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EuGH-Entscheidung: Unisex-Urteil treibt Beiträge hoch

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Versicherungen dürfen nicht mehr zwischen Männern und Frauen unterscheiden - euphorisch stimmt das kaum jemanden. Verbraucherschützer fürchten höhere Beiträge, die Versicherer bangen um ihr ganzes Geschäftsmodell. Das beruht nämlich auf Diskriminierung.

Paar mit Versicherungsvertreter: Künftig gilt ein Tarif für alle Zur Großansicht
Corbis

Paar mit Versicherungsvertreter: Künftig gilt ein Tarif für alle

Hamburg - Mit den besonderen Belastungen von Frauen kennt Juliane Kokott sich aus. Nicht nur beruflich ist die Generalanwältin beim Europäischen Gerichtshof voll eingespannt. Als sechsfache Mutter muss die 53-Jährige auch ihren privaten Alltag seit Jahren minutiös durchplanen.

Am Dienstag hat die Deutsche nun einen Sieg für die Gleichberechtigung erstritten - zumindest auf dem Papier. Der Europäische Gerichtshof (EuGH) folgte ihrer Empfehlung, bei Versicherungstarifen künftig keinen Unterschied mehr zwischen Männern und Frauen zu machen. Bislang zahlen weibliche Versicherte etwa für die Rentenversicherung deutlich mehr - weil sie im Schnitt fünf Jahre älter werden und entsprechend länger Zahlungen erhalten.

Zwar ist bereits seit 2004 jede Mann-Frau-Diskriminierung durch eine EU-Richtlinie untersagt. Eine Ausnahmeklausel erlaubte Versicherern bislang aber, nach dem Geschlecht zu unterscheiden, sofern dieses ein entscheidender Risikofaktor sei. Diese Ausnahme hat der EuGH nun gekippt - und als Stichtag den 21. Dezember 2012 festgesetzt. Von da an dürfen alle Versicherungen nur noch sogenannte Unisex-Tarife anbieten.

Mit dem Urteil ende "eine Form von statistischer Sippenhaft", sagt Lars Gatschke, Versicherungsexperte des Bundesverbands der Verbraucherzentralen. Doch bringt Kokotts Erfolg auch in der Praxis Vorteile für Frauen - oder gar für die Versicherten insgesamt? Das bezweifeln selbst Verbraucherschützer wie Gatschke, die sich vor dem Richterspruch für die Unisex-Tarife ausgesprochen hatten.

Die Skepsis der Experten hat mehrere Gründe. Zunächst einmal: Weibliche Versicherte werden bislang nicht nur negativ diskriminiert. Für Auto- oder Risikolebensversicherungen etwa müssen sie weniger zahlen - hier sind die längere Lebenserwartung und ein weniger riskanter Lebensstil ein Vorteil (siehe Infobox). Frauen profitieren also künftig nicht mehr davon, dass sie weniger rauchen oder seltener mit dem Auto rasen als Männer.

Hier zahlt Mann/Frau drauf
Versicherer müssen ab Ende 2012 unabhängig vom Geschlecht der Kunden Unisex-Tarife anbieten. Wie berechnen die Versicherungsunternehmen bisher ihre Tarife? Der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) hat dies anhand von Beispielen durchgerechnet.
Private Rentenversicherung
Beispiel 1: Laufzeit 35 Jahre, mögliche Rente 500 Euro

Frau (30): monatlicher Beitrag 162 Euro

Mann (30): monatlicher Beitrag 150 Euro

Die Differenz der Beiträge liegt bei 8 Prozent oder 144 Euro pro Jahr.

Beispiel 2: Laufzeit 30 Jahre, mögliche Rente 500 Euro.

Frau (35): monatlicher Beitrag 212 Euro

Mann (35): monatlicher Beitrag 197 Euro

Die Differenz der Beiträge liegt bei 7,6 Prozent oder 180 Euro pro Jahr.
Risikolebensversicherung
Beispiel: Nichtraucher, Versicherungssumme 100 000 Euro. Laufzeit: 25 Jahren.

Frau (30): jährlicher Maximalbeitrag 140 Euro, jährlicher Zahlbeitrag einschließlich gewährter Überschüsse 105 Euro

Mann (30): jährlicher Maximalbeitrag 201 Euro, jährlicher Zahlbeitrag einschließlich gewährter Überschüsse 150,75 Euro

Der prozentuale Beitragsunterschied zwischen Frau und Mann beträgt in diesem Fall knapp 44 Prozent.
Kfz-Versicherung
Beispiel: Schadenfreiheitsklasse 1/2, VW Golf, Wohnort Berlin, maximal 9000 Kilometer pro Jahr.

