Ernährungsindustrie Endlich erwiesen - Schokolade macht gutgläubig

Eine Studie behauptet: Schokolade essen hilft beim Abnehmen. Diese gute Nachricht verbreitet sich schnell. Doch dahinter steckt ein Schwindel. Ein Lehrstück über die Gutgläubigkeit von Verbrauchern - und Journalisten.

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Facebook-Auftritt "Chocolate Transformation": Wissenschaftlich gelogen
ZDF/ARTE

Facebook-Auftritt "Chocolate Transformation": Wissenschaftlich gelogen


Wenn etwas zu gut klingt, um wahr zu sein, dann ist es das meistens auch nicht. Eine Diät, die dauerhaften Gewichtsverlust verspricht und gleichzeitig vorschreibt, täglich Schokolade zu essen: Klingt einfach zu gut, um wahr zu sein. Doch das Institute of Diet and Health in Mainz hat genau das in einer Studie bewiesen.

Dafür haben die Forscher die Testpersonen in drei Gruppen eingeteilt: Teilnehmer von zwei Gruppen verpflichteten sich zu einer strengen Diät, eine Gruppe musste zusätzlich täglich exakt 42 Gramm Schokolade mit einem hohen (81 Prozent) Kakaoanteil essen. Eine Kontrollgruppe änderte an der Ernährung nichts.

Die Studienergebnisse, publiziert im Londoner Wissenschaftsmagazin "International Archives of Medicine", waren eindeutig: Die "Schokoladengruppe" verlor zehn Prozent mehr Gewicht als die Vergleichsgruppe - deren Teilnehmer zum Ende des Testzeitraums sogar wieder zunahmen.

Australisches TV "How egg-citing": Zu Ostern kam die Schoko-Diät genau richtig
ZDF/ARTE

Australisches TV "How egg-citing": Zu Ostern kam die Schoko-Diät genau richtig

Ein gefundenes Fressen für Journalisten: Eine Schokoladen-Diät! Die Meldung verbreitete sich weltweit: TV, Zeitschriften, Onlinemedien in Australien, den USA, Indien, Russland und Nigeria griffen die Meldung auf, "Focus Online" kreierte eigens ein Video, und die "Bild"-Zeitung hievte die Nachricht sogar auf die Titelseite.

Alle diese Medien sind zwei freien Fernsehjournalisten auf den Leim gegangen: Peter Onneken und Diana Löbl, die bereits mit ihrem Dokumentarfilm über Leiharbeiter bei Amazon für Aufruhr gesorgt haben. Im Fokus ihres neuen Films "Schlank durch Schokolade - eine Wissenschaftslüge geht um die Welt" steht das Geschäft mit dem Abnehmen.

Und weil wir Verbraucher der Wissenschaft glauben und der Wettbewerb in der Abnehmbranche hart ist, werben Unternehmen mit immer neuen Studien um Kunden - also ums Geschäft. Mehr als eine Milliarde Euro geben allein die Bundesbürger jedes Jahr für Diätprodukte aus.

Tatsächlich aber sind Studien, mit denen Wissenschaftler die Wirkung von Ernährung auf die Gesundheit untersuchen wollen, nur unter sehr bestimmten Bedingungen aussagekräftig - und relativ einfach zu manipulieren.

Zum Beweis haben die Autoren eine eigene wissenschaftliche Studie erstellt: Die Grundidee: Schokolade hilft beim Abnehmen. Das angeblich federführende "Institute of Diet and Health" - ein "gesundheitswissenschaftlicher Non-Profit Thinktank" - gibt es nur im Internet. Echte Hilfe bei Studiendesign und Durchführung kommt vom Arzt Gunter Frank, der Gesundheitswissenschaftlerin Ingrid Mühlhauser und dem US-Wissenschaftsjournalisten John Bohannon.

Die Studienteilnehmer sind unwissend, die Messungen von Gewicht, Bauchumfang oder Größe mehr als nachlässig. Gefälscht aber wird nicht. Höchstens geschummelt - wie es bei jeder Studie möglich ist: Bei der Auswertung der Ergebnisse holen sich die Journalisten einen Ökonometriker zu Hilfe, der normalerweise für eine Bank arbeitet. Der kann die Messungen so darstellen, dass sie das gewünschte Ergebnis zeigen: Die Schokoladengruppe hat am meisten abgenommen.

