Young-Money-Blog Mit 45 aufhören zu arbeiten? So könnte der Ausstieg klappen

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Sucht man bei Amazon nach Büchern über das Schlagwort "Finanzielle Freiheit", findet man schnell fast 1000 Bücher. Hinzu kommen im Netz haufenweise Blogs und Erfahrungsberichte von Menschen, die mit Anfang oder Mitte 40 aufhören zu arbeiten oder fest vorhaben, das zu tun. Vor allem Amerikaner berichten, wie sie spartanisch leben, jeden Monat Geld beiseitelegen und es investieren, um früher Schluss zu machen, als vom Gesetzgeber vorgesehen.

Es scheint mal wieder einer dieser hippen Lifestyle-Trends aus den USA zu sein, der da gerade zu uns herüberschwappt. Viele junge, gut ausgebildete Menschen wollen nicht mehr bis zur Rente Tag für Tag im Büro hocken - sie träumen von finanzieller Unabhängigkeit. Sie haben das Ziel, früher aus dem Beruf auszusteigen, als es die gesetzliche Rente vorsieht, um sich dann Zeit für Dinge zu nehmen, die ihnen wirklich Spaß machen. Reisen, Zeit mit der Familie verbringen, oder sich selbst verwirklichen.

Aber ist der Ausstieg mit 45 überhaupt möglich? Was muss man tun, um dieses Ziel als Normalverdiener zu erreichen? Und ist es überhaupt erstrebenswert?

Growney, ein Online-Vermögensverwalter aus Berlin, hat für den Young-Money-Blog konkrete Ausstiegsmodelle durchgerechnet. Das Ergebnis: Ja, es ist möglich, früher aus dem Berufsleben auszuscheiden, auch wenn man nicht im Lotto gewinnt oder viel Geld von den Eltern erbt. Doch das erfordert eiserne Spardisziplin, gute Kapitalerträge und ein verhältnismäßig hohes Einkommen.

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In unserem Beispielmodell haben wir uns an zwei typischen Aussteigern orientiert: Wir nennen sie Marie und Paul.

Marie ist eine Überfliegerin und startet mit 25 als Juristin mit exzellentem Uni-Abschluss ins Berufsleben. In einer renommierten Kanzlei verdient sie ein üppiges Einstiegsgehalt von 50.000 Euro im Jahr, über die Dauer ihres Berufslebens steigert sie ihr Jahreseinkommen sogar auf 100.000 Euro. Sie gehört damit zu den Top-Verdienern in Deutschland. Dafür arbeitet sie hart, gerne auch mal 60 bis 70 Stunden die Woche.

Paul ist etwas weniger ehrgeizig. Als 25-jähriger Software-Programmierer verdient er ein Einstiegsjahresgehalt von 40.000 Euro, damit erzielt er in etwa das deutschlandweite Durchschnittseinkommen - wenn auch schon in jungen Jahren. Aber auch Paul kann sein Gehalt während seines Berufslebens steigern: Mit 45 verdient er 60.000 Euro im Jahr bei einer 40-Stunden-Woche.

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    Die Börse fasziniert Henning Jauernig, 27 Jahre alt, seit der Kindheit. Die erste eigene Aktie kaufte er, als er 20 war, ein paar Jahre später folgten die ersten Fonds-Anteile. Seine Finanzen regelt er seitdem selbst. Immer wieder löchern ihn seine Freunde mit Finanzfragen: Wie kann ich mein Geld richtig anlegen? Welche Versicherungen brauche ich? Und wie mache ich meine Steuer? Über Antworten auf all diese Fragen schreibt er im Young-Money-Blog.

Sowohl Paul als auch Marie haben das Ziel, mit 45 aufzuhören zu arbeiten und von da an bis zu ihrem theoretisch angenommenen Tod im Alter von 95 Jahren von ihrem Erspartem zu leben, also insgesamt über eine Dauer von 50 Jahren. Eine verdammt lange Zeit, die sie ohne Arbeitseinkommen überbrücken müssen.

Um dieses Ziel zu erreichen, legen die beiden Möchtegern-Aussteiger von Anfang an einen Großteil ihres Einkommens beiseite. Das Ersparte legen sie in Aktienfonds an. Sie entscheiden sich für Indexfonds (ETFs), die stumpf die größten Börsenindizes der Welt abbilden. Diese ETFs eignen sich gut, weil sie kostengünstig sind und das Risiko über viele Tausende Aktien streuen. Um die genaue Aktienauswahl brauchen Marie und Paul sich deshalb nicht weiter kümmern. Einmal aufgebaut, läuft das Portfolio über all die Jahre fast von alleine (Lesen Sie hier, wie sie ein ETF-Portfolio aufbauen).

Am Ende zahlen die beiden Kapitalertragsteuern von 25 Prozent sowie den Solidaritätszuschlag auf ihre Erträge. Dabei nehmen sie den Sparerpauschbetrag in voller Höhe in Anspruch, so dass sie 801 Euro ihrer Kapitalerträge jährlich steuerfrei kassieren.

Natürlich schwanken Aktienkurse kurzfristig sehr stark - das werden auch Marie und Paul zu spüren bekommen. Wenn man aber annimmt, dass sich die Börsen in Zukunft ähnlich entwickeln werden wie im vergangenen Jahrhundert, können die beiden mit einer durchschnittlichen Rendite von 5,65 Prozent pro Jahr (nach Abzug der Inflation) rechnen. Denn diese Rendite haben die Aktienmärkte im Durchschnitt auch in den vergangenen hundert Jahren erzielt - trotz schwerer Kriege und Finanzkrisen.

