Energie-Effizienz EU sagt Duschköpfen den Kampf an

Erst war es die Glühbirne, jetzt sollen Duschköpfe und Wasserhähne dran glauben: Die Europäische Union plant neue Standards für viele Produkte im Haushalt - um so den Energieverbrauch der Bürger zu senken. Was Umweltschützer freut, halten Kritiker allerdings für den Beginn einer "Öko-Diktatur".

Von Daniela Schröder

Wassersparender Duschkopf: Je weniger Wasser, desto weniger Energie
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Wassersparender Duschkopf: Je weniger Wasser, desto weniger Energie


Hamburg - Baumärkte verbuchten Hamsterkäufe, Zeitungen betrauerten das "Abwracken eines Kulturguts" und druckten empörte Leserbriefe über "Brüsseler Bürokraten, die uns die Gemütlichkeit verbieten wollen!" Die Aufregung war groß, als die Europäische Union zum 1. September 2009 den Abschied von der herkömmlichen Glühbirne erzwang. Dabei war das erst der Anfang.

Denn tatsächlich will die EU noch viel mehr, die Regelung des Lichts in Europas Wohnungen war erst der Startschuss für eine groß angelegte Regulierungsaktion zum Energiesparen. EU-Experten brüten bereits über neuen Vorschriften, die den Energiekonsum der europäischen Verbraucher drosseln sollen.

Zum Beispiel wenn diese duschen: Läuft alles nach dem Plan der obersten EU-Behörde, dann brausen bald nur noch wassersparende Duschköpfe in Europas Badezimmern. Je weniger sie durchlassen, desto weniger Energie geht schließlich für warmes Wasser drauf. Luxusmodelle mit hohem Wasserverbrauch dagegen könnten die europäischen Gesetzgeber künftig vom Markt verbannen. Wann genau die EU-Kommission sich intensiv um den Duschkopf kümmern will, das steht noch nicht fest - der politische Weg für neue Vorschriften aber ist frei.

Duschköpfe und Wasserhähne, Fenster und Türen, Wasch- und Putzmittel

Grünes Licht kam sowohl vom EU-Parlament als auch aus den Hauptstädten der 27 EU-Staaten. Daher darf die EU-Kommission seit kurzem auch Energiestandards für Produkte vorschlagen, die zwar selbst keinen Strom schlucken, aber den Energieverbrauch im Haushalt beeinflussen: Duschköpfe und Wasserhähne zählen dazu, Fenster und Türen, Wasch- und Putzmittel, aber auch Isoliermaterial für Gebäude. Je nach Eigenschaft eines Produkts muss es künftig bestimmte Umweltkriterien erfüllen, will es künftig für den europäischen Markt zugelassen werden. Dabei will sich die Kommission den kompletten Lebenszyklus angucken: Von der Menge des Materials und möglichen Schadstoffen bei der Herstellung über den Einfluss auf den Stromverbrauch des Nutzers bis zum Entsorgen ausgemusterter Produkte.

Das hört sich kompliziert an - und genau das dürfte es auch werden: Denn wie viel Strom etwa Elektrogeräte fressen, lässt sich leicht bestimmen. Bei Duschbrausen oder Fenstern aber sieht die Sache anders aus. "Die Energieeffizienz von Fenstern misst sich in Energieverlusten und -gewinnen, außerdem ist der Energieverbrauch im Sommer anders als im Winter und im Norden Europas ganz anders als im Süden", sagt Frank Koos vom Verband Deutscher Fenster- und Fassadenhersteller. Wie solle sich da ein einheitliches Messverfahren zum Bewerten der Umweltfreundlichkeit von Fenstern entwickeln lassen?

Kaum vorstellbar, heißt es denn auch im Brüsseler Büro des Deutschen Industrie- und Handelskammertags, wie die EU künftig Energiespar-Standards für Produkte aufstellen will, die selbst gar keine Energie schlucken. "Da droht sich die Politik zu verzetteln", sagt DIHK-Expertin Corinna Grajetzky. Schon bei der Glühbirne habe der Gesetzgeber es nicht geschafft, alle möglichen Umwelteinflüsse eines Produktes zu berücksichtigen. "Man hat sich auf den Energieverbrauch konzentriert, doch nun stehen wir vor dem Problem mit dem Entsorgen der quecksilberhaltigen Energiesparlampen."

Kontrolle ist der Knackpunkt

Ein weiterer Knackpunkt ist die Kontrolle: Stehen Standards einmal fest, dann müssen Produkte auch darauf überprüft werden. Das allerdings wäre Aufgabe der Mitgliedstaaten. "Für sie wird es einen wahren Kontrollwust geben", prophezeit Grajetzky. Industrie und Handel sehen in Brüssel einen neuen Bürokratie-Dschungel wachsen und fürchten Regulierungschaos. Auch der Mannheimer Wirtschaftsforscher Andreas Löschel hält die geplanten EU-Vorschriften für unüberschaubar: "Die erhofften Ergebnisse für den Klimaschutz stehen in keinem Verhältnis zum Verwaltungsaufwand."

