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Fertighäuser: Der teure Traum vom Heim aus der Fabrik

Von Christian Tröster

Fertighäuser: Der teure Traum vom schnellen Haus Fotos
Bundesverband Deutscher Fertigbau

Ein Haus, das genauso vom Fließband läuft wie ein Auto: Von dieser alten Utopie ist die Bauwirtschaft noch immer weit entfernt. Fertighäuser fristen ein Nischendasein. Neue Konzepte sollen das jetzt ändern - doch für den Bauherren lauern hier auch allerlei Fallen.

Es ist der Traum der frühen Moderne, dass Häuser einmal in Serie gefertigt werden wie Autos oder Kochtöpfe. Könnte nicht, so dachten schon die Architekten zu Beginn des vorigen Jahrhunderts, die industrielle Produktionsweise auch für Häuser funktionieren und sie endlich billiger und besser machen?

Heute, hundert Jahre später, ist von Industrialisierung wenig zu sehen. Der größte Teil der Ein- und zwei Familienhäuser wird nach wie vor von Handwerkern aufgemauert, Stein auf Stein, wie vor Jahrhunderten. Nur fünfzehn Prozent aller Häuser werden in Fertigbauweise und aus Holz erstellt. Das bedeutet: Sie werden am Computer entworfen, in der Fabrik vorgefertigt, mit einem Sattelschlepper zum Grundstück gefahren und dort zusammengesetzt. Doch selbst in diesem Bereich kommt das Fertighaus im Sinne eines Serienproduktes immer seltener vor. Sogenannte Typenhäuser, also seriell gefertigte Modelle, machen innerhalb des Fertighaussegments nur einen geringen Prozentsatz aus. Bei einigen Herstellern gibt es inzwischen überhaupt keinen Katalog mehr, sie bieten zu hundert Prozent individuelle Planung an.

"Das Fertighaus", sagt Christoph Windscheif vom Bundesverband Deutscher Fertigbau, "ist heute anders als noch in den sechziger, siebziger Jahren. Damals hießen die Vorteile Serienproduktion, Geschwindigkeit und geringer Preis". Heute dagegen wollten die Kunden individuelle Häuser. Das sei einer der Gründe dafür, warum Fertighäuser heute nicht mehr automatisch weniger kosten als konventionell gebaute. Das Ziel der Fertighaushersteller sei Qualitätsführerschaft. "Durch die Vorfertigung im Werk", so Christoph Windscheif, "kann der Fertigbau die Qualität besser kontrollieren, als es auf der konventionellen Baustelle möglich ist."

Doch wenn das Fertighaus immer individueller wird und kein Fertighaus mehr ist, wo kann der Käufer noch ein Haus bekommen, das den Preisvorteil serieller Fertigung bietet? Alles eine Frage der Definition. "Wir betrachten das aus der Perspektive der Verbraucher", kommentiert Sebastian Reif von dem Fertighausanbieter Town&Country. "Wenn der ein Haus kauft und in das fertige Haus einziehen will, dann ist es für ihn ein Fertighaus, egal, ob es aus Stein oder Holz gebaut wurde." Tatsächlich verkauft das Unternehmen aus Behringen in Thüringen über 3000 schlüsselfertige Häuser pro Jahr, darunter häufig Deutschlands erfolgreichstes Einfamilienhaus, das Modell Flair 113.

"Wir überschreiten selten die Grenze hin zu freier Planung"

Zurzeit kostet es in der Grundversion 118.390 Euro und wird meistens auch so genommen. "Wir überschreiten selten die Grenze hin zu freier Planung", sagt Jürgen Dawo, Gründer von Town&Country. "Unsere Kunden sind Normalverdiener, die aus der Miete raus und in ein fertiges Haus einziehen wollen." Sonderwünsche sind da nicht drin - allein im Bereich der Haustechnik, so Reif, könnte man ja leicht 50.000 bis 100.000 Euro zusätzlich ausgeben. Änderungen würden das Haus nicht nur teurer machen, sondern auch mögliche Fehlerquellen produzieren. Statt von Individualisierung spricht Town&Country deshalb von Anpassungen. Das Modell Flair gibt es dann mit Klinker- oder Putzfassade oder mit fünf statt vier Zimmern.

Mit seinem Satteldach knüpft Flair 113 an die Siedlungshäuser der 1920er und 1950er Jahre an. Die Produktion jedoch ist so durchoptimiert, wie es sich einst die Architekten der klassischen Moderne vorstellten - auch wenn sie nicht in einer einzelnen Fabrik stattfindet. Stattdessen gibt es klar definierte Materialvorgaben und einen zentralen Einkauf, gebaut wird vor Ort mit einer Software des Herstellers und lokalen Handwerkern.

Doch kommt nicht genau an dieser Stelle das Modell Fertighaus an sein Ende?

Können nicht einzelne Handwerker mit Fertigbauteilen genauso viel Pfusch anrichten wie mit anderen Materialien? Und kommen damit nicht die gleichen Probleme und Streitigkeiten auf die Bauherren zu wie auf dem freien Markt der Bauunternehmer, Handwerker und Hilfskräfte?

