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02. August 2018, 16:55 Uhr

Ein Anruf bei der deutschen Kartoffel

"Muss wieder mehr Stärke zeigen"

Ein Gespräch mit einer besorgten Kulturpflanze von

Die deutsche Kartoffel steckt in der Krise: immer öfter verschmäht und sogar verspottet, verdrängt durch Ausländisches wie Couscous und Quinoa. Und nun schlägt noch die Dürre zu. Wie fühlt sich die Knolle?

Es ist - man muss das in dieser Deutlichkeit feststellen - ein Schmerzenssommer für die deutsche Kartoffel. Der in den vier Jahrhunderten seit ihrer Einwanderung an die in Deutschland herrschenden Verhältnisse angepassten Knolle setzen die sonst nur in südlicheren Gefilden übliche monatelange Trockenheit und erbarmungslose Sonnenstrahlung zu. Die Lage ist dramatisch: 40 Prozent weniger Kartoffeln soll es in diesem Jahr geben, zudem ungewöhnlich kleine.

Doch das ist nur der vorläufige Höhepunkt einer schon seit längerem anhaltenden Entwicklung: Die Dominanz der Kartoffel auf deutschen Tellern ist in Gefahr. Noch ist sie zwar mit Abstand die häufigste Beilage. Nudeln und Reis machen ihr den Spitzenplatz nicht streitig, auch sie sind inzwischen in Deutschland heimisch geworden. Eine Koexistenz mit der Kartoffel scheint also möglich. In den vergangenen Jahren überwanden jedoch weitere Beilagen die Grenzen - massenhaft, unkontrolliert, durchweg aus weit entfernten und fremden Regionen: Couscous und Bulgur, Quinoa und Amaranth.

Kein Zweifel: Die deutsche Kartoffel ist in einer ernsten Krise. Es gibt allen Grund zur Sorge, auch zur Wut. Ein Anruf bei einer deutschen Kulturpflanze in Not.

SPIEGEL ONLINE: Wo erwischen wir Sie?

Kartoffel: Auf der Couch.

SPIEGEL ONLINE: Der Sommer 2018 ist extrem warm - und er ist sehr trocken. Kartoffelbauern warnen vor Qualitätsproblemen und drohenden Engpässen. Experten sprechen von einer "dramatischen Lage". Pommes könnten kürzer werden, Pommes könnten teurer werden. Wie schlimm steht es wirklich?

Kartoffel: Das eigentliche Opfer ist weder der Konsument noch die Industrie - das eigentliche Opfer bin ich. Das Schlimmste ist: Dieser Prozess hat sich über Jahrzehnte abgezeichnet. Das Klima in diesem Land hat sich spürbar verändert. Mittlerweile fühle ich mich fremd in meiner eigenen Erde.

SPIEGEL ONLINE: Ist die deutsche Kartoffel am Ende der große Verlierer des Klimawandels?

Kartoffel: Moment! Weder sehe ich mich als Verlierer, noch werde ich diesen Umschwung so einfach hinnehmen. Unter meiner Schale stecken immer noch irrsinnig viele Vitamine, direkt unter meiner Schale. Irgendwann kommt der Augenblick, in dem man aus der Folie schlüpfen und seine Stärke zeigen muss - sonst werden wir Kartoffeln doch immer mehr an relativer Bedeutung verlieren.

SPIEGEL ONLINE: Nur zum Verständnis, reden wir noch über die mehrwöchige Dürre, über die Trockenheit und die drohende Missernte?

Kartoffel: Ich spreche ganz grundsätzlich über die Hierarchie der Beilagen, die sich komplett verschoben hat. Auch über das ganze Low-Carb-Gefasel, das heute den Ernährungsmainstream dominiert. Ich habe Generationen mit Kohlenhydraten und wertvollen Eiweißen und Ballaststoffen versorgt. Es war sicher nicht alles schlecht.

SPIEGEL ONLINE: Daraus allein lässt sich doch kein Anspruch auf ein Vorrecht auf deutschen Tellern begründen. Zumal die Bevölkerung pro Kopf und Jahr noch immer rund zehnmal mehr Kartoffeln verzehrt als beispielweise Nudeln oder Reis. Wie kann man sich da benachteiligt fühlen?

Kartoffel: Vor zehn oder 20 Jahren war ich aber noch dominanter. Bulgur? Was genau soll das sein? Oder Quinoa. Braucht niemand! Ich mag nicht, dass sich ständig alles verändert. Klar, jetzt kommen sofort wieder die Stimmen, die sagen, so spreche nur jemand, der seit Jahrhunderten im braunen deutschen Humusboden sitze, der immer nur Kontakt zu den dümmsten Bauern hatte. Aber ich frage Sie: Sollen jetzt alle nur noch Brokkoli essen? Der Sonne ist das egal.

SPIEGEL ONLINE: Genau genommen sind Sie doch selbst erst im 16. Jahrhundert aus Südamerika nach Europa eingewandert. Und erst der "Alte Fritz" hat sie im 18. Jahrhundert schließlich per Dekret nach einer Hungersnot zur liebsten Knolle der Deutschen befördert. Im Gegenteil: Die Leute hier mochten Sie zunächst ganz und gar nicht.

Kartoffel: Entscheidend ist: Früher hatten wir 'nen König!

SPIEGEL ONLINE: Nein. Der Punkt ist, Sie waren auch nicht immer schon da. Sie haben ebenfalls eine Migrationsgeschichte. Eine sehr gelungene sogar.

Kartoffel: Die sollen einfach alle runter von meinem Teller! In mir keimt noch immer die Hoffnung, dass eines Tages ein großer Sturm aufzieht, dass ein gewaltiger Regen losbricht und ich dann zu einstiger Größe emporwachse. Dass dann alles wieder mehr Kloß und weniger Gratin ist.

SPIEGEL ONLINE: Stört es Sie eigentlich, wenn man Sie "Kartoffel" nennt?

Kartoffel: Ich verstehe die Frage nicht.

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