Energie-Contracting: Mein Haus, mein Keller, deine Heizung

Von Steffen Daniel Meyer

Die Umwelt schonen und auch noch Geld sparen - das verspricht das sogenannte Energie-Contracting. Dabei lagern Immobilienbesitzer ihr Heiz-Management an externe Anbieter aus. Eine Idee, die auch die Bundesregierung fördert. Doch undurchsichtige Verträge können die Kosten in die Höhe treiben.

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Frank Seeger im Heizkeller: "Wir probieren mal etwas Neues aus"

Hamburg - Die Luft im Keller ist warm, nicht unangenehm, einfach so, als ob jemand die Heizung zu weit aufgedreht hätte. Frank Seeger ist zufrieden mit der Wärme, sie gehört ihm - anders als die Heizanlage, aus der sie stammt. Seeger ist Vorstandsmitglied der Baugenossenschaft der Buchdrucker. "Wir probieren mal etwas Neues aus", sagt er.

Denn hier im Norden Hamburgs, in der Wohnanlage an der Ecke Harksheider Straße / Poppenbüttler Berg, bezahlen die Bewohner nicht für die Energie, die sie fürs Heizen verbrauchen, sondern nur für die Wärme, die aus der Heizanlage im Untergeschoss kommt. Der Hamburger Baugenossenschaft gehören zwar die Wohnungen, das Grundstück, der Garten mit Rutsche und Sandkasten - aber die beiden Holzpellet-Öfen im Keller sind nicht in ihrem Besitz. Die sind nur geleast. Die 2300 Mitglieder starke Baugenossenschaft setzt auf das sogenannte Energie-Contracting. Ihr Vertragspartner ist die Firma Cofely, der die Heizung gehört.

Bisher spielte Energie-Contracting hauptsächlich für Hotels, Krankenhäuser, Fabriken und große Wohnblöcke eine Rolle. Doch mit Atomausstieg und Energiewende wird das Thema immer wichtiger: In zahlreichen Energie-Szenarien taucht das Konzept auf, mehr und mehr Firmen bieten die Dienstleistung an, und die Bundesregierung hat ein eigenes Kompetenzzentrum für Contracting gegründet. Kein Wunder: Contracting kann nicht nur ökologisch, sondern auch ökonomisch sinnvoll sein.

Und so funktioniert es: Die Contracting-Firma, der sogenannte Contractor, installiert eine neue Heizanlage und nimmt - je nach Vertragsmodell - teils auch Energieeffizienzmaßnahmen vor. Außerdem kümmert sich der Anbieter um die Lieferung des Energieträgers - zum Beispiel Holzpellets oder Erdgas - sowie um die Herstellung der Wärme. Der Kunde zahlt über die folgenden 10 bis 15 Jahre für diese Dienstleistung einen vertraglich festgelegten Satz an den Contractor und kauft ihm so die produzierte Wärme ab. Der Anbieter verdient an der Differenz, die zwischen seinen Kosten für die Wärmeherstellung und dem Festpreis liegt - und ist deswegen daran interessiert, die Energiekosten möglichst niedrig zu halten.

Pro und Contra Contracting
Vorteile
In dem Festpreis, den der Kunde beim Energie-Contracting zahlt, ist alles enthalten: Material-, Transport- und Arbeitskosten sowie die Investitionskosten der Heizanlage. Der Clou: Der Kunde zahlt nichts für die anfänglich hohen Investitionskosten, die oft im sechsstelligen Euro-Bereich liegen, sondern least die Anlage.

Dabei gewinnen beide - und auch die Umwelt: Denn der Contractor versucht, mit möglichst wenig Energieaufwand möglichst viel Wärme zu produzieren. Je größer die Differenz zwischen den Energiekosten und dem zugesicherten Festpreis ist, desto mehr Gewinn macht das Contracting-Unternehmen - und desto mehr Energie wird eingespart.

Manchmal bezahlt der Wohneigentümer mit Contracting sogar monatlich weniger als ohne - trotz aller Extrakosten für die neue Anlage. Schließlich ordert der Contractor viel mehr Gas oder Holzpellets als ein einzelner Verbraucher und erhält damit ordentlich Rabatt. Kontraktoren betonen zudem, dass sie sehr viel Know-How im Energiebereich mitbringen und eine gute Versorgungssicherheit bieten.
Nachteile
Ist der Vertrag geschlossen, kommt der Kunde dort nicht so einfach wieder raus: Er hat sich für mehrere Jahre an einen Anbieter gebunden, ein einfacher Wechsel ist dann nicht mehr möglich. Außerdem sind die Verträge teilweise sehr undurchsichtig und enthalten versteckte Kosten.

