Expo-Pavillon der Bundesrepublik Sim City mit Schrebergarten

China erlebt die größte Urbanisierungswelle seiner Geschichte, eine Milliarde Menschen werden 2025 in Städten leben. Ausgerechnet die deutschen Kleinstädter wollen den Chinesen auf der Expo nun zeigen, wie man Metropolen baut. SPIEGEL ONLINE hat sich im Pavillon der Bundesrepublik umgeschaut.

Aus Shanghai berichtet

Milla & Partner

"Die Chinesen sind ganz heiß auf unsere Show", sagt Jens nach den ersten Probeläufen im deutschen Pavillon. "Sie schreien, klatschen, machen voller Begeisterung mit und reißen sich darum, als Freiwillige eine Rolle zu übernehmen. Das habe ich nicht erwartet."

Jens heißt in Wirklichkeit Björn Seidel. Er studiert seit Herbst an der renommierten Tongji-Universität in Shanghai Sinologie. Seit einigen Wochen verbringt der 25-Jährige aber den Großteil seiner Zeit auf dem Expo-Gelände - zur Vorbereitung auf seinen Auftritt als Jens, einer Kunstfigur, die den chinesischen Besuchern die Bundesrepublik näher bringen soll. Gemeinsam mit seiner Partnerin Yanyan, eigentlich Daisy, tritt er in der Abschluss-Show in der sogenannten Energiezentrale auf, einer siebenminütigen Vorführung, bei der eine riesige, leuchtende Kugel mit drei Metern Durchmesser vom Publikum durch Laute und Bewegungen zum Schwingen gebracht wird.

"Wir wollen den Besuchern eine Botschaft mit auf den Weg geben", sagt Peter Redlin von der Agentur Milla & Partner. "Mit unserer eigenen Energie befeuern wir die Stadt. Wir halten sie in den Händen, können sie nach unseren Vorstellungen verändern." Redlin hat die Ausstellung und das Programm im Pavillon konzipiert.

In Shanghai dreht sich vom 1. Mai bis zum 31. Oktober alles um urbane Entwicklung, Stadtplanung und Gestaltung. "Better city, better life" heißt das Motto der Weltausstellung, bessere Stadt, besseres Leben. China erlebt gerade die größte Urbanisierungswelle der Geschichte, Laut Experten muss das Land bis 2025 mit dem Zuzug von 350 Millionen Menschen in die Metropolen fertig werden. Knapp eine Milliarde Chinesen werden dann in Städten leben, 1990 waren es gerade einmal 254 Millionen. Insgesamt gebe es in China dann 221 Städte mit über einer Million Einwohner, erwarten die Berater des McKinsey Global Institute. In Europa sind es derzeit 35.

"Wir wollen auch Antworten für China geben - wie kann ich Urbanisierung managen, eine Stadt attraktiv gestalten", sagt Marion Conrady, Pressesprecherin der Köln Messe International, die im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums die Organisation des Pavillons verantwortet. Leisten soll das "Balancity", der deutsche Beitrag, den die Bundesregierung mit 50 Millionen Euro bezahlt hat. Erdacht hat ihn ein Team der Ausstellungsmacher Milla & Partner, der Architekten von Schmidhuber + Kaindl und der Bauingenieure Nüssli.

Den Chinesen Deutschland spielerisch vermitteln

Das Kunstwort Balancity soll die Bedeutung des Gleichgewichts in der Stadt unterstreichen, Balance von Arbeit und Erholung, Industrie und Kultur, Beton und Grünfläche, Verkehr und Entspannung. So ist auch der Rundgang durch das Innere des Gebäudes aufgebaut. Er führt durch verschiedene Stationen, die Details aus deutschen Städten vorstellen. "Da kontrastieren wir die Arbeitswelt, eine Fabrik, die dynamisch pulsiert, mit einem Park. Dort wandeln die Besucher auf stilisierten Wiesen, können ihre Köpfe in Blüten stecken, die von der Decke hängen, und sehen darin Bilder, die die Vielfalt deutscher Parks zeigen. Schloss Sanssouci, ein Klostergarten, die Wilhelma in Stuttgart", erklärt Agenturchef Redlin.

