Ein Anruf bei der deutschen Kartoffel "Muss wieder mehr Stärke zeigen"

Die deutsche Kartoffel steckt in der Krise: immer öfter verschmäht und sogar verspottet, verdrängt durch Ausländisches wie Couscous und Quinoa. Und nun schlägt noch die Dürre zu. Wie fühlt sich die Knolle?

Getty Images

Ein Gespräch mit einer besorgten Kulturpflanze von


Es ist - man muss das in dieser Deutlichkeit feststellen - ein Schmerzenssommer für die deutsche Kartoffel. Der in den vier Jahrhunderten seit ihrer Einwanderung an die in Deutschland herrschenden Verhältnisse angepassten Knolle setzen die sonst nur in südlicheren Gefilden übliche monatelange Trockenheit und erbarmungslose Sonnenstrahlung zu. Die Lage ist dramatisch: 40 Prozent weniger Kartoffeln soll es in diesem Jahr geben, zudem ungewöhnlich kleine.

Doch das ist nur der vorläufige Höhepunkt einer schon seit längerem anhaltenden Entwicklung: Die Dominanz der Kartoffel auf deutschen Tellern ist in Gefahr. Noch ist sie zwar mit Abstand die häufigste Beilage. Nudeln und Reis machen ihr den Spitzenplatz nicht streitig, auch sie sind inzwischen in Deutschland heimisch geworden. Eine Koexistenz mit der Kartoffel scheint also möglich. In den vergangenen Jahren überwanden jedoch weitere Beilagen die Grenzen - massenhaft, unkontrolliert, durchweg aus weit entfernten und fremden Regionen: Couscous und Bulgur, Quinoa und Amaranth.

Kein Zweifel: Die deutsche Kartoffel ist in einer ernsten Krise. Es gibt allen Grund zur Sorge, auch zur Wut. Ein Anruf bei einer deutschen Kulturpflanze in Not.

SPIEGEL ONLINE: Wo erwischen wir Sie?

Kartoffel: Auf der Couch.

SPIEGEL ONLINE: Der Sommer 2018 ist extrem warm - und er ist sehr trocken. Kartoffelbauern warnen vor Qualitätsproblemen und drohenden Engpässen. Experten sprechen von einer "dramatischen Lage". Pommes könnten kürzer werden, Pommes könnten teurer werden. Wie schlimm steht es wirklich?

Zur Person
  • Getty Images/Westend61
    Die Kartoffel ist rund 400 Jahre nach ihrer Einwanderung Marktführer im deutschen Beilagensektor und ist bekannt für ihre Stärke. Sie wird in der Bundesrepublik auf etwa 250.000 Hektar Fläche angebaut - das entspricht annähernd der Fläche des Saarlands. 57,9 Kilogramm verspeiste jeder und jede Deutsche im vergangenen Jahr im Schnitt. Der Trend ist allerdings rückläufig: 1950 lag der Pro-Kopf-Verbrauch noch bei fast 200 Kilogramm.

Kartoffel: Das eigentliche Opfer ist weder der Konsument noch die Industrie - das eigentliche Opfer bin ich. Das Schlimmste ist: Dieser Prozess hat sich über Jahrzehnte abgezeichnet. Das Klima in diesem Land hat sich spürbar verändert. Mittlerweile fühle ich mich fremd in meiner eigenen Erde.

SPIEGEL ONLINE: Ist die deutsche Kartoffel am Ende der große Verlierer des Klimawandels?

Kartoffel: Moment! Weder sehe ich mich als Verlierer, noch werde ich diesen Umschwung so einfach hinnehmen. Unter meiner Schale stecken immer noch irrsinnig viele Vitamine, direkt unter meiner Schale. Irgendwann kommt der Augenblick, in dem man aus der Folie schlüpfen und seine Stärke zeigen muss - sonst werden wir Kartoffeln doch immer mehr an relativer Bedeutung verlieren.

SPIEGEL ONLINE: Nur zum Verständnis, reden wir noch über die mehrwöchige Dürre, über die Trockenheit und die drohende Missernte?

Kartoffel: Ich spreche ganz grundsätzlich über die Hierarchie der Beilagen, die sich komplett verschoben hat. Auch über das ganze Low-Carb-Gefasel, das heute den Ernährungsmainstream dominiert. Ich habe Generationen mit Kohlenhydraten und wertvollen Eiweißen und Ballaststoffen versorgt. Es war sicher nicht alles schlecht.

SPIEGEL ONLINE: Daraus allein lässt sich doch kein Anspruch auf ein Vorrecht auf deutschen Tellern begründen. Zumal die Bevölkerung pro Kopf und Jahr noch immer rund zehnmal mehr Kartoffeln verzehrt als beispielweise Nudeln oder Reis. Wie kann man sich da benachteiligt fühlen?

Kartoffel: Vor zehn oder 20 Jahren war ich aber noch dominanter. Bulgur? Was genau soll das sein? Oder Quinoa. Braucht niemand! Ich mag nicht, dass sich ständig alles verändert. Klar, jetzt kommen sofort wieder die Stimmen, die sagen, so spreche nur jemand, der seit Jahrhunderten im braunen deutschen Humusboden sitze, der immer nur Kontakt zu den dümmsten Bauern hatte. Aber ich frage Sie: Sollen jetzt alle nur noch Brokkoli essen? Der Sonne ist das egal.

