Foodwatch-Report Wie die Lobby Kakao in die Schulen bringt

Kinder sollen Milch trinken - deshalb finanziert die EU seit Jahrzehnten ein Schulmilchprogramm. In NRW hat es ein Lobbynetzwerk mit teils dubiosen Studien geschafft, dass auch gezuckerter Kakao gefördert wird.

Informationsdienst Schulmilch/Freiland Campina

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Der Anteil der übergewichtigen und fettleibigen Kinder in Deutschland steigt - und der Staat versucht, dem entgegenzuwirken. Eine Maßnahme ist dabei das Schulmilchprogramm: Seit Jahrzehnten fördert die EU den Verkauf von Milch an Schulkinder - unter einer Bedingung: gezuckerte Milchgetränke, wie Kakao, Erdbeer-, Vanille- oder Karamellmilch bleiben draußen.

Klingt vernünftig: Milch kann Teil eines gesunden Frühstücks sein, das gerade Grundschülern hilft, morgens wach und leistungsfähig zu sein. Kakao ist nach Ansicht von Ernährungswissenschaftlern dagegen weniger sinnvoll, weil der darin enthaltene Zucker Übergewicht und Karies fördern kann und selbst die Bundesregierung hat sich die Zuckerreduktion zum politischen Ziel gesetzt.

Die Ziele der Landesregierung in Nordrhein-Westfalen sind dagegen offenbar andere: Das bevölkerungsreichste Bundesland ist das wichtigste Absatzgebiet für Schulmilch - und es hält entgegen den Vorgaben des EU-Programms an der steuerlichen Förderung auch von gezuckertem Kakao fest. Dafür hat NRW extra eine Ausnahmeregelung geschaffen.

"Im Kakaosumpf - der Schulmilch-Report"

Warum tut NRW das? Klar ist: Die Industrie braucht den Kakaoabsatz in den Schulen, weil die aufwendige Logistik für die Schulmilch trotz Subventionen zu teuer wäre - denn die Kinder trinken lieber Kakao, der reine Trinkmilchabsatz wäre zu gering. Aber warum muss das Land das unterstützen?

Die Verbraucherorganisation Foodwatch hat nach den Gründen gesucht und ist dabei auf ein faszinierendes Zusammenspiel zwischen Milchwirtschaft, Politik und dubiosen Wissenschaftlern gestoßen. Die Ergebnisse sind nun im "Schulmilch-Report" nachzulesen, der an diesem Mittwoch veröffentlicht wird. Er handelt von Wissenschaftlern, die im Auftrag der Industrie forschen und deren Studien sogar der Politik als Entscheidungsgrundlage dienen. Von der Milchwirtschaft, die den Schulen in NRW kostenlos Unterrichtsmaterial zur Verfügung stellen, Schulfeste sponsern sowie Eltern, Lehrer und Schulleiter über die Vorzüge ihrer Produkte "informieren" darf. Und von der Politik, die ihre Arbeit von der Industrie machen lässt.

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Verblüffende Fakten - auf dünner Datenbasis

Ob das "Netzwerk Schulmilch", das Internetportal "Für mich lieber Milch" oder das "Informationsbüro Schulmilch" - für alle trägt der Milchkonzern Friesland Campina, beziehungsweise dessen Tochterfirma Landliebe die inhaltliche Verantwortung. Im Zentrum der Argumentation stehen sogenannte "verblüffende Fakten" über gezuckerten Kakao, die vollständig im Gegensatz zu den Empfehlungen von Kinder- und Zahnärzten, Diabetesforschern und Ernährungswissenschaftlern stehen, die fast einmütig von gezuckerten Milchgetränken abraten:

  • Kakao erhöht die geistige Leistungsfähigkeit
  • Kakao steigert den Intelligenzquotienten
  • Kakaokonsum bringt "bessere Schulnoten"
  • ein Frühstück mit Kakao ist besser für die Zähne als eines mit Wasser

Alle Aussagen beruhen auf angeblich wissenschaftlichen Studien. Die Autoren sind den Foodwatch-Recherchen zufolge alle auf unterschiedlichen Wegen mit der Milchwirtschaft verbandelt und machen oder machten teils unverblümt Werbung für Unternehmen wie beispielsweise Ferrero ("Milchschnitte" und "Nutella"). Sie haben Institute gegründet, die vorgeben, rein wissenschaftlich zu arbeiten, deren Finanzierung aber im Dunkeln bleibt und die teilweise suggerieren, sie gehörten zu staatlichen Universitäten.

