Kinderlebensmittel Foodwatch kürt dreisteste Werbemasche

Die Gewinnmargen sind bei Süßigkeiten besonders hoch. Deshalb wird das Naschzeug für Kinder gerne als "gesundes Lebensmittel" angepriesen. Foodwatch lässt jetzt über die "dreisteste Werbemasche" abstimmen - von der Zuckerbombe Frühstücksflocken bis zu fettigen Kinderchips.

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Hamburg - Der Markt für Kinderlebensmittel ist lukrativ und er wächst: Die Nahrungsmittelindustrie erfindet immer neue Produkte für Kinder und richtet sich mit gezielter Werbung an die heranwachsenden Konsumenten. Die Verbraucherorganisation Foodwatch nimmt das zum Anlass, ihren traditionellen Schmähpreis "Goldener Windbeutel" in diesem Jahr für die "dreisteste Werbemasche für Kinderlebensmittel" zu vergeben. Es ist eine Negativ-Auszeichnung für Marketingstrategien, die bewusst auf die noch leicht beeinflussbaren Kinder zielen - um ihnen Produkte nahezubringen, die alles andere als gesund sind.

Angesichts der steigenden Zahlen von übergewichtigen Kindern gerät die Industrie zunehmend in die Kritik: In Deutschland ist der Anteil der übergewichtigen und fettleibigen Kinder im Vergleich zu den neunziger Jahren um mindestens 50 Prozent gestiegen. Verbraucherorganisationen und Ernährungswissenschaftler werfen der Branche vor, vermeintlich gesunde Lebensmittel wie Joghurts, Wellness- oder Light-Produkte auf den Markt zu bringen, die trotzdem viel Zucker oder Fett enthalten. Die Unternehmen haben dazu allen Grund. Süßigkeiten, Softdrinks und hochverarbeitete Lebensmittel bieten die höchsten Gewinnspannen. Dazu kommt: Wer schon Kinder an seine Marke bindet, schafft sich möglicherweise einen langjährigen Kunden.

"Mit allen Mitteln versuchen die Unternehmen, den Einfluss der Eltern zu umgehen und Kinder für jene Produkte anzufixen, die die höchsten Gewinnmargen versprechen", sagt Oliver Huizinga der Experte für Lebensmittelwerbung bei Foodwatch. Dazu gehört auch, dass vor allem die großen Lebensmittelkonzerne kreative Wege einschlagen: So verteilen sie eigens hergestellte - und mit Markenlogo versehene - Unterrichtsmaterialien in der Schule, setzen umfangreiche Websites mit ganzen Spielwelten auf oder drehen TV-Werbespots für Kinder.

Schon im vergangenen Jahr hatte sich Foodwatch das Segment vorgenommen und bei einem "Marktcheck" von mehr als 1500 an Kinder vermarktete Lebensmittel festgestellt, dass drei Viertel davon vor allem süß oder fettig waren.

Auch in der aktuellen Abstimmung, die noch bis zum 15. Mai läuft, moniert Foodwatch beispielsweise das Sponsoring von Sportveranstaltungen und das Unterrichtsmaterial mit Konzernlogo von Capri-Sonne. Die Verbraucherschützer bezeichnen das Getränk als "Wasser-Zucker-Aroma-Mixtur mit ein bisschen Fruchtsaft", die ähnlich viel Zucker enthalte wie Coca-Cola. Der Hersteller weist auf Anfrage darauf hin, dass der Zuckergehalt bei Fruchtsaft ähnlich hoch, teilweise sogar deutlich höher liege.

Ein weiterer Kandidat, über den Verbraucher auf der Website abstimmen dürfen, sind die Frühstücksflocken "Kosmostars" von Nestlé, die zu einem Viertel aus Zucker bestehen. Der Hersteller selbst bezeichnet das Produkt als "vollwertigen Start in den Tag" und gibt eine "Vollwertgarantie". Auf Anfrage schreibt Nestlé, es sei ein "zentrales Anliegen, schmackhafte Nahrungsmittel sowie Getränke anzubieten, die den Ernährungsbedürfnissen der Menschen entsprechen". Man nehme aber Verbraucherwünsche "sehr ernst" und prüfe Kritik an der Zusammensetzung der Produkte.

