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Urteil: Foodwatch verliert im Margarine-Zoff gegen Unilever

Kunde am Kühlregal: Nicht alle Werbeversprechen sind erlaubt Zur Großansicht
DPA

Kunde am Kühlregal: Nicht alle Werbeversprechen sind erlaubt

Die Botschaft klingt vielversprechend: Unilever wirbt damit, dass die Cholesterinsenker in Becel pro.activ als unbedenklich gelten. Dagegen ging Foodwatch gerichtlich vor. Doch das OLG Hamburg erlaubte die umstrittenen Aussagen.

Die Margarine Becel pro-activ ist bei Verbraucherschützern umstritten. Hersteller Unilever wirbt unter anderem mit der cholesterinsenkenden Wirkung und erklärt, dass es aus wissenschaftlicher Sicht keine Hinweise auf mögliche Gesundheitsrisiken gibt. Dagegen zog die Verbraucherschutzorganisation Foodwatch vor Gericht - doch ohne Erfolg: Vor dem Hamburger Oberlandesgericht (OLG) unterlag die Organisation auch in der zweiten Instanz.

Äußerungen eines Wissenschaftlers über die Margarine, die der Lebensmittelkonzern verbreitet hatte, seien durch das Recht auf freie Meinungsäußerung gedeckt, entschied das OLG. Damit darf der Konzern weiter damit werben, dass die Cholesterinsenker in der Margarine Becel pro.activ als unbedenklich gelten. Zuvor hatte bereits das Landgericht die Aussage über das Lebensmittel in einer Unilever-Pressemitteilung als Meinungsäußerung und nicht als Tatsachenbehauptung bewertet.

Mit dem Urteil ist der Margarine-Zoff nicht beigelegt. Es spreche vieles dafür, vor dem Bundesgerichtshof in Revision zu gehen, kündigten Vertreter der Organisation an. Außerdem hatte Foodwatch am Montag einen Antrag bei der EU-Kommission gestellt, der Margarine die Zulassung als Lebensmittel zu entziehen.

In ihrem Schreiben an den EU-Kommissar für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit heißt es: "Seit der Zulassung im Jahr 2000 sind mehrere Studien veröffentlicht worden, in denen die Sicherheit dieser Produkte infrage gestellt wird."

Der stellvertretende Geschäftsführer von Foodwatch, Matthias Wolfschmidt, teilte mit: "Auch wenn das Presserecht es nicht verhindern kann, dass Unilever Hinweise auf Nebenwirkungen leugnet, sind die entsprechenden Studien in der Welt." Die EU-Kommission dürfe an der Zulassung nicht festhalten, wenn Zweifel an der Sicherheit der Produkte bestünden.

Foodwatch bezieht sich auf Studien, die ihren Angaben zufolge nahelegen, "dass hochkonzentriert zugesetzte Pflanzensterine das verursachen könnten, was sie eigentlich verhindern sollen: Ablagerungen in den Gefäßen und damit ein erhöhtes Risiko auf Herzkrankheiten."

