Werbelügen: EU verbietet irreführende Slogans bei Lebensmitteln

Die EU will Verbraucher vor falschen Versprechungen von Lebensmittelherstellern schützen. Werbeslogans wie "Stärkt die Abwehrkräfte" können untersagt werden, wenn sie wissenschaftlich nicht haltbar sind. Allerdings bleiben den Herstellern Hintertüren offen.

Einkaufswagen im Supermarkt: Werbeslogans im Visier Zur Großansicht
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Einkaufswagen im Supermarkt: Werbeslogans im Visier

Brüssel - Regale im Supermarkt muten teilweise wie Auslagen in der Apotheke an: Mit Slogans wie "Gut fürs Immunsystem" oder "Stärkt die Abwehrkräfte" preisen Lebensmittelhersteller ihre Produkte an. Die EU hat diese Versprechungen nun unter die Lupe genommen - und verbietet die Aufdrucke teilweise. Irreführende Werbung für Lebensmittel wird in der EU drastisch eingeschränkt.

Der Ausschuss für Verbraucherschutz im Europaparlament billigte am Mittwoch in Brüssel einen Vorschlag der Kommission, rund 1600 gesundheitsbezogene Werbeslogans zu verbieten. Erlaubt wurden rund 222 Werbeaussagen, darunter etwa die Formulierung "Gut für die Verdauung" - für Kekse mit vielen Ballaststoffen.

Die gesundheitsbezogenen Werbeaussagen wurden von der Europäischen Lebensmittelagentur EFSA in Parma überprüft. Zugelassen wurden nur Slogans, die als wissenschaftlich fundiert erachtet wurden. Durchgefallen ist beispielsweise die Behauptung, sogenannter probiotischer Joghurt stärke das Immunsystem.

Die EU-Kommission muss die Listen nun noch formal absegnen, was nach Angaben eines Beamten in einigen Wochen geschehen soll. Nach der Veröffentlichung im Europäischen Amtsblatt haben die Hersteller von Lebensmitteln, deren Werbeslogans nicht genehmigt wurden, sechs Monate Zeit, um bereits verpackte Produkte zu verkaufen. "Nach dieser Frist dürfen sie die beanstandeten Slogans nicht mehr verwenden", hieß es. Die Hersteller könnten allerdings jederzeit auf Grundlage neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse eine Überprüfung beantragen.

"Was draufsteht, muss auch stimmen!"

Die Listen sind Teil einer EU-Verordnung, die bereits 2006 verabschiedet wurde. Ihre Erstellung dauerte länger als zunächst geplant, weil die EFSA rund 44.000 Anträge auf Zulassung von Werbeaussagen erhielt - weit mehr als zunächst erwartet.

Die Europäische Verbraucherschutzzentrale BEUC in Brüssel begrüßte die Neuregelung als "Schritt in die richtige Richtung". Verbraucher würden so besser vor "unbegründeten, übertriebenen oder unwahren Werbeaussagen" geschützt, hieß es.

Auch das Bundesverbraucherministerium lobte die Neuregelung. Gerade bei Nahrungsmitteln müsse gelten: "Was draufsteht, muss auch stimmen!"

