Unterwegs in der EU Wie Ärzte kranke Urlauber abkassieren

Wer im Urlaub in Europa erkrankt oder einen Unfall hat, kann sich auf Kassenkosten im Ausland behandeln lassen - theoretisch jedenfalls. Tatsächlich kassieren viele Ärzte und Krankenhäuser Touristen ab. In Spanien, aber auch in anderen EU-Mitgliedstaaten. Jetzt schreitet Brüssel ein.

Urlauber am Strand in Spanien: Bei Unfall oder Krankheit kann es teuer werden
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Urlauber am Strand in Spanien: Bei Unfall oder Krankheit kann es teuer werden

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Als Klara Richter* mit einem gebrochenen Arm in der spanischen Touristenhochburg Costa del Sol ins Krankenhaus fuhr, war sie vorbereitet: Sie hatte ihre Europäische Krankenversichertenkarte (EHIC) dabei. Der Arzt ließ ihr einen Gips anlegen, nebenbei aber musste die Patientin eine Reihe Formulare ausfüllen, unter anderem mit Angaben zu ihrer privaten Auslandsreisekrankenversicherung. Richter verwies auf die EHIC - ohne Erfolg. Der Urlauberin wurde gesagt, sie werde privat behandelt.

Genau das wollte Richter nicht, wegen großer Schmerzen willigte sie aber zunächst ein. Als sie weitere Formulare ausfüllen sollte, fuhr sie kurzerhand per Taxi in ein anderes Krankenhaus. Dort wurde sie zwar problemlos nach dem Vorzeigen ihrer EHIC behandelt, aber das erste Krankenhaus schickte ihr später eine hohe Rechnung.

Noch schlimmer erging es Eberhard Droste*, der in Spanien nach mehreren kleineren Schlaganfällen in ein Krankenhaus eingeliefert wurde: Die Klinik akzeptierte die EHIC nicht, sondern bestand darauf, dass die private Auslandskrankenversicherung zahlen müsse. Weil die den Fall zunächst prüfen wollte, blieb Droste zwar im Krankenhaus, wurde aber zwei Tage später entlassen. Per Krankenwagen ging es zurück ins Hotel. Immerhin: Die Auslandskrankenversicherung sprang ein und organisierte den Rücktransport. Die Klinik stellte für die zwei Tage gut 3000 Euro in Rechnung.

Kliniken und Ärzte kassieren ab

Zwei Beispiele dafür, wie es Zehntausenden Europäern geht, die im EU-Ausland leben oder Urlaub machen. Dabei sollte eigentlich alles so einfach sein: Wer im europäischen Ausland erkrankt oder einen Unfall hat, ist seit 2006 vermeintlich gut geschützt. In der gesamten EU müssen seitdem Ärzte und Krankenhäuser ihre Leistungen über die Europäische Krankenversicherungskarte, genannt EHIC, abrechnen. Für gesetzlich Versicherte aus Deutschland ist das die normale Krankenkassenkarte. Zu erkennen ist die Europatauglichkeit an einem Symbol mit einem Kreis aus Sternen auf der Rückseite.

Es wird meist bezahlt, was auch in Deutschland von der gesetzlichen Krankenversicherung übernommen wird. Teure Extraleistungen muss der Patient - wie hierzulande auch - selbst zahlen. So können Versicherte auch Rechnungen, die sie bar bezahlt haben, bei ihrer Kasse einreichen und bekommen die Regelleistungen erstattet.

Immer wieder aber erleben EU-Bürger im Ausland, dass Ärzte die Karte nicht akzeptieren, sondern eine private Auslandskrankenversicherung, eine Kreditkarte oder gleich Bargeld verlangen. Offenbar versuchen einige Kliniken oder Ärzte an den Urlaubern etwas extra zu verdienen: Sie rechnen Leistungen ab, die von den Krankenkassen nicht erstattet werden.

Krankenkassen sammeln keine Fälle

Das Problem: Welcher Urlauber macht sich, wenn er gerade mit einem gebrochenen Bein im Krankenwagen sitzt, schon darüber Gedanken, wo ihn der spanische, belgische oder rumänische Fahrer gerade hinfährt. Denn in vielen Ländern Europas gibt es neben den staatlichen Krankenhäusern häufig auch private Kliniken - und die sind teuer.

Gegen Spanien hat die EU-Kommission Ende Mai aus diesem Grund sogar ein Vertragsverletzungsverfahren eingeleitet. Viele Urlauber hatten sich beschwert, dass sie auf ihren Behandlungskosten sitzenbleiben. Offenbar stützte sich die Brüsseler Behörde dabei auch auf Informationen des deutschen Automobilclubs ADAC, der in seinen Auslandshotlines Hunderte entsprechender Beschwerden registrierte - mit deutlich steigender Tendenz.

Der ADAC beobachtet, dass Touristen die Behandlung nicht nur in Spanien verweigert wird, die Problematik schwappe auch auf andere Länder über, heißt es. Genannt werden zahlreiche weitere europäische Urlaubsländer wie Portugal, Rumänien, die Türkei, sowie Italien, Malta, Kroatien, Zypern und Griechenland. Genaue Daten allerdings gibt es nicht, denn die deutschen Krankenkassen sammeln die Beschwerden der Fälle gar nicht, das sei viel zu aufwendig, heißt es.

