Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Dioxin-Skandal: Vergiftetes Vertrauen

Von

Wer ist schuld am Dioxin-Skandal? Die beteiligten Firmen schieben sich gegenseitig die Verantwortung zu, die Kontrollbehörden suchen den Fehler lieber in anderen Bundesländern. Leidtragende sind Verbraucher und Landwirte: Das Vertrauen in saubere Lebensmittel ist erschüttert.

Hamburg - Wie konnte mit Dioxin belastetes Futtermittel in den Handel gelangen? Diese Frage treibt Verbraucher und Behörden um. Die Verbraucherschutzministerien der betroffenen Bundesländer versprechen Transparenz. Doch bei sich selbst wollen die Kontrolleure in Schleswig-Holstein und Niedersachsen keine Nachlässigkeiten erkennen, und die betroffenen Firmen schieben sich gegenseitig die Schuld zu. Eine zentrale Stelle zur Überwachung bei Lebensmitteln und Futtermitteln gibt es in Deutschland nicht, das ist Sache der Länder. Sie sollen nun in Zusammenarbeit den Skandal aufklären.

Wo genaue das giftige Dioxin entstand, ist bisher ungeklärt. Doch offenbar verarbeitete der Futtermittelhersteller Harles & Jentzsch aus Uetersen in Schleswig-Holstein technische Fette, die nicht in die Nahrungskette gelangen dürfen. Das Verbraucherschutzministerium in Kiel verweist dennoch auf die Kollegen in Niedersachsen. Denn aus einer Biodiesel-Anlage in Emden habe Harles & Jentzsch Mischfettsäure für seine Futtermittel bezogen. Das Ministerium in Hannover wiederum sieht in Schleswig-Holstein Erklärungsbedarf. Denn unter die Kontrolle der dortigen Behörden falle ja die Futtermittelfirma aus Uetersen.

Die beiden beteiligten Firmen schieben sich ebenfalls gegenseitig die Verantwortung zu. Der Geschäftsführer von Harles & Jentzsch erklärte, das Dioxin stamme aus Fettsäure von einer Anlage der Firma Petrotec in Emden. Doch der Lieferant weist jede Schuld von sich: "Wir haben in sämtlichen Verträgen, Lieferscheinen und Rechnungen stets darauf hingewiesen, dass die Mischfettsäure aus Altspeisefett nicht für die Lebens- und Futtermittelindustrie, sondern ausschließlich zur technischen Verwendung bestimmt ist", teilte Petrotec mit. Die Firma sei "sehr betroffen, dass nun offensichtlich durch ein anderes Unternehmen unser Produkt missbräuchlich verwendet wurde".

"Wir werden als Vergifter dargestellt"

Bei Harles & Jentzsch herrsche Ausnahmezustand, sagte ein Mitarbeiter. "Wir haben Angst um unsere Zukunft, wer wird uns denn glauben, dass alles mit rechten Dingen zuging?" Die Firma existiere seit 30 Jahren. In dieser Zeit habe es "nie Probleme" gegeben. "Und nun werden wir als Vergifter dargestellt." Er selbst habe im Rahmen der Qualitätsanalyse am 23. Dezember ein Testergebnis bekommen. "Und da sah man sofort, dass der Dioxin-Wert viel zu hoch ist. Ich habe umgehend die Behörden informiert."

Laut "Focus Online" soll Petrotec über den niederländischen Zwischenhändler Olivet zwischen November und Dezember 2010 insgesamt sieben Chargen mit 25 bis 27 Tonnen an Harles & Jentzsch geliefert haben. Die Menge entspricht jeweils etwa einer LKW-Ladung.

Die Staatsanwaltschaft Itzehoe hat inzwischen ein Ermittlungsverfahren gegen Verantwortliche von Harles & Jentzsch eingeleitet. Es bestehe ein Anfangsverdacht auf Verstoß gegen das Lebensmittel-, Bedarfsgegenstände- und Futtermittel-Gesetz.

Der Geschäftsführer der Futtermittel-Firma gab sich indes zerknirscht. "Wir waren leichtfertig der irrigen Annahme, dass die Mischfettsäure, die bei der Herstellung von Biodiesel aus Palm-, Soja- und Rapsöl anfällt, für die Futtermittelherstellung geeignet ist", sagte Siegfried Sievert dem "Westfalen-Blatt".