Die EU verspricht sich von den sogenannten Ökodesign-Regeln einen entscheidenden Schritt im Kampf gegen den Klimawandel. Mit den bisher beschlossenen Energienormen werde die EU bis 2020 rund 150 Millionen Tonnen CO2 einsparen, rechnet Energiekommissar Andris Piebalgs vor, das seien drei Prozent der voraussichtlichen Emissionen. Kommen Duschköpfe, Fenster und Co. dazu, dann spare Europa weitere fünf Prozent. Zum Vergleich: Der Verkehr auf Europas Straßen macht mittlerweile mehr als ein Viertel aller CO2-Emissionen aus, 20 Prozent davon verursachen Autos. Verbote für Spritfresser aber hat die EU beim Ökodesign ausgeklammert. Die inoffizielle Begründung: Für Autos gibt es schon genug Vorschriften.

Für zehn Produktgruppen gibt es bereits EU-Energiestandards. Nach dem Aus für die Glühbirne kam Anfang Januar ein Verbrauchslimit für die Standby-Funktion von Elektrogeräten sowie neue Stromlimits für Fernseher. Ab Mitte April 2010 gibt es Obergrenzen für Büro- und Straßenbeleuchtung, ab Juli für Kühl- und Gefrierschränke in Haushaltsgröße. Was den neuen EU-Vorschriften nicht entspricht, das darf nach einer Übergangsfrist nicht mehr in der EU verkauft werden, die Regeln gelten auch für Importware. Komplett aus den Geschäften verschwinden wie 2012 die Glühbirne werde keine Produktgruppe, heißt es bei den europäischen Verbraucherverbänden. Aber wenn die Hersteller keine sparsameren Modelle produzieren, dann seien die schlimmsten Stromfresser bald nicht mehr zu haben.

Auch der Plasmafernseher ist in Gefahr

Auch so beliebte Konsumgüter wie der Plasmafernseher stehen auf der Liste der bedrohten Arten. Noch wehren sich die Hersteller, und die EU zeigt sich gegenüber der energiehungrigen Technologie geduldig, man hofft auf eine sparsamere Technologie. In drei Jahren aber sollen die Standards für Fernseher wieder auf den Prüfstand. "Es ist richtig, den Markt in die richtige Richtung zu drücken", findet der Europaabgeordnete Peter Liese (CDU). Genau umgekehrt sehen es Industrievertreter. Mit ihren Vorgaben festige die EU nur den aktuellen Stand der Technik, argumentiert DIHK-Expertin Grajetzky, obwohl künftige Technologien oft noch ein größeres Energiesparpotential bieten würden.

Da quasi jedes Produkt in irgendeiner Weise Einfluss auf den Energieverbrauch hat, könnte die EU versuchen, immer mehr Waren mit Spargeboten zu belegen - egal ob Sofa, Turnschuh oder Tiefkühlpizza. Und weil fast alles europaweit angeboten wird, hat sie auch das Recht dazu. 2012 wird die EU-Kommission entscheiden, ob die Vorschriften für alle Produkte des täglichen Lebens gelten.

Wirtschaftsexperte Löschel will sich solch ein Szenario gar erst nicht vorstellen. Anstatt von außen zu regulieren, solle der Staat lieber Anreize zum Kauf Energiesparender Produkte setzen, sagt er. Eine CO2-Steuer etwa und den Ausbau des Emissionshandels, bei dem die Industrie Verschmutzungsrechte kaufen muss. "Das meiste lässt sich über Strom- oder Energiepreise regeln", sagt Löschel. Wenn Preise Knappheit signalisieren und die Hersteller den Kunden über den Energieverbrauch eines Produktes genau informieren, "dann kann jeder Verbraucher selbst entscheiden, was er kauft oder nicht kauft."

Die Politik scheint das anders zu sehen: Das Einführen der Energienormen "bewahrt Verbraucherinnen und Verbraucher vor dem Kauf eines ineffizienten Gerätes und dadurch vor einem zu hohen Energieverbrauch und zu hohen Betriebskosten", schreibt das Umweltbundesamt. "Wird denn der Verbraucher dafür sorgen, dass total ineffiziente Geräte vom Markt verschwinden?" fragt auch die Grüne EU-Abgeordnete Rebecca Harms.

Ihr FDP-Kollege Holger Krahmer dagegen spricht von einer "Öko-Diktatur" gegenüber dem Bürger. Und Altbundespräsident Roman Herzog beklagte jüngst, dass die EU den Bürger als unmündig ansehe und sich daher berechtigt fühle, ihm den Weg zu seinem Glück, sprich zum Energie- und damit Geldsparen, zu weisen.

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