Frau (18): 915,18 Euro Jahresbeitrag

Mann (18): 1204,53 Euro Jahresbeitrag

In diesem Fall ist die Prämie der Frau 24 Prozent günstiger als die des Mannes. dpa
Vor allem aber befürchten Verbraucherschützer, dass die Unisex-Tarife im Durchschnitt teurer werden. "Es wird vermutlich nicht so sein, das sich die Preise in der Mitte treffen", sagt Susanne Meunier von der Zeitschrift Finanztest.

Gatschke befürchtet, dass Versicherungen "in der Summe teurer werden, weil die Senkungen für das eine Geschlecht nicht so hoch werden wie die Erhöhungen beim anderen". Beitragserhöhungen seien besonders bei der Rentenversicherung, aber auch bei Kranken- und Pflegeversicherung möglich.

Solche Befürchtungen nähren die deutschen Versicherer schon seit Monaten. Der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) warnte vor dem Urteil, dass Männer künftig viel seltener eine private Rentenversicherung abschließen könnten - was die Beiträge weiter in die Höhe treiben würde. Die Deutsche Aktuarvereinigung (DAV) hielt alleine für die Lebensversicherer Mehrkosten von 30 Milliarden Euro für möglich, falls Unisex-Tarife auch rückwirkend gelten sollten.

"Sie haben es auch bei der Riester-Rente geschafft"

Inzwischen klingen die Warnungen nicht mehr ganz so dramatisch. Eine rückwirkende Änderung sei nicht zu befürchten, sagt eine GDV-Sprecherin. "Für die Kunden bestehender Verträge verändert sich nichts." Zu möglichen Beitragserhöhungen heißt es lediglich: "Es wird Tarife geben, die steigen und solche, die sinken."

Kritiker halten die Warnungen der Versicherer ohnehin für vorgeschoben. "Sie haben es bei der Riester-Rente geschafft und sie werden es auch hier schaffen", sagt Susanne Meunier. Bei der staatlich geförderten Altersvorsorge dürfen bereits seit 2006 nur noch Unisex-Tarife angeboten werden. Männer müssen seitdem nur unbedeutend mehr zahlen, die Nachfrage nach Policen hat laut den Verbraucherzentralen nicht nachgelassen.

Doch auch bei der Autoversicherung wären laut Verbraucherschützer Gatschke keine großen Veränderungen nötig - schließlich sei das Geschlecht nur einer von rund 50 Faktoren, mit deren Hilfe die Prämie berechnet wird. Bei Auslandsreise- oder Haftpflichtversicherungen verzichteten die Versicherungskonzerne aus Kostengründen sogar ganz darauf, Unterschiede zwischen Männern und Frauen zu errechnen. Der Vorwurf des Verbraucherschützers: "Sie machen es nur in den Bereichen, wo es sich lohnt."

Das Geschlecht könne aber auch aufgrund eines veränderten Lebenswandels nicht mehr der entscheidende Faktor sein. So gleiche sich etwa das Suchtverhalten von Männern und Frauen zunehmend an. "Die Versicherungsunternehmen könnten schon fünf Jahre weiter sein, wenn sie früher andere Modelle durchgerechnet hätten."

Den Versicherungen geht es bei ihren harschen Reaktionen allerdings nicht nur um Geschlechterfragen. Der GDV sieht durch das EuGH-Urteil ein "zentrales Prinzip der privaten Versicherungswirtschaft" in Frage gestellt. Was der Verband als "Äquivalenz von Beitrag und Leistung" umschreibt, ließe sich auch etwas knapper benennen: Diskriminierung.

Mehr Regeln als die USA

Schließlich unterscheiden Versicherungen heute auch in anderer Hinsicht genau zwischen potentiellen Kunden - und entscheiden sich im Zweifel gegen sie. So wird vor Gericht immer wieder über verweigerte Berufsunfähigkeitsversicherungen gestritten. Schon vergleichsweise harmlose Vorerkrankungen wie Allergien oder die Behandlung durch einen Psychotherapeuten können Grund für eine Ablehnung sein. Angesichts des jüngsten Urteils dürften die Versicherer nun fürchten, bald auch in anderen Fragen nicht mehr zwischen ihren Versicherten unterscheiden zu können - schließlich verbietet die EU auch viele andere Formen von Diskriminierung.

