Teurer Trick: EU-Richter stoppen "Sie haben gewonnen"-Werbung

Wenn Unternehmen mit garantierten Gewinnen werben, wird der Traumpreis schnell zum Alptraum. Jetzt hat der Europäische Gerichtshof besonders dreisten Versprechen einen Riegel vorgeschoben. Angesichts mancher Preise ist laut den Richtern schon die Investition in eine Briefmarke zu viel verlangt.

Postwurfsendungen: Die Schweizer Uhr kommt am Ende aus Japan Zur Großansicht
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Postwurfsendungen: Die Schweizer Uhr kommt am Ende aus Japan

Luxemburg - So ziemlich jeder dürfte sie schon einmal im Briefkasten gehabt haben: Briefe oder Postkarten mit einer vermeintlich frohen Botschaft. "Herzlichen Glückwunsch. Sie haben gewonnen!", heißt es. Dann werden dem Empfänger Geld, ein Traumurlaub oder ein neues Smartphone versprochen. Zum Gewinn sei es nur noch ein winziger Schritt - zum Beispiel der Anruf bei einer Hotline.

Wer auf das Angebot eingeht muss meist mittlere bis größere Summen zahlen, bevor er den Gewinn erhält - und der ist dann meist deutlich weniger wert als gedacht. Nun bestätigte der Europäische Gerichtshof in Luxemburg: Derartige Werbung oder Versprechen sind nicht erlaubt.

Das gelte für Zusendungen, die Adressaten damit locken wollen, sie hätten bereits gewonnen, obwohl der Preis "von der Zahlung eines Betrags oder der Übernahme von Kosten durch den Verbraucher abhängig gemacht wird", argumentierten die Richter in ihrem 15-seitigen Urteil. Etwa wenn der Gewinner dafür telefonieren, SMS verschicken oder sonstige Gebühren zahlen muss.

Die aggressiven Werbepraktiken sind auch dann verboten, "wenn die dem Verbraucher auferlegten Kosten, wie die Kosten einer Briefmarke, im Vergleich zum Wert des Preises geringfügig sind". Das gleiche gilt sogar, wenn eine der Kontaktmöglichkeiten sehr billig oder kostenlos ist.

Im konkreten Fall hatten mehrere Firmen 2008 in Großbritannien persönliche Briefe, Rubbelkarten und andere Werbebeilagen verschickt oder verteilt. Die Empfänger hätten bereits gewonnen, hieß es darauf. Angekündigt wurden wertvolle Gewinne wie eine Kreuzfahrt oder eine "Schweizer Uhr".

Die Lieferung war so viel wert wie der Preis

Durch gezielte Verweise wurde "der Verbraucher dazu bewegt, eine teurere Variante als den Postweg zu wählen", kritisierte das Gericht. Zudem habe der Gewinner nicht erfahren, dass die Telefongebühren zum großen Teil an die Werbefirma gingen - von umgerechnet 1,85 Euro pro Minute flossen 1,49 Euro direkt in die Kasse der Verteiler der Werbebriefe.

99 Prozent der Gewinner hatten zudem laut Gericht Anspruch auf einen Preis, dessen Wert nur den Telefongesprächen oder bestimmten Lieferkosten entsprach. Für die sogenannte Schweizer Uhr, in Wirklichkeit ein japanisches Fabrikat, hätte der Gewinner umgerechnet 22 Euro für Telefon, Versicherungs- und Versandkosten sowie Briefmarken zahlen müssen. Die dreitägige Kreuzfahrt von Italien nach Korsika in einer Vierbettkabine hätte 399 britische Pfund (umgerechnet circa 490 Euro) gekostet: für Fahrtkosten, Hafengebühren und Verpflegung.

Mit ihren Lockangeboten wollten die Firmen vor allem an die Daten der Menschen kommen - entweder um ihnen gezielt weitere Werbung zuzusenden oder um die Informationen weiterzuverkaufen.

