Becel, Actimel und Co.: Ärzte sollen für Lebensmittel werben

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Die Lebensmittelindustrie hat ein Milliardengeschäft entdeckt: Produkte mit "Zusatznutzen". Doch die Hersteller von Becel, Actimel und Co. sind dabei, die Grenze zur Medizin zu überschreiten. Laut der Verbraucherorganisation Foodwatch umgarnen die Firmen nun sogar Ärzte als Werbebotschafter.

Marketing in Arztpraxen: Werbung oder Information? Fotos
Unilever

Hamburg - Die Verbraucher in Deutschland sind skeptisch geworden. Sie glauben der Lebensmittelindustrie nicht mehr jeden Werbespruch. Konzerne wie Unilever oder Danone sparen sich deshalb offenbar einen Teil ihrer Konsumentenwerbung und versuchen es über besonders glaubwürdige Markenbotschafter: die Hausärzte. Die Hersteller schalten Anzeigen in Ärztezeitungen, bieten den Medizinern Fortbildungen an und verschicken Informationsmaterial.

Die Verbraucherorganisation Foodwatch wurde nun auf die Masche aufmerksam, weil immer mehr empörte Ärzte entsprechende Werbung an die Verbraucherorganisation weiterleiteten. Im Fokus stehen Unilever mit seiner aufwendig beworbenen Margarine Becel Pro Activ, die den Cholesterinspiegel senkt, und Danone mit den Produkten Actimel und Activia. Um ihre Lebensmittel zu verkaufen, haben die Konzerne offenbar jahrelang versucht, durch gezielte Marketingkampagnen Ärzte dazu zu bringen, ihren Patienten die Produkte zu empfehlen.

"Nicht nur die Pharmaindustrie, sondern auch Lebensmittelhersteller bedrängen Ärzte, den Patienten ihre zweifelhaften Produkte anzudienen", kritisiert Oliver Huizinga von Foodwatch. Unilever begann im vergangenen November, Postwurfsendungen mit Informationen über seine Cholesterin senkende Margarine Becel Pro Activ an Ärzte in Deutschland zu versenden. Darin enthalten: Eine Broschüre über das Produkt, Informationen über eine nach Meinung des Konzerns positive Meta-Analyse über die in dem Streichfett verwendeten Pflanzensterine und Bestellscheine für kostenlose Beratungsmaterialien unter der Überschrift "Hintergrundinformationen für Ärzte".

Offener Brief an die "Ärzteschaft in Deutschland"

Im April veröffentlichte Unilever zudem einen offenen Brief an die "Ärzteschaft in Deutschland" in der "Ärztezeitung" und im "Ärzteblatt". Man wolle "einer in den Publikumsmedien aufgekommenen Diskussion" entgegentreten, die durch "stark emotional geprägte Argumente" bestimmt werde. Elke Trautwein aus der Unilever-Forschungsabteilung sagt, Ziel der Informationen sei es, "die Verwirrung aufzulösen, die in den Medien herrscht. Wir wollen die Fachleute mit den korrekten wissenschaftlichen Daten versorgen." Nur um später zu sagen: "Es gibt unterschiedliche Möglichkeiten, wissenschaftliche Studien zu bewerten, man muss die Ergebnisse immer auch interpretieren."

Angestoßen wurde die Diskussion vor allem von Foodwatch. Die Verbraucherschützer lassen seit drei Jahren die Werbeversprechen der Lebensmittelkonzerne auf ihren Wahrheitsgehalt prüfen und loben für die "dreisteste Werbelüge" einen Preis aus. In der aktuellen Publikumswahl steht Becel Pro Activ auf der Kandidatenliste für den "Goldenen Windbeutel" - in Holland wurde es bereits am Dienstag zum Sieger gekürt. 2009 verlieh die Verbraucherorganisation den Schmähpreis an das Danone-Produkt Actimel. Die Konsumenten hatten den Joghurtdrink mit weitem Abstand zum Sieger gewählt - ein Jahr später erreichte der Danone-Joghurt Activia den zweiten Platz.

