Dioxin-Skandal: Belastete Ware könnte schon beim Verbraucher sein

Die Behörden können im Dioxin-Skandal ihre Sicherheitsversprechen nicht halten: Fleisch von möglicherweise dioxinbelasteten Schweinen gelangte offenbar in den Handel, Eier von gesperrten Betrieben landeten im Supermarkt. Der Umsatz mit diesen Lebensmitteln brach nach Branchenangaben ein.

Eierchargen: Produkte von gesperrten Betrieben gelangten in den Handel Zur Großansicht
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Eierchargen: Produkte von gesperrten Betrieben gelangten in den Handel

Hannover/Berlin - Trotz der Sperrung von Betrieben gelingt es den Behörden im Dioxin-Skandal nicht, sämtliche verdächtige Lebensmittel aus dem Verkehr zu ziehen. In Supermärkten in der Region Hannover wurden Eier gefunden, die von eigentlich gesperrten Höfen stammen. Bereits zu Wochenbeginn hatte ein Kunde Eier eines gesperrten Betriebs in einem Laden im Raum Hannover entdeckt.

Die Landkreise seien zu sorgfältigen Kontrollen in den Supermärkten angewiesen worden, sagte eine Sprecherin des niedersächsischen Landwirtschaftsministeriums.

Auch bei der Suche nach dem Fleisch von potentiell dioxinverseuchten Schweinen sind die Behörden offenbar zu spät dran. 180 Tiere von einem Betrieb in Niedersachsen waren in Sachsen-Anhalt geschlachtet worden. Das Fleisch sei an weiterverarbeitende Betriebe gegangen, sagte der Sprecher des Tönnies-Schlachthofs in Weißenfels, Markus Eicher. "Verarbeitet worden ist das Fleisch sicher. Es ist definitiv nicht mehr bei uns", sagte er.

Höchstwahrscheinlich sei die Ware inzwischen an den Handel geliefert worden. Es sei deshalb auch davon auszugehen, dass das Fleisch schon verzehrt wurde. So könne nicht mehr überprüft werden, ob nicht nur das Futter der Schweine, sondern auch deren Fleisch mit Dioxin belastet war, sagte Eicher.

Die Tiere stammten von einem Betrieb im Landkreis Verden. Dort wiesen Prüfer bei der Probeschlachtung von zwei Schweinen eine erhöhte Dioxin-Belastung nach. Wenige Tage vor Sperrung des Betriebs hatte der Mäster 180 Tiere, die belastetes Futter bekamen, nach Weißenfeld in Sachsen-Anhalt verkauft. Bei 35 der 180 Tiere sei geklärt, welche Betriebe die Schweineteile aus dem Schlachthof erhalten hätten, sagte Eicher. Bei den anderen 145 Schweinen sollte das in Kürze feststehen.

Umsatz mit Eiern und Fleisch bricht ein

Japan hat wegen des Dioxin-Skandals strengere Kontrollen für Eier, Geflügel- und Schweinefleisch aus Deutschland angeordnet. Ein Importverbot sei aber nicht verhängt worden, teilte das Gesundheitsministerium in Tokio mit. China dagegen hat die Einfuhr von Schweinefleisch und Eiprodukten aus Deutschland verboten. Auch Südkorea setzte den Import von deutschem Schweinefleisch vor einigen Tagen aus.

Auch die deutschen Verbraucher schrecken angesichts des Skandals offenbar vor bestimmten Produkten zurück. Der Umsatz mit Eiern sei um 20 Prozent eingebrochen, sagte der Vorsitzende des Ernährungsindustrieverbands, Jürgen Abraham, der "Bild"-Zeitung. Bei Schweinefleisch und Geflügel lagen die Rückgänge bei jeweils zehn Prozent.

FDP stellt sich vor Aigner

Bundesverbraucherministerin Ilse Aigner (CSU) ist im Dioxin-Skandal unter Druck geraten. Die Grünen bekräftigten ihre Forderung, Aigner müsse entlassen werden. "Eine Ministerin, die das bestehende strukturelle Problem der deutschen Landwirtschaft nicht erkennt, sondern den Dioxin-Skandal auf das kriminelle Handeln Einzelner reduziert, ist fehl am Platze", sagte Fraktionschef Jürgen Trittin dem Sender NDR Info.

Der Vorsitzende des Bundestagsagrarausschusses, Hans-Michael Goldmann (FDP), wies die Forderungen nach einem Rücktritt Aigners als "völlig unangemessen und sachlich unbegründet" zurück.

