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Planungschaos: Regierung vermasselt Start neuer Stromzähler-Generation

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Ein Gesetz für intelligente Stromzähler ist seit Jahren im Verzug - jetzt herrscht Chaos: Hersteller haben drauflos gebaut, Hunderttausende Geräte mit fraglichem Nutzwert installiert und Millionenkosten auf die Verbraucher abgewälzt.

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Strommasten: Smart Grid seit Jahren im Verzug

Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Das sogenannte intelligente Stromnetz - auf Neudeutsch: Smart Grid - soll eigentlich die Energieversorgung demokratisieren. Doch bis jetzt verursacht es vor allem ein teures Chaos: Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE fallen jedes Jahr Kosten in mittlerer zweistelliger Millionenhöhe für Projekte von fragwürdigem Nutzen an.

Durch das Smart Grid sollen Haushalte und Gewerbebetriebe künftig von den schwankenden Preisen an der Strombörse profitieren. Bei einem Überangebot, zum Beispiel wenn viele Wind- und Solaranlagen auf Hochtouren arbeiten, sinken die Preise an der Strombörse; bei einer Unterversorgung steigen sie. Großindustrielle kaufen ihren Strom oft schon jetzt gezielt ein, wenn er besonders billig ist.

Dank intelligenter Messsysteme sollen dies künftig auch Millionen kleine Verbraucher können. Die Anlagen sollen den Stromverbrauch im Minutentakt erfassen und in ebenso kurzen Zeitabständen übermittelt bekommen, wie viel Strom gerade im Netz verfügbar ist. Die Kleinverbraucher könnten Strom dann nicht nur zu Schnäppchenpreisen einkaufen; sofern sie über einen eigenen Speicher verfügen, könnten sie bei steigenden Preisen auch Strom ins Netz speisen und damit gutes Geld verdienen.

Tatsächlich ist Deutschland von einer solchen Energiewelt weit entfernt. Stattdessen herrscht Wildwuchs im Stromnetz. Weil die nötigen gesetzlichen Rahmenbedingungen seit Jahren im Verzug sind, haben viele Zählerhersteller einfach drauflos gebaut. 400.000 bis 500.000 intelligente Zähler seien inzwischen am Netz, teilt der Bundesverband Neue Energiewirtschaft (BNE) auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE mit. Diese Schätzung basiere auf einer Auswertung großer Pilotprojekte und einer zusätzlichen stichprobenartigen Umfrage unter Netzbetreibern und Zählerherstellern.

Die meisten dieser Geräte erfüllen laut Bundesnetzagentur gar nicht die Anforderungen, die die Bundesregierung an ein intelligentes Stromnetz stellt. Laut BNE können viele der vermeintlich intelligenten Zähler zum Beispiel gar nicht mit jedem Stromversorger kommunizieren. Ein intelligentes Stromnetz würde so nicht entstehen - eher ein Flickenteppich aus vielen nicht miteinander kompatiblen Einzellösungen.

50 Millionen Euro pro Jahr für fragwürdige Projekte

Die meisten der betroffenen Zähler sind im Rahmen sogenannter Pilotprojekte installiert worden. Die Ausgaben dafür werden über die sogenannten Netzentgelte auf die Stromrechnungen aller Verbraucher umgeschlagen. In Branchenkreisen ist von mindestens 50 Millionen Euro pro Jahr die Rede.

Genauer im Bilde müsste eigentlich die Bundesnetzagentur sein. Doch die für das Stromnetz zuständige Behörde gesteht auf Nachfrage ein, dass sie noch nicht einmal weiß, wie viele intelligente Zähler in Deutschland derzeit genau am Netz sind.

Energieminister Sigmar Gabriel (SPD) würde das Chaos gern ein für alle Mal beenden. Im Februar hat er ein Eckpunktepapier vorgelegt, das die Rahmenbedingungen für einen flächendeckenden Einsatz intelligenter Zähler skizziert. Bis zur Sommerpause sollen entsprechende Verordnungen erarbeitet und vom Kabinett abgesegnet werden.

Ob sich der Termin indes halten lässt, ist unklar. Die zuständigen Arbeitsgruppen aus Regierungsexperten, Unternehmen und Verbänden wollten eigentlich bis Anfang April alle Details geklärt haben, was jedoch nicht gelang. Die noch offenen Punkte sollen nun möglichst bald nachverhandelt werden.

Schaffen sie das nicht, müsste Gabriel das Gesetz zum x-ten Mal verschieben. Der Einbau der nicht ganz so intelligenten Zähler ginge indes munter weiter.

Zusammengefasst: Neue Zähler sollen Verbrauchern helfen, günstig Strom einzukaufen. Mehrere hunderttausend Geräte wurden bereits eingebaut - auch auf Kosten der Verbraucher. Doch viele der Systeme sind gar nicht geeignet. Dennoch schafft es die Regierung nicht, schnell klare Vorgaben zu machen.

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insgesamt 301 Beiträge
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1. Aber das macht doch nichts
Orebor 17.04.2015
So wurde die Industrie durch die Verbraucher gefördert, was natürlich Arbeitsplätze erhält. Sicherlich muss man später bereits verbaute Zähler noch einmal (oder zweimal oder dreimal,...) austauschen, damit diese dann entsprechende Normen erfüllen. Damit sichern wir weiterhin Arbeitsplätze, ist doch schön!
2. Das scheint mittlerweile Methode zu haben,
wiesenflitzer 17.04.2015
dass diese Regierung keines, aber auch kein einziges Projekt handwerklich vernünftig auf die Reihe bekommt. Egal wo man hinschaut, überall nur Pfusch, Verschleppung, Unfähigkeit, Vetternwirtschaft, Korruption, Lobbyismus, etc. Ich mag es gar nicht mehr lesen... Kein Wunder, dass dieses Volk kein politisches Interesse mehr hat. Bitte, liebe Politiker; gebt mir einen Grund wieder wählen zu gehen.
3.
saarpirat 17.04.2015
Ist es nicht irgendwie immer so?
4.
rheinläufer 17.04.2015
Nun mal los, Herr Gabriel, zeigen Sie mal, was sie drauf haben und bringen Sie die Sache ins Lot zum Nutzen der Verbraucher! So können Sie vielleicht ihr Selbstbild mit dem Fremdbild in Übereinstimmung bringen.
5.
rroggenbrot 17.04.2015
Vielmehr sind "intelligente" Stromzähler ein Instrument, Privathaushalte noch detaillierter überwachen zu können. Selbst welches Fernsehprogramm gerade läuft ist aus dem punktgenauen Stromverbrauch ersichtlich und dann der Obrigkeit bekannt. Hier von einer "Demokratisierung" zu sprechen zeugt von äußerst geringem Demokratieverständnis.
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