EuGH-Entscheid Versicherer wettern gegen Unisex-Urteil

Deutschlands Versicherer sind entsetzt: Das EU-weite Verbot unterschiedlicher Tarife für Männer und Frauen sei falsch und ungerecht, schimpft die Branche. Sie erwartet steigende Beiträge für Verbraucher - und fürchtet um die private Rentenversicherung für Männer.

Rentner auf Parkbank: Sorge um private Altersvorsorge
DPA

Rentner auf Parkbank: Sorge um private Altersvorsorge


München - Es ist ein spektakuläres Urteil: Der Europäische Gerichtshof verurteilt Versicherungen zu Geschlechtergerechtigkeit. Den betroffenen Firmen schmeckt das gar nicht, sie rechnen mit Mehrkosten für die Verbraucher.

"Es ist davon auszugehen, dass die Versicherungen teurer werden", sagte der Vorstandsvorsitzende der Allianz Deutschland, Markus Rieß. Es sei falsch, Ungleiches gleich zu behandeln. Die geforderten Unisex-Tarife bezeichnete Rieß als ungerecht.

Auch andere Versicherer sind sauer: "Wir halten das Urteil für falsch, weil es die Fakten verkennt", sagte ein Sprecher der HUK-Coburg. Alexander Erdland, Chef des Stuttgarter Versicherungs- und Bausparkonzerns Wüstenrot & Württembergische (W&W), kritisierte die Luxemburger Richter ebenfalls: "Es ist ein Fehler, unterschiedliche Risiken zu sozialisieren."

Der EuGH hatte am Dienstag entschieden, dass die bislang übliche Berücksichtigung des Geschlechts als "Risikofaktor" für Versicherungsbeiträge Frauen diskriminiere und deswegen ungültig sei. Männer und Frauen sollen künftig für gleiche Leistungen die gleichen Beiträge zahlen.

Risikoaufschlag für Geburten

Bislang werden Versicherungstarife nach dem statistischen Risiko kalkuliert. Dabei spielt das Geschlecht häufig eine zentrale Rolle. Frauen müssen in Deutschland vielfach höhere Beiträge in der privaten Krankenversicherung zahlen, weil die Versicherer die hohen Kosten für Geburten einkalkulieren. Dafür können sie ihr Auto günstiger versichern, weil Frauen im Schnitt weniger Unfälle verursachen als Männer. Diese erhalten dafür - bei gleichen Prämien - höhere monatliche Renten, weil sie im Schnitt kürzer leben als Frauen.

Die Branche muss nun bis spätestens 21. Dezember 2012 Unisex-Tarife anbieten. Altverträge sind von der Entscheidung aber nicht betroffen. Bereits im Vorfeld des Urteils hatten die Versicherer davor gewarnt, dass nun die Tarife für alle teurer würden. Der Geschlechtermix könnte nun als neues Risiko in die Kalkulation eingehen. Betroffen sein könnten die Krankenversicherung, Lebens- und Rentenversicherung sowie die Autoversicherung. Unisex-Tarife könnten insbesondere die private Rentenversicherung für Männer komplett unattraktiv machen.

Der Branchenverband GDV sagte, die Differenzierung nach Risiken, die vom Geschlecht des Versicherten abhängen, habe bisher zu insgesamt günstigen Tarifen geführt. Der EuGH habe mit der Entscheidung die risikogerechte Kalkulation und damit "ein zentrales Prinzip der privaten Versicherungswirtschaft in Frage gestellt". Für eine Beurteilung der Folgen sei es aber noch zu früh.

Das Luxemburger Grundsatzurteil geht auf die Klagen eines Verbraucherverbandes und mehrerer Privatpersonen in Belgien zurück. Vorausgegangen war ein richterliches Rechtsgutachten, das ebenfalls Unisex-Tarife verlangte, aber immerhin noch Unterscheidungen zulassen wollte, die auf "eindeutig nachweisbare biologische Unterschiede" zurückgehen, etwa das "Risiko" einer Schwangerschaft in der privaten Krankenversicherung. Der EuGH machte in seinem Urteil hierzu nun keine Aussagen.

lgr/AFP/dpa/Reuters



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elbröwer 01.03.2011
1. Ölkonzerne und Versicherungen und Moral
Schon Marx hat erklärt was passiert wenn Kapitalisten Profit wittern. Beschneidet man Profite werden sie aggressiv, beleidigen Andere und versuchen eine Gruppe gegen die Andere auszuspielen. Letztlich erhöhen sie immer die Preise.
yrickoff 01.03.2011
2. wieso teurer?
zumindest für Frauen muss es billiger werden. Sonst ist es Beutelschneiderei. Aber das ist es ja immer.
Solid 01.03.2011
3. Männerdiskriminierung
Für Männer, die sich privat krankenversichern müssen, bedeutet das Urteil dramatische Mehrkosten, die zur Subventionierung der Tarife für Frauen aufgebracht werden müssen. Das ist natürlich eine Diskriminierung von Männern. Als Folge müssen Männer noch stärker darauf bestehen, ein höheres Gehalt als Frauen für die gleiche Arbeit (falls die von Frauen überhaupt geleistet werden kann) zu erhalten.
DrStrom66 01.03.2011
4. Der Verbraucher bezahlt
die Rechnung, vielleicht ist dieses ganze Gejammer ja auch nur Show. Vielleicht hat ja die Versicherungsbranche nur auf so eine Möglichkeit gewartet / hingearbeitet.
Germanenkrieger 01.03.2011
5. .
Wenn ich als Mann halt für den Betrag X nur noch 13 Jahre eine Leistung bekomme und eine Frau für 17 Jahre finde ich es eigentlich nur LOGISCH, dass die Frau monatlich weniger bekommt. Alles andere ist Quatsch. Das ist genauso ein Käse wie mit der geforderten Frauenquote. Nur ein Beispiel. Ich fordere ab sofort eine Frauenquote von 40% in der Formel 1. Und auch bei der Müllabfuhr. Ausserdem bei den Astronauten und bei der Bundeswehr ( hoffentlich greift uns nie jemand an ) Ach ja. Ich fordere auch einem früherem Renteneintritt. Und auch 5 Satz-Spiele om Tennis. Und die selbe Laufstrecke bei den Biathlethen. Ich fordere weiterhein .........
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