Wirtschaft


Foodwatch-Studie: Fast alle Kinderlebensmittel sind zu süß und fett

Von Nicolai Kwasniewski

Immer mehr Kinder sind zu dick - und die Hauptschuld daran trägt laut einer Foodwatch-Studie die Lebensmittelindustrie. Der Vorwurf: Mit Werbung, Lobbyarbeit und viel zu süßem und fettem Kinderessen machen die Konzerne die Kleinen zu Junk-Food-Junkies.

Kinderlebensmittel: Wie die Konzerne an den Kleinen verdienen
Fotos
Corbis

Berlin - Gesunde Ernährung ist kinderleicht, jedenfalls in der Werbung: "Mein Körper braucht Eiweiß, Kalzium und Vitamine. So werde ich groß und stark und fleißig wie eine Biene. In der Milch und in Paula-Pudding find ich diese guten Sachen." So wirbt Dr. Oetker im Internet für seinen süßen Kinderpudding "Paula", der laut Foodwatch pro Becher so viel Zucker enthält, wie fünf bis sechs Stücke Würfelzucker. Paula ist ein Paradebeispiel im Report "Kinder kaufen".

Die Verbraucherorganisation Foodwatch hat für den Bericht 1500 Kinderlebensmittel wie "Paula-Pudding", "Pom-Bär" oder "Honey-Bss" untersucht und festgestellt: Extrem süße und fettige Snacks machen den Großteil aus - egal ob Bio oder konventionell. Das Fazit: Eine ausgewogene Ernährung aus den Kinderlebensmitteln zusammenzustellen, ist praktisch unmöglich. Der Bericht will aber mehr als einzelne Produkte anzuprangern: Detailliert wird aufgelistet, mit welchen Methoden die Lebensmittelindustrie ihre Lobbyarbeit betreibt und warum sie ein Interesse daran hat, kalorienreiche Lebensmittel an die Kleinen zu verkaufen, die aus wenigen billigen Grundstoffen hergestellt und mit vielen künstlichen Zutaten aufgepeppt werden.

Viele der Ergebnisse, die Foodwatch auflistet, sind nicht neu: Zahlreiche Studien haben schon in den vergangenen Jahren gezeigt, dass die meisten Lebensmittel, die speziell für Kinder hergestellt werden, zu süß und zu fettig sind - der Report zitiert aus diesen Studien. Erschreckend ist aber die Kombination verschiedener Befunde: Die Konzerne, so analysiert der Bericht, legen es darauf an, Kinder schon so früh wie möglich an ihre Marken zu binden und ihnen ungesunde Snacks zu verkaufen; indem sie Hunderte Millionen Euro in kindgerechte Werbung investieren, die Verantwortung für übergewichtige Kinder von sich weisen, unliebsame Gesetze mit wirksamen Lobbymethoden verhindern und billig hergestellte Lebensmittel teuer verkaufen.

Kinderlebensmittel stellen Ernährungspyramide auf den Kopf

Das Forschungsinstitut für Kinderernährung (FKE) in Dortmund hat schon vor Jahren festgestellt, dass der Markt für Kinderlebensmittel rasant wächst. Das Institut führt seit 1985 eine Lebensmitteldatenbank, in der mittlerweile 12.000 Produkte gelistet sind, die von Kindern verzehrt werden. Foodwatch ist zwischen April 2011 und Februar 2012 in Berliner Supermärkten und im Internet auf die Suche nach solchen Lebensmitteln gegangen, die sich durch "Aufmachung oder Platzierung durch den Hersteller" an Kinder richten. Zum Beispiel den "Monster Backe Knister" von Ehrmann, laut Werbung mit "gesundem Joghurt", in Wirklichkeit aber auch mit 15 Prozent Zucker.