Auch Danone hatte sich um die Ärzte bemüht: Auf der Actimel-Website stellt der französische Konzern "Ärzten und Wissenschaftlern" einen passwortgeschützten Expertenbereich zur Verfügung (siehe PDF-Dateien in der Spalte links). Laut Foodwatch dokumentiert Danone dort Fortbildungen zu Themen wie "Probiotika und Immunsystem", die der Konzern gesponsert hat, und Zusammenfassungen seiner Studien, mit denen jahrelang die Gesundheitseffekte von Actimel belegt werden sollten. Auf eine schriftliche Anfrage von SPIEGEL ONLINE antwortete der Konzern nicht.

Danone beerdigte seine Gesundheitsversprechen still und leise

Früher legte Danone Foodwatch zufolge in Arztpraxen sogar Gutscheine für den Joghurtdrink aus. Einen ähnlichen Aufwand soll das Unternehmen für den Joghurt Actimel betrieben haben - die Bemühungen seien aber eingestellt worden. Der Grund: Seit 2007 müssen sich Lebensmittelkonzerne die Gesundheitsversprechen auf ihren Produkten bei der EU-Lebensmittelbehörde EFSA genehmigen lassen und mit wissenschaftlichen Studien untermauern. Als Danone 1994 seinen probiotischen Drink Actimel auf den Markt brachte, bewarb das Unternehmen sein Produkt noch mit dem Versprechen, es stärke "die Abwehrkräfte". Actimel entwickelte sich umgehend zu einem Verkaufsschlager, der französische Konzern setzte damit Milliarden um. Zehn Jahre später schob Danone den Joghurt Activia nach, der eine positive Wirkung auf die Darmflora haben soll - auch das Produkt verkaufte sich blendend.

Danone hatte aber Schwierigkeiten, seine Werbung wissenschaftlich zu belegen, und zog die Anträge für seine Produkte zurück - die europäische Behörde hatte durchblicken lassen, dass die Aussagen keine Chance auf eine Genehmigung hätten. Eine öffentliche Ablehnung hätte Danone so viel Glaubwürdigkeit gekostet, dass das Unternehmen die Werbesprüche lieber klammheimlich beerdigte: Actimel wird nur noch als "lecker" beworben, Activia als "besonders cremig".

Ähnlich war der Plan für die mit Pflanzensterinen versetzte Margarine Becel Pro Activ, die Unilever im Jahr 2000 auf den Markt brachte. Das Streichfett sollte der nächste Geldbringer des Konzerns werden: eine Margarine, die wissenschaftlich erwiesen und mit dem Siegel der EU-Behörden mit dem Slogan werben darf: "Senkt aktiv den Cholesterinspiegel."

Die Wirkung der Margarine ist in Fachkreisen unumstritten, allerdings warnen Verbraucherschützer und Behörden vor dem unbedarften Verzehr: Verbraucherzentralen und das staatliche Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) hatten 2007 in einer Verbraucherstudie festgestellt, dass fast die Hälfte derjenigen, die täglich Cholesterin senkende Lebensmittel verzehren, überhaupt keine erhöhten Blutfettwerte haben. In der Schlussfolgerung hieß es, aus der Kennzeichnung müsse deutlich werden, "dass die Produkte keinesfalls vorbeugend verzehrt werden sollten".

Becel zurück in die Apotheke

Das sei auch gar nicht das Ziel, sagt Unilever-Wissenschaftlerin Trautwein: "Becel Pro Activ soll von den Ärzten und Ernährungsberatern als Teil von Diät- und Lifestyle-Maßnahmen empfohlen werden - so können Patienten ihren Cholesterinspiegel senken, ohne gleich ein Medikament nehmen zu müssen."

Die Verbraucherschützer von Foodwatch haben Unilever trotzdem verklagt und fordern den Lebensmittelmulti auf, für Becel Pro Activ eine Arzneimittelzulassung zu beantragen und die Margarine nur noch in der Apotheke zu verkaufen.

Dann wäre das Produkt wieder dort angekommen, wo es einmal herkam: Im April 1967 berichtete der SPIEGEL mit dem Titel "Fett vom Arzt", wie Unilever seine neue Margarine namens Becel vermarktet. Sie sollte "ausschließlich der Empfehlung des Arztes" und den Apotheken vorbehalten sein, schrieb das Nachrichtenmagazin. Unilever verzichtete damals auf öffentliche Werbung und versuchte, den Absatz über die Arztpraxen anzukurbeln: Das Unternehmen verteilte Fachinformationen an die Ärzteschaft - gemeinsam mit 60.000 Probedosen des "exklusiven Fetts".

