"Goldener Windbeutel" Foodwatch sucht den dreistesten Werbeslogan

Die Verbraucherorganisation Foodwatch nominiert die Kandidaten für den "goldenen Windbeutel", den Schmähpreis für die dreisteste Werbeaussage des Jahres. Die Kandidaten im Überblick.

Foodwatch

Von Isabella Reichert


Man ist, was man isst - und das ist oft gar nicht das, was groß auf der Verpackung steht. Häufig entlarvt nämlich erst die Zutatenliste, was wirklich dran ist an den Versprechen von Geschmack, Gesundheit und wertvollen Zutaten. Die Verbraucherorganisation Foodwatch stellt fünf Produkte vor, die die Konsumenten aus ihrer Sicht besonders unverschämt täuschen.

Verbraucher können bis Ende November unter www.goldener-windbeutel.de abstimmen, welches Produkt ihrer Meinung nach den Schmähpreis verdient. Der "goldene Windbeutel" wird dem Gewinner anschließend an dessen Firmensitz verliehen - falls der Hersteller ihn annimmt. Bisher lehnten alle Unternehmen ab.

Foodwatch will mit der Aktion aufmerksam machen auf die "kleinen Tricks und perfiden Täuschungsmaschen", mit denen Lebensmittelhersteller die Konsumenten verführen. Selbst wenn Verbraucher bewusst einkaufen wollen, werde ihnen dies durch die Aufmachung und Beschreibung der Produkte zu oft erschwert.

Genau hier setzt die Kritik von Foodwatch an den diesjährigen Kandidaten an: Ihre Verpackungen und Beschreibungen gaukelten mehr vor, als die Zutatenliste hält. Zum Beispiel der Protein Drink Vanille von Bauer, der sich an eine "fitnessorientierte und alltagsaktive Zielgruppe" richte, in Wirklichkeit aber keinen nachweislichen Mehrwert stifte. Und mit 6,4 Prozent steckt fast ebenso viel Zucker wie Eiweiß drin (6,9 Prozent).

Kritisch sind demnach Bauers Angaben zum Fettanteil: "23 Gramm Protein und ein Prozent Fett" klingt schließlich besser als "sieben Prozent Eiweiß und ein Prozent Fett" - wie es laut Foodwatch zum besseren Verständnis heißen sollte. Der Protein Drink Vanille von Bauer kostet mit 0,39 Euro pro 100 Gramm deutlich mehr als andere Vanillemilch, zum Beispiel 2,5-mal so viel wie die Alpenfrische Vanille Milch von Bärenmarke.

Bauer gab auf Foodwatch-Nachfrage an, mit dem Getränk den Wunsch der Verbraucher "nach proteinreichen Trendprodukten" zu bedienen. Die Angaben auf der Flasche entsprächen den geltenden Lebensmittelgesetzen.

Eine Überraschung hält die Lacroix Gebundene Ochsenschwanz Suppe bereit - sie kommt nämlich ganz ohne Ochsenschwanz aus. Auf Foodwatch-Nachfrage erklärte der Hersteller Continental Foods: "Aus Qualitätsgründen wird kein Ochsenschwanz genutzt, da Ochsenschwanz häufig knorpeliges und sehnendurchwachsenes Fleisch ist. Nur die zusätzliche Bezeichnung wie original oder klassische Ochsenschwanzsuppe setzt die Verwendung von Ochsenschwanz voraus." Zu kaufen gibt es die Suppe für 2,99 Euro.

Kellogg's Urlegenden Müsli mag etwas mit Legendenbildung zu tun haben, mit dem versprochenen Urkorn laut Foodwatch allerdings wenig. Quinoa, das laut dem Bundezentrum für Ernährung als einzige Zutat als "Urgetreide" gelten kann, ist nämlich nur zu 2,5 Prozent enthalten. Hauptbestandteile sind stattdessen Hafer (51 Prozent) und Gerste (neun Prozent). Das "Frühstück für Legenden" enthält zudem 20 Prozent Zucker und Palmöl, welches wegen seines hohen Anteils an gesättigten Fettsäuren und der umweltschädlichen Produktion in der Kritik steht. Auf Nachfrage wollte sich Kellogg's nicht zu der Kritik äußern.

Was Alete als "babygerechten" Kinderkeks für kleine Entdecker präsentiert, entpuppt sich laut Foodwatch als Zuckerbombe: 25 Gramm Zucker kommen auf 100 Gramm Keks. Bebildert mit goldgelben Ähren, einem Spritzer Milch und einem sprechenden Maskottchen erschließt sich das jedoch nur bei genauem Hinsehen.

Lediglich auf der Seite der Verpackung erklärt eine Fußnote, dass sich "babygerecht" auf das Format der kleinen Kekse bezieht, die "babygerecht, für die kleine Hand zum Selberessen" geformt sind. Auch der Babykeks enthält laut Foodwatch Palmöl und verschiedene Zusätze, unter anderem drei verschiedene Backtriebmittel. Alete gewann den "goldenen Windbeutel" bereits 2014 mit 45 Prozent aller Stimmen für seine Trinkmahlzeit, ein Fertiggetränk für Kleinkinder, von dem Experten wegen des hohen Zuckergehalts abrieten.

Auf Nachfrage durch Foodwatch verwies Alete auf die empfohlene Verzehrmenge von höchstens zwei Keksen pro Tag. Gleichzeitig gab die Firma an, der Keks könne schon ab dem sechsten Monat als Brei verfüttert werden, hierzu sollten zwei bis drei Kekse in Saft oder Milch gebröselt werden.

Der Konzern Unilever vermarktet sein Becel Pflanzenöl als hochwertiges Gesundheitsprodukt - hochwertig ist laut Foodwatch allerdings vor allem der Preis (6,58 Euro pro Liter). Die Hauptzutat ist demnach normales Sonnenblumenöl (59 Prozent), gemischt mit Raps- und Leinöl. Unilever bewirbt das Produkt als Zutat "für ein gesundes Herz-Kreislauf-System" mit "dreimal mehr Omega-3 als Olivenöl". Der Vergleich sei zwar nicht falsch, aber irreführend, meint Foodwatch. Denn Olivenöl enthalte naturgemäß nicht besonders viele Omega-3-Fettsäuren. Pures Raps- oder Leinöl dagegen schon - sogar mehr als die teure Mischung von Becel.

Auf SPIEGEL-ONLINE-Nachfrage sagte Unilever, Foodwatch greife mit der Aktion deutsche Markenprodukte an, die allen nationalen und europäischen Gesetzen entsprächen. Viele Konsumenten suchten gezielt nach Informationen zum Omega-3-Fettsäuregehalt von Ölen, die Bezeichnung erleichtere ihnen die individuelle Kaufentscheidung.

Foodwatch vergibt den "goldenen Windbeutel" dieses Jahr zum siebten Mal. Die Verbraucherorganisation will mit der Onlinewahl und der anschließenden Preisverleihung nach eigenen Angaben darauf aufmerksam machen, wie Produzenten mit ihren Beschreibungen tricksen und täuschen - und dass die Gesetzgebung wenig tut, um Verbraucher besser zu schützen.

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