Zehn Jahre danach Die richtigen Lehren aus der Finanzkrise

Ein Jahrzehnt nach ihrem Höhepunkt diskutieren Experten in Hamburg über die Lehren aus der Finanzkrise. Eine der wichtigsten lautet: Nüchternheit ist bei der Geldanlage ein hohes Gut.

Lehman-Zentrale in New York am Tag der Insolvenz (15. September 2008)
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Lehman-Zentrale in New York am Tag der Insolvenz (15. September 2008)

Eine Kolumne von


Notenbanker und Privatbanker hatten sich nördlich von New York für ein Wochenende zurückgezogen, um der Frage nachzugehen: Was haben die bisherigen Regulierungen gebracht? Ihr Ergebnis: Die Finanzkrise von 2008 kann sich so nicht wiederholen. Das war vor fünf Jahren.

Leider ist das eigentlich eine Binse. "Geschichte wiederholt sich nicht, aber sie wiederholt ihre Lehren", hat Bundespräsident Richard von Weizsäcker kurz nach dem einschneidenden Ereignis Mauerfall 1990 formuliert.

Wenn ich mir die aktuellen Diskussionen über die Regulierung der Finanzmärkte allerdings anschaue, dann scheint mir: Vielen Akteure reicht die Versicherung, die Krise werde sich so nicht wiederholen. Nach den Lehren wird ungern gefragt.

Beim Lernen über die Finanzkrise würde ich zwei Bereiche unterscheiden:

  • Erstens: Haben wir politische Regeln geschaffen, die folgenreiche Pleiten von Banken wirksam verhindern oder zumindest einhegen? Plastischer formuliert: Muss ich mir Sorgen vor einer neuen großen Finanzkrise machen? Vor dem Verlust von viel Geld? Dem Job? Oder gar meiner Rente?
  • Zweitens: Haben wir unser Banksystem und die Kapitalmärkte so eingerichtet, dass es für die Kunden mehr Nutzen stiftet und weniger Risiken? Dahinter steht die Frage: Wie sollte ich eigentlich in Zukunft mein Geld anlegen? Schließlich gibt es nur am Kapitalmarkt vernünftige Renditen - aber der scheint doch so unsicher.

Zu beiden Themen haben sich diese Woche Experten in Hamburg vor illustrem Publikum gestritten, Anlass war die Internationale Konferenz zu Finanzdienstleistungen. Konkret diskutierten politische Cracks wie der grüne Finanzmarktexperte und Europaabgeordnete Sven Giegold mit Brancheninsidern wie dem Derivateverband-Chef Henning Bergmann und dem Hamburg-Oxforder Finanzjuristen Georg Ringe.

Kein Alarm, auch keine Entwarnung

Wobei: Streit ist eigentlich nicht das richtige Wort. Die Kombattanten waren sich nämlich an der zentralen Stelle einig: Die Finanzmärkte seien zwar sicherer geworden, aber die richtig großen Risiken noch nicht ausreichend begrenzt. Kein Alarm also. Aber auch keine Entwarnung. Denn immer noch fehlt es den Banken an Eigenkapital, das im Krisenfall eingesetzt werden kann und das Risiko von Exzessen mindert.

Dass inzwischen Regeln zur schnelleren Abwicklung einer Großbank existieren, ist vernünftig. Schließlich haben Aufsichtsbehörden und Politiker im Zweifel nur ein Wochenende Zeit, um im Fall einer Krise einzugreifen. Aber was ist mit der internationalen Verflechtung einer europäischen Großbank? Und wer glaubt wirklich, dass die deutsche Finanzaufsicht im Zweifel die Deutsche Bank dichtmachen würde? Und von den Aufsichtsräten sei in großen Krisen auch nichts zu erwarten, so Georg Ringe.

Eine neue Form von Finanzkrise droht also weiterhin.

