Zweitjobs "Konsumlust"-Fauxpas von Arbeitsministerium löst Empörung aus

Die Zahl der Bundesbürger, die einen Zweitjob haben, ist so hoch wie nie. Das Arbeitsministerium erklärte das auch mit "gestiegener Konsumlust" - und löste damit einen Proteststurm aus. Die IG Metall spricht von Realitätsverlust.

Tweet zum Thema #Konsumlust: Sarkasmus und Spott

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Hamburg - Vermutlich war es nur eine unbedachte Äußerung: Über die Frage, warum jemand einen Zweitjob aufnimmt, gebe es keine Erhebungen, sagte eine Sprecherin des Bundesarbeitsministeriums. Neben "finanziellen Engpässen" und einer Flexibilisierung des Arbeitsmarkts seien auch andere Gründe vorstellbar, etwa eine "gestiegene Konsumlust". Die Meldung war kaum erschienen, als das Thema auf Twitter mit beißendem Sarkasmus aufgegriffen wurde.

Von bitteren Tweets wie "Wenn die Krankenschwester nach Dienstschluss putzen geht, statt ihre Kinder vor dem Schlafengehen kurz zu sehen, ist das #konsumlust" und "Oh, du siehst aber krank und erschöpft aus. Arbeitest du zu viel? - Ach Quatsch, ich leide nur an #Konsumlust" über Verweise auf ältere sprachliche Fehlgriffe von Politikern: "Ist so ein Zweitjob eigentlich noch spätrömische Dekadenz oder schon #konsumlust und haben jetzt alle den Verstand verloren?" bis hin zu resignierten Äußerungen: "Klar, mit zwei 450-Euro-Jobs kommt so richtige "#Konsumlust" auf ...".

Tweets zur Konsumlust
Fast 2000 Tweets unter dem Thema #konsumlust wurden bis zum Nachmittag abgesetzt - vor allem äußerten die Nutzer Unverständnis über die Äußerung des Arbeitsministeriums und pflichteten der Sicht der Zwickauer Linke-Bundestagsabgeordneten Sabine Zimmermann bei, die die Zahlen bei der Bundesagentur für Arbeit (BA) abgefragt hatte. Der Befund war überraschend: Innerhalb von nur zehn Jahren hat sich der Anteil der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten mit Zweitjob mehr als verdoppelt - mittlerweile hat bundesweit jeder Elfte einen Nebenjob.

Zimmermann sieht in der Entwicklung den Beleg dafür, dass "für immer mehr Beschäftigte das Einkommen aus einem Job nicht mehr ausreicht". Die Gewerkschaften interpretierten die Zahlen ähnlich. Die Zunahme von Nebenjobs lasse sich nicht allein mit gestiegener Konsumlust erklären, teilte die IG Metall mit.

Die Interpretation des Bundesarbeitsministeriums zeige, wie weit man dort von der Realität entfernt ist, sagte der Zweite Vorsitzende der Gewerkschaft, Detlef Wetzel, in Frankfurt. Annelie Buntenbach vom Vorstand des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) warf der Bundesregierung mangelnden Bezug zur Wirklichkeit vor. "Die hohe Zahl der Zweitjobber ist eine dramatische Folge und gleichzeitig Treibsatz des riesigen Niedriglohnsektors in Deutschland."

Laut einer repräsentativen Umfrage im Auftrag der IG Metall nennen Beschäftigte über 35 Jahren als häufigsten Grund (39 Prozent) für ihre Nebentätigkeit, dass sie nur so finanziell über die Runden kommen. Dieser Wert sei innerhalb eines Jahres um 16 Punkte angestiegen. 34 Prozent wollten sich mit der Nebentätigkeit etwas zusätzlich leisten, 11 Prozent müssten Schulden zurückzahlen.

Die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten wies darauf hin, dass Minijobs in der Gastronomie die Vollzeitbeschäftigung bereits verdrängten. Jeder zweite Arbeitsplatz sei ein 450-Euro-Job. Auch die Grünen-Bundestagsfraktion forderte: "Wir brauchen nicht immer mehr Kleinstjobs, sondern mehr versicherungspflichtige Arbeit, von der die Beschäftigten leben können."

Oder, wie ein Nutzer auf Twitter kommentierte: "Wir haben keinen Mindestlohn in D und die Leute brauchen Zweitjobs. Könnte es da einen Zusammenhang geben? Natürlich, verdammt! #konsumlust".

Mit Material von dpa

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insgesamt 196 Beiträge
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Seite 1
fairer_demokrat 12.08.2013
1. weiter schön CDU wählen
dann werden wir bald auch noch einen Drittjob brauchen und Frau v d Leyen kann dann erklären, dass die Konsumsucht sich weiter gesteigert hat
MeineMeinungist... 12.08.2013
2. Ein weitere Beweis,
wie weit sich die Regierung vom Bürger entfernt hat. Da geht seit Jahren die Diskussion durch alle Medien über Niedriglohn und es wird über einen Mindestlohn gestritten. Nun wird durch eine Sprecherin des Arbeitsministerium gesagt, man wisse nicht genau warum es so viele Minijobs gäbe, aber vorstellbar wäre u. a. eine Konsumlust. Das empfinde ich als so dämlich, aber passt gut zur Merkelregierung.
joke71 12.08.2013
3.
Ein Großteil der Minijobs dient auch der Steuervermeidung. Da werden vor allem im Bereich der Gastronomie 450 € legal gezahlt und minimal Sozialbeiträge abgeführt. Den Rest gibt es schwarz cash. Nur blöd, wenn man dann im Alter Rente kassieren will. Dann gibt es noch die Minijobs, in denen alle Verwandten für den Hartzi unterschreiben, danit er weiter nebenher Leistungen kassieren kann. Schätze aus meinen eigenen Erfahrungen als Schüler und Student, dass mindestens jeder zweite Minijob dazu dient, Lohnnebenkosten zu drücken. Lösungsvorschlag: Minijobs abschaffen, Preise anheben um die Zusätzlichen Kosten hereinzuholen, faire Gehälter zahlen, die solche gestiegenen Preise auch finanzieren können. Dafür Steuersätze für die oberen 50 % der Steuerzahler erhöhen.
Hörbört 12.08.2013
4. Working poor
Noch vor der Jahrtausendwende wurde dieser Begriff in den hiesigen Breitengraden eingeführt. Damals nur als Zustandsbeschreibung US-amerikanischer Arbeitsverhältnisse. Jetzt ist er auch im Wesen in unserer Gesellschaft verankert. Die soziale Marktwirtschaft ist tot.
noalk 12.08.2013
5. Warum die Aufregung?
Natürlich ist Konsumlust als Grund für die Aufnahme eines Zweitjobs vorstellbar. Vielleicht auch Langeweile. Oder das miserable TV-Programm. Oder Workaholismus. Oder weil man der Schwiegermama aus dem Weg gehen will. Der vorstellbaren Gründe sind viele.
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