Aigner will am Freitag Maßnahmen vorstellen, mit denen die Kontrollen von Futtermitteln verschärft werden sollen. Die gesamte Produktionskette für Futtermittel soll auf den Prüfstand. Aigner hat bereits Änderungen wie die Trennung der Produktion von Futterfetten und technischen Fetten verlangt.

Verbraucherschützer fordern mehr Kontrollmöglichkeiten für den Bund

Verbraucherschützer fordern, bei der Lebensmittelkontrolle Rechte von den Ländern auf die Bundesebene zu verlagern. "Wir brauchen ein einheitliches Vorgehen aller Bundesländer, und dafür muss der Bund auch die Kompetenzen und die Möglichkeiten haben", sagte Gerd Billen, Chef des Bundesverbands der Verbraucherzentralen, im Deutschlandfunk. Der Staat habe sich zu sehr auf Eigenkontrollen verlassen.

Der Chef der Verbraucherorganisation Foodwatch, Thilo Bode, nannte die Bundesregierung in der "Frankfurter Rundschau" einen "Dienstleister der Futtermittelindustrie".

Die Behörden gehen davon aus, dass mit Dioxin belastetes Futterfett von der Firma Harles und Jentzsch in Umlauf gebracht wurde. Der Futterfetthersteller hat inzwischen einen Insolvenzantrag gestellt. Nun prüft der vorläufige Verwalter, ob der Betrieb eingeschränkt weiterlaufen kann. Untersucht werde, ob der Bereich der technischen Fette fortgeführt werden könne, sagte ein Sprecher des Insolvenzverwalters. "Eine weitere Tätigkeit der Gesellschaft im Bereich des Handels mit Fetten für die Futtermittelherstellung bleibt aufgrund der Verfügungen der zuständigen Behörden ausgeschlossen", erklärte er.

Mit einer Entscheidung über die Eröffnung des Insolvenzverfahrens sei nicht vor Mitte bis Ende Februar zu rechnen. Hintergrund für den Insolvenzantrag seien bereits geltend gemachte Schadensersatzansprüche an die Firma, die zu einer Zahlungsunfähigkeit führen könnten, sagte der Sprecher.

Die Entschädigung der vom Skandal betroffenen Landwirte ist derweil offen. "Es ist für die Bauern eine sehr schlechte Situation", sagte eine Sprecherin des niedersächsischen Landwirtschaftsministeriums. Mit dem Insolvenzantrag von Harles und Jentzsch habe sich die Aussicht auf Schadensersatz verschlechtert.

