Immobilienmarkt Deutschland Wenn die Gemeinde Bauland verschenkt

Strukturschwache Regionen buhlen mit billigen Baugrundstücken um neue Einwohner. Klingt gut, doch Experten warnen: Auf dem Land entstehen Geistersiedlungen.

Neubaugebiet Niederberg in Neukirchen-Vluyn
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Neubaugebiet Niederberg in Neukirchen-Vluyn


Die Nachricht sorgte bundesweit für Schlagzeilen: Die kleine Gemeinde Ottenstein im Weserbergland verschenkt Baugrundstücke an junge Familien. 800 bis 1000 Quadratmeter Bauland in bester Lage "mit herrlicher Rundumsicht", betonte Bürgermeister Manfred Weimer.

Der Haken der Meldung war zugleich der Beweggrund des Bürgermeisters für die ungewöhnliche Aktion: Ottenstein liegt ab vom Schuss, bis in die nächste Kreisstadt fährt man 20 Minuten - das schreckt viele Menschen ab. Die kostenlosen Baugrundstücke sollen sie anlocken - und so gegen sinkende Bevölkerungszahlen helfen.

Mit diesem Problem ist Ottenstein nicht allein. Während in Großstädten und prosperierenden Regionen Bayerns und Baden-Württembergs der Immobilienmarkt boomt und Bauflächen knapp sind, ist die Nachfrage in strukturschwachen Regionen gering. "Wir haben einen Trend, dass die Leute in die Städte wollen und weg vom Land", berichtet Henrik Baumunk, Geschäftsführer des internationalen Immobiliendienstleisters CBRE.

Was das für die Metropolen bedeutet, lesen Sie hier:

Unter der Urbanisierung litten vor allem Gebiete sehr stark, die nicht an Metropolregionen angebunden seien. Dabei könne bereits die Anbindung an die nächste Großstadt über die Zukunft entscheiden: Für den Immobilienmarkt in Gemeinden, die an nicht an einem ICE-Halt oder einer Autobahn lägen, könne es schwierig werden.

In der Folge sinken die Preise für Grundstücke: So wird laut dem Geschäftsführer von CBRE Bauland in der Uckermark der Quadratmeter für unter zehn Euro angeboten. Besonders betroffen seien ländliche Regionen in Mecklenburg-Vorpommern, Rheinland-Pfalz, Niedersachsen, Brandenburg oder auch Nordrhein-Westfalen.

Experten beobachten diese Entwicklung mit Sorge. Wo Bauland zu Dumpingpreisen zu haben ist, könnte der Traum vom eigenen Haus zum Albtraum werden. Sie warnen bereits vor verödeten Gemeinden und zersiedelten Landschaften. "Die Gefahr ist derzeit groß, dass wir den Leerstand von morgen bauen", sagt etwa Ralph Henger vom Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln.

Bereits im vergangenen Jahr zeigte eine IW-Studie, dass es in einigen Landkreisen zu viele Neubauten gibt. In einigen ländlichen, strukturschwachen Kreisen wie der Eifel, dem Schwarzwald oder weiten Teilen Ostdeutschlands gibt es der Studie zufolge Wohnungen, die gar nicht benötigt werden.

Probleme könnten überall dort entstehen, wo weder eine Infrastruktur noch genügend Wirtschaft oder Tourismus vorhanden sei, um Menschen zum Bleiben oder sogar zum Zuzug zu bewegen. Die Gemeinden seien dementsprechend unter Druck. "Die Immobilienpreise sinken auf jeden Fall an Standorten, die Einwohner verlieren", sagt auch Sun Jensch, Bundesgeschäftsführerin vom Immobilienverband Deutschland. Der Verkauf einer Immobilien gestalte sich dann meist schwerer.