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1. Ausgerechnet...
waldemar.l. 13.06.2012
Zitat von sysopDie Lebensmittelindustrie hat ein Milliardengeschäft entdeckt: Produkte mit "Zusatznutzen". Doch die Hersteller von Becel, Actimel und Co. sind dabei, die Grenze zur Medizin zu überschreiten. Laut der Verbraucherorganisation Foodwatch umgarnen die Firmen nun sogar Ärzte als Werbebotschafter. Foodwatch: Lebensmittelindustrie will Ärzte als Werbebotschafter - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wirtschaft/service/0,1518,838459,00.html)
...das Zeug das schwer in der Kritik von Koszten-Nutzen, Ernährungswert steht.
2. Wo bleibt mein Recht auf Selbstbestimmung,
denkdochmal 13.06.2012
wenn irgendwelche Fuzzis möglichst viel Geld machen wollen und mir Dinge in Essen und trinken mischen, die ich nicht haben will? Was die Lebensmittelindustrie zusammen mit ihren Kumpanen/innen aus Juristerei, Lobbyisten und Politik uns mit übelsten (juristischen) Tricks unterjubeln, konnten man kürzlich wieder u.a. in der Sendung "Hart aber herzlich" erleben. Das war nur angekratzt und daher allenfalls die Spitze des Eisberges. Genverseucht ( z.B. sehr hoher Anteil in Soja, auch in Futtermitteln für Nutzvieh), Antibiotika en masse im Fleisch, Gift in Obst und Gemüse, Herbizide wie Roundup vom großen Verbrechergesindel u.v.m. Wer schützt mich vor derartigen Machenschaften wenn, wie in diesen Tagen in der EU wieder einmal der Einstieg in die widerwärtige Gen-Technik versucht wird (den Lobbyisten und Gegenleistungsempfängern sei Dank!) uns schleichend immmer mehr und immer häufiger diesen Mist unter zu jubeln? Merke: So verläßlich in Mathe 1 1=2 ist, so "unzuverlässig" ist in dieser Hinsicht die Chemie. Hier kann 1 1 ebenso 2, wie auch 1,9 oder -20,6 sein - wenn Sie verstehen was ich meine...
3. Vorallem Actimel... Lebensmittellüge
lafrench 13.06.2012
Zitat von sysopDie Lebensmittelindustrie hat ein Milliardengeschäft entdeckt: Produkte mit "Zusatznutzen". Doch die Hersteller von Becel, Actimel und Co. sind dabei, die Grenze zur Medizin zu überschreiten. Laut der Verbraucherorganisation Foodwatch umgarnen die Firmen nun sogar Ärzte als Werbebotschafter. Foodwatch: Lebensmittelindustrie will Ärzte als Werbebotschafter - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wirtschaft/service/0,1518,838459,00.html)
ist in Frankreich verschrien, denn die Baktrerien, die ja "ach so gut" sein sollen für den Darm, sind eigentlich entwickelt worden, um RINDER ZU MÄSTEN. Dementsprechend konnte auch am Menschen in einer Studie nachgewiesen werden, dass Actimel zu Dickleibigkeit führt, besonders (und das ist ja besonders tragisch) bei Kindern und jungen Frauen. Es ist immerhin die Hauptzielgruppe.. Als Quelle kann ich leider den nur als Printausgabe vorhandenen Canard Enchainé nennen. Dieser hat es publik gemacht in Frankreich im vergangenen Jahr. Seitdem, sagt man, kaufen junge franzözische Frauen jedenfalls kein Actimel mehr. Und das ist auch gut so! Oder wollen wir uns von der Unilever mästen lassen? Was für ein Hohn!
4.
neu_ab 13.06.2012
Erst jahrzentelang Lobbyarbeiter für Pharmaprodukte. Jetzt auch noch für Lebensmittel. Was kommt als nächstes? Überteuerte Lifestyleprodukte mit Hochglanzdisplays auf "ärztliches Anraten"?
5.
Rodelkoenig 13.06.2012
Diese Konzerne scheinen alle etwas zu viel Geld für ihren Werbeetat zu haben. Da sollte man mal ein bissl was wegbesteuern und es direkt den Ärzten, Krankenschwestern, Pflegekräften und Gesetzlichen Krankenversicherungen geben.
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