mmq/AFP

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insgesamt 27 Beiträge
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1. Aufpassen
titule 21.03.2012
Zitat von sysopDie EU will Verbraucher vor falschen Versprechungen von Lebensmittelherstellern schützen. Werbeslogans wie "Stärkt die Abwehrkräfte" können untersagt werden, wenn sie wissenschaftlich nicht haltbar sind. Allerdings bleiben den Herstellern Hintertüren offen. Werbelügen: EU verbietet irreführende Slogans bei Lebensmitteln - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Wirtschaft (http://www.spiegel.de/wirtschaft/service/0,1518,822891,00.html)
Man sollte dann darauf achten, welche Sprüche auf welchen Produkten in sechs Monaten verschwunden sind. Diese Hersteller werden uns dann irgendwie anders auf den Arm nehmen.
2. Hmm
günter1934 21.03.2012
Zitat von sysopDie EU will Verbraucher vor falschen Versprechungen von Lebensmittelherstellern schützen.
Wie steht es dann bei den Wiesenhofhähnchen, die nicht auf einem "Wiesenhof" aufgewachsen sind? Wieso nennt sich die grösste deutsche Milchverarbeitungsfabrik "Landliebe"? Und wieso ist es immer noch erlaubt, Margarine unter den irreführenden Namen "Rama", Sanella" "Lätta" oder "Botteram" zu verkaufen? Obwohl die mit Rahm, Sahne Milch oder gar Butterrahm nicht das geringste zu tun haben.
3. wenn die Hersteller...
hla63 21.03.2012
eine Wiederzulassung bei aktualisierten wissenschaftlichen Erkenntnissen beantragen können: Da frag ich mich, wo kommen diese Erkenntnisse her? Studien, die nach dem Motto laufen "Wes Brot ich ess, des Lied ich sing"? Bei denen das gewünschte Ergebnis von vornherein feststeht? Die meisten Studienergebnisse zu gesunder Ernährung folgen eh der modernen Lehrmeinung, anstatt wissenschaftlich durchgeführt zu sein. Oder 100 Studien innerhalb 2 Jahren ergeben alle paar Tage neue, sich widersprechende Ergebnisse. Heute ist das schädlich, morgen das, und das was heute schädlich war, ist morgen gesund und umgekehrt... Ich glaube den Ernährungspäpsten kein Wort.
4.
lotoseater 21.03.2012
Zitat von günter1934Wie steht es dann bei den Wiesenhofhähnchen, die nicht auf einem "Wiesenhof" aufgewachsen sind? Wieso nennt sich die grösste deutsche Milchverarbeitungsfabrik "Landliebe"? Und wieso ist es immer noch erlaubt, Margarine unter den irreführenden Namen "Rama", Sanella" "Lätta" oder "Botteram" zu verkaufen? Obwohl die mit Rahm, Sahne Milch oder gar Butterrahm nicht das geringste zu tun haben.
Ganz genau! Die Liste lässt sich schier endlos fortsetzen: -Königsberger Klopse, die nicht aus Königsberg kommen -Leberkäse ohne Leber -Katzenzungen ohne Katzen -Schweinsohren ohne Schwein -Amerikaner, Berliner, Wiener...
5. Naja, bitte...
sappelkopp 21.03.2012
Zitat von günter1934Wie steht es dann bei den Wiesenhofhähnchen, die nicht auf einem "Wiesenhof" aufgewachsen sind? Wieso nennt sich die grösste deutsche Milchverarbeitungsfabrik "Landliebe"? Und wieso ist es immer noch erlaubt, Margarine unter den irreführenden Namen "Rama", Sanella" "Lätta" oder "Botteram" zu verkaufen? Obwohl die mit Rahm, Sahne Milch oder gar Butterrahm nicht das geringste zu tun haben.
...das sind Markennamen. Ich höre zum ersten Mal, dass "Rama" etwas mit Rahm zu tun haben sollte, oder "Sanella" mit Sahne. Das sind Pflanzenmargarinen, steht doch dick drauf. Herr Beckenbauer hat auch niemals Becken gebaut, sondern die Bälle verteilt, Tore geschossen, war Teamchef und hat eine WM organisiert.
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Die Health-Claim-Verordnung der EU
Seit 2007 ist die "Verordnung über nährwert- und gesundheitsbezogene Angaben über Lebensmittel" der EU in Kraft. Hersteller von Lebensmitteln können seitdem Health-Claim-Anträge bei der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (Efsa) einreichen. Ziel der Verordnung: Jede Angabe auf einem Etikett über den gesundheitlichen Nutzen des Produkts muss durch wissenschaftliche Nachweise abgesichert sein. Diese werden von der Efsa überprüft.
Health Claims nach Artikel 13.1
"Kalzium ist gut für Ihre Knochen", oder "Omega-3-Fettsäuren senken den Cholesterinspiegel". Allgemeine Claims dieser Art gehören in die Kategorie 13.1. Ursprünglich waren mehr als 40.000 Anträge auf Claims dieser Art bei der Efsa eingegangen. Die EU-Behörde hat die Liste inzwischen auf 4186 reduziert. Wann die Positivliste der erlaubten Werbeaussagen fertiggestellt sein wird, ist noch nicht absehbar. Urprünglich sollte sie Ende Januar 2010 veröffentlicht werden. Doch bisher sind erst knapp tausend solcher Health-Claim-Anträge abgearbeitet. Grundsätzlich darf sich jeder Hersteller aus der Liste bedienen und sein Produkt mit den erlaubten Claims bewerben, sofern es bestimmte Nährwert-Anforderungen erfüllt. Diese wurden allerdings von der EU-Kommission noch nicht genau festgelegt.
Health Claims nach Artikel 13.5
"Actimel unterstützt das natürliche Abwehrsystem im Darm", oder "Activia hilft mit seiner speziellen Kultur regelmäßig das Darmwohlbefinden zu verbessern". Das sind gesundheitsbezogene Angaben im Hinblick auf "neue Wirkungen", wie es die Efsa formuliert. Gemeint sind damit individuelle Health Claims, die nur für ein bestimmtes Produkt gelten. Von dieser Sorte wurden bisher insgesamt 280 Anträge bei der Efsa eingereicht, 80 sind erst abgearbeitet, sechs wurden wieder zurückgezogen. Die Antragsteller müssen umfangreiche wissenschaftliche Nachweise vorlegen, die die gesundheitsbezogenen Angaben belegen.
Health Claims nach Artikel 14
"Verringert den Cholesterinspiegel", "senkt das Risiko für Herz-Kreislaufkrankheiten". Werbeaussagen dieser Art, also Angaben über die Reduzierung eines Krankheitsrisikos, fallen unter Artikel 14 der Health-Claim-Verordnung. Ebenso sind Angaben über die Gesundheit und Entwicklung von Kindern darunter definiert. Auch in diesen Fällen müssen die Antragsteller wissenschaftliche Nachweise erbringen, die diese Effekte belegen.
Was passiert, wenn ein Health Claim abgelehnt wurde?
Ohne eine Zulassung nach der Health-Claim-Verordnung darf eine gesundheitsbezogene Angabe für ein Lebensmittelprodukt nicht mehr verwendet werden, auch nicht in der Werbung. Die Behörden räumen den Herstellern jedoch eine Frist von sechs Monaten ein, innerhalb der sie die Werbeaussagen vollständig vom Markt nehmen müssen. Angaben über die Entwicklung und Gesundheit von Kindern müssen sofort aus dem Verkehr gezogen werden. Nur sofern vor dem 19. Januar 2008 ein Antrag auf Zulassung gestellt wurde, gilt für sie eine Übergangsregelung.
Fotostrecke
Ampelkennzeichnung: Was wirklich in Lebensmitteln drin ist