mmq/dpa/AFP

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1. Waren bereits im Handel ...
Reformhaus 13.01.2011
Dioxin verseuchte Waren im bereits im Handel. Das war zu erwarten, es musste ja so kommen. Verbraucherschutz? Nicht hier in Deutschland. Die Slowakei, Süd-Korea und sogar China schützen ihre Verbraucher rechtzeitig durch Importverbote. Nur die Deutschen mussten ihren eigenen Dreck selber fressen.
2. .."alles wunderbar gelaufen."
trophic 13.01.2011
Zitat: [[Fleisch von möglicherweise dioxinbelasteten Schweinen gelangte offenbar in den Handel, Eier von gesperrten Betrieben landeten im Supermarkt.]] "...wunderbar gelaufen" (Zitat:Aigner) gemeint. Sehr interessant, diese Auffassung. Macht Mut für zukünftiges Krisenmanagement!
3. Puten, Hühnern und Schweinen
astra1971 14.01.2011
wurde dioxinverseuchtes Futter verabreicht. Als Lösung sollen wieder einmal Tausende von unschuldigen Tieren verbrannt und getötet werden. Eine Aktion die maximal die Symptome dieser dauernden Skandale bekämpft. Für nachhaltige Lösungen wie eine Reduktion des Fleischkonsums und der Massentierhaltung spricht sich bisher kaum jemand aus. Anders als bei Tierseuchen gibt es im Fall der Dioxinbelastung keinerlei rechtliche Grundlage dafür, die Tiere töten zu lassen. Diese Tiere sind weder krank oder leidend noch geht von ihnen eine Ansteckungsgefahr aus. Und Gefahren für den Verbraucher sind bereits dadurch ausgeschlossen, dass die betroffenen Betriebe gesperrt werden. Die bloße Nichtvermarktbarkeit stellt aber keinen vernünftigen Grund zur Tötung von Wirbeltieren dar, wie er in § 17.1 des Tierschutzgesetzes gefordert wird.
4. Dioxin-Skandal: Belastete*Ware könnte schon beim Verbraucher sein
Phoenix2006 18.01.2011
Zitat von sysopDie Behörden können im Dioxin-Skandal ihre Sicherheitsversprechen nicht halten: Fleisch von möglicherweise dioxinbelasteten Schweinen gelangte offenbar in den Handel, Eier von gesperrten Betrieben landeten im Supermarkt. Verbraucherministerin Aigner steht unter Druck. http://www.spiegel.de/wirtschaft/service/0,1518,739339,00.html
Anmerkung: Qualitätsverbesserung Ich habe eine wissenschaftliche Frage (Ingenieurwissenschaften): Warum ist eine freie unabhängige kritische Presse unabdinkbar um Qualitätsprozesse in Bewegung zu setzen, wenn Mängel in der Futtermittelproduktion auftreten?
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Dioxine - Gefahr für Mensch und Tier
Was sind Dioxine?
Dioxine sind chemisch ähnlich aufgebaute Verbindungen, die aber unterschiedlich giftig sind. Der bekannteste Vertreter der Gruppe ist das als Seveso-Gift bekannt gewordene TCDD (2,3,7,8-Tetrachlordibenzodioxin). Im Tierversuch kann es schon in einer Konzentration von einem Millionstel Gramm pro Kilogramm Körpergewicht tödlich sein.
Wie entstehen sie?
Dioxin entsteht unerwünscht etwa bei Verbrennungsprozessen mit Chlor und organischem Kohlenstoff. Nach Angaben des Umweltbundesamts wird das Gift bei 300 Grad und mehr gebildet und bei 900 Grad und mehr zerstört. Auch bei chemischen Produktionsverfahren mit Chlor können die Stoffe entstehen, außerdem bei Waldbränden oder Vulkanausbrüchen.
Welche Gefahren gehen von Dioxinen aus?
Bereits geringe Konzentrationen können gefährlich sein. Als Langzeitwirkungen wurden etwa Störungen des Immunsystems, schwere Erkrankungen der Haut, der Atemwege, der Schilddrüse und des Verdauungstraktes festgestellt. In Tierversuchen wurden krebserregende Wirkungen nachgewiesen.

Die einmal in die Umwelt gelangten Gifte bauen sich nur sehr langsam ab und reichern sich deshalb auch im Gewebe von Tieren und Menschen an. 90 bis 95 Prozent der Belastung kommt über die Nahrung in den Körper - vor allem durch den Verzehr von Fleisch und Milchprodukten. Ein prominentes Opfer einer Dioxin-Vergiftung ist der ukrainische Politiker Wiktor Juschtschenko. Er hat einen Dioxin-Anschlag im Jahr 2004 nur knapp überlebt. (Quelle: dpa)
Dioxin-Skandale
Dioxin-Skandale des vergangenen Jahrzehnts
Der wohl tragischste Dioxin-Skandal fand im Juli 1976 im italienischen Seveso statt. Bei einem Chemieunfall wurde hochgiftiges Dioxin freigesetzt. Zahlreiche Menschen erkrankten an Krebs, 200 an schwerer Chlorakne. In Deutschland ist ein Vorfall in diesem Ausmaß bislang nicht vorgekommen.
1999
Eine belgische Firma liefert verseuchtes Futter an Tausende Betriebe, darunter sind mehrere deutsche.
2003
Mehrere hundert Tonnen Backabfälle aus Thüringen weisen eine Dioxin-Belastung auf, die bis zu 18-mal höher ist als der zulässige Grenzwert.
2004
In Nordrhein-Westfalen werden mehrere Bauernhöfe gesperrt - wegen des Verdachts auf Dioxin im Tierfutter.
2006
Nch Belgien und den Niederlanden wird auch in Deutschland Dioxin im Tierfutter entdeckt. Betriebe in mehreren Bundesländern müssen schließen.
2010
Das Landesamt für Verbraucherschutz sperrt vorübergehend mehrere Öko-Geflügelhöfe. Belasteter Mais soll von einem niederländischen Unternehmen von Nordrhein-Westfalen aus in mehrere Bundesländer verkauft worden sein. Mehrere Supermärkte stoppen den Verkauf von Bio-Eiern.

Fotostrecke
Dioxin im Futter: Verseuchte Lebensmittel?