Die Veröffentlichung in einer wissenschaftlichen Zeitschrift ist einfacher als erwartet. Nur 100 Dollar müssen die Autoren investieren, dann erscheint die - auf Englisch verfasste - Studie amtlich im "International Archives of Medicine". Es folgt eine Vermarktungskampagne, mit Pressemitteilungen in Deutsch und Englisch, Facebook-Präsenz ("The Chocolate Transformation") und gekauften Testimonials ("stop yo-yo, go choco").

Screenshot aus dem Filmtrailer: Macht Schokolade wirklich schlank?
ZDF/ARTE

Screenshot aus dem Filmtrailer: Macht Schokolade wirklich schlank?

Natürlich sollten Nachrichten, die zu gut klingen, um wahr zu sein, besonders gründlich geprüft werden. Andererseits: So viel weniger wissenschaftlich als viele andere Ernährungsstudien war die "Chocolate Transformation" gar nicht. Tatsächlich würde die Schokoladenuntersuchung als randomisierte, kontrollierte Interventionsstudie die zweithöchste Glaubwürdigkeitsstufe (Evidenzklasse) erreichen. Erst am heutigen Mittwochabend enttarnen die Sender ZDF und Arte die Lüge mit einem Trailer.

Vielleicht noch erschreckender als die Verbreitung der Studie durch Boulevardmedien ist ein anderer Befund des Films. Dabei geht es um die S3-Leitlinien für die Vorbeugung und Therapie von Fettleibigkeit (Adipositas) der Deutschen Adipositas-Gesellschaft - sozusagen der Gold-Standard der evidenzbasierten Ernährungswissenschaft.

Diese Leitlinien sind von Medizinern entwickelt worden, die zum Teil mit den Anbietern der dort (positiv) bewerteten Abnehm-Therapien geschäftlich verbunden sind. Der einzige Wissenschaftler, der den TV-Journalisten ein Interview zu geben bereit ist, ist Professor Hans Hauner. Er gibt freimütig zu: "Eine Art Gschmäckle ist schon dabei".

Und er sägt weiter an der Glaubwürdigkeit wissenschaftlicher Studien: Einige der den S3-Leitlinien zugrunde liegenden Studien, sagt Hauner, seien mindestens "fragwürdig".


"Schlank durch Schokolade - eine Wissenschaftslüge geht um die Welt", Freitag 5. Juni, 21.50 Uhr Arte / Sonntag 7. Juni, 15.30 Uhr ZDF

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insgesamt 28 Beiträge
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Seite 1
infonetz 27.05.2015
1.
Sorry aber wer so was glaubt muss wirklich Naiv sein. Am besten bis jetzt fand ich aber die Story mit der Microwelle und das man dort seinen Hund drin trocken kann.
koenigludwigiivonbayern 27.05.2015
2. Peer Review
Ich mache viele Peer Reviews für medizinische Fachzeitschriften. Hier wurde schon ganz professionell "gefälscht". Trotzdem bin ich mir sicher, daß ich über die "genau 42 Gramm" Schokolade pro Tag in der Schokoladengruppe gestolpert wäre. Das ist mit einem offenen experimentellen Ansatz nicht vereinbar. Das "stinkt" irgendwie. Es berücksichtigt auch nicht das Ausgangsgewicht, das beim Menschen bis zu 100 kg variieren kann. Das kann man nicht begründen, wenn man nicht weiss, was herauskommt oder herauskommen soll.
BeratungsconsultingWirkes 27.05.2015
3. Das stimmt!
Erwiesenermaßen hätte ein 15jähriger, der täglich 120 Gramm Schokoloade verspeiste, das Alter von 120 Jahren erreichen können! Leider wurde er kurz nach Beginn der Langzeitstudie im Rahmen eines Verkehrsunfalls vom Herrn abberufen.
ir² 27.05.2015
4.
Es zeigt nicht die Gutgläubigkeit sondern die Unfähigkeit der so genannten "Journalisten". Keine Recherche, jeder schreibt, pardon, Copy/Paste, das was ihm vor die Tasten kommt. Die "Energiewende" bzw. die "Klimaerwärmung" ist nur ein weiteres Beispiel wie sich die Medien inzwischen zur Lachnummer entwickelt haben....
forumgehts? 27.05.2015
5. Das
hat mit Gutgläubigkeit übehaupt nichts zu tun. Es ist mir durchaus bewusst, dass ich um so schneller abnehme, je mehr Schokolade ich esse. ;) Und da ich sehr gerne Schokolade esse, kann ich bei der Diskussion die Kritik an meinen Essensgewohnheiten umlenken auf eine Kritik an dieser blöden Studie - mit der ich nicht das Geringste zu tun habe. Dann bin ich aus der Schusslinie, und DAS ist ja der Zweck der Übung! :)))
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