Dioxin-Skandal: Verbraucherschützer raten zum Eierverzicht
Der neue Dioxin-Skandal verunsichert viele Verbraucher: Welche Eier, welches Fleisch kann man überhaupt noch essen? Welche Lebensmittel wirklich verseucht sind, wird wohl erst in einigen Tagen feststehen - doch wer einige einfache Regeln befolgt, kann sich schützen.
Hamburg - Der neue Dioxin-Skandal empört viele Konsumenten - und sorgt für Verunsicherung. Hunderte Tonnen belastetes Futter wurden an mehr als tausend Bauernhöfe geliefert, an Hühner, Puten und Schweine verfüttert. In mehreren Bundesländern haben die Behörden kurzerhand Höfe gesperrt, damit nicht noch mehr verseuchte Produkte in den Handel gelangen. "Der Verbraucherschutz geht vor", heißt es aus dem niedersächsischen Landwirtschaftsministerium.
Doch womöglich ist es schon längst zu spät. Verbraucherschützer sehen bereits jetzt Gefahren für Konsumenten.
"Noch ist völlig unklar, welche Produkte genau betroffen sind", sagt zwar Regina Aschmann von der Verbraucherzentrale Bremen. Listen mit Chargennummern oder Namen von Betrieben, die möglicherweise betroffen sind, gibt es bisher nicht. Untersuchungen zur Dioxin-Belastung dauern laut Aschmann einige Tage, Ergebnisse liegen demnach wohl erst in ein bis zwei Wochen vor. "Eine akute Gesundheitsgefahr besteht nicht", erklärt auch das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR).
Aus einem Schlachthof in Brandenburg könnte bereits belastetes Fleisch in den Handel gelangt sein. Dort wurden Anfang Dezember 63.100 Hähnchen verarbeitet, die von einem Hof in Sachsen-Anhalt stammen. Dort hätten die Tiere womöglich mit Dioxin belastetes Futter bekommen, sagte die Sprecherin des brandenburgischen Verbraucherschutzministeriums, Alrun Kaune-Nüßlein. Von 120 Tonnen Fleisch seien 90 Tonnen bereits als Frischfleisch auf den Markt gekommen. 30 Tonnen tiefgefrorenes Fleisch seien inzwischen gesperrt worden und würden auf Dioxin-Belastung hin untersucht.
Verbraucherschützer raten Konsumenten zur Vorsicht beim Einkauf. Nur so können sie sicherstellen, belastete Lebensmittel zu meiden. Vor allem Eier gelten jetzt als Problemfall. Durch den Stoffwechsel der Hühner könne Dioxin aus dem Futter recht schnell in die Eier gelangen, sagt Hedi Grunewald von der Verbraucherzentrale Niedersachsen.
Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) warnt zwar vor Panikreaktionen: Wenn ein Erwachsener ein mit Dioxin belastetes Ei esse, habe das keine direkten giftigen Folgen. Ein gesunder Erwachsener dürfe wie gewohnt Eiergerichte zu sich nehmen. Auch der tägliche Verzehr eines einzelnen Eis bleibe ungefährlich.
Doch andere Experten sind alarmiert. Ernährungsberaterin Aschmann rät Verbrauchern grundsätzlich zum Verzehr von maximal zwei bis drei Eiern pro Woche. "Wer wirklich vorsichtig ist, sollte bereits gekaufte Eier, die nicht aus Bioproduktion stammen, wegwerfen", sagt sie. Nur bei Bio-Eiern können sich Verbraucher demnach relativ sicher sein - denn bei den entsprechenden Hühnern werden keine der umstrittenen Fettsäuren ins Futter gemischt.
Weil jeder Mensch ein individuelles Immunsystem hat, gibt es laut Aschmann keine genaue Faustregel, wie viel Dioxin der menschliche Körper unbeschadet verträgt. Vorsicht ist laut der Verbraucherschützerin aber auf jeden Fall bei Kindern geboten. Denn durch ihr geringeres Körpergewicht ist die kritische Menge dessen, was sie an Giftstoffen aufnehmen können, schneller erreicht. Bei Erwachsenen erfolgt die Anreicherung im Körper nicht so schnell.
Auch bei Fleischprodukten raten Experten den Verbrauchern jetzt zur Zurückhaltung. Durch den Stoffwechsel lagert sich Dioxin nicht so schnell in Muskeln ab wie bei Eiern. "Ich glaube nicht, dass man besonders belastetes Fleisch bekommt", sagt Hedi Grunewald. Ernährungsberaterin Aschmann meint aber: Wer auf Nummer sicher gehen will, sollte Geflügelfleisch aus dem Tiefkühlregal erst einmal nicht essen. "Es ist keine Panik angebracht, aber auch kein Abwiegeln."
Eines aber steht fest: Sobald Tests eindeutig eine Belastung von Lebensmitteln ergeben, müssen die Behörden die Öffentlichkeit informieren, welche Hersteller, Händler und Chargennummern betroffen sind.
Die einmal in die Umwelt gelangten Gifte bauen sich nur sehr langsam ab und reichern sich deshalb auch im Gewebe von Tieren und Menschen an. 90 bis 95 Prozent der Belastung kommt über die Nahrung in den Körper - vor allem durch den Verzehr von Fleisch und Milchprodukten. Ein prominentes Opfer einer Dioxin-Vergiftung ist der ukrainische Politiker Wiktor Juschtschenko. Er hat einen Dioxin-Anschlag im Jahr 2004 nur knapp überlebt. (Quelle: dpa)
Die Staatsanwaltschaft Itzehoe hat an diesem Dienstag aus einem sogenannten "Vorprüfungsverfahren" nun ein Ermittlungsverfahren gegen Verantwortliche des Unternehmens eingeleitet. "Es besteht der Anfangsverdacht des Verstoßes gegen das Lebensmittel-, Futtermittel- und Bedarfsgegenstände-Gesetzbuch", sagte Oberstaatsanwalt Ralph Döpper SPIEGEL ONLINE. Konkret gehe es um "die Herstellung und das Inverkehrbringen von Futtermitteln, die die menschliche Gesundheit beeinträchtigen können". Das Landeskriminalamt Schleswig-Holstein und die Staatsanwaltschaft ermitteln demnach im "engen Kontakt" mit dem Landeslabor Schleswig-Holstein. Über den Zeitraum, in dem die Firma Harles & Jentzsch Reste aus der Biodieselherstellung und der Nahrungsmittelindustrie zu Viehfutter verarbeitet haben soll, wollte Oberstaatsanwalt Döpper keine Angaben machen.
Kritik an mangelnden Kontrollen
Verbraucherschützer fordern nun bessere staatliche Kontrollen und mehr Eigenkontrollen der Wirtschaft bei der Lebensmittelsicherheit. Es fehle aber in den Behörden an Personal, kritisiert der Bundesverband der Verbraucherzentrale (vzbv). Laut Verbraucherschutzindex 2010 gibt es bei der Kontrolldichte zwischen den Bundesländern gravierende Unterschiede: Während in Baden-Württemberg ein Kontrolleur für 1000 Betriebe zuständig ist, sind es in Niedersachsen zwölf. Die Verbraucherschützer fordern deshalb länderübergreifende Regelungen und speziell ausgebildetes Personal, das den Behörden angesichts des komplexen Lieferprozesses bei Futter- und Lebensmitteln Empfehlungen geben kann.
Doch auch die Verbraucher selbst müssten ihr Konsumverhalten kritisch hinterfragen, mahnt Aschmann. "Sie müssen mehr auf Qualität achten." Wenn die Futterindustrie billige Fette verwende, dann werde dies auch durch die Jagd auf Super-Sonderangebote gefördert. Konsumenten dürften eins nicht vergessen: "Gute Lebensmittel haben ihren Preis."
Mitarbeit: Julia Jüttner; mit Material von dpa
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