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Energiepreise: Was das Atom-Hickhack Stromkunden kostet

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Die Bundesregierung hat sieben Atomkraftwerke vorläufig abgeschaltet, scheint aber nicht zu wissen, ob das Folgen für die Endverbraucher hat: Die Kanzlerin warnt vor steigenden Preisen - andere Politiker widersprechen. Was stimmt denn nun? Eine Bestandsaufnahme.

Hochspannungsmasten: Kostenschub für Verbraucher Zur Großansicht
dapd

Hochspannungsmasten: Kostenschub für Verbraucher

Hamburg - Das Atom-Hickhack der Bundesregierung sorgt für Verwirrung bei den Endverbrauchern. Steigt der Strompreis durch den Not-Stopp von sieben deutschen Atomkraftwerken - oder steigt er nicht?

Politiker haben sich in den vergangenen Tagen widersprüchlich geäußert. "Tendenziell bedeutet jede Verknappung natürlich auch, dass das auf den Preis einen Einfluss haben kann", sagte Kanzlerin Angela Merkel (CDU) vergangene Woche. Die Verbraucherministerin zeigt sich kritischer: "Die Energieversorger dürfen die vorübergehende Abschaltung älterer Kernkraftwerke in Deutschland nicht zum Vorwand nehmen, jetzt gleich wieder die nächste Preiserhöhung einzuleiten", sagte Ilse Aigner (CSU) am Mittwoch.

Endverbraucher fragen sich zu Recht: Was stimmt denn nun?

Tobias Federico, Energieanalyst bei der Beratungsfirma Energy Brainpool, hat die neuesten Entwicklungen an den Strombörsen genau untersucht. Auf SPIEGEL ONLINE erklärt er Schritt für Schritt, wie sich der Strompreis zusammensetzt - und welche Auswirkungen die aktuelle Politik für den Ottonormal-Stromkunden hat.

Warum steigt der Strompreis, wenn man AKW abschaltet?

"Die Antwort ist einfach", sagt Federico. "Der Strom muss ja irgendwo herkommen." Der Energieexperte Wolfgang Pfaffenberger von der Jacobs University Bremen schätzt, dass durch die sieben Altmeiler, die für Sicherheitschecks vom Netz genommen wurden, in den kommenden drei Monaten rund elf Terawattstunden Strom wegfallen. Das entspricht in etwa dem Jahresverbrauch von 2,75 Millionen Vierpersonenhaushalten.

Diese Strommenge muss nun durch bestehende Kraftwerke ersetzt werden. Den Großteil der Lücke müssen Kohle- und Gaskraftwerke ausgleichen. Genug Kapazitäten sind da - allerdings steigt die Rohstoffnachfrage. Das treibt die Preise für Kohle und Gas in die Höhe; da Kohle- und Gaskraftwerke weit mehr Kohlendioxid ausstoßen als Atommeiler, müssen die Betreiber zudem mehr CO2-Zertifikate kaufen, um die EU-Klimabestimmungen zu erfüllen.

Wie stark sind die Rohstoffpreise gestiegen?

Die Ankündigung der Bundesregierung, sieben Alt-AKW bis Juni abzuschalten, hat auf die entsprechenden Preise deutliche Effekte:

  • Der Kohlepreis für Europa stieg binnen einer Woche von rund 122 auf 133 Dollar pro Tonne.
  • Der Gaspreis für Deutschland stieg von rund 25 auf 27 Euro pro Megawattstunde.
  • Die Kosten von EU-Emissionszertifikaten stiegen binnen einer Woche um rund einen Euro auf zuletzt 17,60 Euro pro Tonne.

Die steigenden Kosten schlagen mittel- und langfristig auf den Strompreis durch. "Es dauert gewöhnlich nur einige Stunden, manchmal Tage, bis die Börsen veränderte Rahmenbedingungen eingepreist haben", sagt Federico. "Die Kosten des dreimonatigen Altmeiler-Stopps sind also schon jetzt erkennbar."

