Giftige Eier Spur führt zu rumänischer Chemiefabrik

Woher kommt das Fipronil in verunreinigten Eiern? Nach SPIEGEL-Informationen prüfen die Behörden eine Verbindung nach Rumänien.

Eier in einer Geflügelfarm im niederländischen Onstwedde
DPA

Eier in einer Geflügelfarm im niederländischen Onstwedde

Von


Im Skandal um Hunderttausende mit dem Kontaktgift Fipronil verseuchte Hühnereier ist nach SPIEGEL-Informationen ein Chemikalienhändler aus dem belgischen Weelde ins Zentrum der Ermittlungen gerückt. Belgische und niederländische Fahnder gehen Hinweisen nach, wonach Patrick R. um den Jahreswechsel in einer Fabrik in Rumänien große Mengen des Tiermedikaments Fiprocid geordert habe, das den gefährlichen Wirkstoff Fipronil enthält. Ehemalige Geschäftspartner des Unternehmers sagten dem SPIEGEL, dass es sich um Bestellungen im Volumen von mehreren Zehntausend Euro gehandelt habe. (Diese Meldung stammt aus dem SPIEGEL. Den neuen SPIEGEL finden Sie hier.)

Titelbild
Mehr dazu im SPIEGEL
Heft 32/2017
Wie Bundesregierung und Konzerne den Ruf der Auto-Nation Deutschland ruinieren

Weder Patrick R. noch dessen belgischer Strafverteidiger waren am Donnerstag für eine Stellungnahme erreichbar. Das Kontaktgift war offenbar einer Flüssigkeit namens "Dega 16" beigemischt, die in 20-Liter-Kanistern vertrieben wurde und der Säuberung von Geflügelställen dienen sollte. In Deutschland ist ein Präparat dieses Namens auf dem offiziellen Markt nicht erhältlich.

Inzwischen sind mit Fipronil belastete Eier nach Angaben von Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) in zwölf Bundesländern in den Handel gelangt. Eine Schlüsselrolle käme Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen zu. Die Lage sei "unter Kontrolle", es gebe aber "noch keine Entwarnung". Warenströme würden untersucht, auch für Produkte mit verarbeiteten Eiern.

Die Grünen-Fraktionschefin im Bundestag, Katrin Göring-Eckardt, kritisierte den Bundeslandwirtschaftsminister. Es könne nicht sein, dass der Minister "tagelang in der Versenkung verschwindet, während die Verbraucher verunsichert sind", sagte die Politikerin der "Passauer Neuen Presse". Zudem sei es "unerträglich, wie das dem Bundeslandwirtschaftsministerium unterstehende Bundesamt für Risikobewertung abwiegelt", sagte die Politikerin.

Auch die stellvertretende SPD-Fraktionsvorsitzende Ute Vogt warf Schmidt Untätigkeit vor. "Bundesminister Schmidt muss endlich seiner Pflicht als Minister für den gesundheitlichen Verbraucherschutz nachkommen und darf die Information der Verbraucherinnen und Verbraucher nicht allein den Ländern, den Verbraucherschutzorganisationen und den nachgeordneten Behörden seines Ministeriums überlassen", sagte sie dem SPIEGEL.

Fipronil war über das Anti-Läusemittel Dega-16 in die Eier gelangt. Das Mittel beruht eigentlich nur auf ätherischen Ölen wie Menthol und Eukalyptus. Vermutlich hatte ein belgischer Hersteller Fipronil beigemischt, obwohl das Mittel für die Geflügelzucht verboten ist.

Zwölf Bundesländer betroffen

Nach Angaben des niedersächsischen Agrarministers Christian Meyer (Grüne) wurden jedoch weitaus mehr belastete Eier aus den Niederlanden in Deutschland verkauft als bislang bekannt. Nach neuesten Informationen handele es sich nicht nur um drei Millionen, sondern um zehn Millionen Eier, sagte Meyer am Freitagmorgen im ZDF. Der Höhepunkt des Gifteier-Skandals sei noch nicht erreicht. Bislang gebe es zwar keine Hinweise, dass auch von Hühnerfleisch eine Gesundheitsgefahr ausgehe. "Aber wir untersuchen auch das jetzt." Produkte, in denen Eier verarbeitet wurden, würden ebenfalls unter die Lupe genommen.

Nach Angaben des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) gibt es bislang aber noch keine Befunde für einen möglicherweise gesundheitsschädlichen Gehalt an Fipronil pro Kilogramm Ei. Die vorliegenden Daten lägen "um einen Faktor zehn unterhalb" des kritischen Werts, bis zu dem eine Gefährdung für Erwachsene wie Kinder unwahrscheinlich sei. Dieser Wert gelte sowohl für lose Eier als auch für verarbeitete Produkte. Generell gelte: "Fipronil hat in Eiern nichts zu suchen", sagte BfR-Abteilungsleiterin Monika Lahrssen-Wiederholt.

