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Dioxin-Skandal: Schweinerei mit System

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Nun auch noch Schweinefleisch: Auf einem Hof in Niedersachsen wurden überhöhte Dioxin-Werte nachgewiesen, von dort ging Tierfutter zu anderen Landwirten. Bis die Verbraucher Genaues über die Gefahren wissen, können Wochen vergehen.

Dioxin-Skandal: Gift im Futtertrog Fotos
DPA

Hamburg - Vorsichtige Entwarnung, lautete in den vergangenen Tagen die Devise der Behörden im Dioxin-Skandal. Denn täglich konnten gesperrte Höfe nach Tests freigegeben werden. Doch nun schrecken neue Meldungen die Verbraucher auf: Erstmals wurden auch in Schweinefleisch stark erhöhte Dioxin-Werte nachgewiesen.

Dabei lag der Fokus zunächst auf der möglichen Giftbelastung in Eiern. Doch Zahlen, die SPIEGEL ONLINE vorliegen, zeigen: Der Futtermittelskandal betraf und betrifft weitaus mehr Schweinemäster als Halter von Legehennen. Laut einem Bericht des Bundesministeriums für Verbraucherschutz vom 7. Januar waren zu diesem Zeitpunkt bundesweit 3475 Höfe mit Schweinehaltung gesperrt, bei Betrieben mit Legehennen waren es 281.

Proben bei Hähnchen, Putenfleisch und Kuhmilch wiesen bisher keine Überschreitungen von Dioxin-Grenzwerten auf. Das Gift war bisher in Eiern und im Gewebe von Legehennen nachgewiesen worden. Und nun also auch Schweine. In einem Betrieb im Landkreis Verden in Niedersachsen wiesen Prüfer bei der Probeschlachtung von zwei Schweinen eine erhöhte Dioxin-Belastung nach. Laut Bundesamt für Risikobewertung lag der Wert 50 Prozent über dem zulässigen Grenzwert. 140 Tiere auf dem Betrieb müssen nun getötet und die Kadaver entsorgt werden.

Belastetes Fleisch könnte bereits im Umlauf sein

Die Besonderheit auf diesem Hof im Raum Langwedel: Der Landwirt dort betreibt ein eigenes kleines Futtermittelwerk, in dem er selbst Futter zusammenmischt, wie Kreislandwirt Joost Meyerholz sagte. Die Fettkomponente habe der Mann von der Firma Harles und Jentzsch aus Uetersen bezogen, jenem Unternehmen, das im Zentrum des Skandals steht. Neun weitere Schweinemäster im Landkreis belieferte der Landwirt mit Futter. Deren Höfe seien gesperrt, sagte Kreisveterinär Peter Rojem. Am Donnerstag soll es dort Probeschlachtungen geben.

Rojem geht nach eigenen Worten davon aus, dass dioxinbelastetes Schweinefleisch bereits auf den Markt gekommen ist. Denn zuletzt seien Schweine am 29. Dezember geschlachtet worden, die ebenfalls das belastete Futter bekamen. Gesperrt worden sei der Betrieb aber erst Anfang Januar. "Wir sind bemüht, das Fleisch wiederzufinden und aus dem Verkehr zu ziehen", sagte Rojem. Die Tiere seien auf Schlachthöfen in Norddeutschland geschlachtet worden.

Ob und wann bereits Schweine der neun Betriebe geschlachtet wurden, die das verseuchte Futtermittel ebenfalls bekamen, konnte Rojem nicht sagen. Der niedersächsische Agrarstaatssekretär Friedrich-Otto Ripke widersprach energisch Befürchtungen, wonach dioxinbelastetes Schweinefleisch in den Handel gelangt sei. "Wir haben alle Betriebe gesperrt, die belastetes Futtermittel empfangen haben", sagte Ripke am Dienstag im NDR-Fernsehen. "Ich kann sicher sagen, dass belastetes Schweinefleisch nicht in den Handel gelangen wird, und wir können ausschließen, dass dioxinbelastetes Schweinefleisch bereits in den Handel gelangt ist", sagte er.