Zum Autor
  • Finanztip
    Hermann-Josef Tenhagen (Jahrgang 1963) ist Chefredakteur von "Finanztip". Der Verbraucher-Ratgeber ist gemeinnützig. "Finanztip" refinanziert sich über sogenannte Affiliate-Links. Mehr dazu hier.

    Tenhagen hat zuvor als Chefredakteur 15 Jahre lang die Zeitschrift "Finanztest" geführt. Nach seinem Studium der Politik und Volkswirtschaft begann er seine journalistische Karriere bei der "Tageszeitung". Dort ist er heute ehrenamtlicher Aufsichtsrat der Genossenschaft. Bei SPIEGEL ONLINE schreibt Tenhagen wöchentlich über den richtigen Umgang mit dem eigenen Geld.

In Hamburg wurde über den besten Weg zu mehr Schutz diskutiert. Alle Streitenden wollten bessere und effektivere Regulierung sowie ein konsequenteres Durchgreifen. Selbst der Geschäftsführer des Derivateverbands dachte so. Nur von "Deregulierung", dem Zauberwort vor der Finanzkrise, war nicht die Rede. Auch ein gutes Zeichen.

Die Frage war eher: Reicht es, von den Banken noch einmal deutlich mehr Eigenkapital zu verlangen sowie harte Grundregeln und harte Sanktionen festzulegen? Oder brauchen wir detailliertere Marktregeln,

  • die Kreditnehmern einfachere und preiswertere Verträge ermöglichen, damit sie künftig Restschuldversicherungen vermeiden können und nicht zu hohe Zinsen zahlen müssen - und zudem
  • den Anlegern einen Rahmen geben, damit sie mit Ruhe und möglichst großer Sicherheit wenigstens einen Teil ihres Geldes weltweit in Aktienmärkten anlegen können - weltweit?

Auch was die Sparer tun sollten, darüber herrschte in Hamburg weitgehend Einigkeit: "Fragen Sie fünf Experten, und Sie bekommen fünfmal die gleiche Auskunft: Für Kleinanleger sind heute ETF die Antwort", forderte der Mannheimer Finanzmarktprofessor Martin Weber das Podium heraus. Und erntete keinen Widerspruch.

Nüchternheit ist in Geldanlagedingen ein hohes Gut

Wichtig ist zehn Jahre nach Ausbruch der großen Krise nicht mehr eine möglichst differenzierte Geldanlage, sondern eine möglichst breite Streuung der Risiken. Und an die Stelle des Superschnäppchens als Renditeknüller sollte für den Normalbürger die Auswahl einer kostengünstigen, wartungsarmen und immer noch renditeträchtigen Anlage treten, bei der er sich anschließend nicht um die Details kümmern muss.

Verbraucher, die sich heute schon so verhalten, verhalten sich klug. Die Chancen bleiben, das Potenzial für finanziellen Schaden ist bei einer solchen Strategie hingegen deutlich reduziert.

Wartungsarme Produkte hatten übrigens früher vor allem die Versicherer im Angebot, aber die haben sich mit den zu hohen Kosten und Vertriebsexzessen der vergangenen 20 Jahre selbst an den Rand manövriert. Grünen-Politiker Giegold brachte es auf den Punkt: "Wieso können die Schweden ihre Bevölkerung für die Altersvorsorge am Kapitalmarkt teilhaben lassen - mit Kosten von 0,1 Prozent im Jahr, und in Deutschland sollen die Kunden zwei Prozent bezahlen?"

Bei den Anlageformen, die Experten für Normalbürger als geeignet ansehen, fehlt aber natürlich der Überschwang und damit einer der Motivationen für eine eingehende Beschäftigung mit dem Thema Geld: Ohne das Versprechen auf das ultimative Schnäppchen, ohne das Versprechen, mit wenig Arbeit reich werden zu können, werden Geldanlage und Kredite zu einer ziemlich nüchternen Angelegenheit.

Vielleicht ist das eine der eigentlichen Lehren aus der Finanzkrise: Nüchternheit ist in Geldanlagedingen ein hohes Gut. Sie sorgt für langfristige und risikoarme Entscheidungen.

