Restaurants im Hygiene-Härtetest: Es ist etwas faul im Staate Dänemark

Aus Kopenhagen berichtet

Vor Ekelessen wird gewarnt. Mit Hygienesmileys an der Lokaltür will Dänemarks Lebensmittelkontrolle Schmuddelwirten das Handwerk legen. Doch ist das Alarmsystem wirklich gerecht? Ein Test in den dunklen Ecken der Kopenhagener Gastro-Szene gibt die Antwort.

Tour durch Kopenhagen: Ekelrestaurants im Test Fotos
SPIEGEL ONLINE

Von außen betrachtet macht das Lokal durchaus was her. Das "Bonjour Vietnam" ist ein elegantes Restaurant im Zentrum Kopenhagens. Die Preise sind stattlich, der Gastraum erscheint edel, mit all den goldenen Kronleuchtern, der Blumendekoration und dem fernöstlichen Wandschmuck.

Doch ein gelber Zettel, etwas versteckt hinter der Eingangstür, zerstört den positiven Eindruck. "Kontrollrapport" steht ganz oben, darunter prangen zwei traurige Gesichter. Es sind die von dänischen Gastwirten gefürchteten Negativ-Smileys. Sie können das Todesurteil für ein Lokal bedeuten. Denn die traurigen Smileys stehen für schwere Hygienemängel, seit 2006 öffentlich dokumentiert von der Lebensmittelbehörde. Genauso gut könnte an der Tür stehen: Bitte essen Sie hier nicht!

Doch genau das ist an diesem Abend mein Plan. Ich will testen, wie schlecht die negativ bewerteten Restaurants wirklich sind. Bedeutet ein trauriger Smiley automatisch, dass das Essen nicht genießbar ist? Oder ist das System unfair und zerstört leichtfertig die Existenz von Gastronomen, ohne dass es einen triftigen Grund gebe? Genau aus diesem Grund lehnen deutsche Politiker das Smiley-System bislang ab - obwohl Verbraucherschützer es vehement fordern. Sie verweisen dabei stets auf das Beispiel Dänemark, wo die Zahl der negativ getesteten Lokale seit Jahren sinkt.

Meine Tour durch die kulinarische No-Go-Area Kopenhagens beginnt im "Bonjour Vietnam". Ich bin an diesem Abend zunächst der einzige Gast. Kunststück: Ohne meinen Rechercheauftrag wäre ich sicher auch weitergezogen und hätte mir ein Lokal mit einem lachenden Gesicht an der Fensterscheibe gesucht. Davon gibt es schließlich Hunderte in Kopenhagen.

Geschmacklich völlig in Ordnung

Langsam kommen mir Zweifel, ob dieser Geschmackstest wirklich eine so gute Idee war. Doch dann die erste Überraschung: Wie das gefürchtete Ekelrestaurant sieht der Vietnamese beileibe nicht aus. Der Laden ist sauber, und von meinem Platz kann ich den Köchinnen direkt auf den Herd schauen. Das Restaurant hat eine offene Küche mitten im Gastraum. Ich bleibe trotzdem vorsichtig und bestelle nur eine Pho gà, eine traditionelle vietnamesische Hühnersuppe.

Das Essen kommt prompt, die klare Brühe wird mit Koriander, Lauch, Chili und Reisnudeln serviert. Und ich muss sagen: Richtig schlecht ist das nicht. 65 Kronen, umgerechnet 8,50 Euro, sind zwar ein stolzer Preis für eine Nudelsuppe. Aber geschmacklich ist das völlig in Ordnung.

Warum hat das Lokal also gleich mehrfach so schlecht abgeschnitten? Wirklich erklären kann ich mir das nicht. Also die Frage an die asiatische Kellnerin: Was war los? "Es ist so traurig", klagt sie. "Wir mussten 9000 Kronen Strafe zahlen, nur weil wir den Kontrollrapport nicht aufgehängt haben." Die Negativ-Smileys seien unfair. Alle Mängel wären organisatorischer Art - und hätten nichts mit der Hygiene zu tun.