Für Besitzer von Eigentumswohnungen oder einzelne Mieter lohnt sich Contracting zudem nicht. Die Grundkosten für das Energiemanagement-Modell sind so hoch, dass es sich erst ab rund 50 bis 100 zusammenhängenden Wohnungen rechnet.
Die Baugenossenschaft der Buchdrucker überweist für die Wohnanlage 15 Jahre lang etwa 5000 Euro brutto monatlich. Nach Ablauf des Vertrages darf sie die beiden Holzpellet-Öfen behalten. Doch das ist nicht immer der Fall. Und genau da liegt ein Problem.

"Verträge, die kein Mensch versteht"

Thomas Brandt ist Fachanwalt für Wohnungseigentumsrecht und Mietrecht, vertritt viele Mandanten gegenüber Contracting-Unternehmen und hat - gefördert von der Bundesregierung - den Ratgeber "Neue Heizung zum Nulltarif?" verfasst. Contracting selbst findet er gut, die Verträge dazu aber nicht immer. "Einige Unternehmen stellen 60 Seiten lange Verträge aus, die kein Mensch versteht", sagt Brandt.

Da Contracting mehr Leasing als Ratenzahlung ist, gehören die Heizanlagen am Ende des Vertrages noch immer dem Contractor - einige Anbieter nutzen das aus und lassen sich von einem Gutachter bescheinigen, dass die Anlage für den Contractor noch wertvoll sei. "Und dann lässt er sie sich teuer abkaufen", sagt Brandt. Wenn der Kunde aber vor Vertragsabschluss nachfrage, könne er die Investition meist ohne zusätzlichen Aufpreis übernehmen.

Das aber ist nicht der einzige Fallstrick: In den Vertragsseiten verbergen sich manchmal auch versteckte Kosten, oft formuliert in den sogenannten Preisgleitklauseln. Dabei sind diese Klauseln an sich weder besonders tückisch noch ungerecht. Contracting-Firmen gleichen mit ihnen "unvorhergesehene Preisschwankungen aus", wie es in der Branche heißt. Steigen etwa die Kosten für Erdgas oder muss in einem kalten Winter mehr geheizt werden als durchschnittlich berechnet, zahlt der Kunde mehr. Andersherum ist es aber genauso: Ist Erdgas billig oder wird in einem heißen Sommer wenig Wärme benötigt, sinkt der Festpreis. Klingt logisch und fair.

Doch es gibt noch mehr Faktoren, die in der Rechnung auftauchen: Auch "Entwicklung der Lohnkosten" sowie "Erzeugerpreise für gewerbliche Produkte" beeinflussen den Festpreis. Viele Anbieter orientieren sich hier an den amtlich ermittelten Indizes, aber einige Firmen verändern Faktoren nach ihren eigenen Vorstellungen und treiben damit die Preise nachträglich in die Höhe. Manche waren bis vor Kurzem besonders dreist: Sie koppelten die Energiekosten an den Ölpreis - obwohl nur mit Holz geheizt wurde.

In den vergangenen Jahren seien die Angebote zwar transparenter geworden, sagt Brandt. Er empfiehlt aber, bei jedem Vertragsabschluss externen Sachverstand einzuholen.

Anbieter kritisieren staatliche Zurückhaltung

Einigermaßen verbreitet ist das Contracting bei Städten und Gemeinden. Allerdings machen die Kommunen sehr unterschiedliche Erfahrungen. Beispiel Hannover: Die Stadt hatte einige Contracting-Verträge abgeschlossen, verfolgt das Konzept aber seit zehn Jahren nicht mehr. "Eine unabhängige externe Untersuchung ergab, dass Contracting teurer als der Eigenbetrieb ist", teilt die Stadt mit.