Functional Food - die wichtigsten Zusätze
Heutzutage regulieren Joghurts die natürliche Verdauung, und Margarine schützt das Herz. Funktionelle Lebensmittel seien für die Gesundheit förderlich, finden die einen. Andere Experten sind skeptisch.
Probiotika
Nach Definition der WHO ist ein Probiotikum ein Zusatz von lebenden Mikroorganismen, der in ausreichender Konzentration dem Konsumenten einen Gesundheitsvorteil bietet. Der erste probiotische Joghurt kam 1994 auf den Markt: LC1 des Schweizer Lebensmittelkonzerns Nestlé. Seither boomt der Markt für Milchprodukte, denen probiotische Milchsäurebakterien zugesetzt sind. Sie sollen angeblich die Abwehrkräfte stärken, vor Erkältungskrankheiten schützen und die Verdauung fördern. Obwohl Hersteller wie Danone eine Reihe von klinischen Studien dazu durchgeführt haben, in denen positive Effekte belegt sind, werden Probiotika von Ernährungsexperten kritisiert. Manche sind der Meinung, jeder gewöhnliche Joghurt könne eine solche Wirkung entfalten. So fand etwa eine Untersuchung in Frankreich einen schützenden Effekt bei Durchfallerkrankungen nicht nur von Actimel, sondern auch von herkömmlichem Joghurt. Andere wiederum kritisieren, dass die Eigenschaften von Probiotika jeweils spezifisch für die Bakterienstämme und nur zu einem sehr geringem Teil wissenschaftlich nachgewiesen seien. Und so kam es auch, dass die Experten der Efsa es bei einer Vielzahl von Probiotika als nicht erwiesen ansah, dass die Bakterien das Immunsystem stärken oder die Verdauung fördern.
Omega-3-Fettsäuren
Relativ gut belegt ist die Wirkung von Omega-3-Fettsäuren: Zahlreiche Studien zeigen tatsächlich eine positive Wirkung von Omega-3-Fettsäuren aus Lebensmitteln auf die Gedächtnisleistung. So hat man beispielsweise festgestellt, dass in Ländern, die auf eine mediterrane Kost mit viel Fisch setzen, die Häufigkeit von Alzheimer reduziert ist. Doch nicht nur Functional Food kann viel Omega 3 enthalten: Neben Fischölen sind auch viele Früchte, Gemüse und vor allem Nüsse reich an diesen essentiellen Fettsäuren.
Phytosterine
Phytosterine sind sekundäre, fettähnliche Pflanzenstoffe, die oft in Joghurt oder Margarine zugesetzt werden. Sie gehören neben den Probiotika zu der mit am besten erforschten Gruppe von Zusätzen in Functional Food. Zahlreiche Studien belegen: Phytosterine verringern die Aufnahme von Cholesterin im Darm, weshalb sie den Cholesterinwert senken - was sich wiederum positiv auf das Herz-Kreislauf-System auswirkt. Mit diesem Effekt werben Margarinehersteller gerne. Viele Ernährungsexperten sind jedoch der Meinung: Ein paar Walnüsse oder ein Frühstücksmüsli mit Haferflocken tun es auch und sind die billigere Alternative.
Vitamine und Mineralstoffe
Mit Vitaminen und Mineralstoffen angereicherte Lebensmittel zählen zu Functional Food, wenn die Menge über der empfohlenen Tagesdosis liegt. Während die Vitamine C und E als starke Antioxidantien gelten und damit die Zellen vor schädlichen freien Radikalen und Krebserkrankungen schützen sollen, hilft Vitamin D beim Aufbau von Knochen. Zwar sind Aussagen wie diese von der Efsa bereits autorisiert, doch es gibt auch Studien, die zeigen, dass die Einnahme von Vitaminpräparaten eher schadet.

brk/dpa

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insgesamt 24 Beiträge
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1. Seltsames Urteil
David Leon 01.09.2015
denn ansonsten ist solch eine Aussage ein Verstoß gegen das Wettbewerbsgesetz und damit ein typischer Abmahnfall. Aber wenn Zwei dasselbe tun, ist es offenbar nicht dasselbe vor der deutschen Justiz. Aber damit stellt sich die Frage, in wieweit das deutsche Recht und die deutsche Justiz noch miteinander vereinbar sind.
2. Zwei Paar Schuhe
dr.u. 01.09.2015
Vielleicht senkt diese Margarine ja wirklich den Cholesterinspiegel und vielleicht hat das ja trotzdem keinen (positven) Effekt auf Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Vielleicht haben ja beide (Unilever und Foodwatch) Recht. Der Dumme ist einfach nur der Verbraucher, der aus den falschen Gründen/Vorstellungen ein überteuertes Produkt kauft, dass bestenfals nicht schädlich ist.
3. Be.....
Freifrau von Hase 01.09.2015
So wird der Verbraucher vera....Wenn da drauf steht "Senkt aktiv den Cholesterinspiegel" muss das auch stimmen.
4.
schattenrose 01.09.2015
Ich vertraue keiner Werbung mehr, zu oft wurden falsche Dinge verdreht und Studien verfälscht.
5. Eigene Erfahrungen
j1958 01.09.2015
Ich benutze seit einigen Jahren cholesterinsenkende Produkte sowohl von Unilever als auch von anderen Herstellern. Meine Cholesterinwerte sind in dieser Zeit deutlich gefallen. Solange sich die Werte dadurch verbessern ist mir relativ egal was Vereine wie Foodwatch meinen. Man muss verantwortungsbewußt damit umgehen (d.h. nicht zuviel davon verwenden), dann scheint es auch zu klappen. Dieser Margarine die Zulassung als Lebensmittel entziehen zu wollen entspricht nur der deutschen Massenphobie, dass alle unsere Lebensmittel von dunklen Mächten vergiftet werden. Wenn die Deutschen bereit wären etwas mehr für Lebensmittel auszugeben statt geschmacklich veredelte Knochenreste, getarnt als Mortadella, aus den Tiefen der Regale zu fischen (200g für 79 cent) dann wäre die Diskussion vielleicht sachlicher. Aber - Geiz ist geil, Hauptsache der Magen hält es aus.
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