Einzig die Techniker Krankenkasse (TK) hat festgestellt, dass nur 40 Prozent ihrer Versicherten im Ausland auf Vorzeigen der EHIC-Karte behandelt werden. Die TK - wie auch einige andere Kassen - haben daraus die Konsequenz gezogen: In europäischen Touristenzentren, in den Skigebieten der Alpen beispielsweise oder an den Badeorten entlang des Mittelmeers schließen sie gesonderte Verträge mit einzelnen Krankenhäusern. Die Abrechnung geht dann deutlich schneller und die Patienten werden zügig behandelt. Der Vorteil der EHIC ist damit allerdings dahin: Freie Arzt- und Krankenhauswahl gibt es dann nicht mehr.

Ansonsten haben sich die deutschen Krankenversicherer mit dem Problem offenbar abgefunden und versuchen gar nicht mehr, den Anspruch ihrer Mitglieder durchzusetzen. So rät beispielsweise die Barmer ihren Mitgliedern, obwohl die EHIC einen "guten Schutz" biete, sich eine private Auslandsreisekrankenversicherung zuzulegen. Die sei schon dann sinnvoll, wenn man "nur zum Tanken" über die Grenze fahren wolle.

Und so droht ein bürgernaher Vorteil der Europäischen Union nach und nach verloren zu gehen.

*Name geändert

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insgesamt 63 Beiträge
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Seite 1
nettermensch 04.07.2013
1. Das war schon
immer so und m.E. wird sich daran auch Nichts ändern. Man muss als Privatpatient in Vorlage treten und wenn man Glück hat, bekommt man, je nach Versicherung, einen Teil davon zurück.
Emil Peisker 04.07.2013
2. Die Abzockermentalität...
Zitat von nettermenschimmer so und m.E. wird sich daran auch Nichts ändern. Man muss als Privatpatient in Vorlage treten und wenn man Glück hat, bekommt man, je nach Versicherung, einen Teil davon zurück.
Nein, es war nicht immer so. 2003 Urlaub Costa Brava, Bruch der Hand, Krankenhaus vorher angerufen und auf die Karte der deutschen gesetzlichen Krankenkasse verwiesen. Man bestätigte, dass man sie akzeptiert. Bruch gerichtet und gegipst. Ich hätte auch noch eine Zusatzversicherung des ADAC bemühen können, aber ich wollte explizit die Funktionsfähigkeit der gesetzlichen Karte feststellen. Es funktionierte. Es mag sein, seit damals stieß mir nichts mehr zu, dass sich die Usancen bis heute geändert haben. Die Abzockermentalität der Banker hat sich wahrscheinlich auch im Gesundheitsbereich ausgebreitet.
GSYBE 04.07.2013
3. Ganz so einfach...
...wie dargestellt ist es nicht. Es gibt in Spanien öffentliche und rein private Krankenhäuser. In einem rein privaten Krankenhaus wird auch ein spanischer Kassenpatient nicht einfach über seine `Seguro Social´ (GKV) behandelt. Ohne die angeführten Fälle zu kennen oder bewerten zu wollen, so empfiehlt es sich, im Reiseführer vorher die öffentlichen Krankenhäuser ausfindig zu machen. Aus Erfahrung kann ich berichten, dass Freunde eines Bekannten, die in seinem Haus den Urlaub verbracht hatten, meine Frau und mich in einem med. Notfall um Hilfe baten. Wir fuhren mit ihnen an einem Samstag früh morgens zur öffentlichen Notaufnahme und die wurden anstandslos und kompetent versorgt. Uns gegenüber äusseten sie sich jedenfalls rundweg positiv.
tsaag 04.07.2013
4. Wieder einmal ein Europäischer Papiertiger
Dieser Bericht zeigt einmal mehr wie untauglich viele wohlgemeinte Maßnahmen, Verordnungen und Regelungen der EU sind. Es ist schon ein Unterschied ob man sich am schönen wohlgeordneten Schreibtisch in Brüssel was ausdenkt oder sich etwas danach in der Praxis umsetzen läßt. Nicht in allen Ländern der EU ist das Staatswesen so streng und ordentlich wie in Deutschland und manch anderen Ländern (L, NL etc.) Dagegen hilft nur eine Reduktion des Brüsseler Verwaltungswasserkopfes und die Besinnung auf das Wesentliche.
gerd33 04.07.2013
5. In vielen EU-Staaten.....
Zitat von sysopDPAWer im Urlaub in Europa erkrankt oder einen Unfall hat, kann sich auf Kassenkosten im Ausland behandeln lassen - theoretisch jedenfalls. Tatsächlich kassieren viele Ärzte und Krankenhäuser Touristen ab. In Spanien, aber auch in anderen EU-Mitgliedstaaten. Jetzt schreitet Brüssel ein. http://www.spiegel.de/wirtschaft/service/europaeische-krankenversichertenkarte-im-ausland-nutzlos-a-906975.html
In vielen EU-Staaten ist der Unterschied zwischen staatlichem Gesundheitswesen und privaten Ärzten, Kliniken, etc. erheblich. Viele Inländer gehen dort -auf eigene Kosten- zu privat tätigen Ärzten etc. Deshalb habe ich als Tourist meine ADAC-Karte -eben um das hochwertigere Privatsystem in Anspruch nehmen zu können. Dass jemand freiwillig das schlechtere staatliche System in Anspruch nimmt -obwohl zusatzversichert- erschliesst sich mit nicht. Und dass die Kollegen dort eine Rechnung stellen - nun ja vielleicht haben die ja Erfahrung mit Zahlungsausfällen bei Krankenkassen anderer Länder.
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