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17. Dezember 2011, 17:33 Uhr

Energie aus dem Haus

Schöner wohnen im Kraftwerk

Von Daniela Schröder

Der Großteil des Strom- und Wärmeverbrauchs geht für das Wohnen drauf. Dabei gibt es längst Häuser, die mit Mini-Kraftwerken ausgestattet sind - und mehr Energie produzieren, als sie schlucken. Die Bewohner machen damit sogar Gewinn. 

Hamburg - Wolfgang Schnürer wohnt in einem Kraftwerk - er nennt es "mein Wohlfühlhaus". Klingt verrückt, ist aber kein Widerspruch. Denn Schnürers Kraftwerk am Stadtrand von Freiburg lärmt nicht, es stinkt nicht, es ist kein hässlicher Betonklotz. Sondern ein lichtdurchflutetes Einfamilienhaus mit bodentiefen Wohnzimmerfenstern und viel hellem Holz.

Das Besondere am Haus sind jedoch seine inneren Werte: Statt Strom und Wärme zu verbrauchen, erzeugt es selbst Energie. Mehr Energie sogar, als seine beiden Bewohner nutzen. Und heizen müssen sie fast nie.

Basis von Schnürers Unabhängigkeit-Strategie ist die ausgeklügelte Konstruktion seines Hauses: eine Kombination aus Energiesparen und Energieproduzieren.

Es beginnt mit den sparsamen Lampen und Haushaltsgeräten, Stromfresser und Stand-by-Funktion sind hier tabu. Noch entscheidender aber sind Heizung und Warmwasser: In gewöhnlichen Haushalten gehen dafür gut 70 Prozent des gesamten Energiebedarfs drauf. Wohnhäuser und Gewerbebauten zusammen schlucken gut 40 Prozent der in Deutschland verbrauchten Energie und sind für ein Drittel aller Treibhausgasemissionen verantwortlich. Entsprechend groß ist hier das Potential zum Energiesparen - und die Bedeutung für den Klimaschutz.

Schnürers Haus ist in eine 40 Zentimeter dicke Dämmschicht aus Holz, Mineralgranulat und Gipsplatten gehüllt. So verpackt und abgedichtet kann das Wohnhaus alles nutzen, was im Inneren an Wärme vorhanden ist: die Sonneneinstrahlung, die Abwärme von technischen Geräten und die Körperwärme der Bewohner.

Ein Wärmetauscher nutzt bis zu 60 Prozent der Wärme im Haus

Um im Winter den maximalen Heizeffekt zu erzielen, müssen die Fenster allerdings stets geschlossen sein. Für Schnürer kein Problem: Ein Lüftungssystem sorgt rund um die Uhr für frische Luft. Das Raumklima sei weitaus besser als beim Lüften mit gekippten Fenstern, erzählt Schnürer, und auch über Schimmel an den Wänden habe er sich noch nie ärgern müssen. Alle 90 Sekunden bringt die Anlage Frischluft über einen Feinstaubfilter ins Innere. Gleichzeitig bläst sie die Raumluft nach außen, ein Wärmetauscher hält bis zu 60 Prozent der in der abgesaugten Luft enthaltenen Wärme im Haus.

Dreifachglas-Fenster halten die Zimmer warm, auch wenn die Sonne längst untergegangen ist. "Selbst wenn es im Winter draußen gegen null geht, haben wir noch über 20 Grad", schwärmt Schnürer, nur an komplett dunklen Tagen müsse er die Heizung aufdrehen. Die Wärme liefert dann ein kleines Blockheizkraftwerk, das Holzschnitzel verbrennt. An das Mini-Kraftwerk ist die ganze Siedlung angeschlossen, zu der Schnürers Haus gehört.

Seit sieben Jahren wohnt der pensionierte Lehrer mit seiner Frau im Freiburger Quartier Vauban. Der Stadtteil mit den 60 bunt gestrichenen Häusern gilt als Pionier-Projekt des energieeffizienten Bauens, entstanden zwischen 1998 und 2006. Anders als bei sogenannten Passivhäusern, die zu allen Seiten optimal abgedichtet gut 90 Prozent der herkömmlichen Heizenergie sparen, leisten die Freiburger Bauten jedoch noch mehr: Sie decken den Restbedarf aus erneuerbaren Energiequellen - und sie erzeugen selbst umweltfreundliche Energie. Solarkollektoren erwärmen das Wasser zum Duschen, Waschen, Spülen, und auf den Dächern liegen große Photovoltaik-Anlagen, die den Haushalten Strom liefern.