Hintergrund
Die amtliche Lebensmittelüberwachung
Die Lebensmittelüberwachung ist in Deutschland Ländersache. In den Landesministerien für Verbraucherschutz beziehungsweise Ernährung werden Untersuchungsprogramme entwickelt, die die Lebensmittelüberwachungs- und Veterinärämter in den Städten und Landkreisen verwirklichen.

Die Behörden kontrollieren die Lebensmittelbetriebe dabei nicht nach Zufallsprinzip, sondern nach Höhe des Risikos. Die Kontrolleure dürfen, wenn nötig, Proben entnehmen. Insgesamt werden jedes Jahr von den Laboren der Bundesländer rund 400.000 Proben untersucht. Wenn die Gesundheit der Verbraucher gefährdet ist, müssen die Lebensmittel aus dem Handel entfernt werden.
Die Eigenkontrollen der Wirtschaft
Alle Unternehmen sind gesetzlich verpflichtet, die Qualität ihrer Lebensmittel zu kontrollieren und dokumentieren. Außerdem müssen alle Betriebe darüber Buch führen, von wem sie Lebensmittel gekauft und an wen sie diese wieder verkauft haben. Nur so kann im Ernstfall herausgefunden werden, wer das Lebensmittel verunreinigt hat.
Tipps für Verbraucher
Finden Sie Metallteilchen oder sonstige Dinge in Lebensmitteln, sollten Sie die örtliche Lebensmittelüberwachung informieren. Ebenso sollten Sie dies mit verdorbenen Lebensmittel tun, die eigentlich noch haltbar sein müssten. Weil die Lebensmittelüberwachung keinen einheitlichen Namen hat, rät das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit, die zuständigen Stellen bei Stadt- oder Gemeindeverwaltung zu erfragen. In kleineren Gemeinden wird diese Aufgabe oft von der Kreisverwaltung wahrgenommen.

Neben Meldungen in Tageszeitungen oder Online-Medien wie SPIEGEL ONLINE können Sie sich über das Europäische Schnellwarnsystem für Lebensmittel und Futtermittel oder auf Seiten von Verbrauchern für Verbraucher wie www.produktrueckrufe.de über Rückrufe informieren.
Nährwertkennzeichnung
Zwischen Industrie, Politik, Gesundheitsexperten und Verbraucherschützern wird seit langem erbittert über die Nährwertkennzeichnung gestritten: Gesundheitsexperten und Verbraucherorganisationen fordern eine farbliche Kennzeichnung der Inhaltsstoffe nach einem Ampelsystem. Mit den Farben grün (niedrig), gelb (mittel) und rot (hoch) soll dem Verbraucher einfach und schnell signalisiert werden, was er isst. Die Lebensmittelindustrie lehnt dieses System jedoch ab - weil es bestimmte Lebensmittel diskriminiere. Sie hat sich stattdessen auf das sogenannte GDA-System (Guideline daily amount) verständigt, das den Nährwert bezogen auf Portionsgrößen angibt. Die aber sind laut Kritikern so willkürlich gewählt, dass sie den Vergleich schwierig machen. Außerdem geht das GDA-System von unrealistischen Portionsgrößen aus: So empfehlen sie etwa eine halbe Tiefkühlpizza oder eine winzige Handvoll von 25 Gramm bei Erdnüssen. Im Juni 2010 hat das EU-Parlament die Einführung einer europaweiten Ampelkennzeichnung abgelehnt.

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