Neue Erkenntnisse zur Epidemie 2011: Der Ehec-Skandal, der nie aufgeklärt wurde
Hat die Bundesregierung die Öffentlichkeit im Ehec-Skandal 2011 getäuscht? Nachdem mehr als 3800 Menschen am Darmkeim Ehec erkrankt waren, präsentierten die Behörden den angeblichen Verursacher. In Wirklichkeit aber wurden laut Foodwatch nur ein Zehntel der Fälle auf ihn zurückgeführt.
Hamburg - Lebensmittelskandale in Deutschland folgen einem Muster: Erst wird über Umwege bekannt, dass ein Lebensmittel eklig (Dioxin in Futtermittel), falsch deklariert (Pferdefleisch) oder gar gesundheitsschädlich (Ehec) ist. Die Medien greifen das Thema als "Skandal" auf und die Behörden beginnen aufzuklären. Das läuft in der Regel weder pannenfrei ab, noch geht es sonderlich schnell. Wenn die Schuldigen ausgemacht und die Strafen in die Wege geleitet sind, dann loben sich alle für die schnelle Aufklärung, verabschieden einen Aktionsplan oder einen Gesetzentwurf. Wenige Wochen später haben Verbraucher und Medien vergessen, was eigentlich los war.
Bei der verheerenden Ehec-Infektion vor gut zwei Jahren war das ähnlich: Im Mai 2011 tauchte der Erreger wie aus dem Nichts auf. Die Symptome: Bauchschmerzen, Übelkeit, schwerer Durchfall, manche Patienten erlitten bleibende Nierenschäden, 53 Menschen starben an den Folgen der Infektion.
Insgesamt 3842 Menschen hatten sich mit dem Darmkeim Ehec angesteckt, 855 davon entwickelten das sogenannte hämolytisch-urämische Syndrom (HUS), eine lebensgefährliche Komplikation. Fieberhaft suchten die Behörden damals nach der Herkunft des Keims und den Weg der Ansteckung und setzten am 5. Juni eine eigens gegründete Ehec-Task-Force ein.
Als Erstes ließen die Behörden spanische Gurken aus dem Verkehr ziehen - der Verdacht stellte sich allerdings später als falsch heraus, den spanischen Produzenten kostete die Falschmeldung fast die Existenz. Zehn Tage später stieß die Task-Force auf eine vielversprechende Spur: Viele der Erkrankten hatten rohe Sprossen verzehrt, und die stammten allesamt von einem kleinen Gartenbaubetrieb im niedersächsischen Bienenbüttel. Der Biohof hatte Sprossen aus ägyptischen Bockshornkleesamen gezogen und verkauft - und soll damit den Ehec-Keim verbreitet haben. Auch ein Ehec-Fall in Frankreich konnte auf die ägyptischen Samen zurückgeführt werden.
"Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit"
Der Sprossenbetrieb wurde stillgelegt, die Ehec-Welle ebbte ab und die beiden zuständigen Minister Daniel Bahr (Gesundheit, FDP) und Ilse Aigner (Verbraucherschutz, CSU) verkündeten, dass sie die Infektionsquelle "mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit" gefunden hatten. Die Krise war bewältigt, eine neue Verordnung wurde auch verabschiedet und die Beteiligten klopften sich für die gute Arbeit auf die Schultern.
Allein, die Meldung war offenbar falsch.
Die Verbraucherorganisation Foodwatch, die sich während des Ehec-Ausbruchs mit Bewertungen zurückhielt, recherchierte nach dem offiziellen Ende der Epidemie weiter. Im Mai 2012 legte sie den kaum beachteten Bericht "Im Bockshorn" vor, in dem die Rechercheure auf die vielen Ungereimtheiten in der offiziellen Version von Ablauf und Aufklärung der Ehec-Krise hinwiesen. So ist den Behörden der Nachweis von Ehec weder in den ägyptischen Samen gelungen, noch konnten sie den Keim in dem niedersächsischen Betrieb finden. Keine der Thesen über den Ursprung des Ehec-Ausbruchs konnten sie beweisen.