Das Landwirtschaftsministerium kann aber nicht ausschließen, dass weitere Funde von dioxinbelastetem Fleisch folgen. "Da könnten noch weitere dazukommen", sagte Sprecher Gert Hahne. Demnach weist Schweinefleisch von einem weiteren Betrieb eine Kontaminierung um den Grenzwert herum auf. Dort sollen nun weitere Proben gezogen werden.

Nach Angaben von Veterinär Rojem könnte noch Fleisch von Schweinen in den Handel gelangen, die das verseuchte Futter auf dem Betrieb als Jungtiere gefressen haben. Denn wenn die Tiere noch wachsen und zunehmen, sinke dadurch wieder ihre Dioxin-Belastung, erklärte er. Liege sie dann zum Schlachttermin wieder unter dem Grenzwert, dürfte das Fleisch in den Handel kommen.

Eier von gesperrtem Betrieb kamen in den Handel

Bei Futterfetten der Firma Harles und Jentzsch war der Grenzwert für die Dioxin-Belastung extrem überschritten worden. Nach Angaben des Kieler Agrarministeriums war in manchen Proben knapp 77-mal so viel Dioxin enthalten wie erlaubt. Die Firma hat diverse Futtermittelhersteller beliefert, die das Fett weiterverarbeiteten. Auf diese Weise gelangte das Dioxin mutmaßlich in das Futter von Legehennen und Masttieren.

Derzeit sind noch 330 Betriebe in Niedersachsen gesperrt, sagte Ministeriumssprecher Hahne. Darunter seien 100 Schweinemäster und 50 Betriebe mit Legehennen. Der Rest der gesperrten Betriebe seien Geflügelmäster. Es könne noch Tage bis Wochen dauern, bis die Testergebnisse dieser Höfe vorliegen, sagte Hahne. Nach Angaben des Bundesverbraucherschutzministeriums waren am Dienstagabend zudem noch 136 Betriebe in Nordrhein-Westfalen sowie 13 in Sachsen-Anhalt gesperrt.

Dass auch Betriebssperren Verbraucher nicht gänzlich schützen können, zeigte sich in der Region Hannover. Dort sind in mehreren Supermärkten Eier eines wegen des Dioxin-Skandals vorsorglich gesperrten Hofes in den Handel gelangt. Ein Verbraucher habe sich am Montag mit einer entsprechenden Eierpackung an die Polizei und die Behörden gewandt, teilte der Kommunalverband Region Hannover mit. Der Abpacker aus dem Kreis Nienburg habe die Eier am Samstag zurückgerufen, dennoch seien Kontrolleure am Montag noch in mehreren Läden auf Packungen gestoßen. Die Eier stammen demnach von einem Betrieb aus dem Kreis Cloppenburg. Die zuständigen Veterinärämter wollen nun herausfinden, wie es zu der Panne kam. Das Landwirtschaftsministerium geht von einem Versehen aus.

"Das Tückische sind die chronischen Wirkungen"

Akute unmittelbare Folgen habe es nicht, wenn jemand einmalig oder gelegentlich dioxinbelastetes Schweinefleisch oder Eier esse, sagte Helmut Schafft vom Bundesinstitut für Risikobewertung. "Das Tückische sind die chronischen Wirkungen." Denn das hochgiftige Dioxin reichert sich im Körper an und kann Krebs verursachen.

Noch immer ist im Dioxin-Skandal eine zentrale Frage ungeklärt: Seit wann gelangte belastetes Fett in Futtermittel? Nach SPIEGEL-Informationen stellte Harles und Jentzsch bereits bei einem Test im März erhöhte Dioxin-Werte fest und meldete dies nicht.

Landeten also bereits seit Monaten verseuchte Futtermittel in den Trögen von Tieren?

Das Bundeslandwirtschaftsministerium verweist bei dieser Frage an das Landesministerium in Schleswig-Holstein. Dort würden die Untersuchungen geführt. In Kiel ist aber kein Sprecher für Fragen zu erreichen.