Fotostrecke

6  Bilder
Dioxin im Futter: Verseuchte Lebensmittel?
Laut Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit wurde das belastete Futtermittel im November und Dezember ausgeliefert. Ein Sprecher des Verbraucherschutzministeriums in Schleswig-Holstein sagte, im vergangenen Jahr habe es lediglich im Juli eine Routinekontrolle bei Harles & Jentzsch gegeben. Bei den Stichproben habe es keine Auffälligkeiten gegeben. Auch aus der Kontrolle der Bücher habe sich kein Verdacht ergeben, dass die Firma unzulässige Mischfettsäure verwendet habe. Die behördliche Kontrolle sei aber als "Kontrolle der Eigenkontrolle" zu sehen. "Das Futtermittelrecht weist den Unternehmen große Eigenverantwortung zu", erklärte er.

Angesichts des neuen Skandals will Bundesverbraucherschutzministerin Ilse Aigner (CSU) zusammen mit den Ländern prüfen, ob die Zulassungsbedingungen für Rohstoff-Lieferanten verschärft werden sollen. "Es stellt sich die Frage, ob es nicht ein zu hohes Risiko darstellt, wenn Betriebe, die Bestandteile für Futtermittel liefern, gleichzeitig technische Produkte vertreiben, die unter keinen Umständen in Lebensmittel oder Futtermittel gelangen dürfen", sagte sie der "Berliner Zeitung". Es dürfe nicht sein, "dass auf einem Betriebsgelände womöglich ein Knopfdruck genügt, um durch das Öffnen eines falschen Ventils hochriskante Stoffe, die legal lagern, illegal in Futtermittel einzumischen".

Tests kosten die Landwirte Hunderte Euro

Die Konsequenzen aus dem Dioxin-Skandal müssen zunächst die betroffenen Landwirte und die Verbraucher tragen. Die Erzeuger, deren Höfe vorsorglich gesperrt wurden, müssen nun in staatlich anerkannten Laboren testen lassen, ob ihre Tiere belastet sind. Jeder Test kostet die Landwirte mehrere hundert Euro, sagte ein Sprecher des niedersächsischen Verbraucherschutzministeriums. Sollten die Tiere erhöhte Dioxin-Werte aufweisen, müssen die entsprechenden Kohorten getötet und die Kadaver vernichtet werden.

Der Deutsche Bauernverband hält einen Millionenschaden für möglich. "Wir reden über eine Sperrung von vielleicht einer Woche. Das tut weh. Das sind sehr schnell 10.000 oder 20.000 Euro Umsatz weniger in einem landwirtschaftlichen Betrieb", sagte Generalsekretär Helmut Born und forderte Schadensersatz. "Wer den Schaden verursacht, bezahlt ihn auch."

Dioxine - Gefahr für Mensch und Tier
Was sind Dioxine?
Dioxine sind chemisch ähnlich aufgebaute Verbindungen, die aber unterschiedlich giftig sind. Der bekannteste Vertreter der Gruppe ist das als Seveso-Gift bekannt gewordene TCDD (2,3,7,8-Tetrachlordibenzodioxin). Im Tierversuch kann es schon in einer Konzentration von einem Millionstel Gramm pro Kilogramm Körpergewicht tödlich sein.
Wie entstehen sie?
Dioxin entsteht unerwünscht etwa bei Verbrennungsprozessen mit Chlor und organischem Kohlenstoff. Nach Angaben des Umweltbundesamts wird das Gift bei 300 Grad und mehr gebildet und bei 900 Grad und mehr zerstört. Auch bei chemischen Produktionsverfahren mit Chlor können die Stoffe entstehen, außerdem bei Waldbränden oder Vulkanausbrüchen.
Welche Gefahren gehen von Dioxinen aus?
Bereits geringe Konzentrationen können gefährlich sein. Als Langzeitwirkungen wurden etwa Störungen des Immunsystems, schwere Erkrankungen der Haut, der Atemwege, der Schilddrüse und des Verdauungstraktes festgestellt. In Tierversuchen wurden krebserregende Wirkungen nachgewiesen.

Die einmal in die Umwelt gelangten Gifte bauen sich nur sehr langsam ab und reichern sich deshalb auch im Gewebe von Tieren und Menschen an. 90 bis 95 Prozent der Belastung kommt über die Nahrung in den Körper - vor allem durch den Verzehr von Fleisch und Milchprodukten. Ein prominentes Opfer einer Dioxin-Vergiftung ist der ukrainische Politiker Wiktor Juschtschenko. Er hat einen Dioxin-Anschlag im Jahr 2004 nur knapp überlebt. (Quelle: dpa)
Den Konsumenten raten Verbraucherschützer zu Vorsicht bei möglicherweise betroffenen Lebensmitteln. Potenziell mit Dioxin belastete Eier könnten Einkäufer am Erzeugercode erkennen, sagte Silke Schwartau von der Verbraucherzentrale Hamburg. Bei Eiern mit den Codes 2-DE-0350121 und 2-DE-0350372 liege der Dioxinwert über dem zugelassenen Grenzwert. Schwartau verwies dabei auf Erkenntnisse des Vereins für kontrollierte alternative Tierhaltungsformen (KAT) aus Bonn. Die Eier stammen nach dessen Angaben von zwei Betrieben in Niedersachsen.