Ein Ursprung des Skandals sind belastete Eier aus den Niederlanden - darunter Bio-Eier. Vorerst nicht betroffen waren laut Bundesministerium die vier Länder Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt, Rheinland-Pfalz und das Saarland.

Aldi nimmt Eier aus dem Verlauf

Die Discounter Aldi Süd und Aldi Nord haben inzwischen nach eigenen Angaben deutschlandweit sämtliche Eier aus dem Verkauf genommen. Es handele sich um eine "reine Vorsichtsmaßnahme".

Von sofort an dürften nur noch Eier an Aldi geliefert werden, für die ein Nachweis vorliege, dass sie negativ auf fipronilhaltiges Anti-Läusemittel getestet seien. Die Unternehmen teilten mit, das Vorgehen werde möglicherweise dazu führen, dass es zu Engpässen bei der Versorgung mit Eiern kommt.

Die Unternehmensgruppen begründeten ihr Vorgehen den Angaben zufolge damit, dass sie "Klarheit und Transparenz" bei ihren Kunden herstellen wollten. Schon seit Anfang der Woche beziehe Aldi keine Eier mehr aus gesperrten niederländischen Betrieben. Zudem seien in den vergangenen Tagen in einzelnen Regionen Freiland-, Bodenhaltungs- und Bio-Eier vorsorglich aus dem Verkauf genommen worden, wie es weiter hieß.

Dieses Thema stammt aus dem neuen SPIEGEL - ab Samstagmorgen erhältlich.

Was im neuen SPIEGEL steht, erfahren Sie immer samstags in unserem kostenlosen Newsletter DIE LAGE, der sechsmal in der Woche erscheint - kompakt, analytisch, meinungsstark, geschrieben von der Chefredaktion oder den Leitern unseres Hauptstadtbüros in Berlin.

insgesamt 38 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
andrei0303 04.08.2017
1. Unglücklicher Titel
Der Titel würde sehr unglücklich gewählt und ist zweideutig. Nur weil das Mittel in Rumänien bezogen wurde, hat Rumänien mit der Verursachung des Problems nichts zu tun. Analog könnte man zum Dieselskandal auch schreiben "Spur führt in den Nahen Osten" weil dort Rohöl für die Herstellung von Diesel bezogen wurde. Ich bin in Rumänien geboren und wünsche mir mehr Fingerspitzengefühl bei der Formulierung der Überschrift.
hannesR 04.08.2017
2. Tolle Reaktion von Aldi und Rewe
Vor Jahren stellte sich heraus, das in Europa der Eierhandel von einer einzigen Familie beherrscht wurde. Ich weiß nicht ob das heute noch so ist aber ich denke solche Leute lassen sich Ihr Geschäft nicht kaputt machen. Für den Verbraucher sind solche Leute aber gefährlich, weil eine solche Alleinstellung im Markt erreicht man nur mit kriminellen Mitteln. Ähnlich soll es auch bei Zwiebeln sein.
tapier 04.08.2017
3. Was man sich auf der Zunge zergehen lassen muss
BIO-Eier sind auch betroffen. Da kommt doch die Frage auf: Was besagt dieses BIO? Antwort: Fast nichts, es dient nur zu Gewissenberuhigung von Leuten die bereit sind für ein Produkt mehr auszugeben als nötig.
julevh 04.08.2017
4. Nur zur Info...
Fipronil findet sich auch in Produkten zur Zecken/Flohbekämpfung bei Haustieren. In deutlich höheren Mengen als in den Eiern...Also bevor man wieder in unverhältnismäßige Panik verfällt, lieber mal nachdenken wenn man die frisch "entzeckte" Katze streichelt.
grommeck 04.08.2017
5. Bio ist Verarschung...mehr nicht.
Zitat von tapierBIO-Eier sind auch betroffen. Da kommt doch die Frage auf: Was besagt dieses BIO? Antwort: Fast nichts, es dient nur zu Gewissenberuhigung von Leuten die bereit sind für ein Produkt mehr auszugeben als nötig.
Ist aber nicht neu, denn wo sollten denn urplötzlich diese Mengen an Biofutter herkommen? Also - denken wir uns unser Teil und kaufen den überteuerten Sondermüll lieber nicht. Wenn die Lebensmittel- und die Agrarindustrie uns vergiften, dann lieber billig. Wir sind ja eh selber Schuld, weil wir alles billig haben "wollen". Das manch armer Mensch sich aber nichts anderes leisten kann, sagt keiner. Verlogene Gesellschaft.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.