Die drei zentralen Wissenschaftler haben Kakao für Schulkinder in den vergangenen Jahren immer wieder positiv bewertet. Sie haben Unterrichtsmaterial mitgestaltet, in Diskussionsrunden gesessen und als Berater die politischen Empfehlungen entscheidend mitbestimmt.

Bessere Pisa-Werte dank Schokomilch?

Die Datenbasis für die entscheidenden Aussagen ist dagegen verblüffend dünn. Die Erhöhung der geistigen Leistungsfähigkeit stellten die Forscher laut Foodwatch anhand eines Versuchs mit insgesamt zwölf Personen fest. Alle mussten mit nüchternem Magen zum Versuch antreten. Die eine Hälfte der Probanden bekam dann Schokomilch zu trinken, die andere nichts, später erhielten beide Gruppen ein Glas Wasser. Dann mussten die Probanden Aufgaben lösen, in denen unter anderem die "Informationsverarbeitungsgeschwindigkeit" gemessen wurde. Die, die Energie in Form von Schokomilch bekamen, waren zumindest kurzfristig leistungsfähiger.

Aus den Ergebnissen leitete die Studie die Erhöhung des IQ um 7 Punkte ab. Und noch mehr: Würde das EU-Schulmilchprogramm bundesweit mit einer entsprechenden gezuckerten Milch umgesetzt, "könnte dieses zu einem PISA-Wert-Anstieg von mehr als 30 Punkten führen", wie Foodwatch aus der Studie zitiert. Wenn man die zweifelhaften Ergebnisse nur entsprechend interpretiert, dann kann also Kakaokonsum auch noch zu "besseren Schulnoten" führen.

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Foodwatch-Report: Schoko in der Schulmilch

Vergleichsgruppen mit je vier Probanden

Bleibt die Frage, warum Kakao zum Frühstück besser für die Zahngesundheit sein soll als Wasser. Auch dazu gibt es eine Studie, durchgeführt vom Chef des seriösen Vereins "Aktion Zahnfreundlich". Auftraggeber der Studie: Die Landesvereinigung der Milchwirtschaft NRW. Für den Versuch wurden wieder zwei Gruppen gebildet, dieses Mal waren es jeweils sogar nur vier Probanden: Beide bekamen Vollkornbrot mit Truthahnwurst und Remoulade sowie einen Apfel zum Frühstück. Die eine Gruppe erhielt zusätzlich gezuckerten Kakao, die andere Mineralwasser. Anschließend wurde die Säureproduktion in der Zahnplaque gemessen. Ergebnis: In der Kakao-Gruppe zeigte sich eine etwas geringere sogenannte Kariogenität, also etwas weniger Zahnkaries erzeugende Eigenschaften.

Der Studienleiter hält die Ergebnisse im Nachhinein nicht für ganz so eindeutig. Auf Anfrage von Foodwatch schreibt er: ""Darüber, woher die geringere Kariogenität des Frühstücks mit Kakao im Vergleich zum Frühstück mit Mineralwasser kommt, kann nur spekuliert werden. Da das Frühstück selbst schon 31 g Kohlenhydrate enthält, ist zu vermuten, dass die zusätzlichen Kohlenhydrate aus dem Kakao nicht mehr zum Tragen kommen, weil die Plaque sowieso schon gesättigt ist." Zuckerhaltiger Kakao alleine könne Karies dagegen durchaus fördern. Nach der Foodwatch-Anfrage entfernte der Verein die Kakao-Empfehlungstexte aus dem Internet. Der Milchkonzern Friesland Campina lehnte eine Stellungnahme zur Zusammenarbeit mit den Wissenschaftlern ebenso ab wie die Forscher selbst.