Die Kontrolle von Futter- und Lebensmitteln ist Ländersache. Das Ministerium in Niedersachsen, wo besonders viele Höfe gesperrt wurden, verweist darauf, dass bei Rückstellproben von Futtermitteln im vergangenen Jahr keine erhöhten Werte festgestellt wurden.

Ministerin Aigner lobt ihr eigenes Krisenmanagement

Die Verbraucherschutzorganisation Foodwatch fordert nun, die Kontrollen bei Futtermittelherstellern drastisch zu verschärfen. Die Unternehmen müssten verpflichtet werden, einzelne Zutaten regelmäßig auf Dioxin zu testen. "Wir werden wahrscheinlich in den kommenden Monaten den nächsten Dioxin-Skandal haben, weil wieder nicht das Nötige getan wird", sagte Foodwatch-Sprecher Martin Rücker. Auch die Oppositionsparteien kritisieren, Bundesverbraucherschutzministerin Ilse Aigner (CSU) kündige lediglich Konsequenzen an.

Die Ministerin selbst will in ihrem eigenen Krisenmanagement und dem der Länder keine Fehler erkennen. Im Bundestag sagte sie: "Ich schätze, dass wir das sehr gut gemacht haben."

mit Material von dpa

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Forum - Dioxin - müssen die Kontrollen verstärkt werden?
insgesamt 2787 Beiträge
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1. Natürlich nicht
SaT 04.01.2011
Stärkere Kontrollen könnten nämlich die Wirtschaftlichkeit der Nahrungsproduktion negativ beinträchtigen. Und Geld ist ja alles – auch wenn wir dabei zugrunde gehen. Zudem ist die Dioxinbelastung laut Medien nur für Kinder problematisch. Bei den wenigen Kinder die wir in Deutschland haben ist das ein vernachlässigbares Risiko.
2. Wertigkeit der Interessen
doubleq 04.01.2011
Da gibt es eine Meldung über einen Wecker, der im iPhone nicht funktioniert und daraus entstehen 14 Seiten im Forum. ein Thema wie die mit Dioxin verseuchten Futtermittel interessiert dagegen offensichtlich niemanden. Obgleich dieses Thema uns ALLE betrifft - die überwiegende Mehrheit der Verbraucher isst Eier oder Geflügel. Wie wichtig ist da ein Wecker im Handy???
3. Veröffentlichen nicht verschärfen
jocurt1 04.01.2011
Zitat von sysopDer Skandal um vergiftete Eier verunsichert die Deutschen. Doch wer trägt Schuld an der Verseuchung? Bei der Suche nach den Verantwortlichen schaltet sich jetzt die Politik ein: Der Bundestag soll sich mit dem Skandal beschäftigen. Müssen die Kontrollen verschärft werden?
wenn jeder Bürger nachlesen kann, wer da Ross und Reiter ist, erledigt sich das ganz schnell. ZZ gilt so was als Geschäftsgeheimnis und darf nicht offengelegt werden. Mit der Regel kann ich auch Kacke als Schokoladenaustausch verkaufen.
4. 2 Foren
mood 04.01.2011
Zitat von doubleqDa gibt es eine Meldung über einen Wecker, der im iPhone nicht funktioniert und daraus entstehen 14 Seiten im Forum. ein Thema wie die mit Dioxin verseuchten Futtermittel interessiert dagegen offensichtlich niemanden. Obgleich dieses Thema uns ALLE betrifft - die überwiegende Mehrheit der Verbraucher isst Eier oder Geflügel. Wie wichtig ist da ein Wecker im Handy???
Keine Panik; idiotischerweise ist das hier schon das zweite Forum (http://forum.spiegel.de/showthread.php?t=26838) Ist zwar vollkommener Quatsch bei einem Thema zwei Foren zu machen, aber es ist so...
5.
buktu1975 04.01.2011
Zitat von doubleqDa gibt es eine Meldung über einen Wecker, der im iPhone nicht funktioniert und daraus entstehen 14 Seiten im Forum. ein Thema wie die mit Dioxin verseuchten Futtermittel interessiert dagegen offensichtlich niemanden. Obgleich dieses Thema uns ALLE betrifft - die überwiegende Mehrheit der Verbraucher isst Eier oder Geflügel. Wie wichtig ist da ein Wecker im Handy???
Naja, ein paar Einträge gab es ja schon: http://forum.spiegel.de/showthread.php?t=26838 Und im übrigen scheint der Mensch in diesem Fall eher kurzfristig zu denken und ein Meister der Verdrängung zu sein,anders kann ich mir das nicht erklären: Verschlafen beim iPhone=zu spät zur Arbeit kommen=Ärger. Dioxin im Futter=schmeckt man nicht=wird man vielleicht krank von=ich bestimmt nicht, nur andere.
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Dioxine - Gefahr für Mensch und Tier
Was sind Dioxine?
Dioxine sind chemisch ähnlich aufgebaute Verbindungen, die aber unterschiedlich giftig sind. Der bekannteste Vertreter der Gruppe ist das als Seveso-Gift bekannt gewordene TCDD (2,3,7,8-Tetrachlordibenzodioxin). Im Tierversuch kann es schon in einer Konzentration von einem Millionstel Gramm pro Kilogramm Körpergewicht tödlich sein.
Wie entstehen sie?
Dioxin entsteht unerwünscht etwa bei Verbrennungsprozessen mit Chlor und organischem Kohlenstoff. Nach Angaben des Umweltbundesamts wird das Gift bei 300 Grad und mehr gebildet und bei 900 Grad und mehr zerstört. Auch bei chemischen Produktionsverfahren mit Chlor können die Stoffe entstehen, außerdem bei Waldbränden oder Vulkanausbrüchen.
Welche Gefahren gehen von Dioxinen aus?
Bereits geringe Konzentrationen können gefährlich sein. Als Langzeitwirkungen wurden etwa Störungen des Immunsystems, schwere Erkrankungen der Haut, der Atemwege, der Schilddrüse und des Verdauungstraktes festgestellt. In Tierversuchen wurden krebserregende Wirkungen nachgewiesen.

