Getränkeverpackungen Verbraucherschützer beklagen "Saftschwindel im Supermarkt"

Nektar, Fruchtsaftgetränk oder 100 Prozent Saft? Viele Getränkehersteller verstecken diese Angabe laut Foodwatch auf der Rückseite ihrer Verpackungen - zulasten der Verbraucher.

foodwatch

Im Supermarkt nach einem Saft gegriffen, aber nur den zuckersüßen Nektar erwischt? Der Verbraucherorganisation Foodwatch zufolge legt es die Lebensmittelindustrie mit ihren Verpackungen auf diese Verwechslung geradezu an. Die Organisation klagt über "Saftschwindel im Supermarkt".

"Große Früchte und der Hinweis auf die Geschmacksrichtung", so präsentieren sich laut den Verbraucherschützern zahlreiche Getränkehersteller im Saftregal. Ob auch Saft drinsteckt, könnten Verbraucher meist erst beim Blick auf die Rückseite im Kleingedruckten erfahren - dafür teils unübersichtlich in zahlreichen unterschiedlichen Sprachen.

"Es ist ärgerlich, wenn man selbst am Saftregal den Zutatendetektiv spielen soll", sagt Sophie Unger, die sich bei Foodwatch mit der Kennzeichnung von Lebensmitteln befasst. "Die Hersteller müssen ihre Produkte endlich verständlich kennzeichnen und auf der Vorderseite Fruchtgehalt und Getränkeart angeben", fordert sie. Dies sei nötig, um die Qualität des Inhalts einfach und schnell erfassen zu können - Nektar ist für die Produzenten oft günstiger.

Direktsaft muss in Deutschland zu 100 Prozent aus Frucht bestehen, während Nektar mit Zuckerwasser gemischt sein darf. Wie viel Frucht mindestens enthalten sein muss, hängt vom Obst ab - und ist in der Fruchtsaft- und Erfrischungsgetränkeverordnung geregelt. Bei Apfelsaft sind es beispielsweise mindestens 50 Prozent, bei Sauerkirschen 35, bei Cranberrys 30 und bei Mangos mindestens 25 Prozent. Fruchtsaftgetränke dagegen enthalten meist nur zwischen sechs und 30 Prozent Frucht.

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Foodwatch kritisiert Verpackungen: Saftladen

Mehrere Hersteller fielen im Handel laut Foodwatch besonders auf: Rauch, Albi, die Lidl-Marke Solevita, Lausitzer, aber auch der Bio-Hersteller Voelkel. Hinter dem Getränk "Himbeer-Rosa-Pfeffer" von Rauch verberge sich etwa bloß Apfelsaft mit 7,5 Prozent Himbeermark. In "Fröhliche Früchtchen" von Solevita in der Geschmacksrichtung Apfel-Himbeer-Aronia-Maracuja stecken wiederum knapp 22 Prozent Apfelsaft - Himbeer-, Aronia- und Maracujasaft machen insgesamt nur etwas mehr als drei Prozent aus.

Nur wenige Hersteller äußerten sich auf Anfrage bisher zu den versteckten Angaben des Fruchtgehalts. Bei der Deklaration "halten wir uns stets an die gesetzlichen Richtlinien", heißt es von Lidl.

Lediglich Beckers Bester bezog ausführlicher Stellung. Man habe einen "radikalen Designwechsel" vollzogen - und schreibe grundsätzlich nur noch die Geschmacksrichtung drauf. Das gelte im Umkehrschluss auch für hundertprozentigen Orangensaft. Deshalb könne von Schwindel keine Rede sein. "Uns ist nicht bewusst gewesen, dass das für unsere Kunden ein Thema ist", sagte der geschäftsführende Gesellschafter, Sebastian Koeppel. "Wir schreiben vorne ja auch nicht '1 Liter' drauf."

apr



insgesamt 35 Beiträge
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dieterbk 31.07.2017
1. Eigentlich wäre es ganz einfach
Eine Kennzeichnungsverordnung mit einer Zeile würde reichen: "Alle Zutaten müssen, in der Reihenfolge der Menge,angeben werden, Schriftart xyz, Größe 12pt, schwarze Schift auf weißem Hintergrund" Jeder könnte sofort, ohne Lupe, sehen was drin ist. Aber das ist politisch nicht gewollt.
mostly_harmless 31.07.2017
2.
Wie bei so vielen anderen Lebensmitteln auch, spielen die Interessen der Verbracher keine relevante Rolle. Das ist übrgiens ein Bereich, bei dem die EU wirklich mal zu kritisieren wäre.
Sabin Chen 31.07.2017
3. Direktsaft
was mir im Artikel noch fehlt, ist die Vera***he mit dem teuren Direktsaft. Dort wird auch nur an Ort und Stelle gemischt und der Kunde zahlt den Transport von Wasser aus Übersee.
t dog 31.07.2017
4. Naja
Naja. Es kann ja nicht immer alles das Kraftfahrtbundesamt schuld sein. Dieses Mal ist es das Verbraucherschutzministerium. Ohje. Ohje. Es wird nachweislich und offensichtlich seit über 20 Jahren betrogen. Nur sah sich niemand der Zuständigen in der Pflicht rechtliche Schritte einzuleiten. Ist wahrscheinlich eh alles der Verbraucher schuld. Was kauft er auch einfach alles, ohne gross zu prüfen und sich gleichzeitig auf vermeintlich vorhandene deutsche Standards zu verlassen?
hektor2 31.07.2017
5. Hilfe
Wer noch nicht bemerkt hat, dass man beim Kauf von Säften ordentich aufpassen muss, dem ist eh nicht mehr zu helfen. Allerdings hat foodwatch m. E. nach vollkommen Recht: Die Deklaration von Lebensmitteln hat erhebliche Schwachstellen.
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