1514 Produkte haben die Verbraucherschützer auf ihren Nährwert untersucht. Sie orientierten sich dabei an der Ernährungspyramide des aid Infodienstes, der vom Bundesernährungsministerium gefördert wird. Die Pyramide zeigt in Ampelfarben, welche Mengen bestimmter Lebensmittelgruppen von Kindern verzehrt werden sollen. Die von Foodwatch untersuchten Kinderlebensmittel stellen die Pyramide auf den Kopf: Fast drei Viertel der Produkte fallen in die "rote" Kategorie der "süßen und fetten Snacks" und sollten nur wenig gegessen werden. Aber selbst in der "grünen" Kategorie finden sich Obstsäfte und Schorlen wie Eckes-Graninis "Frucht-Tiger", der pro Viertelliter-Flasche laut Foodwatch so viel Zucker wie 5,5 Stücke Würfelzucker enthält.

Kinderfang mit Werbetricks

Besonders krass ist das Missverhältnis zwischen Werbung und Inhalt bei Frühstücksflocken: Egal ob Bio oder konventionell - 96 Prozent der untersuchten Produkte gehören laut aid-Definition in die "rote" Kategorie, weil sie zu 25 bis 50 Prozent aus Zucker bestehen. Egal ob "Honigkugeln" oder "Froot Loops", die als "wertvoll" und "natürlich" angepriesenen Frühstückscerealien, seien nichts anderes als "süße Snacks", schreibt Foodwatch.

Besonders harsch fällt die Kritik der Verbraucherschützer an der Werbung aus: Kinder und Jugendliche seien überall der Reklame ausgesetzt. Nicht nur in klar erkenntlichen Spots in Kino, Fernsehen, Radio sowie Anzeigen in Zeitungen und Zeitschriften, sondern auch mit mehr oder weniger versteckten Botschaften in sozialen Netzwerken oder Smartphone-Apps wirbt die Industrie für ihre Produkte. So lancierte Capri-Sonne bei Facebook den Wettbewerb "Superfan": Jugendliche wurden aufgefordert, selbst Werbung zu produzieren ("Sag uns, warum du Capri-Sonne liebst...") und Fotos hochzuladen, "von dir und deiner Capri-Sonne".

Wegen der Praxis, auf Internetseiten Kinderspiele anzubieten und mit Werbung zu vermischen, sind die großen Herstellerfirmen in mehreren Ländern unter Druck geraten. In Großbritannien legte die Children's Food Campaign und die British Hearts Foundation offiziell Beschwerde ein gegen die Online-Vermarktung von Junk-Food für Kinder. Im Fokus stehen dort unter anderem die auch in Deutschland verkauften Produkte Nesquik oder Capri-Sonne.

Mit Imagekampagnen lenkt die Industrie von ihrer Verantwortung ab

Foodwatch kritisiert aber noch mehr: Die Lebensmittelindustrie versucht sich nämlich seit Jahren mit vielen Kampagnen gegen Übergewicht und Bewegungsmangel ein positives Image zu verschaffen. Stoßrichtung: Nicht ungesundes Essen ist schuld daran, dass immer mehr Kinder zu dick sind, sondern einzig das viele Fernsehen und die mangelnde Bewegung. So gibt es die Plattform Ernährung und Bewegung e.V., kurz peb, auf der sich rund hundert Mitglieder zum "europaweit größten Netzwerk zur Vorbeugung von Übergewicht bei Kindern und Jugendlichen" zusammengeschlossen haben.

Neben Vertretern von Ministerien sitzen in den peb-Gremien aber auch der Lobbyverband der Ernährungsindustrie, der Bund für Lebensmittelrecht und Lebensmittelkunde e.V. (BLL), die deutsche Süßwarenindustrie, Coca-Cola, McDonald's oder der Deutsche Verband der Aromenindustrie. Auf der Internetplattform wird die Verantwortung für gesunde Ernährung den Eltern gegeben, Verbote beispielsweise von Süßigkeiten werden als "kontraproduktiv" abgetan. Verbraucherschützer kritisieren zudem, dass ausgerechnet der Schokoladenkonzern Ferrero Sportfeste veranstaltet und die Veranstaltungen als Werbeplattform missbrauche: Das Logo der Sportabzeichen-Tour, "kinder + SPORT" zum Beispiel ist den Ferrero-Produkten wie "Kinder Schokolade", "Kinder Country" oder "Kinder Schoko-Bons" zum Verwechseln ähnlich.