Der "günstige Preis" für Schulmilch ist doppelt so hoch wie beim Discounter

Die Einschränkungen kommen allerdings zu spät. Die "verblüffenden Fakten" haben es weit gebracht und viele Entscheider ganz offenbar für den Kakao im Gegensatz zur simplen Milch eingenommen. Und die Informationshoheit hat die Milchwirtschaft ohnehin - mit Elternbroschüren auf ihren Internetauftritten, mit Unterrichtsmaterialien, mit gesponserten Projekttagen und in Nordrhein-Westfalen sogar mit Unterstützung des verantwortlichen Umweltministeriums. Auf der Website heißt es: "Bei Informationsbedarf zum gesundheitlichen Stellenwert von Milch und zur Umsetzung des Schulmilchprogramms, steht die Landesvereinigung der Milchwirtschaft NRW e. V. gerne zur Verfügung" - mit Link zur entsprechenden Website.

Warum treibt die Milchwirtschaft diesen Aufwand und warum überlässt das Land NRW der Industrie das Feld? Ein Aspekt dürfte das Geld sein: Köln und Düsseldorf sind wichtige Standort für den Konzern Friesland Campina, einen wichtigen Arbeitgeber und Wirtschaftsfaktor für das Land. Staatliche Informationsinitiativen und Aktionen können dagegen viel kosten.

Und für die Milchwirtschaft ist das Schulmilchprogramm Gold wert - im Gegensatz zu den Eltern und Schulen. Zwar heißt es offiziell, durch das Programm "können Milch und Milchprodukte in Kindergärten und Schulen zu einem günstigen Preis angeboten werden". Kaufen die Eltern die Milch aber einfach beim Discounter, zahlen sie In Wirklichkeit nur halb so viel.

insgesamt 117 Beiträge
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bandelier 10.10.2018
1. Meine Schulzeit war von 1953 - 1963
Der Kiosk war in der Stadtmitte unserer Kleinstadt, allerdings nicht in der Schule. Es gab Milch und Kakao in Glasfläschchen. Ziegenmilchgeschädigt von zuhause aus, verweigerte ich den Konsum jeglicher Milch. Allerdings den Kakao, den mochte ich. Er war fast ungesüsst, also nicht gesundheitsbedenklich, aber schmeckte. Warum ist es nicht möglich, das heute auch noch zu realisieren? Befindet sich unsere Politik derartig in den Fängen der Wirtschaft? Demokratie ade?
realplayer 10.10.2018
2.
Leute, Leute, warum hat das in den 70(90/90igern keinen interessiert? Da hatten wir Kakao, Orangensagt (Sasa) und Milch. Und warum ist das jetzt plötzlich Thema?
Andreas J. 10.10.2018
3. Aussagen richtig...
... aber Kakao muss keinen Zucker enthalten und schmeckt trotzdem. Ich kenne das Problem sehr genau. Ich bin 66 Jahre alt und trinke gerne Kakao OHNE ZUCKER. Aber es ist nicht einfach, solchen in Hotels, Cafes und Restaurants speziell in Deutschland zu erhalten.
benjamin0577 10.10.2018
4. Landtagswahl 2022
Unter welchen Regierungen haben sich diese Strukturen denn gebildet? Im Artikel klingt es nach langfristigen Abläufen, d.h. schon unter den vorherigen Regierungen - aber welche Politiker haben diesen Filz geduldet, oder gar gefördert? Ich wüsste gern, bei wem ich 2022 noch mein Kreuz machen kann - so etwas geht überhaupt nicht.
peterp4n 10.10.2018
5. Schulmilch an sich schon fraglich
In Holland (wo Campina herkommt) gibt oder gab es die Schulmilch schon sehr lange. Eingeführt zur Bekämpfung von Unterernährung bei Kindern, wenn ich mich richtig erinnere. Außerdem gab es groß angelegte Werbeaktionen der gut vernetzten Milch-Industrie mit dem Slogan "Milch, der weiße Motor". Inzwischen wird dort beides kritisch diskutiert.
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