SPIEGEL ONLINE: Genau genommen sind Sie doch selbst erst im 16. Jahrhundert aus Südamerika nach Europa eingewandert. Und erst der "Alte Fritz" hat sie im 18. Jahrhundert schließlich per Dekret nach einer Hungersnot zur liebsten Knolle der Deutschen befördert. Im Gegenteil: Die Leute hier mochten Sie zunächst ganz und gar nicht.

Kartoffel: Entscheidend ist: Früher hatten wir 'nen König!

SPIEGEL ONLINE: Nein. Der Punkt ist, Sie waren auch nicht immer schon da. Sie haben ebenfalls eine Migrationsgeschichte. Eine sehr gelungene sogar.

Kartoffel: Die sollen einfach alle runter von meinem Teller! In mir keimt noch immer die Hoffnung, dass eines Tages ein großer Sturm aufzieht, dass ein gewaltiger Regen losbricht und ich dann zu einstiger Größe emporwachse. Dass dann alles wieder mehr Kloß und weniger Gratin ist.

SPIEGEL ONLINE: Stört es Sie eigentlich, wenn man Sie "Kartoffel" nennt?

Kartoffel: Ich verstehe die Frage nicht.



insgesamt 17 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
dasfred 02.08.2018
1. Ich wusste es, sie ist eine Diva
Die Kartoffeln sind schon lange weg von der reinen Sättigungsbeilage, die man im Herbst zentnerweise einkellerte. Die Vielfalt ist heute unüberschaubar. Nur nach fest-, halbfest- und mehligkochend zu unterscheiden reicht heute nicht mehr. Es gibt sehr leckere Kartoffeln, für die ich Fleisch, Gemüse und ähnliches liegen lasse, aber auch Sorten, die ein Rezept ruinieren können. Damit wird der Kartoffelkauf oft zum Glückspiel. Für den Herbst stelle ich mich erstmal auf massive Preiserhöhungen ein.
uzsjgb 02.08.2018
2. Ausländisch
Die Kartoffel ist doch genau so ausländisch, wie es Quinoa oder Couscous sind.
lachina 02.08.2018
3.
"Die Dominanz der Kartoffel auf deutschen Tellern ist in Gefahr. Noch ist sie zwar mit Abstand die häufigste Beilage. Nudeln und Reis machen ihr den Spitzenplatz nicht streitig, auch sie sind inzwischen in Deutschland heimisch geworden. " Dominanz der Kartoffel? Das gilt doch nur für den nördlichen Teil Deutschlands. Erzählen Sie sowas einem Schwaben.... Und liebe Kinder: Kartoffel ist der Rohstoff, aus dem Mäces die Pommes macht.
muellerthomas 02.08.2018
4.
"Unter meiner Schale stecken immer noch irrsinnig viele Vitamine, direkt unter meiner Schale." Da kennt die Kartoffel sich selbst aber schlecht: "Während die Vitamine gleichmäßig in der Knolle verteilt sind, sitzen diese Giftstoffe vor allem in der Schale, werden aber beim Kochen ausgewaschen. " https://www.zeit.de/2016/46/kartoffeln-schale-naehrstoffe-schaelen-stimmts
Referendumm 02.08.2018
5. Ganz witzig
Ganz witzig geschrieben, nur hätte man auch etwas tiefer ins Thema eintauchen können / sollen. Es gibt den Spruch: Es gibt etwa 40 Zubereitungsarten für die Kartoffel - die schlechteste davon sind Fritten! Abgesehen von selbstgemachten, ist der Rest doch unter aller Kanone. Totlachen könnte ich mich über die "Experten", welche intensiv diskutieren, ob die Pommes von McDoof oder der anderen Burgerkette besser seien. Fakt ist: Beide sind was für die Mülltonne. Stichwort: Die Macht von Europlant, Norika, Saka und Co. Es gibt nur noch drei große deutsche Zuchtunternehmen, deren Hauptanliegen die Zucht von Kartoffeln für Industriehersteller von Chips und Fritten ist - den Rest juckt keinen, aber die halten die Hand auf ihren Zuchtergebnissen und bekämpfen alles und jeden, der selber Kartoffeln züchten will. Wir hatten aus erster Hand mal traumhaft schmeckende Kartoffeln von eines dieser Züchter bekommen - vom Geschmack her das beste, was wir seit Jahrzehnten gegessen hatten. Wir fragten nach, welche Sorte das gewesen ist. Resultat: Der Chefbiologe zuckte nur entschuldigend mit den Schultern und meinte, hätte er vergessen, da diese Sorte für Chips & Co. nicht geeignet wäre. Im Supermarkt gibt es - falls nicht vom Bauern um die Ecke - meist nichts schmeckende Knollen. Die kann man im Prinzip gleich wegschmeißen und nicht erst durch Magen und Verdauungstrakt jagen. Und was die im Artikel erwähnten "Alternativen" sein sollen - nie von gehört! P.S.: Schon mal was von den kanarischen Kartoffeln Papas Arrugadas gehört? Wachsen auch in heißer Umgebung bei wenig Wasser und schmecken sehr gut. Aber wetten, Europlant, Norika, Saka und Co. würden auch die totzüchten, sollten die sich in ganz EU vermehren.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.