Der US-amerikanische Ernährungswissenschaftler Barry Popkin vergleicht die Taktik der Lebensmittelkonzerne schon mit der Tabakindustrie: "Big Sugar und Big Beverage kommen Big Tobacco ziemlich nahe in der Art und Weise, wie sie seit Jahrzehnten ihre Interessen vertreten", schreibt Popkin in seinem Buch "The World is Fat". Ähnliche Ansätze beobachtet Foodwatch in Deutschland: Die Zahl der Bewegungsinitiativen der Industrie dienten, ebenso wie deren zahlreiche Informationsmaterialien für Eltern und Lehrer, einzig dem Zweck, von den minderwertigen Inhalten der Kinderlebensmittel abzulenken.

Die bestehen zum größten Teil aus simplen Grundstoffen wie Zucker, Stärke, tierischen und pflanzlichen Fetten, die billig produziert werden können und von der Industrie unter Zusatz von Aromen, Vitaminen und Farben zu bunten Kinderprodukten verarbeitet werden. Das erklärt auch, warum die Konzerne wenig Interesse daran haben, gesunde Lebensmittel zu produzieren: Je natürlicher und höherwertiger die Zutaten sind, desto niedriger sind die Gewinnmargen.

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insgesamt 407 Beiträge
nadennmallos 13.03.2012
... wir selber. Wir sind für unsere Kleinen verantwortlich. Niemand zwingt uns bei irgendwelchen Konzernen einzukaufen.
Zitat von sysopImmer mehr Kinder sind zu dick - und die Hauptschuld daran trägt laut einer Foodwatch-Studie die Lebensmittelindustrie. Der Vorwurf: Mit Werbung, Lobbyarbeit und viel zu süßem und fettem Kinderessen machen die Konzerne die Kleinen zu Junkfood-Junkies. Foodwatch-Studie: Fast alle Kinder-Lebensmittel sind zu süß und fett - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Wirtschaft (http://www.spiegel.de/wirtschaft/service/0,1518,820932,00.html)
... wir selber. Wir sind für unsere Kleinen verantwortlich. Niemand zwingt uns bei irgendwelchen Konzernen einzukaufen.
Babs50+ 13.03.2012
Und warum, bitte, brauchen Kinder eigene Lebensmittel?
Und warum, bitte, brauchen Kinder eigene Lebensmittel?
tatortreiniger 13.03.2012
Eine Frechheit, unsere Nahrungsmittelindustrie dermaßen in dem Schmutz zu ziehen. Da hängen doch Arbeitsplätze dran und der Standort Deutschland ist in Gefahr und überhaupt: In der Krise redet man nicht schlecht über die [...]
Zitat von sysopImmer mehr Kinder sind zu dick - und die Hauptschuld daran trägt laut einer Foodwatch-Studie die Lebensmittelindustrie. Der Vorwurf: Mit Werbung, Lobbyarbeit und viel zu süßem und fettem Kinderessen machen die Konzerne die Kleinen zu Junkfood-Junkies. Foodwatch-Studie: Fast alle Kinder-Lebensmittel sind zu süß und fett - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Wirtschaft (http://www.spiegel.de/wirtschaft/service/0,1518,820932,00.html)
Eine Frechheit, unsere Nahrungsmittelindustrie dermaßen in dem Schmutz zu ziehen. Da hängen doch Arbeitsplätze dran und der Standort Deutschland ist in Gefahr und überhaupt: In der Krise redet man nicht schlecht über die Wirtschaft. Ist ja genauso ein Hetzbeitrag wie das mit der Ampel für Lebensmittel. Kommunistengesindel!
eldani 13.03.2012
so ein Käse, ... einzig schuldig daran dürften ja wohl die lieben Eltern sein, die solchen Mist auch noch kaufen.
Zitat von sysopImmer mehr Kinder sind zu dick - und die Hauptschuld daran trägt laut einer Foodwatch-Studie die Lebensmittelindustrie. Der Vorwurf: Mit Werbung, Lobbyarbeit und viel zu süßem und fettem Kinderessen machen die Konzerne die Kleinen zu Junkfood-Junkies. Foodwatch-Studie: Fast alle Kinder-Lebensmittel sind zu süß und fett - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Wirtschaft (http://www.spiegel.de/wirtschaft/service/0,1518,820932,00.html)
so ein Käse, ... einzig schuldig daran dürften ja wohl die lieben Eltern sein, die solchen Mist auch noch kaufen.
RosaHasi 13.03.2012
das ist so nicht richtig. das märchen von der selbstbestimung ist seit langem entzaubert. die marketingeinflüsse und speziell werbung ist ein so krasser bestandteil des alltags das es schon schmerzt. ich würde persönlich [...]
Zitat von nadennmallos... wir selber. Wir sind für unsere Kleinen verantwortlich. Niemand zwingt uns bei irgendwelchen Konzernen einzukaufen.
das ist so nicht richtig. das märchen von der selbstbestimung ist seit langem entzaubert. die marketingeinflüsse und speziell werbung ist ein so krasser bestandteil des alltags das es schon schmerzt. ich würde persönlich jegliche art von werbung verbieten. objektiv und klar muss jedes produkt gekennzeichnet sein
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  • Dienstag, 13.03.2012 – 11:52 Uhr
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Die Health-Claim-Verordnung der EU
Seit 2007 ist die "Verordnung über nährwert- und gesundheitsbezogene Angaben über Lebensmittel" der EU in Kraft. Hersteller von Lebensmitteln können seitdem Health-Claim-Anträge bei der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (Efsa) einreichen. Ziel der Verordnung: Jede Angabe auf einem Etikett über den gesundheitlichen Nutzen des Produkts muss durch wissenschaftliche Nachweise abgesichert sein. Diese werden von der Efsa überprüft.
Hintergrund
Die Lebensmittelüberwachung ist in Deutschland Ländersache. In den Landesministerien für Verbraucherschutz beziehungsweise Ernährung werden Untersuchungsprogramme entwickelt, die die Lebensmittelüberwachungs- und Veterinärämter in den Städten und Landkreisen verwirklichen.