Die einmal in die Umwelt gelangten Gifte bauen sich nur sehr langsam ab und reichern sich deshalb auch im Gewebe von Tieren und Menschen an. 90 bis 95 Prozent der Belastung kommt über die Nahrung in den Körper - vor allem durch den Verzehr von Fleisch und Milchprodukten. Ein prominentes Opfer einer Dioxin-Vergiftung ist der ukrainische Politiker Wiktor Juschtschenko. Er hat einen Dioxin-Anschlag im Jahr 2004 nur knapp überlebt. (Quelle: dpa)
Fotostrecke
Dioxin im Futter: Verseuchte Lebensmittel?

Dioxin-Skandale
Dioxin-Skandale des vergangenen Jahrzehnts
Der wohl tragischste Dioxin-Skandal fand im Juli 1976 im italienischen Seveso statt. Bei einem Chemieunfall wurde hochgiftiges Dioxin freigesetzt. Zahlreiche Menschen erkrankten an Krebs, 200 an schwerer Chlorakne. In Deutschland ist ein Vorfall in diesem Ausmaß bislang nicht vorgekommen.
1999
Eine belgische Firma liefert verseuchtes Futter an Tausende Betriebe, darunter sind mehrere deutsche.
2003
Mehrere hundert Tonnen Backabfälle aus Thüringen weisen eine Dioxin-Belastung auf, die bis zu 18-mal höher ist als der zulässige Grenzwert.
2004
In Nordrhein-Westfalen werden mehrere Bauernhöfe gesperrt - wegen des Verdachts auf Dioxin im Tierfutter.
2006
Nch Belgien und den Niederlanden wird auch in Deutschland Dioxin im Tierfutter entdeckt. Betriebe in mehreren Bundesländern müssen schließen.
2010
Das Landesamt für Verbraucherschutz sperrt vorübergehend mehrere Öko-Geflügelhöfe. Belasteter Mais soll von einem niederländischen Unternehmen von Nordrhein-Westfalen aus in mehrere Bundesländer verkauft worden sein. Mehrere Supermärkte stoppen den Verkauf von Bio-Eiern.

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