Um die Unterschiede zwischen China und Deutschland zu erklären, sind Jens und Yanyan da. Die Rahmenhandlung: Jens hat Yanyan während seines Studiums in China kennen gelernt. Jetzt kommt sie ihn besuchen, er zeigt ihr bei einer Reise Deutschland. "Wenn ich ihr dann vom deutschen Modell des Mehrgenerationen-Hauses erzähle, weist mich Daisy in unserem Auftritt darauf hin, dass in China bis heute die Familie zur Unterstützung da ist", sagt Jens-Darsteller Seidel.

"Wir wollen Deutschland möglichst spielerisch vermitteln", sagt Redlin. An interaktiven Stationen werden Kurzfilme und Spiele gezeigt, daneben warten junge Frauen und Männer wie Daisy und Björn, um zu erklären oder Fragen zu beantworten. "Zum Lesen nimmt sich ohnehin keiner Zeit. Deswegen haben wir ganz auf Erlebnisse gesetzt, auf Klang, Farbe und Bewegung", sagt Redlin. In der Station "Garten" erklärt ein Kurzfilm die interkulturelle Zusammenarbeit in deutschen Schrebergärten.

"Wir wollen die Unterschiede der Kulturen nicht glattbügeln"

Am Eingang des Pavillons zeigen riesige, dreidimensionale Postkarten Ansichten aus den Bundesländern: das Stuttgarter Schloss, das Brandenburger Tor und die Sächsische Schweiz - schon während der Testläufe beliebte Fotomotive bei den chinesischen Besuchern. Ausführlicher vorgestellt werden dann Regionen in Deutschland, die den Ausstellungsmachern als vorbildhaft erscheinen. Etwa der Schwarzwald als Beispiel nachhaltiger Forstwirtschaft. Oder die Hafencity Hamburg, wo heute Wohnungen und Büros auf einst industriell genutztem Gelände stehen.

Die in der Stadt selbst umstrittene Elbphilharmonie soll demonstrieren, dass sich alte Strukturen auch für moderne Bauten nutzen lassen. "Wir wollen die Unterschiede der Kulturen nicht glattbügeln", sagt Redlin. "Die historische Vielfalt, die wir in Deutschland schätzen und erhalten wollen, sehen Chinesen oft eher als rückwärts gewandt."

Bei der Abschlussshow in der Energiezentrale stehen dann noch einmal Forschergeist und Innovation im Vordergrund. Auf drei Rängen verteilen sich die Zuschauer, in der Mitte hängt die tonnenschwere Kugel, die mit 400.000 LEDs besetzt ist. Sie fangen an zu leuchten, werden zu Bildern, Farben, Formen, die noch einmal deutsche Beispiele für nachhaltige Stadtentwicklung zeigen. Jens und Yanyan treten jetzt leibhaftig auf, sausen mit Kickboards durch den Raum, animieren die Zuschauer zum Mitmachen.

Durch gemeinsames Rufen und Klatschen bringen sie die Kugel zum Schwingen, sie beginnt zu pendeln, geht in eine Kreisbewegung über - und erzählt noch mal eine deutsche Vision zur Stadt der Zukunft.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 3 Beiträge
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Nothing is irreversible 01.05.2010
1. Sehr schön
Schade daß bei den Bildern von Milla & Partner der BundesJens nicht zu sehen ist…
Rainer Daeschler, 01.05.2010
2. Bundes-Jens
Zitat von Nothing is irreversibleSchade daß bei den Bildern von Milla & Partner der BundesJens nicht zu sehen ist…
Vielleicht finden Sie etwas auf der Homepage des deutschen Pavillons http://www.expo2010-deutschland.de/
Nothing is irreversible 01.05.2010
3. Stimmt Rainer
hier sind die beiden… http://www.expo2010-deutschland.de/fileadmin/Medialibrary/Bilder/Datenbank/Jens_Yanyan.JPG
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