Drohende Prokon-Pleite Die Schuld der Anleger

75.000 Menschen bangen um ihr Geld, weil sie auf die Renditeversprechen des Ökounternehmens Prokon reingefallen sind. Schon fordern Verbraucherschützer und Politiker strengere Regeln. Dabei haben die betroffenen Anleger in erster Linie selbst Schuld.

Prokon-Werbung in der Hamburger U-Bahn: Seriös geht anders
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Prokon-Werbung in der Hamburger U-Bahn: Seriös geht anders

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Hohe Renditen einstreichen und dabei noch die Umwelt retten: Das war das Versprechen des Windkraftfinanzierers Prokon. Endlich, so schien es, ließ sich ein grünes Gewissen mit fetten Zinsen vereinbaren - und das Ganze mit minimalem Risiko, wie das Unternehmen warb. Für das ökologisch bewegte Bürgertum ging ein Traum in Erfüllung.

Das Angebot klang so toll, dass 75.000 Menschen ihr Geld in sogenannte Genussscheine investierten, im Schnitt legte jeder von ihnen 20.000 Euro an. Nun steht das Unternehmen vor der Pleite und die Anleger vor der Frage, wie sie bloß so naiv sein konnten.

Da war zum einen das absurd hohe Renditeversprechen: In Zeiten, in denen es auf das Tagesgeldkonto kaum ein Prozent Zinsen gab, warb Prokon mit nahezu risikolosen Renditen bis zu acht Prozent. Jeder, der sich schon mal ansatzweise mit Geldanlage beschäftigt hat, hätte da stutzig werden müssen. Denn höhere Zinsen bedeuten immer auch ein höheres Risiko. Alles andere ist Unsinn.

Doch so genau wollten es die Prokon-Anleger offenbar gar nicht wissen. Sonst hätten sie vielleicht etwas ausführlichere Informationen verlangt - etwa zu der Frage, wie sicher ihr Geld bei Genussscheinen wirklich ist oder wie Prokon es schaffen wollte, seinen Anlegern so hohe Zinsen zu zahlen. Hinterfragt haben das die Wenigsten. Mit ihrer Geldanlage befassen sich viele Deutsche eben immer noch deutlich oberflächlicher als mit dem Kauf einer neuen Digitalkamera.

Und dann war da noch dieses aufdringliche Marketing: In der U-Bahn, zwischen Pfandhausplakaten und Aufrufen zu Medikamentenstudien priesen die Prokon-Macher ihr Produkt an. Seriös geht anders.

Gier frisst Hirn

Muss man Anleger also vor ihrer eigenen Dummheit schützen, wie Politiker und Verbraucherschützer nun fordern? Wo der Verbraucher überfordert sei, müsse der Staat eingreifen, meint etwa der neue Bundesminister Heiko Maas.

Das ist keineswegs logisch. Ein bisschen Verantwortung sollte man den Bürgern auch bei der Geldanlage noch zumuten. Klar ist: Unternehmen dürfen nicht betrügen. Aber ob Prokon das getan hat, ist bislang noch völlig offen. Sicher, man könnte Firmen wie Prokon, die im sogenannten Grauen Kapitalmarkt ihr Geld einsammeln, mehr Transparenz vorschreiben. Aber mal ehrlich: Selbst wenn Prokon ausführlichere Informationen zu seinen Geschäften bereitgestellt hätte - wer hätte sich die Papiere durchgelesen? Wer liest die stapeldicken Unterlagen, die er nach jedem Beratungsgespräch von seiner Bank bekommt?

Die Fadenscheinigkeit der Prokon-Versprechen war mit Händen zu greifen - und seit Monaten Thema in unzähligen Medienberichten. Vieles spricht dafür, dass die meisten Prokon-Anleger ziemlich sorglos den hohen Zinsen hinterhergerannt sind. Oder leiht man sonst jemanden 20.000 Euro, der einen in der U-Bahn anschnorrt?