Doch kann das sein? Negativ-Smileys und eine Strafe von rund 1200 Euro für Lappalien? Nicht wirklich. Ein Blick auf die ausführlichen Testergebnisse zeigt, dass es beim "Bonjour Vietnam" einige gravierende Probleme gibt. Diese stehen unter den Smileys oder sind im Web auf der Seite der Behörde abrufbar.

Der Hauptvorwurf der Kontrolleure bezieht sich tatsächlich auf die Veröffentlichung des Rapports. Doch die Strafe folgte erst, als die Smileys auch beim dritten Besuch der Tester nicht so angebracht waren, wie es vorgeschrieben ist. Auch die Umsetzung der Hygienevorschriften wurde nicht dokumentiert, sprich: Wann und wie wird geputzt und wie werden die Lebensmittel verarbeitet?

Vor allem bemängelten die Kontrolleure aber auch, dass eine Ladung Thunfisch nicht ausreichend gekühlt war. Eine Messung ergab deutlich mehr als die maximal erlaubten zwei Grad, der Fisch musste weggeworfen werden.

Nicht gekühlter Fisch? Im Nachhinein bin ich froh, dass ich nur eine Suppe gegessen habe.

Das Essen würde bei jedem Gourmet durchfallen

Ich ziehe weiter zum nächsten Restaurant. Was mir schnell auffällt: Das Smiley-System scheint wirklich zu funktionieren - wenn auch auf brutale Weise. Gleich drei der am schlechtesten getesteten Betriebe auf meiner Liste haben bereits dichtgemacht: eine Bäckerei, eine Döner-Bude und ein thailändisches Restaurant.

Dann aber doch ein Schmuddellokal, das noch geöffnet hat. Und obwohl der traurige Smiley direkt an der Eingangstür prangt, ist der Laden voll. Ich bin gespannt.

Das "Spicey Kitchen" ist eine pakistanische Imbissbude, es gibt Fast Food. Billig und reichlich. Hier ist sofort nachvollziehbar, warum die Kontrolleure zu ihrem drastischsten Mittel gegriffen habe. In der Begründung heißt es, es gebe schwere Hygienemängel, die Kühlung sei nicht ausreichend. In einem 15-Liter-Eimer Tomatensoße wurde eine Temperatur von 42 Grad gemessen.

Also der Geschmackstest: Klar, das Essen würde bei jedem Gourmet durchfallen. Es ist weder hübsch anzusehen, noch schmeckt es sonderlich gut. Aber von dem Herumgerenne durch Kopenhagen bin ich mittlerweile ganz schön hungrig geworden. Und da erfüllen sowohl die Pakora als auch das Chicken Curry ihren Zweck. Außerdem kann man bei 15 Euro für Vor- und Hauptspeise plus Getränk wohl kaum mehr erwarten.

Also die Frage an die Chefin: "Wie kam es zu dem weinenden Gesicht an der Tür?" Auch Ziba Shams spielt - wie vorher die vietnamesische Kellnerin - die Kontrollen herunter. "Die negative Bewertung war eine absolute Ausnahme", sagt Shams. "Das war der Fehler eines Mitarbeiters. Normalerweise gibt es hier keine Probleme."

Dass das auch nicht so ganz stimmt, zeigen ältere Testergebnisse. Auch hier gaben die Kontrolleure dem "Spicey Kitchen" nie die Bestwertung. Mängel bei Dokumentation und Kühlung sind die Regel, nicht die Ausnahme.

Fazit: Das Smiley-System mag brutal erscheinen. Aber es funktioniert. Der Verbraucher kann auf einen Blick sehen, ob es Probleme mit der Hygiene gibt. Wenn er sich trotzdem entscheidet hineinzugehen - zum Beispiel wegen der unschlagbaren Preise -, dann hat ein Lokal auch mit negativem Smiley eine Überlebenschance - so wie das Spicey Kitchen. Wenn aber Schein und Wirklichkeit so extrem auseinanderklaffen wie im ersten Restaurant, dann können die Smileys den Kunden vor einer Enttäuschung bewahren.