Der Zentralverband der deutschen Werbewirtschaft zeigte sich wenig überrascht und verwies auf unterschiedliche Werbemethoden in Europa. "Großbritannien ist nicht Deutschland", sagte ein Sprecher. "Wenn sich Kosten oder Tricks in Angeboten verbergen, ist das schon heute nicht erlaubt." Das Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb verbiete diese Methoden. Schwarze Schafe gebe es allerdings in jeder Branche. Daher begrüße er grundsätzlich das Urteil, "das die Rechtslage präzisiert".

dab/dpa

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insgesamt 16 Beiträge
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1. nene
rabenkrähe 18.10.2012
Zitat von sysopWenn Unternehmen mit garantierten Gewinnen werben, wird der Traumpreis schnell zum Alptraum. Jetzt hat der Europäische Gerichtshof besonders dreisten Versprechen einen Riegel vorgeschoben. Angesichts mancher Preise ist laut den Richtern schon die Investition in eine Briefmarke zuviel verlangt. Europäischer Gerichtshof stoppt dreiste Werbeversprechen - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wirtschaft/service/europaeischer-gerichtshof-stoppt-dreiste-werbeversprechen-a-862134.html)
........ Erschreckend ist, wie lange die Justiz gebraucht hat, diesen üblen Betrügertypen eine Grenze aufzuzeigen, denn ihr Unwesen treiben die schon seit Jahrzehnten. Es wäre sehr sinnvoll, Regularien zu finden, die diesen Betrügereien einen endgültigen Riegel vorschieben und nicht immer neue Schlupflöcher bieten. rabenkrähe
2.
Stäffelesrutscher 18.10.2012
»Der Zentralverband der deutschen Werbewirtschaft zeigte sich wenig überrascht und verwies auf unterschiedliche Werbemethoden in Europa. "Großbritannien ist nicht Deutschland", sagte ein Sprecher. "Wenn sich Kosten oder Tricks in Angeboten verbergen, ist das schon heute nicht erlaubt." Das Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb verbiete diese Methoden. Schwarze Schafe gebe es allerdings in jeder Branche. Daher begrüße er grundsätzlich das Urteil, "das die Rechtslage präzisiert".« Es soll allerdings auch weiße Schafe in einer schwarzen Herde geben.
3.
Stäffelesrutscher 18.10.2012
Zitat von rabenkrähe........ Erschreckend ist, wie lange die Justiz gebraucht hat, diesen üblen Betrügertypen eine Grenze aufzuzeigen, denn ihr Unwesen treiben die schon seit Jahrzehnten. Es wäre sehr sinnvoll, Regularien zu finden, die diesen Betrügereien einen endgültigen Riegel vorschieben und nicht immer neue Schlupflöcher bieten. rabenkrähe
Vorschlag: Wer eine solche Benachrichtigung erhält, hinterlegt sie beim nächsten Polizeirevier, das als Annahmestelle für die Staatsanwaltschaft dient. Der Staat zahlt dem Bürger den Gewinn aus und treibt das Geld anschließend beim Versender der Nachricht ein. Mit aller Konsequenz und notfalls mit der Kavallerie.
4.
Atheist_Crusader 18.10.2012
Zitat von rabenkräheErschreckend ist, wie lange die Justiz gebraucht hat, diesen üblen Betrügertypen eine Grenze aufzuzeigen, denn ihr Unwesen treiben die schon seit Jahrzehnten.
Nicht minder erschreckend: Wie viele Leute immer noch darauf hereinfallen. Nicht jede dieser Maschen ist ein kunstvoll getarnter Betrug... manche funktionieren nur bei ausgesprochen dummen Personen.
5. Zum Glück
frageum 18.10.2012
Zitat von rabenkrähe........ Erschreckend ist, wie lange die Justiz gebraucht hat, diesen üblen Betrügertypen eine Grenze aufzuzeigen, denn ihr Unwesen treiben die schon seit Jahrzehnten. Es wäre sehr sinnvoll, Regularien zu finden, die diesen Betrügereien einen endgültigen Riegel vorschieben und nicht immer neue Schlupflöcher bieten. rabenkrähe
sind diese Betrügertypen nicht auch noch SYSTEMRELEVANT!
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