Bei den klassischen Fertighäusern eher nicht, meint Eva Reinhold-Postina vom Verband Privater Bauherren, einer Verbraucherschutzorganisation für Häuslebauer: "Bei einigen wirklich alt eingesessenen Fertighausfirmen gibt es seltener Probleme. Sie haben einen Ruf zu verlieren und oft Mechanismen zur Qualitätssicherung. Vor allem wenn sie nicht oder nur mit wenigen Subunternehmern arbeiten, sondern mit eigenen, gut geschulten Teams, das ist das Entscheidende".

Je mehr Subunternehmer auf der Baustelle, desto größer die Probleme

Je mehr Subunternehmer, je mehr Ungelernte auf der Baustelle und je größer die Distanzen, aus denen Bauleiter und Bauarbeiter anreisten, so die Faustformel des Verbands, desto größer die Probleme bei der Kommunikation und Umsetzung. "Da steht der Bauherr einem Dschungel von Subunternehmen gegenüber", berichtet Eva Reinhold-Postina, "und fragt sich: Wer ist überhaupt der Vertragspartner?"

Erschwerend komme hinzu, dass das deutsche Recht zwar viele Sicherheiten für die Bauherren vorsehe. Doch die bekommt nur, wer sie auch anfordert und schriftlich fixiert. Wer unterschrieben hat, bei Fertigstellung des Rohbaus achtzig Prozent der Bausumme zu überweisen, muss an diesem Punkt eben bezahlen, selbst wenn der Rohbau keineswegs achtzig Prozent der Bausumme wert ist.

Ein erfolgreicher Bau beginne mit einer unabhängigen Vertragskontrolle, so Eva Reinhold-Postina. Schon an dieser Stelle merke man meist, mit wem man es zu tun habe. "Heute machen viele Firmen, vor allem Franchise-Unternehmen, im Internet tolle Werbung, um dann vor Ort mit vielen Subunternehmern das Haus zu errichten", berichtet Reinhold-Postina aus den Erfahrungen ihres Verbandes. "Das läuft teilweise hanebüchen schlecht. Wir wissen von Architekturstudenten oder pensionierten Oberstudienräten, die da als Vertragspartner auftreten und die meinen, man könne mal eben schnell ein Haus bauen."

Nur Experten auf Bauherrenseite könnten hier Baumängel verhindern - egal, ob es sich bei dem Projekt um ein Fertighaus, ein schlüsselfertiges, ein Typen- oder Massivhaus handele.

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1. nie mehr
sitiwati 13.04.2013
ein Fertighaus-es gibts nix gegen Stein-und richtig-da kommen die billigsten Hnadwerker zum Zuge-da wird schnell mal der wasseranschluss in der Küche vergessen und sonstige Sachen !
2. Nie mehr mit Schwörer
??????? 13.04.2013
Wir haben 2011 ein Schwörer Niedrigenergiehaus gebaut und würden es nie wieder tun. Vom Keller bis zum Dach gibt es Schwächen. Zum Beispiel ist der Energieverbrauch zu hoch und das Haus extrem hellhörig. Das Haus ist individuell geplant. Wir vermuten, dass Häuser von der Stange ohne "Sonderwünsche" akzeptabel wären. Mehr aber nicht. Der Vertrag und die vielfältigen zusätzlichen Dokumente sind so geschrieben, dass man als Laie leicht Dinge übersieht. Kritische Leistungspakete (Architekt, Bodenplatte) sind nicht enthalten.
3. Eine gute Planung war...
ickhabdamalnefrage 13.04.2013
schon immer durch nichts ist zu ersetzen, eine gute Planung ist der Schlüssel zum erfolgreichen Hausbau.... leider kann das heutzutage kaum noch jemand bezahlen, mit den paar Schnitten und Draufsichten die man heute vom Architekten bekommt ist das ganze oftmals nur Bastelei auf der Baustelle... Gute und detaillierte Planung kostet eben Geld, und viele wollen da einfach sparen.... oftmals mit chaotischen Folgen auf der Baustelle... besonders wenn dann noch billiges schlecht qualifiziertes Personal dazukommt....
4. Ytong
rocky balboa 13.04.2013
Ihnen ist schon bewusst, dass der preisliche Unterschied zwischen YTONG und KS bei etwa EUR 1.000 bis 1.500 für ein komplettes Haus besteht? Ob Porenbeton oder nicht hat recht wenig mit billig oder nicht zu tun, sowohl Porenbeton als auch KS haben ihre individuellen Vor- und Nachteile in der Hauptsache Dämmung vs. Schallschutz). Deswegen haben wir übrigens mit KS (Preisdifferenz: EUR 1.250 für 240 qm) gebaut, aber es gibt durchaus plausible Gründe für Porenbeton.
5. Stein auf Stein?
wurmfortsatz 13.04.2013
Ohne Fertigteile geht doch selbst bei Stein auf Stein nichts mehr. Bei unserem T&C-Haus wurden Deckenteile fertig als Betonplatte geliefert und vor Ort nur noch aufgefüllt. Bei anderen Baustellen lagen ganze Treppenhäuser fertig vor dem Haus zum Einbau. Es mag zwar immer noch wenige komplette Fertighäuser geben. Aber fertige Module, die dann vor Ort verbaut werden, gibt es in großer Zahl.
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