Energiewende AirBnB für Strom

Den Energieriesen droht der Kontrollverlust. Immer mehr Start-ups setzen auf Plattformen, über die kleine Verbraucher sich selbst und andere mit Strom versorgen - komplett an RWE und E.on vorbei.

Lichtblick-Chef Heiko von Tschischwitz
Stephan Ziehl/Lichtblick

Lichtblick-Chef Heiko von Tschischwitz

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Der Chef sitzt jetzt meist in der Küche. Um möglichst gut ansprechbar für seine Mitarbeiter zu sein, hat Heiko von Tschischwitz, 48, Geschäftsführer von Deutschlands größtem Ökostromanbieter Lichtblick, seinen Arbeitsplatz für zwei bis drei Tage die Woche an einen Tisch zwischen Kaffeeautomat und Kühlschrank im Hamburger Afrikahaus verlegt.

Bereits im September vergangenen Jahres hat Lichtblick dort, von der Konkurrenz weitgehend unbemerkt, eine zweite Firmenrepräsentanz aufgemacht: eine luftige Bürolandschaft voller Hipstermöbel und rund 50 jungen Kreativen. Hier sollen Geschäftsmodelle für den Strommarkt der Zukunft entstehen. Und Tschischwitz hat da auch schon eine Idee.

"Die nächste Stufe der Energiewende", sagt er, "könnte eine Art AirBnB für Strom sein." Eine Plattform, über die kleine Verbraucher sich selbst und andere mit Elektrizität versorgen - komplett an den Energiekonzernen vorbei. Die passende Plattform dazu will irgendwann Lichtblick liefern.

Tschischwitz ist ein begeisterungsfähiger Mensch, er wirkt hemdsärmelig, bübisch bisweilen, Mund und Augen zieren zahlreiche Grübchen. Seine Geschäftsideen versucht er gerne zu Weltverbesserungsutopien zu überhöhen, so wie es auch Start-up-Gründer im Silicon Valley gern machen.

"Wenn ich selbst Strom produziere", sagt Tschischwitz, "ist dieser mein Eigentum." "Ich sollte frei entscheiden können, was ich damit mache. Egal, ob ich den Strom meinem Nachbarn liefern oder ihn an ein Flüchtlingsheim spenden will. Oder ob ich ihn während meines Urlaubs Dritten über das Internet anbiete, so wie ich heute meine Wohnung an Dritte vermieten kann."

Aufbruch in eine neue Energiewelt

Tschischwitz verkörpert eine neue Energiewelt. Eine Welt, die wie ein Gegenentwurf zur altbekannten Branche mit ihren großklotzigen Kohlemeilern und großkotzigen Strombossen wirkt. In der Energiewelt der Zukunft werden Millionen Verbraucher ihre eigene Energie produzieren oder sie im Keller oder im eigenen Elektroauto zwischenspeichern.

Bereits jetzt tun das viele Deutsche. Laut Bundesnetzagentur haben derzeit rund 890.000 Haushalte eine Solaranlage. Laut Bundesverband für Solarenergie besitzen 35.000 Haushalte zusätzlich eine Batterie, mit der sie überschüssigen Strom zwischenspeichern können. Tendenz: stark steigend. Denn die Preise für kleine Speicher fallen rapide.

Denkt man diesen Trend weiter, dann wird es bald Strom im Überfluss geben. Das Angebot wird die Nachfrage immer mehr übertreffen. Der Verkauf von Strom wird immer weniger einbringen. Geld wird man vor allem mit dem Management der vielen kleinen Anlagen verdienen.

Genau in diesem Punkt unterscheidet sich Lichtblick gar nicht so sehr von E.on oder RWE. Auch die Hamburger verdienen vor allem mit dem Verkauf ihres Ökostroms Geld. Auch Lichtblick wird sich also in den kommenden Jahren radikal verändern müssen. Die Chancen dafür stehen nicht schlecht.

Strom aus der Region

Bereits in den vergangenen Jahren hat Tschischwitz jede Menge neue Geschäftsmodelle ausprobiert. 2009 installierte Lichtblick zusammen mit Volkswagen in den Kellern von Wohnhäusern kleine Blockheizkraftwerke, die Strom für Wasser und Heizung produzierten und überschüssigen Strom ins Netz speisten. 2013 lieferte das Unternehmen Solarstrom in Mietwohnungen. 2015 ließen die Hamburger Elektroautos vom Parkplatz aus Strom ins Netz speisen, wenn die Versorgung knapp wurde. Gemanagt wurden all diese Versuche über eine eigens entwickelte Software, den Schwarmdirigenten.

Nun also ein AirBnB für Strom. Konkret geplant ist noch nichts. Aber funktionieren könnte das Ganze ungefähr so: Haushalte in einer Region sind über moderne Kommunikationstechnologie miteinander verbunden. Intelligente Stromzähler messen in Echtzeit, wie viel Elektrizität ein Haushalt gerade braucht und wie viel Energie andere Haushalte gerade produzieren. Angebot und Nachfrage werden im Sekundentakt aufeinander abgestimmt.

Lichtblicks Schwarmdirigent soll es Bürgern ermöglichen, ihren Strom zu verkaufen. Laut Energiewirtschaftsgesetz dürfen nur offizielle Versorger Energie liefern. Diese müssen eine Genehmigung haben und eine Reihe Voraussetzungen erfüllen. Lichtblick erfüllt all diese Auflagen. Mögliches Geschäftsmodell: Der kleine Solaranlagenbesitzer wählt per App aus, was mit seinem Strom passieren soll - den Rest übernimmt, gegen eine kleine Gebühr, Lichtblick.