Außerdem wird das Produkt Monster-Backe Knister von Ehrmann zur Wahl gestellt, das als "Action-Joghurt" daherkommt, mit Knisterzucker und Fruchtpüree aber auf einen Zuckergehalt von bis zu 19 Prozent kommt - und als "gesunde Zwischenmahlzeit" beworben wird. Zu der Nominierung äußert sich Ehrmann so: "Wer sich ausgewogen ernährt, kann sich auch mal mit etwas Besonderem belohnen", gleichzeitig sei das Unternehmen transparent und kennzeichne alle Inhaltsstoffe und Nährwerte "entsprechend der geltenden gesetzlichen Normen". Als einziges nicht süßes Produkt sind die Kinder-Kartoffel-Chips Pom-Bär von Funnyfrisch nominiert, die laut Foodwatch doppelt so viel Fett und fünf Mal so viel Salz enthalten wie Pommes frites von McDonald's. Funnyfrisch lehnte eine Stellungnahme ab.

Der fünfte Kandidat ist der Kinderpudding Paula, den der Hersteller Dr. Oetker als "kindgerecht" und mit einem bunten Reigen aus Marketinginstrumenten bewirbt, darunter Klingeltöne, eine Smartphone-App, Online-Karaoke für den Werbesong und Gewinnspiele. Auf Anfrage teilte das Unternehmen mit, die Webseite mit der von Foodwatch kritisierten "Paula"-Werbung werde Mitte des Jahres einem Relaunch unterzogen - unabhängig von der Foodwatch-Kampagne. Außerdem betont das Unternehmen, "dass kein kausaler Zusammenhang zwischen Werbung und der Entstehung von Übergewicht besteht" und man die Verantwortung dafür trage, die "Unbedarftheit von Kindern nicht auszunutzen".

In den vergangenen Jahren haben sich mehr als Hunderttausend Nutzer an der Online-Abstimmung über die "Werbelügen" beteiligt und die Hersteller nehmen die Aktion ernst. Im vergangenen Jahr nahm Hipp seinen Instant-Tee für Kinder vom Markt, nachdem das Zuckergetränk den Goldenen Windbeutel gewonnen hatte, Nestlé reduzierte den Zuckergehalt einiger Kinder-Frühstücksflocken.

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insgesamt 153 Beiträge
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Seite 1
sitiwati 18.04.2013
1. naja,
obwohl Nutelle in allen Kitas ? und Schulen nicht gern gesehen wird und sogar auf der roten Liste steht, machen unsere Superfussballer mit Herr Löw zusammen kräftig Reklame !
summertime11 18.04.2013
2. Ferrero
Die schlimmste Firma wurde vergessen... die, die "Kinder" Produkte herstellt und es auch noch groß draufschmieren darf obwohl es nichts weiter als Zucker und Fett enthält.
pterois 18.04.2013
3. Wo sie recht haben...
Natürlich macht Werbung nicht dick, Dr. Oetker. Aber die beworbenen Produkte! Für *wie* blöd halten uns die PR-Abteilungen dieser Unternehmen eigentlich? Gezielt Ungesundes verkaufen ist eine Sache. Den Verbraucher zusätzlich für extradumm verkaufen - muss das sein?!
Bördeknüppel, 18.04.2013
4. Geld stinkt nicht !
So funktioniert das System !
Thaeve 18.04.2013
5. Reingefallen
Die Transparenz auf dem Lebensmittelmarkt ist so groß wie nie, leider interssiert das eine Menge Kunden schlicht nicht. Als neulich bei meinem Discounter um die Ecke, eine Müslimischung mit neuer Verpackung und dem großen Aufdruck "Neue verbesserte Rezeptur" auftauchte, die alte aber als Restbestand noch daneben stand, habe ich mit einfach die Mühe gemacht mal die Inhaltsstoffe duchzugehen, nur um festzustellen, daß schlicht der Anteil teurer Nüsse zugunsten billiger Haferflocken gesenkt wurde. Preiserhöhung durch die Hintertür, verkauft als Innovation. Eine Nachbarin, die kurz hinter mir dazukam griff unverdrossen (natürlich) zur neuen Packung, und quittierte meinen Hinweis mit dem lapidaren Kommentar "Mir doch egal". Der Verbraucher hat mehr Macht, als man glaubt, grade die Discounter stellen konsequent ins Regal, was viel Umsatz pro Regalmeter macht und schmeißt konsequent alles raus, was das nicht macht. Das Angebot orientiert sich konsequent an der Nachfrage. Dann fliegt Babynahrung eben raus. Wenn wir konsequent Verarschungsartikel zum Ladenhüter machen würden, würden die schneller aus dem Regal fliegen, als Merkel 'ne Volte macht und Steinbrück das nächste Fettnapf findet. Die Lektion hab ich damals als junger Mensch bei Brent Spar gelernt. Shell scheint die Lektion inzwischen vergessen zu haben.
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