Gier frisst Hirn. Solche Fälle gibt es immer wieder. Manchmal steckt Betrug dahinter, wie beim Phoenix Kapitaldienst in den neunziger Jahren oder in den Achtzigern beim Hamburger Hochstapler Jürgen Harksen, der seinen Kunden Renditen von 1300 Prozent versprach. Oft genug gehen die Anleger auf der Suche nach höherer Rendite aber auch einfach ein höheres Risiko ein - und das heißt nun mal, dass das Investment auch schiefgehen kann. Davor kann und muss der Staat niemanden schützen.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
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Seite 1
sag-geschwind 14.01.2014
1. Warum soll eigentlich
.. jeder an diesem Casino mitmachen, das nur Spezialisten durchschauen können? Wer nicht mitmacht, bekommt zurzeit die Inflation recht deutlich um die Ohren gehauen. Die Aktienwerte steigen auf absurde Höhen. Wenn die Leute da wieder rausgehen können, ohne dass es knallt, haben wir so mal eben die Geldmenge verdoppelt. Ich denke Spekulation ist zurecht schlecht angesehen. Wenn ganze Völker mit ihrem Geld spekulieren und Rendite erwarten, muss das von ein paar verbliebenen armen Schw... erwirtschaftet werden, nur um gleich als Rendite anderer Leute abgezogen zu werden. Das ist einfach nur Krank. An der Spekuliererei verdient der am besten, der sich gut auskennt und Manipulationsmacht hat. Also ist das ganze eigentlich nur ein getarntes Umverteilungs-Spiel, bei dem immer die Bank gewinnt. Bis nix mer da ist. Bis die Schulden jede Grenze sprengen. Warum machen Staten da mit - warum drängt Deutschland seine Bürger in dieses Casino, indem es die umlagefinanzierte Rente zerstört wurde, damit jeder "privat" sein Glück im Casino suchen muss?! Es wäre Aufgabe des Staates seine Bürger zu schützen und ein Leben ohne Selbstzerstörung im Casino zu fördern.
hubertrudnick1 14.01.2014
2. Wer trägt die Schuld?
Zitat von sysopDPA75.000 Menschen bangen um ihr Geld, weil sie auf die Renditeversprechen des Ökounternehmens Prokon reingefallen sind. Schon fordern Verbraucherschützer und Politiker strengere Regeln. Dabei haben die betroffenen Anleger in erster Linie selbst Schuld. Drohende Pleite von Prokon: Die Schuld der Anleger - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wirtschaft/service/drohende-pleite-von-prokon-die-schuld-der-anleger-a-943499.html)
Warum wird hier ständig über solche Unternehmen gejammert und geschimpft, jeder Deutsche müsste doch mit der Zeit gelernt haben, dass Werbung nur eine Lüge ist und Anlagevertreter noch eines darauf legen, dass ist der gewöhnliche Kapitalismus und den gibt es nicht erst seit Deutschland die Energiewende beschlossen hat. Der Bürger fällt immer wieder auf die Werbeversprechen herein, denn sonst wären ja all die Werbefachleute arbeitslos, sie machen eine ausgezeichneten Job, der Bürger will immer wieder von neuem betrogen werden. Somit bleibt das Geld ständig im Umlauf, es wechselt nur den Besitzer.
iStone 14.01.2014
3. Man beleidigt also die Prokon-Anleger auch noch?
Kann schon sein, dass einige aus Gier angelegt haben (v.a. seit es die Werbung gibt, ca. 1 Jahr). Viele aber auch, weil sie in der Tat ihr Geld sinnvoll in grüne Energie o.ä. stecken wollten. Ich finde das eine ziemliche Beleidigung hier, den Prokonanlegern "Gier frisst Hirn" vorzuwerfen, zumal auch anderswo mit 8% und mehr geworben wird. Übrigens hat SPON selbst für einige Werbung gemacht inkl. Prokon. Das darf man auch, aber so pauschale Verunglimpfungen wie hier müssen nicht sein.
Erda 14.01.2014
4. Auf den Punkt gebracht.
Herr Kaiser trifft des Pudels Kern. Wenn ich Genussscheine zeichne und keine Bankgarantie fuer meine versprochene Rendite von 8% p.a. erhalte, Finger weg. Jeder Anleger muss wissen ein Unternehmen, dass keine Kreditmittel von Banken erhaelt und sich ueber den grauen Kapitalmarkt finanziert ist mit keiner ausreichenden Kapitalbasis ausgestattet.
les2005 14.01.2014
5. Leider vollkommen wahr
Vielleicht sollte man an der Schulbildung ansetzen, damit der Durchschnittsdeutsche wenigstens ETWAS Verständnis für wirtschaftliche Zusammenhänge hat. Aber eigentlich hätte etwas gesunder Menschenverstand gereicht, und den gibts leider nicht in der Schule: Wenn etwas zu gut klingt, um wahr zu sein, dann ist es das meistens auch. In diesem Fall: Warum sollte Prokon 8 Prozent Zins zahlen, wenn die Sache todsicher ist? Dann gäbe es genug Kapitalgeber, die auch mit 5-6 Prozent zufrieden wären. Oder: wenn ich nicht verstehe, was ich tue, dann sollte ich es vielleicht besser nicht tun, jedenfalls nicht mein Geld dafür hernehmen. Wußten die Anleger alle, was ein Genußschein überhaupt ist? Hatten sie sich mit den Finanzen von Prokon auseinandergesetzt? Offensichtlich nicht, denn es gibt keine testierten Ergebnisse wie man lesen konnte. Einer Firma ohne jegliche Sicherheit Geld zu leihen (denn genau das bedeutet Genußschein), die ich nicht mal kenne oder analysieren kann - dazu gehört schon eine gehörige Portion Naivität. Und die kostet leider meistens Geld.
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