Für mich steht jedenfalls eins fest: Bei meiner nächsten Reise nach Dänemark werde ich nur noch in Restaurants mit einem lachenden Gesicht an der Scheibe gehen.

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insgesamt 75 Beiträge
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1. Wer die preussische Gründlichkeit
franxinatra 21.03.2012
unserer Ordnungsbehörden als Kleinunternehmer am eigenen leib erfahren hat, der weiß warum nur noch Fastfoodketten dominieren: ein Einzelunternehmer vermag die Exegesenbegeisterung der Überwacher nur selten überleben, siehe u.a. HACCP. Es gibt Kommunen, da werden markthändler dazu verdonnert handwaschanlagen am stand zu haben, gleichgültig ob dort Lebensmittel angefasst werden oder nicht. Und da in den Verordnungen nichts darüber steht, dass Verkäufer mit den verpflichtenden Handschuhen nicht Lebensmittel und wechselgeld anfassen dürfen... Aber man muss wohl vom Fach um zu wissen, was solche Bewertungen taugen. Und: manchmal wünsche ich mir eine ISO-Norm für Beiträge, die über Schülerzeitungsniveau liegen sollen.
2. Deutschland
flusser 21.03.2012
Zitat von sysopVor Ekelessen wird gewarnt. Mit Hygienesmileys an der Lokaltür will Dänemarks Lebensmittelkontrolle Schmuddelwirten das Handwerk legen. Doch ist das Alarmsystem wirklich gerecht? Ein Test in den dunklen Ecken der Kopenhagener Gastro-Szene gibt die Antwort. Restaurants*im Hygiene-Härtetest: Es ist etwas faul im Staate Dänemark - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Wirtschaft (http://www.spiegel.de/wirtschaft/service/0,1518,822512,00.html)
In Deutschland ist das Verbraucherschutz Miniterium anscheinen da um Unternehmen vor den Verbrauchern zu schützen. Ein Wirt der mit der Gesundheit der Gäste spielt ist zurecht Pleite, dem gehört obendrein noch ein Berufsverbot erteilt, anstatt die Sauereien totzuschweigen. Solch eine öffentlich negative Bewertung wird ja nicht erteilt, weil ein einziges mal eine Kleinigkeit nicht in Ordnung war sondern wenn wiederholt gravierende Mängel vorhanden sind.
3. Um es nochmal ganz klar zu machen:
denkenhilft7 21.03.2012
Es geht ja bei dem Test nicht um Geschmack (ueber den laesst sich ja bekanntlich streiten). Es geht darum, die Hygienebedingungen in Gastonomiebetrieben auf einem solchen Level zu haben, zu halten und zu befoerdern, dass waehrend oder nach dem Essen keiner davon krank wird. Das Smiley-System waere angesichts der immer wieder oeffentlich gemachten Hygienemaengel in deutschen Betrieben auch hierzulande angebracht.
4. ) ;
wywy 21.03.2012
Warum schließt man Restaurants nicht einfach, wenn sie hygienische Standards nicht erfüllen ? Und was ist das Problem an einer 42°C warmen Soße ?
5. .
GevatterGans 21.03.2012
Der Titel des Artikel ist jawohl etwas fehlgeleitet, schließlich spricht sich der Autor ja für dieses System aus. Meiner Erfahrung nach funktioniert dieses System hier in Dänemark sehr gut. Es hat vor allem eine DISZIPLINIERENDE WIRKUNG. Inszwischen hängen die Smiles bei jedem Supermarkt, und wenn da tatsächlich nicht nur lachende sind, steht gleich darunter warum das so ist. Das ist vorbildliche Transparenz.
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