Und schafft damit Zeit für die wirklich wichtigen Dinge im Leben: nämlich Freunde und Familie.



insgesamt 16 Beiträge
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hoppla_h 23.06.2018
1. Beispiel Griechenland
"Krise, welche Krise?" ... Die Zocker können beruhigt sein: Gewinne privatisieren, sprich einstecken, Verluste sozialisieren. Auf die Polit-'Profis' ist Verlass. Nur wenige Kritiker appellieren an Vernunft: http://www.deutschlandfunk.de/griechenland-hilfen-da-wird-nicht-reflektiert-was-im.694.de.html?dram:article_id=420995 Die Risiken werden in die Zukunft geschoben; heute zahlt der Steuerzahler.
pepe83 23.06.2018
2. Regulierung muss gut gemacht sein
Die europäischen Bankenaufseher haben in den letzten Jahren Unmengen neue Regeln und Verordnungen zu allen Facetten des Bankbetriebs erlassen. Zu jedem Detail gibt es Regeln, teilweise handwerklich aber unsagbar schlecht gemacht. Diese mitunter wirre Regulatorik durchschaut inzwischen niemand mehr. Eigentlich wäre es ganz einfach. Die Anforderungen an das Eigenkapital müssten spürbar verschärft werden. Der ganze andere Wust an Verordnungen könnte dann abgeschafft werden.
TS_Alien 23.06.2018
3.
Die Finanzkrise ist nicht vorbei. Auch heute noch können Großbanken pleite gehen, wenn sie nicht gerettet werden. Die Risiken in den Büchern sind nicht kleiner geworden. Was die Finanzkrise bisher gekostet hat, ist nicht leicht zu beantworten. An zusätzlichen Staatsschulden sind weltweit einige Billionen hinzugekommen. Die EZB sitzt auf Anleihen im Billionenbereich, deren Wert niemand schätzen kann. Und Sparer in Deutschland verzichten seit Jahren auf etliche Zinsen. Was hat man für diese irrsinnigen Summen an Gegenwert erhalten? Das Finanzsystem hat sich nicht gebessert. Bei einem vernünftigen Finanzsystem sind auch Sparbücher sinnvoll. Denn mit dem Geld auf den Sparbüchern werden von den Banken Kredite finanziert, mit denen andere etwas Sinnvolles aufbauen können. Wer nur Börsenprodukte als sinnvoll erachtet, der sagt damit gleichzeitig, dass das Finanzsystem nicht vernünftig ist.
n.wemhoener 23.06.2018
4.
Es wäre an der Zeit, unser jetziges Finanzsystem, ein Schuldgeldsystem, das nur funktioniert, wenn immer mehr und immer neue Schulden gemacht werden, grundsätzlich in Frage zu stellen. Was ist falsch daran, wenn Banken nur noch Geschäfte mit Geld machen, das es bereits gibt und das sie auch wirklich haben ? Was ist falsch daran, das System der "Überverleihung" zu ändern ? Was ist falsch daran, die Geldschöpfung zu verstaatlichen, also dem Volk die Macht der Geldausgabe zurück zu geben ? Was ist falsch daran, dass einem Geldschein wieder ein Wert gegenüberstehen sollte ?
saftfrucht 23.06.2018
5. Verlogen
Die Finanzkrise wurde nicht von den Banken ausgelöst, sondern vom Giralgeldsystem und der Niedrigzinspolitik der Notenbanken. Die Banken und der Markt haben nur entsprechend auf diese Niedrigzinspolitik reagiert. Das gleiche passiert grade wieder. Man hat überhaupt nichts gelernt, sondern eher noch einen double-down gewagt - die Zinsen sind niedriger als vor der Krise. Statt einer geografisch begrenzten Immobilienblase gibt es jetzt eine weltweite Alles-Blase. Wirklich gut gemacht, Politik!
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