Auch das Umweltministerium in Nordrhein-Westfalen veröffentlichte die Stempelnummer von möglicherweise belasteten Eiern. Auf Eier aus Deutschland ist der Buchstabencode "DE" gestempelt. Zudem hat jedes Bundesland eine bestimmte Kennziffer. Beim besonders betroffenen Bundesland Niedersachsen ist dies etwa die "03". Die anschließende Ziffer bezeichnet den Betrieb.

Niedersachsen kämpft um seinen Ruf als Geflügelland

Das Verbraucherschutzministerium in Niedersachsen hat eine Hotline eingerichtet und will in Kürze im Internet ebenfalls Erzeugercodes von möglicherweise belasteten Produkten veröffentlichen. Erste Tests bei Eier-Produzenten ergaben, dass bei 15 von 18 untersuchten Höfen die Dioxin-Menge in den Eiern unterhalb der erlaubten Höchstgrenze lag. In einem Betrieb sei bei Eiern der Grenzwert überschritten, in zwei anderen Beständen seien kritische Werte ermittelt worden, teilte das Agrarministerium mit.

Für Niedersachsen geht es auch darum, seinen Ruf als "Geflügelland" zu retten. Dort wird mehr als ein Drittel aller deutschen Eier produziert und beinahe die Hälfte des bundesweiten Umsatzes mit Geflügelfleisch gemacht. Umso besorgter sind die Erzeuger und Behörden angesichts des aktuellen Skandals. "Solche Vorgänge schädigen unseren Ruf enorm", sagte der Sprecher des Landwirtschaftsministeriums.

