem wie ein Intercity.

Vom Fenster aus überblickt Bahnchef Berends die Gleise. Er sieht, wenn Johann Thien mit seiner Güterzuglok vorbeirattert, 40 Stundenkilometer schnell, die linke Hand auf dem Signalhorn. Er hört auch das laute Tuten. Ein Geräusch, das in der Grafschaft Bentheim bald verstummen wird. Dann ist auch die Bahn wieder in der Gegenwart angekommen.

Im Video können Sie schon heute auf der Strecke von Bentheim nach Nordhorn-Süd unterwegs sein - im Führerstand der Güterzuglok DE500 der Bentheimer Eisenbahn.

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