Genährt werden könnten solche Bedenken durch den Blick über den Atlantik. Normalerweise gelten die USA in Anti-Diskriminierungsfragen als Vorreiter, weibliche Angestellte bekommen hier regelmäßig Millionenbeträge wegen Benachteiligung zugesprochen.

Als der Jurist Christian Armbrüster jedoch 2010 die internationale Rechtslage bei Versicherungen verglich, entdeckte er in den USA nur uneinheitliche Regelungen. Während etwa eine Autoversicherung in Michigan nicht nach dem Geschlecht berechnet werden darf, ist das in New York erlaubt. Armbrüsters Fazit: Mit seinen umfassenden Anti-Diskriminierungs-Regeln habe Europa die USA "mittlerweile überholt".

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1. -
dongerdo 01.03.2011
So unnötig wie ein Kropf - nutzen tut es niemandem wirklich. Die Versuche, alles Diskriminierende (bzw. als Diskriminierend empfundene) mittels Gesetzgebung zu beheben, waren in allen vorigen Fällen schon fragwürdig genug, dies Ergebnis allerdings, resultiert nun wirklich alleinig aus Prinzipienreiterei.....
2. Diskriminierung
Pyrrhus, 01.03.2011
Zitat von sysopVersicherungen dürfen nicht mehr zwischen Männern und Frauen unterscheiden - euphorisch stimmt das kaum jemanden. Verbraucherschützer fürchten höhere Beiträge,*die Versicherer bangen um ihr ganzes Geschäftsmodell. Das beruht nämlich auf Diskriminierung. http://www.spiegel.de/wirtschaft/service/0,1518,748413,00.html
"Diskriminierung" bedeutet eigentlich nichts anderes als "Unterscheidung". Leider hat der "politisch korrekte" Sprachgebrauch der Medien daraus beinahe eine strafbare Handlung gemacht.
3. "treibt Beiträge hoch" - Eben nicht
MoonofA 01.03.2011
Zitat von sysopVersicherungen dürfen nicht mehr zwischen Männern und Frauen unterscheiden - euphorisch stimmt das kaum jemanden. Verbraucherschützer fürchten höhere Beiträge,*die Versicherer bangen um ihr ganzes Geschäftsmodell. Das beruht nämlich auf Diskriminierung. http://www.spiegel.de/wirtschaft/service/0,1518,748413,00.html
Die Beiträge werden für einige steigen aber für andere sinken. In der Summe werden die Beiträge ebenso wie die damit zu regelenden Zahlungen gleich bleiben. Was hier stattfindet ist eine gerechtere Lösung die verhindert das Versicherungen nur die Rosinen rauspicken. Wer da behauptet das dadurch insgesamt die Beiträge steigen sollte mal in ein Einführung in die Volkswirtschaft reinschauen.
4. Das ist aber ungerecht
rohanseat 01.03.2011
-nun dürfen die versicherungen keine besonderen brötchen zum geldverdienen backen.--Seit längerem ist bekannt das sich die verhaltens weisen von männlein und weiblein immer weiter angleichen.Der konsum von tabak und alkohol sowie der steß bei der arbeit gleichen sich uni-sex an.--Da hätten die versicherungen sowieso demnächst neu rechnen müssen.--Also bitte kein geschrei; die armen versicherungen werden schon einen ausweg finden.-Klar zu ihrem vorteil.
5. Danke EU!
Daniel_B. 01.03.2011
Zitat von sysopVersicherungen dürfen nicht mehr zwischen Männern und Frauen unterscheiden - euphorisch stimmt das kaum jemanden. Verbraucherschützer fürchten höhere Beiträge,*die Versicherer bangen um ihr ganzes Geschäftsmodell. Das beruht nämlich auf Diskriminierung. http://www.spiegel.de/wirtschaft/service/0,1518,748413,00.html
Verdammte EU - sinnloser Bürokraten-Haufen! Freue mich schon auf die nächste Klagewelle, wenn sich die Alten und Kranken beschweren, dass sie nicht mehr oder nur gegen Mehrbeitrag in Versicherungen aufgenommen werden. Danke auch an diesen Staat, der bei der Wehrpflicht 50 Jahre über Gleichberechtigungsgedöns hinweggesehen hat. Die gestohlenen, unterbezahlten Monate hätte ich jetzt auch gerne (monetär) ersetzt bekommen.
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