Mitarbeit: Julia Jüttner; mit Material von dpa und AFP

Diesen Artikel...
Forum - Dioxin - müssen die Kontrollen verstärkt werden?
insgesamt 2787 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Natürlich nicht
SaT 04.01.2011
Stärkere Kontrollen könnten nämlich die Wirtschaftlichkeit der Nahrungsproduktion negativ beinträchtigen. Und Geld ist ja alles – auch wenn wir dabei zugrunde gehen. Zudem ist die Dioxinbelastung laut Medien nur für Kinder problematisch. Bei den wenigen Kinder die wir in Deutschland haben ist das ein vernachlässigbares Risiko.
2. Wertigkeit der Interessen
doubleq 04.01.2011
Da gibt es eine Meldung über einen Wecker, der im iPhone nicht funktioniert und daraus entstehen 14 Seiten im Forum. ein Thema wie die mit Dioxin verseuchten Futtermittel interessiert dagegen offensichtlich niemanden. Obgleich dieses Thema uns ALLE betrifft - die überwiegende Mehrheit der Verbraucher isst Eier oder Geflügel. Wie wichtig ist da ein Wecker im Handy???
3. Veröffentlichen nicht verschärfen
jocurt1 04.01.2011
Zitat von sysopDer Skandal um vergiftete Eier verunsichert die Deutschen. Doch wer trägt Schuld an der Verseuchung? Bei der Suche nach den Verantwortlichen schaltet sich jetzt die Politik ein: Der Bundestag soll sich mit dem Skandal beschäftigen. Müssen die Kontrollen verschärft werden?
wenn jeder Bürger nachlesen kann, wer da Ross und Reiter ist, erledigt sich das ganz schnell. ZZ gilt so was als Geschäftsgeheimnis und darf nicht offengelegt werden. Mit der Regel kann ich auch Kacke als Schokoladenaustausch verkaufen.
4. 2 Foren
mood 04.01.2011
Zitat von doubleqDa gibt es eine Meldung über einen Wecker, der im iPhone nicht funktioniert und daraus entstehen 14 Seiten im Forum. ein Thema wie die mit Dioxin verseuchten Futtermittel interessiert dagegen offensichtlich niemanden. Obgleich dieses Thema uns ALLE betrifft - die überwiegende Mehrheit der Verbraucher isst Eier oder Geflügel. Wie wichtig ist da ein Wecker im Handy???
Keine Panik; idiotischerweise ist das hier schon das zweite Forum (http://forum.spiegel.de/showthread.php?t=26838) Ist zwar vollkommener Quatsch bei einem Thema zwei Foren zu machen, aber es ist so...
5.
buktu1975 04.01.2011
Zitat von doubleqDa gibt es eine Meldung über einen Wecker, der im iPhone nicht funktioniert und daraus entstehen 14 Seiten im Forum. ein Thema wie die mit Dioxin verseuchten Futtermittel interessiert dagegen offensichtlich niemanden. Obgleich dieses Thema uns ALLE betrifft - die überwiegende Mehrheit der Verbraucher isst Eier oder Geflügel. Wie wichtig ist da ein Wecker im Handy???
Naja, ein paar Einträge gab es ja schon: http://forum.spiegel.de/showthread.php?t=26838 Und im übrigen scheint der Mensch in diesem Fall eher kurzfristig zu denken und ein Meister der Verdrängung zu sein,anders kann ich mir das nicht erklären: Verschlafen beim iPhone=zu spät zur Arbeit kommen=Ärger. Dioxin im Futter=schmeckt man nicht=wird man vielleicht krank von=ich bestimmt nicht, nur andere.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Die Health-Claim-Verordnung der EU
Seit 2007 ist die "Verordnung über nährwert- und gesundheitsbezogene Angaben über Lebensmittel" der EU in Kraft. Hersteller von Lebensmitteln können seitdem Health-Claim-Anträge bei der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (Efsa) einreichen. Ziel der Verordnung: Jede Angabe auf einem Etikett über den gesundheitlichen Nutzen des Produkts muss durch wissenschaftliche Nachweise abgesichert sein. Diese werden von der Efsa überprüft.
Health Claims nach Artikel 13.1
"Kalzium ist gut für Ihre Knochen", oder "Omega-3-Fettsäuren senken den Cholesterinspiegel". Allgemeine Claims dieser Art gehören in die Kategorie 13.1. Ursprünglich waren mehr als 40.000 Anträge auf Claims dieser Art bei der Efsa eingegangen. Die EU-Behörde hat die Liste inzwischen auf 4186 reduziert. Wann die Positivliste der erlaubten Werbeaussagen fertiggestellt sein wird, ist noch nicht absehbar. Urprünglich sollte sie Ende Januar 2010 veröffentlicht werden. Doch bisher sind erst knapp tausend solcher Health-Claim-Anträge abgearbeitet. Grundsätzlich darf sich jeder Hersteller aus der Liste bedienen und sein Produkt mit den erlaubten Claims bewerben, sofern es bestimmte Nährwert-Anforderungen erfüllt. Diese wurden allerdings von der EU-Kommission noch nicht genau festgelegt.
Health Claims nach Artikel 13.5
"Actimel unterstützt das natürliche Abwehrsystem im Darm", oder "Activia hilft mit seiner speziellen Kultur regelmäßig das Darmwohlbefinden zu verbessern". Das sind gesundheitsbezogene Angaben im Hinblick auf "neue Wirkungen", wie es die Efsa formuliert. Gemeint sind damit individuelle Health Claims, die nur für ein bestimmtes Produkt gelten. Von dieser Sorte wurden bisher insgesamt 280 Anträge bei der Efsa eingereicht, 80 sind erst abgearbeitet, sechs wurden wieder zurückgezogen. Die Antragsteller müssen umfangreiche wissenschaftliche Nachweise vorlegen, die die gesundheitsbezogenen Angaben belegen.
Health Claims nach Artikel 14
"Verringert den Cholesterinspiegel", "senkt das Risiko für Herz-Kreislaufkrankheiten". Werbeaussagen dieser Art, also Angaben über die Reduzierung eines Krankheitsrisikos, fallen unter Artikel 14 der Health-Claim-Verordnung. Ebenso sind Angaben über die Gesundheit und Entwicklung von Kindern darunter definiert. Auch in diesen Fällen müssen die Antragsteller wissenschaftliche Nachweise erbringen, die diese Effekte belegen.
Was passiert, wenn ein Health Claim abgelehnt wurde?
Ohne eine Zulassung nach der Health-Claim-Verordnung darf eine gesundheitsbezogene Angabe für ein Lebensmittelprodukt nicht mehr verwendet werden, auch nicht in der Werbung. Die Behörden räumen den Herstellern jedoch eine Frist von sechs Monaten ein, innerhalb der sie die Werbeaussagen vollständig vom Markt nehmen müssen. Angaben über die Entwicklung und Gesundheit von Kindern müssen sofort aus dem Verkehr gezogen werden. Nur sofern vor dem 19. Januar 2008 ein Antrag auf Zulassung gestellt wurde, gilt für sie eine Übergangsregelung.


Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: