Rechentricks So klimaschädlich ist Ihr Stromanbieter

Die meisten deutschen Stromversorger sind schmutziger als sie tun. Ein absurdes Gesetz will, dass Sie ihren CO2-Ausstoß künstlich kleinrechnen. So finden Sie heraus, wie viel Ökostrom Ihr Anbieter wirklich liefert.

Braunkohlekraftwerk in Nordrhein-Westfalen
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Braunkohlekraftwerk in Nordrhein-Westfalen

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In Gesetzen sind mitunter absonderliche Dinge festgehalten. Ein besonders absurder Passus findet sich im Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG). Demnach müssen die deutschen Stromversorger behaupten, sie würden ihren Kunden weit mehr Ökostrom liefern, als sie es tatsächlich tun.

Hintergrund ist die sogenannte gesetzliche Stromkennzeichnung. In dieser muss jeder Versorger angeben, aus welchen Quellen er die Elektrizität für seine Kunden beschafft hat und wie viel Gramm CO2 bei der Produktion einer Kilowattstunde seines Stroms verursacht werden. In diesen Strommix müssen die Anbieter allerdings nachträglich Ökostrom reinrechnen, den sie gar nicht gekauft und geliefert haben - das macht bis zu 45 Prozent des gesamten Strommixes aus. Der Anteil des Kohle- und Atomstroms sinkt dadurch auf dem Papier - und der Prozentsatz der erneuerbaren Energien wirkt weit größer, als er in Wahrheit ist.

Die zusätzlichen Ökostromprozente sollten den Kunden vor Augen führen, dass sie über ihre Stromrechnung die Energiewende mitfinanzieren. Die meisten zahlen auf ihren verbrauchten Strom eine Abgabe, über die der Bau von Solaranlagen, Windrädern und Biogasanlagen gefördert wird. Je mehr solcher Kunden ein Versorger hat, desto mehr Ökostromprozente muss er in seinen Strommix reinrechnen.

In den Anfangsjahren der deutschen Energiewende mag diese Regelung Sinn ergeben haben. Inzwischen aber ist der Anteil erneuerbarer Energien an der deutschen Stromversorgung stark gewachsen - und mit ihm sind auch die zusätzlichen Ökostromprozente immer höher geworden, die die Versorger auf ihren Strommix draufschlagen müssen.

Verbraucher werden so in die Irre geführt. Das veraltete Gesetz provoziert sozusagen ein groß angelegtes Greenwashing.

Zudem verzerrt es in großem Stil den Wettbewerb. Selbst Versorger, deren Strom größtenteils aus Kohlekraftwerken stammt, wirken durch die zusätzlichen Ökostromprozente inzwischen recht klimafreundlich. Vor allem unterscheiden sie sich immer weniger von reinen Ökostromanbietern wie Greenpeace Energy oder Lichtblick.

Kein Wunder also, dass vor allem solche Firmen gegen das Gesetz auf die Barrikaden gehen. "Es ist wie bei den Dieselautos", sagt beispielsweise Lichtblick-Manager Gero Lücking. "Die offiziellen Angaben zum Schadstoffausstoß des Stroms haben nichts mit der Realität zu tun."

Wie Sie die Wahrheit herausfinden

Um Verbraucher auf das Problem aufmerksam zu machen, hat Lichtblick sich nun 50 der rund 1100 deutschen Energieversorger näher angeschaut und die wahren Ökostromanteile in ihrem Strommix berechnet. Die Auswahl umfasst 49 besonders große und bekannte Versorger - und Lichtblick selbst.

Die Angaben zu den 49 Konkurrenzfirmen können Sie den beiden Grafiken und der Tabelle in diesem Text entnehmen. Falls Ihr Versorger in der Stichprobe nicht vorkommt, können Sie seinen wahren Ökostromanteil auch ganz leicht selbst ausrechnen. Das geht so:


1. Bestimmen Sie den ausgewiesenen Ökostromanteil Ihres Versorgers. Sie finden Ihn meist als "Sonstige Erneuerbare Energien" in einem Tortendiagramm auf Ihrer Stromrechnung

2. Ziehen Sie den EEG-Ökostromanteil "Erneuerbare Energien, gefördert nach der EEG-Umlage" von der Zahl 100 ab.

3. Teilen Sie 1. durch 2.

4. Multiplizieren Sie das Ergebnis mit 100. Fertig.


SPIEGEL TV über erneuerbare Energien auf dem Prüfstand

SPIEGEL TV

Die Bundesregierung spielt inzwischen übrigens mit dem Gedanken, das veraltete Gesetz zu überarbeiten. Anfang Dezember gab es ein Treffen im Bundeswirtschaftsministerium, bei dem zahlreiche Energieversorger, die Branchenverbände und Experten die Problematik der virtuellen Ökostromanteils besprochen haben.

Dabei wurde unter anderem vorgeschlagen, dass künftig der wahre Ökostromanteil im Strommix der Energieversorger ausgewiesen werden soll. Der Vorschlag könnte im Rahmen einer EEG-Reform im Herbst 2018 umgesetzt werden und ab 2019 gelten.

Tatsächlicher und offiziell angegebener Anteil erneuerbarer Energien am Strommix* bekannter Versorger (in %)

Versorger Tatsächlicher Ökostrom Offiziell angegebener Ökostrom** Differenz
123 Energie 5,8 35 29,2
Aldi Süd (Pfalzwerke) 5,8 35 29,2
BS Energy 4,4 45,8 41,4
DB Energie 29,4 41,3 11,9
DEW21 83,6 90,5 6,9
E wie Einfach 15,2 53,6 38,4
E.ON Deutschland 7,4 48,5 41,1
EnBW 5,7 48,4 42,7
ENSO AG 2,7 23,0 20,3
ENTEGA 80,6 87,8 7,2
EnviaM 15,2 51,3 36,1
eprimo 36,2 65,1 28,9
evm AG 38,7 62,2 23,5
EWE 3,3 35,2 31,9
Grünwelt Energie 78,5 88,3 9,8
Innogy 3,0 40,9 37,9
Lidl Strom (E.ON) 7,4 48,5 41,1
Mainova 32,6 62,6 30,0
MVV 9,6 36,6 27,0
N-Ergie 7,5 40,8 33,3
REWAG 8,7 43,5 34,8
Rheinenergie 10,1 37,9 27,8
RhönEnergie Fulda 5,1 40,9 35,8
Stadtwerke Bielefeld 5,3 35,9 30,6
Stadtwerke Bremen (SWB) 24,3 57,9 33,6
Stadtwerke Bochum 11,5 41,5 30,0
Stadtwerke Dresden (DREWAG) 6,3 41,8 35,5
Stadtwerke Duisburg 9,5 49,6 40,1
Stadtwerke Düsseldorf 7,0 47,2 40,2
Stadtwerke Erfurt 7,0 45,9 38,9
Stadtwerke Flensburg 12,9 51,8 38,9
Stadtwerke Hannover (Enercity) 31,2 59,7 28,5
Stadtwerke Ingolstadt 14,2 51,1 36,9
Stadtwerke Kiel 8,3 48,0 39,7
Stadtwerke Leipzig 14,0 51,0 37,0
Stadtwerke Lübeck 18,3 55,3 37,0
Stadtwerke Magdeburg 25,1 55,3 30,2
Stadtwerke Merseburg 0,5 34,3 33,8
Stadtwerke München 42,1 67,0 24,9
Stadtwerke Münster 12,9 50,7 37,8
Stadtwerke Schwerin 10,9 51,0 40,1
Stadtwerke Suhl 3,1 47,0 43,9
Stadtwerke Weimar 9,6 50,7 41,1
Stadtwerke Würzburg 29,5 60,6 31,1
Stadtwerke Wuppertal 6,9 32,3 25,4
Süwag 9,6 47,5 37,9
Thüringer-Energie 18,2 50,6 32,4
Vattenfall 17,1 50,4 33,3
YelloStrom 9,0 50,2 41,2