Selbst das Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung schätzt die Möglichkeiten des Contracting eher gering ein: Nur rund 20.000 der 190.000 öffentlichen Liegenschaften kämen dafür in Frage. Würde dieses Potential genutzt, ließen sich laut einer Studie der Deutschen Energie-Agentur (Dena) immerhin 300 Millionen Euro Energiekosten jährlich sparen. Der Bund selbst hat Contracting-Verträge bei 34 seiner 4500 Liegenschaften abgeschlossen, darunter die Neue Nationalgalerie in Berlin.

Was vielen in der Contracting-Branche sauer aufstößt, ist die Behandlung im Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG): Installiert ein Contractor ein Blockheizkraftwerk bei seinem Kunden, muss der Anbieter 3,5 Cent pro Kilowattstunde EEG-Umlage zahlen. Betreibt der Kunde die gleiche Anlage in Eigenbetrieb, fallen diese Zusatzkosten weg. Das Umweltministerium hat dafür eine einfache Erklärung: "Soweit Contractoren Strom an Dritte liefern, werden sie nicht anders behandelt als alle anderen Stromlieferanten." Ein Wegfall der EEG-Umlage wäre eine Wettbewerbsverzerrung und damit nicht zu rechtfertigen.

Doch selbst wenn die Regierung Contracting massiv fördern würde, sind die Auswirkungen eher gering: Laut einer Studie der Deutschen Unternehmensinitiative Energieeffizienz (DENEFF), die sicher optimistisch schätzt, würde Deutschland bei einer Förderung von Contracting mit mehreren hundert Millionen Euro rund 6,5 Terawattstunden Wärmeenergie pro Jahr sparen. Zum Vergleich: Der gesamte Wärmebedarf Deutschlands liegt bei rund 1300 Terawattstunden jährlich.

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insgesamt 7 Beiträge
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1. Klasse idee!
marthaimschnee 22.07.2011
Und wenn der Contractor pleite geht, erfüllt er nicht nur seine (Heiz)Leistung nicht mehr, der Insolvenzverwalter krallt sich auch noch die geleaste Heizungsanlage und ich sitze im Kalten. Und Verträge über 10 bis 15 Jahre für einen Festpreis garantieren diese Pleite geradezu? Als ich vor 15 Jahren meine Ölheizung installiert habe, kostete 1 Liter heizöl 33 Pfennige, heute über 80 Cent -> das sind fast 500%!
2. nö
Andre83 22.07.2011
Zitat von marthaimschneeUnd wenn der Contractor pleite geht, erfüllt er nicht nur seine (Heiz)Leistung nicht mehr, der Insolvenzverwalter krallt sich auch noch die geleaste Heizungsanlage und ich sitze im Kalten. Und Verträge über 10 bis 15 Jahre für einen Festpreis garantieren diese Pleite geradezu? Als ich vor 15 Jahren meine Ölheizung installiert habe, kostete 1 Liter heizöl 33 Pfennige, heute über 80 Cent -> das sind fast 500%!
Nein nichtmal 280% Prozent
3. Stimmt so nicht
breakthedawn 22.07.2011
Zitat von Andre83Nein nichtmal 280% Prozent
33 harte Pfennige sind ca 16.9 weiche Cent. Also fast 500% zu den 88 Cent von heute.
4. Grundlage mittlerer Jahrespreis
avollmer 22.07.2011
Vor 15 Jahren war der mittlere Jahrespreis für Erdöl 22 Cent und für die Monate Juli 2010 bis Juni 2011 betrug er 72 Cent. Das ist eine Steigerung von 50 Cent oder 227%.
5. Titel
Sleeper_in_Metropolis 22.07.2011
Zitat von marthaimschneeUnd wenn der Contractor pleite geht, erfüllt er nicht nur seine (Heiz)Leistung nicht mehr, der Insolvenzverwalter krallt sich auch noch die geleaste Heizungsanlage und ich sitze im Kalten. Und Verträge über 10 bis 15 Jahre für einen Festpreis garantieren diese Pleite geradezu?
Zudem scheint mir, das durch diese sogenannten "Preisgleitklauseln" ja von dem Contractor aus div. Gründen an den zu zahlenden Summen gedreht werden kann, in der Praxis vermutlich primär in eine Richtung, nämlich nach oben. Damit geht doch für den Kunden die finanzielle und berechenbare Größe, und damit der Hauptvorteil vom Contracting flöten, oder nicht ?
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