Was bedeutet das für den Strommarktpreis?

Der Preisanstieg bei den Rohstoffen schlägt sich zunächst im Großhandelspreis nieder - also im Preis, zu dem Versorger sogenannte Stromkontrakte kaufen. Durch diese erwerben sie das Recht, zu einem bestimmten Zeitpunkt eine bestimmte Menge Strom geliefert zu bekommen. Der Preis dieser Stromkontrakte hängt von den Erzeugungskosten der Kraftwerke ab, insbesondere bei Steinkohle- und Erdgaskraftwerken.

  • Wenn der Steinkohlepreis um zehn Dollar pro Tonne steigt, wird die Megawattstunde Strom rund einen Euro teurer. Bei einem modernen Kohlekraftwerk bedeutet das eine Preissteigerung von 2,60 Euro pro Megawattstunde.
  • Erdgaskraftwerke bestimmen den Strompreis der sogenannten Spitzenlast - also nur von jedem Strom, den Kraftwerke bereitstellen, wenn besonders viel Strom nachgefragt wird. Der Preiseffekt wirkt sich nur zu gut einem Viertel auf den Strommarktpreis aus. Steigt der Erdgaspreis um zwei Euro pro Megawattstunde, steigen die Stromproduktionskosten eines modernen Erdgaskraftwerks um 3,57 Euro pro Megawattsunde, dies wirkt sich zu 80 Cent pro Megawattstunde auf den Strommarktpreis aus.
  • Bei CO2-Zertifikaten schlägt sich ungefähr die Hälfte der Preisanstiegs auf den Großhandelspreis nieder. Bei einem Euro Preisplus wären das 50 Cent pro Megawattstunde.

Alle genannten Effekte zusammen erhöhen den Strommarktpreis also um rund vier Euro pro Megawattstunde.

An der Strombörse sind die Effekte sichtbar. Kurz vor Verkündung des Moratoriums für die sieben Altmeiler lag der Preis von Stromkontrakten für 2012 (Phelix Future) bei 53 Euro pro Megawattstunde, inzwischen sind es knapp 58 Euro. "Die angenommenen Effekte sind also schon eingepreist", sagt Federico. "Hinzu kommt ein kleiner Nervositätsaufschlag."

Und was zahlt der Endverbraucher?

Fragt sich: Was heißt das? Bedeutet der Preissprung, dass Strom bald noch teurer wird?

Die Antwort ist ein klares Nein. Für den Endverbraucher halten sich die Effekte zunächst stark in Grenzen.

"Das dreimonatige Moratorium wird den Endkundenpreis kaum beeinträchtigen", sagt Federico. Denn den Strom, den Haushalte 2012 beziehen, kaufen viele Versorger über drei Jahre hinweg ein - jedes Quartal erwerben sie ein Zwölftel der Gesamtmenge, die sie 2012 benötigen.

Das bedeutet: Wenn es bei dem dreimonatigen Moratorium bleibt, haben die Versorger nur in einem von zwölf Quartalen Strom zu einem höheren Großhandelspreis eingekauft. 2009 und 2010, in den acht vorigen Quartalen haben sie Stromkontrakte deutlich günstiger erworben. Der Effekt auf den Endverbraucherpreis wäre gleich null.

Was, wenn die Altmeiler für immer abgeschaltet bleiben?

Bleiben die sieben Altmeiler allerdings für immer abgeschaltet, würden die Großhandelspreise wohl auch in den kommenden Quartalen höher sein. Das würde sich später auch im Portemonnaie der Endverbraucher bemerkbar machen.

Der Großhandelspreis macht derzeit rund 29 Prozent des Endkundenpreises aus. Steigt der Großhandelspreis, fällt zudem die 19-prozentige Mehrwertsteuer, die darauf erhoben wird, entsprechend höher aus.