Quelle: Lichtblick, Stand: 26.1.2018
*Der gesamte Strommix (100%) setzt sich zusammen aus Atom, Kohle, Gas, sonstigen fossilen Energieträgern und erneuerbaren Energien.
**Erneuerbare Energien und EEG-Strom



insgesamt 109 Beiträge
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Seite 1
christian-h 31.01.2018
1. Angabe
Nunja, Lichtblick ist auch nicht viel besser. Diese beziehen zwar zu 100% den Ökostrom aus deutschen Wasserkraftwerken, nur stellt sich die Frage ob dieser grüne Strom auch bei den Kunden ankommt. Die ganzen Wasserkraftwerke aus denen Lichtblick ihren Strom bezieht steht in Bayern: https://www.lichtblick.de/privatkunden/oekostrom/stromquellen/ Da stellt sich doch glatt die Frage, ob dieser Strom auch bei den Kunden aus der Steckdose kommt die nicht in Bayern neben einem dieser Kraftwerke wohnen. Ein weiterer Aspekt ist folgender, die Menge an Strom aus deutschen Wasserkraftwerken ist begrenzt und ein weiterer Ausbau der Kapazitäten nur noch geringfügig möglich. D.h. wenn Lichtblick ihren ganzen Strom aus diesen Wasserkraftwerken bezieht bleibt für den Rest folglich weniger übrig.
conocedor 31.01.2018
2. Qualitätsjournalismus
Wir lernen: Energieunternehmen, die, aus welchen Gründen auch immer, ihren Strom zu geringeren Anteilen aus Windrädern oder Sonnenkollektoren produzieren oder beziehen, heißen im Energiewende-Gaga-Sprech jetzt umstandslos "dreckigste Versorger". Andere, auch wenn deren Anteile erneuerbarer Energien durchaus weniger als ein Drittel beträgt, sind "sauberste Versorger". Genau auch diese unsachlichen sprachlichen Verhunzungen spiegeln das intellektuelle Niveau wider, auf dem sich die Energie- und Klimadebatte neben ihren ganzen praktischen Entgleisungen in Form der "Energiewende" in Deutschland seit Jahren bewegt. Ob "mörderische Braunkohle", "Hunderttausende Diesel-Tote" oder eben "dreckigste Versorger": Keine semantische Panscherei und fachliche Unsachlichkeit ist mittlerweile dumm genug, um den Menschen ein schlechtes Gewissen einzureden. Natürlich mit Bild von wasserdampfspeienden Kühltürmen und der Unterschrift "Braunkohlekraftwerk", das als suggestive Illustration unverzichtbar bei jedem Bericht zum Thema Ökostrom und Klimawandel dazugehört. Gäbe es hierzulande einen preislichen besonders günstigen Anbieter, der seine Lieferung zu 100 Prozent aus Atom- oder Kohlestrom bereitstellt, hätte ich den schon längst genommen. Und dabei wären mir all diese Klimahysterie und Angstmache herzlich egal.
pommbaer84 31.01.2018
3. @christian-h
Der Strom wird in das gesamte Netz eingespeist. Rein physikalisch erhält man also immer den Strom aller einspeisenden Kraftwerke. Grüner Strom wird durch Zertifikate gehalten. Das Windrad oder Wasserkraftwerk gibt Zertifikate in Höhe des produzierten Stromes aus, der Anbieter kauft diese, und in der Bilanz hat er nachher soviel Strom verkauft wie erneuerbar erzeugt wurde.
manfredm-1 31.01.2018
4. Sog. Ökostrom ist nicht existent
Jeder Kunde bekommt den Strommix, der gerade in das Netz eingespeist wird. Dieser Mix kann vom Anbieter nicht beeinflusst werden. Bei jedem Anbieter ist also ständig ein Anteil Atomstrom und ein Anteil aus Kohle/Erdgas mit dabei. Ökostrom = Etikettenschwindel. Davon abgesehen benötigen die Windkraftanlagen immer Kohle/Erdgas-Kraftwerke als Reserveleistung für das stark schwankende Angebot.
joG 31.01.2018
5. Ich will halt nicht, dass....
....mein der Hausherr Subventionen für Solarstrom bekommt aus der Stromrechnung des Mieters. Und sonst? Strom ist Strom und dafür mehr zu bezahlen, weil mir jemand sagt, er wäre Grün? Machen Sie das gerne. Aber Tacheles. Wir kennen die Instrumente CO2 zu effizient zu reduzieren. Unsere Politiker wollten aber den Zertifikarhandel nicht einsetzen dazu, weil dann sichtbar würde, wieso der Preis steigt. Vor dieser Transparenz hatten sie Angst.
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