Auch wenn Gemeinden Grundstücke verschenken würden, die Leute blieben nicht, wenn die strukturellen Voraussetzungen nicht stimmten, sagt Baumunk. Der Bau eines Hauses mit einer Wohnfläche von etwa 100 Quadratmetern koste etwa 150.000 bis 200.000 Euro - egal, wo gebaut werde. Vor allem für Besitzer von Einfamilienhäusern in derartigen Regionen könne es dann schwierig werden, überhaupt noch einen Käufer zu finden, sagt IW-Experte Henger.

Sehen Sie hier, wo sich Immobilien als Altersvorsorge eignen:

brk/Michaela Nehren-Essing und Uta Knapp, dpa-AFX und dpa



insgesamt 119 Beiträge
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Freifrau von Hase 05.08.2016
1.
"Leerstand von morgen" wird es nicht geben. Es wird in Zukunft sehr viele Ruheständler geben, die sich das Leben in einer Metropolregion gar nicht leisten können. Dazu kommen die Zuwanderer - jährlich immerhin zwischen 500 000 und 1 Million - die finanziell ebenfalls knapp sind. In den Gebieten abseits der Metropolen werden Ghettos entstehen, gefüllt mit Rentnern, Einwanderern und anderen Sozial Schwachen, die nur in solchen Regionen die Lebenshaltungskosten aufbringen können.
the_eagle 05.08.2016
2. Geistersiedlung?
Die bekommen wir schon voll. Sei es um Siedlungen mit einer ausgewählten Population für Studien bereitstellen zu können oder als Partydorf für Abschlussfahrten oder einfach nur um Immobilienpreise zu senken oder Obdachlose und Flüchtlinge einzuquartieren. Im Zweifelsfall kann man auch Vorschlag 3 und 4 durch 1 und 2 querfinanzieren. Cool oder?
Ezechiel 05.08.2016
3. Das bringt auch nichts.
Die jungen Leute aus meiner Familie sind zwischen 20 und 37. Die älteren haben gute Jobs mit einer Arbeitszeit von über 50 Stunden die Woche. Da will keine/er noch jeden Tag 2 Stunden uns mehr für den Weg zum Arbeitsplatz und zurück aufwenden. Meine Geschwister und ich wissen schon jetzt, dass von unseren Abkömmlingen keiner unsere Häuser haben will.
Harald Schmitt 05.08.2016
4. Planungsprobleme
Ich bin auch vom land weggezogen, weil die es seit 27 Jahren nicht schaffen dort eine vernünftige infrastruktur zu errichten. Kinos und Freizeitaktivitäten am Wochenende sind kaum vorhanden. Der Nahnhof verottet obwohl man in einer stunde in der Huptstadt sein könnte, wenn der Zug nicht in jedem Dorf anhalten würde. irgendwei fehlen die zukunftskonzepte mit Einbeziehung ländlicher Gebiete zu Ballungszentren. An jeder Ecke macht ein neuer Discounter auf aber für Freizeit, Familie und bei Ärzten fehlen die Angebote. Die Bundesstraßen pflastern sie auch noch mit 60er und 70er Schildern damit man noch länger in die nächste größere Siedlung braucht. Es kann doch nicht so schwer sein da mal schnellere züge in die Metropolen zu schicken oder mal Firmen auch ausserhalb der ballungszentren mit guter Verkehrsanbindung anzusiedeln. Nicht alle müssen im Stadtzentrum ihre Büros haben.
toscana57 05.08.2016
5. Erbe für die Kinder sichern
Daher sollte Immobilienbesitz rechtzeitig an die nachfolgende Generation übertragen werden und man sich selbst noch ein Wohn- oder Nießbrauchrecht einräumen, wenn das Vermögen nicht im Pflegeheim "verfrühstückt" werden soll und die Kinder später nicht leer ausgehen sollen. Die können sich ja kaum noch selbst 1 Haus leisten, bei diesen hohen Immobilienpreisen, sollen aber unsere stetig steigenden Renten finanzieren und auch noch für ihre eigene Rente privat vorsorgen. Wie sollen das unsere Kinder schaffen, ohne das wir auch Vermögen an sie weitergeben ?
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