"Die Anzahl der Erkrankten müsste deutlich höher sein"
Foodwatch bemühte sich um Akteneinsicht bei den zuständigen Behörden: dem Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) und später auch beim Robert Koch-Institut (RKI), das die Ehec-Task-Force von wissenschaftlicher Seite begleitete. Ein Jahr, nachdem Foodwatch seinen ersten Bericht vorlegte, räumte das Institut ein, dass bis heute nur 350 der insgesamt 3842 Ehec-Erkrankungen erklärt werden können: "Da die Gesamtzahl aber deutlich höher war, ergibt sich, dass die Mehrzahl der Erkrankten nicht mit einem der Task-Force Ehec bekannten Ausbruchscluster in Verbindung steht und/oder dass die Anzahl der Erkrankten pro Cluster deutlich höher sein müsste als dem RKI beziehungsweise der Task-Force Ehec bekannt."
Als "Cluster" bezeichnet das RKI die insgesamt 41 Orte bundesweit, an denen sich mehrere Menschen mit Ehec infizierten, zum Beispiel in Restaurants oder Kantinen. Die RKI-Antwort an Foodwatch bedeutet also, dass nur zehn Prozent der Erkrankungen überhaupt weiterverfolgt und diesen Orten zugeordnet wurden. Wie viele Fälle überhaupt mit dem Betrieb in Bienenbüttel in Verbindung gebracht werden können, ist bis heute völlig unklar.
Zwar hatten die Ministerien für Verbraucherschutz und Gesundheit mitgeteilt, dass die Behörden durch "zielführende Befragungen von Patienten" auf die Spur zu den Sprossen gelangt seien. Das RKI räumt jetzt allerdings ein, es sei ihm "nicht möglich, für die einzelnen übermittelten Fälle eine Verbindung zum Sprossenproduzenten herzustellen, da die Informationen zum Sprossenverzehr nicht in den Meldedaten übermittelt wurden, beziehungsweise nicht jeder Fall befragt wurde." Grundsätzlich sei es unrealistisch, erklärte das RKI SPIEGEL ONLINE, in einer Epidemie die Verbindung jedes einzelnen Falls zum Ursprungsort der Ansteckung aufzuzeigen. Die beiden zuständigen Ministerien äußerten sich auf Nachfrage nicht.
Nur zehn Prozent sind aufgeklärt
Das alles zeigt: Die schwerste Lebensmittelkrise der vergangenen Jahre ist offenbar nicht vollständig aufgeklärt worden. Immer noch gilt eine Charge Bockshornkleesamen aus Ägypten als Verursacher für die Ehec-Infektionen, obwohl vieles dagegen spricht und nur zehn Prozent der Erkrankungen auf den Sprossenbetrieb in Bienenbüttel zurückgeführt werden konnten. Zwar schrieb das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) Ende 2011 in einer Stellungnahme zu dem Thema, dass sich "ein eventuell weiterbestehendes Risiko, welches von Bockshornkleesamen aus Ägypten ausgeht, nicht abschätzen" lasse, eine gesetzliche Regelung zur Kontrolle entsprechender Importe gibt es aber bis heute nicht.
Immerhin: Die Behörden rühmen sich, eine EU-Verordnung veranlasst zu haben, die die Lebensmittelsicherheit erhöht hat. Zwar konnte die Task-Force Ehec in den rund tausend Proben von dem niedersächsischen Betrieb den Erreger gar nicht nachweisen (eine Angestellte war allerdings infiziert) - trotzdem müssen Sprossen künftig EU-weit schärfer kontrolliert werden. Andere mögliche Übertragungswege für Ehec wurden allerdings nicht weiter untersucht, und auch weitere mögliche Infektionsträger wie Gurken, Tomaten oder Salat wurden nicht in die Verordnung mit aufgenommen.
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