Als Faustregel lässt sich laut Federico sagen: Steigt der Großhandelspreis 2011 insgesamt um zwölf Prozent, steigen die Kosten für den Endverbraucher im kommenden Jahr voraussichtlich um 1,3 Prozent. Würde der aktuelle Preiseffekt drei Jahre anhalten, dürfte Strom für Endkunden rund vier Prozent teurer werden.


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1. ...
M. Michaelis 23.03.2011
Zitat von sysopDie Bundesregierung hat sieben Atomkraftwerke vorläufig abgeschaltet, scheint aber nicht zu wissen, ob*das Folgen für die Verbraucher hat: Die Kanzlerin warnt vor steigenden Preisen - andere Politiker widersprechen. Was stimmt denn nun?*Eine Bestandsaufnahme. http://www.spiegel.de/wirtschaft/service/0,1518,752707,00.html
Ein Kraftwerk das keinen Strom Produziert kostet Geld statt welchen zu verdienen. Diese Kosten finden sich im Strompreis wieder. Ausserdem sinkt die Angebotsmenge an Strom, der Strom wird teuerer. Damit hat das Folgen für den Verbraucher.
2. ...
KarlKäfer, 23.03.2011
Das ist nur die übliche Panikmache - der Deutsche wird diszipliniert über: Auto Fußball Geld was anderes weiss der landläufige Politiker nicht über "sein Volk".
3. ...
Annika Hansen, 23.03.2011
Zitat von sysopDie Bundesregierung hat sieben Atomkraftwerke vorläufig abgeschaltet, scheint aber nicht zu wissen, ob*das Folgen für die Verbraucher hat: Die Kanzlerin warnt vor steigenden Preisen - andere Politiker widersprechen. Was stimmt denn nun?*Eine Bestandsaufnahme. http://www.spiegel.de/wirtschaft/service/0,1518,752707,00.html
Also ich habe überhaupt keine Sorge, dass die erhöhten Preise in Zukunft auf den Verbraucher umgelegt werden. Was mich aber bei dieser ganzen Diskussion nervt, was nützt es deutsche AKWs abzuschalten, wenn dafür in Frankreich oder Tschechien neue ans Netz gehen, um Deutschland mit billigen Strom zu versorgen? Gar nichts, das alles ist nur Augenauswischerei!
4. Was wurde vergessen...
Andreas J. 23.03.2011
Zitat von sysopDie Bundesregierung hat sieben Atomkraftwerke vorläufig abgeschaltet, scheint aber nicht zu wissen, ob*das Folgen für die Verbraucher hat: Die Kanzlerin warnt vor steigenden Preisen - andere Politiker widersprechen. Was stimmt denn nun?*Eine Bestandsaufnahme. http://www.spiegel.de/wirtschaft/service/0,1518,752707,00.html
Wurde in dem Artikel nicht vergessen, was uns die neuen Stromleitungen denn kosten werden, wenn wir die Atomkraft abschalten werden.
5. Finanzmathematik
PromotorFidei 23.03.2011
2.6€ + 0.8€ + 0.5€ = 0.04€ Das macht nicht mal dann Sinn wenn man annimmt, dass die Megawattstunde bei den 4ct eine Kilowattstunde sein sollte.
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Anbieterwechsel - so funktioniert's
In wenigen Minuten zum Ziel
Der Wechsel des Stromanbieters ist sehr einfach. Für die Formalitäten braucht man nur wenige Minuten. Im Kern gilt das Gleiche auch für Gaskunden. Wechselwillige Kunden sollten Folgendes beachten.
Verbrauch ermitteln
Als Erstes sollte man seinen individuellen Jahresverbrauch ermitteln. Am einfachsten geht das über die letzte Rechnung. Wichtig: Es kommt nicht auf den Betrag in Euro an, sondern auf den Verbrauch in Kilowattstunden (kWh). Wer die letzte Rechnung nicht mehr findet, kann seinen jährlichen Strombedarf zur Not auch anhand des Verbrauchs der letzten Monate hochrechnen.
Die Suche nach dem passenden Anbieter