Die Behörden kontrollieren die Lebensmittelbetriebe dabei nicht nach Zufallsprinzip, sondern nach Höhe des Risikos. Die Kontrolleure dürfen, wenn nötig, Proben entnehmen. Insgesamt werden jedes Jahr von den Laboren der Bundesländer rund 400.000 Proben untersucht. Wenn die Gesundheit der Verbraucher gefährdet ist, müssen die Lebensmittel aus dem Handel entfernt werden.

Nährwertkennzeichnung
Zwischen Industrie, Politik, Gesundheitsexperten und Verbraucherschützern wird seit langem erbittert über die Nährwertkennzeichnung gestritten: Gesundheitsexperten und Verbraucherorganisationen fordern eine farbliche Kennzeichnung der Inhaltsstoffe nach einem Ampelsystem. Mit den Farben grün (niedrig), gelb (mittel) und rot (hoch) soll dem Verbraucher einfach und schnell signalisiert werden, was er isst. Die Lebensmittelindustrie lehnt dieses System jedoch ab - weil es bestimmte Lebensmittel diskriminiere. Sie hat sich stattdessen auf das sogenannte GDA-System (Guideline daily amount) verständigt, das den Nährwert bezogen auf Portionsgrößen angibt. Die aber sind laut Kritikern so willkürlich gewählt, dass sie den Vergleich schwierig machen. Außerdem geht das GDA-System von unrealistischen Portionsgrößen aus: So empfehlen sie etwa eine halbe Tiefkühlpizza oder eine winzige Handvoll von 25 Gramm bei Erdnüssen. Im Juni 2010 hat das EU-Parlament die Einführung einer europaweiten Ampelkennzeichnung abgelehnt.
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