Die Hamburger sind nicht die Einzigen, die in diese Richtung denken. Die Mannheimer Firma Beegy und das Münchner Start-up Buzzn versuchen sich an ähnlichen Konzepten. Auch sie haben jeweils Hunderte Haushalte mit Solaranlage und Batterie im Keller zu Communitys zusammengefasst und wollen deren Energieproduktion und -verbrauch untereinander ausgleichen.

"Wenn bei Kunde A die Sonne scheint und es bei Kunde B regnet, soll der Fernseher von Kunde B bald mit überschüssigem Sonnenstrom von Kunde A versorgt werden", sagt Christian Feißt von Beegy. Buzzn nennt das "Social Energy". Andere Energie-Start-ups werben mit "Strom aus der Region". Die Share Economy lässt grüßen.

Die Politik hinkt dem Markt hinterher

Noch aber ist das neue Energiezeitalter nicht angebrochen. Noch sind weder ökonomisch noch politisch die Voraussetzungen dafür geschaffen. Während an den Strombörsen die Preise von Minute zu Minute stark schwanken, zahlen die meisten Privatkunden zu jeder Tages- und Nachtzeit immer dasselbe für die Kilowattstunde Strom. So fehlt der Anreiz, zu bestimmten Zeiten Energie zu verbrauchen oder an andere zu liefern.

Hinzu kommen gesetzliche Hürden. Wenn ein Haushalt zum Beispiel überschüssigen Wind- und Sonnenstrom in einer Batterie zwischenspeichert und ihn später, wenn er benötigt wird, zurück ins Netz speist, dann muss der Speicherbetreiber für diesen Strom plötzlich die sogenannte Ökostromumlage zahlen.

Was unsinnig ist: Denn derjenige, der den Strom letztlich verbraucht, muss die Umlage noch einmal abdrücken. Das ist nicht nur doppelt gemoppelt, es ist aus Sicht des Speicherbetreibers auch ärgerlich. Denn der Verkauf von gespeichertem Ökostrom rentiert sich durch diesen Gesetzesfehler meist nicht.

Noch nicht. Insidern zufolge könnte die Regierung die doppelte Umlage noch in diesem Sommer beseitigen, indem sie die Rolle kleiner Stromspeicher bei der Novelle des Erneuerbare-Energien-Gesetzes neu definiert. Offiziell heißt es im zuständigen Bundeswirtschaftsministerium dazu nur, man wolle die "Entwicklung neuer innovativer Geschäftsmodelle ermöglichen".

Sollte die Reform kommen, wäre der Energiemarkt der Zukunft wieder ein Stück näher gerückt - und mit ihm neue Geschäftsideen wie ein AirBnB für Strom.

Lichtblick-Chef Tschischwitz beschwört schon mal den Klassenkampf. "Wir erleben gerade, wie der Stromverbraucher zum Stromversorger wird", sagt er. Die Konzerne könnten bald die Kontrolle über die Energieversorgung verlieren. Die Bürger würden dann die Macht übernehmen.

Zusammengefasst: Immer mehr Verbraucher produzieren ihren eigenen Strom oder speichern ihn im Keller oder im eigenen Elektroauto. Firmen wie Lichtblick wollen daran mitverdienen. Sie wollen Plattformen schaffen, über die kleine Stromproduzenten selbst entscheiden können, was mit der von ihnen erzeugten Energie geschieht.

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Seite 1
iffelsine 08.05.2016
1. Die Stromnetzbetreiber werden das nicht unterstützen
Es sei denn, sie bekommen für die Nutzung ihrer Leitungen und ihrer sonstigen Infrastruktur etwas ab. Ob das dann noch preiswerter ist, als der Strom der großen Anbieter ?
carlo02 08.05.2016
2. Das
hat nix mit "share economy" zu tun. Das ist knallharte Marktwirtschaft.
ruediger 08.05.2016
3.
Nur ist das Geschäftsmodell auch nichts anderes wie der Telekom Reseller und funktioniert nur, weil es die großen Stromproduuenten gibt die für die eigentliche Energieerzeugung einfach weniger bekommt. Weil auch bei Lichtblick schreint nachts die Sonne nun mal nicht. Bezahlt wird es letztlich vom normalen Stromkunden der über zahllose Umlagen, die Lichtblick nicht bezahlen will den Unsinn finanzieren soll
gutmensch und stolz drauf 08.05.2016
4.
Leute träumt schön weiter, wie bei der Atomenergie werden die Konzerne durch Lobbyarbeit dafür sorgen, dass es solange es irgenwie geht sie die Gewinner sind und der Verbraucher draufzahlt. Dafür sorgen auch die ganzen CDU/SPD-Politiker die nebenher noch in den entsprechenden Vorständen sitzen
spiegelleser987 08.05.2016
5.
Zitat von carlo02hat nix mit "share economy" zu tun. Das ist knallharte Marktwirtschaft.
... und der Gewinner wird demnächst China sein. Monatlich geht in China ein Kohlekraftwerk ans Netz. Den Strom braucht China garnicht. Deshalb planen die ein Netz, um Kohle- und Atomstrom nach Europa zu liefern. Deshalb wird hier gegen Kohlekraftwerke demonstriert. So kriegt man das hin. ... der nächste Lichtblick zu "günstigen Preisen". ;-)))) http://www.wetter-center.de/blog/?p=1535
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