Nun beginnt die Suche nach dem günstigsten Anbieter. Eine wichtige Hilfestellung bieten dabei unabhängige Verbraucherportale wie www.toptarif.de, www.verivox.de, www.stromtarife.de, www.check24.de oder www.verbraucherzentrale.de. Auf diesen Seiten finden sich Tarifrechner, in die man nur zwei Werte eingeben muss: seine Postleitzahl und seinen jährlichen Stromverbrauch in Kilowattstunden. Der Tarifrechner bietet dann eine Übersicht sämtlicher Anbieter, die in dieser Region verfügbar sind.
Die Auswahl
Jetzt kommt der entscheidende Schritt - die Wahl des neuen Anbieters. Dabei sollte man Folgendes beachten: Der günstigste ist nicht automatisch der beste. So warnen Verbraucherschützer vor Unternehmen, die Vorkasse verlangen. Auch sollte man sich nicht zu lange an einen Anbieter binden - Vertragslaufzeiten von zwei Jahren also lieber meiden. Allen anderen Unternehmen darf man getrost Vertrauen entgegenbringen.
Ökoanbieter
Wer möchte, kann sich an dieser Stelle auch für einen Ökostromanbieter entscheiden. Diese Unternehmen garantieren grünen Strom aus erneuerbaren Energien, ohne Kohle und Kernkraft. Nach Angaben der Verbraucherschützer sind Ökostromprodukte in zwei Dritteln der Städte sogar billiger als die der ortsüblichen Grundversorger.
Die Formalitäten
Nun muss man mit dem neuen Anbieter nur noch Kontakt aufnehmen. Häufig ist das direkt über das Verbraucherportal möglich - entweder per Mausklick oder per Telefon. Der neue Anbieter klärt dann sämtliche Formalitäten. Eine Abmeldung beim alten Versorger ist nicht nötig, auch das übernimmt das neue Unternehmen automatisch. Nur eine Sache sollte man beachten: Die Vertragslaufzeit beim alten Anbieter muss eingehalten werden. Wer seit acht Monaten in einem Jahresvertrag ist, muss eben noch vier Monate warten.
Die Technik
Technisch ist der Anbieterwechsel überhaupt kein Problem. Das physikalische Produkt Strom bleibt in jedem Fall dasselbe, eine Unterbrechung der Versorgung ist ausgeschlossen. Dass man einen neuen Anbieter hat, merkt man nur daran, dass die Rechnung von einem anderen Unternehmen kommt als bisher. Übrigens: Selbst wenn der neue Anbieter pleitegehen sollte, bekommt man weiterhin Strom. In diesem Fall ist der örtliche Grundversorger gesetzlich verpflichtet einzuspringen.
Wie lange dauert der Anbieterwechsel?
Seit April 2012 können Strom- und Gaskunden schneller den Anbieter wechseln. Sobald die Anmeldung beim Netzbetreiber erfolgt ist, dürfen laut Energiewirtschaftsgesetz nur noch drei Wochen verstreichen, bis die Strom- oder Gaslieferung durch den neuen Anbieter beginnt. Starttermin muss nicht der Monatserste sein - jeder Tag ist möglich. Dauert die Umstellung länger als drei Wochen, kann der Kunde Schadenersatz vom Lieferanten oder Netzbetreiber fordern.
Ich habe eine Nachtspeicherheizung. Kann ich auch den Anbieter wechseln?
In den meisten Fällen leider nicht. "In vielen Regionen gibt es nur einen Anbieter, der die Betreiber von Nachtspeicherheizungen beliefert", sagt ein Verivox-Sprecher. Durch den mangelnden Wettbewerb kommt es öfter zu überdurchschnittlichen Preiserhöhungen. Im vergangenen Jahr sind beispielsweise in Baden-Württemberg die Preise um bis zu 30 Prozent gestiegen. Die Bundesregierung tut dagegen wenig, denn es ist politisch gewollt, dass stromfressende Nachtspeicherheizungen nach und nach ausrangiert werden.
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Grafiken: Der deutsche Energiemarkt


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