Rund 5700 Kilowattstunden (kWh) Strom lieferte Schnürers Solardach im vergangenen Jahr, den entsprechenden Verbrauch des Zwei-Personen-Haushalts beziffert der Hausherr auf gut 2800 kWh. Dank mehr Sonnenstunden werde die Bilanz für 2011 noch besser ausfallen, meint Schnürer, der sämtliche Zahlen und Daten akribisch aufzeichnet. Den Strom speist er in das Netz des öffentlichen Versorgers ein, denn umweltfreundlich erzeugte Energie aus dem Leitungsnetz zu beziehen, kostet ihn weniger, als ihm der Anbieter für den Sonnenstrom zahlen muss. So bleibt unter dem Strich ein Plus, im Durchschnitt verdient Schnürer mit seiner Solaranlage rund 300 Euro im Monat.

Für das umweltfreundliche Wohnen musste Schnürer zwar zehn Prozent mehr zahlen als für ein Haus, das bisherigen Energiestandards entspricht. Doch durch die gesetzlich garantierte Einspeisevergütung und die eingesparten Heizkosten habe er die Investition für Dämmung und Technik innerhalb von sieben Jahren bereits wettgemacht, erzählt Schnürer. Die Ölheizung in seinem früheren Haus habe inklusive Wartung mehr als 330 Euro im Monat gekostet. Jüngste Bilanz des Spar-Hauses: 2010 fielen für Heizung und Warmwasser gut 240 Euro an - allerdings nicht pro Monat, sondern im ganzen Jahr. "Wenn die Energiekonzerne die Preise für Öl und Gas mal wieder hochschrauben", sagt Schnürer gutgelaunt, "dann lässt mich das völlig kalt."

Dank der natürlichen Baumaterialien weist das Haus auch im versteckten Energieverbrauch gute Werte auf. Denn auch die Rohstoffe und das Baumaterial herzustellen, sowie Transport- und Montage kosten ebenfalls Energie: Die Baubranche in Deutschland beansprucht gut 50 Prozent aller nicht nachwachsenden Rohstoffe - und ist gleichzeitig für 60 Prozent des Abfalls verantwortlich.

"Das Plus-Energie-Haus® ist eine kleine Revolution"

Billig bauen ist langfristig teurer, argumentiert daher der Planer der grünen Freiburger Siedlung, der Architekt Rolf Disch. Seinen Berechnungen zufolge spart das Quartier pro Jahr umgerechnet 200.000 Liter Heizöl und 500 Tonnen klimaschädliches CO2. Häuser mit positiver Energiebilanz sieht Disch daher als entscheidenden Schritt auf dem Weg zur künftigen Energieversorgung. "Wo Verbrauch ist, soll Produktion werden", proklamiert der Architekt. "Häuser zu Kraftwerken!"

Ein Gebäude, das in der Bilanz mehr Energie erzeugt, als es verbraucht - auch unabhängige Experten sehen das sogenannte Plus-Energie-Haus® als Zukunftskonzept. "Es minimiert den Energieverbrauch, zugleich maximiert es den solaren Energiegewinn", sagt Werner Lang, Fachmann für energieeffizientes und nachhaltiges Planen und Bauen an der Technischen Universität München. "Das Plus-Energie-Haus® ist eine kleine Revolution."

Außer Solaranlagen und Mini-Blockheizkraftwerken auf Basis erneuerbarer Energien zählen Geothermie und Wärmepumpen zu den Techniken, mit denen Hausbesitzer im Energiebereich auf grünes Selbstversorgertum umstellen können.

Wird also das Leben im privaten Kleinkraftwerk zur völligen Energieautarkie der Bewohner führen? TU-München-Forscher Lang ist skeptisch. Schließlich gehe es auch um die Frage: Wer kontrolliert die Stromnetze? "Doch die Rolle der großen Energieversorger wird sich ändern", meint Lang, etwa indem sie künftig vor allem als Dienstleister auftreten und die privat erzeugte Energie auf einer Art Strombörse handeln.

Um die Unabhängigkeit in der privaten Energieversorgung voranzutreiben, setzen einige Bauplaner auf Speicherbatterien. Doch im Bereich Einfamilienhäuser ist die Speichertechnik noch jung - und daher teuer. Forscher des Fraunhofer-Instituts arbeiten derzeit an neuen Riesenakkus für den Hausgebrauch, das Bundesbauministerium will mit Hochleistungsbatterien sogar Wohnungen und Verkehr verzahnen: Der im Eigenheim erzeugte Strom soll künftig Elektrofahrzeuge antreiben - das Haus wird zur Tankstelle. Erste Fertighaushersteller bieten bereits entsprechende Modelle an.

Anmerkung der Redaktion: Einige Zahlen im Artikel mussten wegen eines redaktionellen Fehlers nach der Veröffentlichung korrigiert werden. Die Kernaussage des Textes wurde dadurch jedoch nicht berührt. Wir bitten, die Fehler zu entschuldigen.

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