Bei dieser Rendite kommt die Aussteigerin nach den Berechnungen von Growney auf eine monatliche, lebenslange Rente in Höhe von 2112 Euro. Die Summe von 2112 Euro erhält sie sowohl während ihres Berufslebens als auch während ihrer Rente. Das bedeutet also, dass sie während ihres gesamten Berufslebens jeden Euro ihres Einkommens beiseitelegen muss, der über die Summe von 2112 Euro netto hinausgeht. So spart Marie über einen Zeitraum von 20 Berufsjahren rund 500.000 Euro.

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Beiträge für die Krankenkasse sind in diesem Modell bereits abgezogen: Sobald Marie 45 ist, zahlt sie die Beiträge für die gesetzliche Krankenkasse selbst. Ab dem gesetzlichen Rentenbeginn mit 67 Jahren übernimmt der Rentenversicherungsträger wieder zur Hälfte diese Zahlungen.

Aber was sagt uns das Ergebnis?

Mit einem lebenslangen monatlichen Nettoeinkommen von 2100 Euro lässt es sich vernünftig leben, 1000 Euro fürs Wohnen und der Rest für Versicherungen, Lebensmittel, Kleidung. Klar ist aber auch: Großer Luxus ist nicht drin, Marie muss konsequent ihre Ausgaben im Blick behalten. Doch viele Aussteiger wie Marie träumen gar nicht von einem Ferrari oder von einer Yacht: Ihnen geht es vor allem darum, möglichst viel Freizeit zu haben.

Doch Maries Beispiel zeigt, wie schwer es ist, den Ausstieg zu schaffen. Zur Erinnerung: Marie verdient während ihres Berufsleben ein Gehalt, von dem viele in Deutschland nur träumen können. Trotz ihres Großgehalts kann sie monatlich aber nur rund 2000 Euro ausgeben.

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"Aussteiger müssen bereit sein, von Anfang an konsequent einen Großteil ihres Einkommens zu sparen", sagt Gerald Klein, Geschäftsführer von Growney. Andernfalls klappe der Ausstieg nur, wenn man Millionensummen verdient.

Das zeigt das Beispiel von Paul: Er verdient deutlich weniger und kommt bei einer Sparrendite von 5,65 Prozent nur auf ein lebenslanges Nettoeinkommen von 1556 Euro. Er muss sich sowohl während seines Berufslebens, als auch während seiner Rente mit deutlich weniger begnügen.

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Hinzu kommt, dass Aussteiger ihr angespartes Geld von Anfang an renditeorientiert anlegen müssen. Wer eine Durchschnittsrendite von fünf Prozent auf sein Erspartes erzielen will, muss bereit sein, sein gesamtes Geld in Aktien anzulegen. "Tagesgeld und Sparbücher werfen längst keine Zinsen mehr ab. An Aktien führt beim Ausstiegsplan kein Weg vorbei", sagt Klein.

Doch was, wenn die Börsenkurse ausgerechnet kurz vor dem geplanten Ausstieg kräftig fallen? Die erzielte Rendite beeinflusst das Ergebnis massiv. Wenn Marie zum Beispiel nur eine Rendite von zwei Prozent erzielt, schrumpft ihre lebenslange Rente auf 1657 Euro. Selbst Spitzenverdiener wie Marie haben es dann schwer, ihren Ausstieg finanzieren zu können.

Bei Paul wird das noch deutlicher: Erzielt er auf sein Erspartes nur eine Rendite von zwei Prozent, kommt er auf eine lebenslange Rente von nur knapp 1200 Euro netto. Mehr als das Existenzminimum ist das nicht. Anders ausgedrückt: Sollten sich die Börsen tatsächlich schwach entwickeln, bedeutet das für Aussteiger, dass sie länger arbeiten müssen.

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insgesamt 115 Beiträge
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Seite 1
agztse 03.07.2018
1.
Ja, Marie die Überfliegerin und Paul der nicht ganz so Ergeizige. Der Spiegel und sein täglicher Sexismus.
andibaer 03.07.2018
2. Rechnen ...
... muss man können als Aussteiger. Aber auch um diesen Artikel zu schreiben: "Sowohl Paul als auch Marie haben das Ziel mit 45 aufhören zu arbeiten und von da an bis zu ihrem theoretisch angenommenen Tod im Alter von 95 Jahren von ihrem Erspartem zu leben, also insgesamt über eine Dauer von 45 Jahren." Also wollen sie entweder nur 90 werden (45 + 45) oder sie wollen 50 Jahre davon leben. An solchen Kleinigkeiten kann der Ausstieg dann scheitern ...
samuel.cohnle 03.07.2018
3. Das haben viele schon um 2000 vorgeführt.
Mit 45 zu alt und ab in die Arbeitslosigkeit. Das neue Jahrtausend fing für die schon "gut" an. Der Manchesterkapitalismus war zurückgekehrt. Die SPD stellten die bereitwilligen Dienstboten der "Heuschrecken". In ihrem Bemühen, alles auszurotten, was gut war in diesem Lande.
upalatus 03.07.2018
4.
Warum so kompliziert? Beide sollten sich einen dicken Ehepartnerfisch an Land ziehen; bei dem sozialen Umfeld wohl kein Problem.
h.patrick 03.07.2018
5. Normalverdiener?
Mag sein das für die mittelschicht 2000€ plus im monat normal ist für meine kollegen und mich inner Arbeiterschicht ist das utopisch. bin 27 und bekomme 1200 netto da kann ich net von 1500 leben und noch was zurück legen.....
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