Warteschleife Wenn der unglaubliche Hulk den Koffer verlädt

Premium-Hartschalenkoffer sind unverwüstlich, glaubt Tom König. Leider hat er die Rechnung ohne die Fluglinie Iberia gemacht. Deren Verlader kriegen anscheinend jedes Gepäckstück klein.

Beschädigter Koffer: Die Coolness ist auf Iberias Seite
Tom König

Beschädigter Koffer: Die Coolness ist auf Iberias Seite


Ich fliege nach Sevilla. Da wollte ich immer schon hin, und Iberia hat gerade einen saugünstigen Flug im Angebot, via Madrid. Das Ticket ist dermaßen billig, dass ich mir gleich noch einen neuen Rimowa-Hartschalenkoffer leiste. So einen wollte ich ebenfalls schon immer, denn die Dinger sind einfach unverwüstlich. Dachte ich.

Vor dem Abflug checke ich mein nagelneues Gepäckstück ein. Aber als ich einige Stunden später in Sevilla am Band stehe, taucht der Rimowa nicht auf. Ich gehe zum Lost-Luggage-Counter, wo man mir jedoch nichts sagen kann. Die Mitarbeiterin händigt mir lediglich eine Hotline-Nummer aus, an die ich mich am folgenden Tag wenden soll.

Am nächsten Morgen rufe ich dort an.

"Guten Tag, ich suche meinen Koffer, Baggage Tag 2728-2727."

"Einen Moment", sagt die Servicedame, "sieht so aus, als wäre der noch in Madrid."

Sie verspricht, den Rimowa so schnell wie möglich in mein Hotel liefern zu lassen.

Als ich abends ins Hotel zurückkehre, winkt mir der Portier zu.

"Señor König, ihr Koffer ist… äh…"

"Er wurde geliefert?"

"Ja. Wir haben ihn entgegengenommen und auf Ihr Zimmer… äh… gebracht", sagt der Portier. Er macht dabei ein Gesicht, das schwer zu deuten ist. Will er vielleicht Trinkgeld?

Ich begebe mich aufs Zimmer. Vor dem Bett steht ein Koffer. Die gute Nachricht: Es ist meiner. Die schlechte: Er sieht aus, als ob Wolverine und der Unglaubliche Hulk daran ihr Mütchen gekühlt hätten. Ein 20 Zentimeter langer Riss verunziert die Oberseite - er ist so tief, dass ich durch die Hartschale meine Unterwäsche sehen kann. Überall gibt es nach innen gewölbte Beulen und Abschürfungen, ferner mehrere Durchbrüche ins Kofferinnere. Der Griff auf der Oberseite fehlt.

Mir läuft es kalt den Rücken runter. Was muss man mit solch einem superrobusten Rollenkoffer anstellen, um den kompletten Griff abzureißen?

Was ist denn schon normal?

Als ich einige Tage später wieder zu Hause bin, verfasse ich eine Beschwerde-Mail und schicke sie, nebst Fotos meines Ex-Koffers, an Iberia. Die Fluglinie antwortet, bevor man den Fall bearbeiten könne, müsse ich zunächst das "Formular über Unregelmäßigkeiten am Gepäckstück" ausfüllen.

Das ganze Gepäckstück ist unregelmäßig, seit es bei Iberia in der Mangel war, aber sei's drum. Ich reiche die gewünschten Unterlagen ein.

Iberia schreibt zurück, da könne man nix machen und nix zahlen. Weil:

"In diesem speziellen Fall wurde die Art des Schadens an Ihrem Gepäckstück als 'normale Gebrauchsspuren' klassifiziert. Da es die Funktion der Ummantelung ist, den Inhalt zu schützen, ist es unmöglich, den Koffer vor Schäden dieses Typs zu schützen."

Schön, endlich einmal erklärt zu bekommen, wie Gepäck geht. Dass das Drumherum bei so einem Kofferdings das Innendrin schützen soll - hätten Sie's gewusst? Innendrin haben es die T-Shirts und Socken schön muckelig, während die arme Polycarbonatummantelung, also das Drumherum, sich den Fährnissen des Lebens stellen muss - zum Beispiel Gepäckverladern mit Kettensäge, Schrotflinte oder Samurai-Schwert.

Kettensägen-Gebrauchsspuren finden Sie nicht normal? Iberia schon, und das womöglich zu Recht. Denn was ist bitte schon normal? Normal, das muss man an dieser Stelle einfach mal sagen, ist in Zeiten von gelebter Diversity ein Kampfbegriff gesellschaftlich Rückständiger. Ergo kann man auch argumentieren, ein klaffendes Loch in einem Rimowa-Koffer sei eine normale Gebrauchsspur - Baggage Diversity, quasi. Alles eine Frage des Standpunktes.

So besehen ist es rückwärtsgewandtes Spießertum meinerseits, Iberia zu antworten, dass ich trotz aller Diversity gerne 379 Euro für den kaputten Koffer hätte. Die Fluglinie findet dieses kleinkarierte Beharren auf überkommenen gesellschaftlichen Wertvorstellungen derart uncool, dass sie nicht zurückschreibt. Auch die Pressestelle reagiert nicht.

Also beschließe ich, so richtig petit bourgeois zu werden und drohe mit dem Anwalt. Sehr unhip, ich weiß. Die Coolness ist auf Iberias Seite, aber ich habe nach einigen Wochen einen Scheck bekommen.

Hatten auch Sie ein besonderes Serviceerlebnis? Dann schreiben Sie an warteschleife@spiegel.de.



insgesamt 175 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
metalslug 29.07.2014
1. iTüte
Mit einer flexiblen Alditüte wäre das alles nicht passiert. Die kann intelligent nachgeben (iTüte), der Rimowa Panzer weicht halt nicht zurück und sieht dann so aus. :D
pseudonymisiert 29.07.2014
2.
Der Höhepunkt des Sommerlochs ist erreicht? Koffer können bei einer Reise beschädigt werden. Fluggesellschaften zahlen erst nach mehrfacher Aufforderung. OMG. Mein Weltbild ist erschüttert!
fisschfreund 29.07.2014
3.
Sowas ist mir schon oft passiert, bei diversen Fluglinien. Offenbar reagiert das Gepäckpersonal den Frust über den Drecksjob an den Koffern ab...
insert Randomname here 29.07.2014
4. Saftladen Iberia
wir hingen mal 4 Tage fest, weil das Flugzeug von Iberia im Eimer war und Iberia es nicht schaffte, innerhalb einer vernünftigen Zeit einen Ersatzflig zu besorgen. Nie wieder, Iberia hat sich für mich für immer erledigt.
sifraloup 29.07.2014
5. Geiz ist geil
na ja mein Mitleid hält sich in Grenzen. Womöglich hat der Flug 19,95 gekostet. Kann man da mehr verlangen? Ich finde nein.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.