Futtermittel-Skandal: Foodwatch kritisiert Dioxin-Aktionsplan der Regierung

"Verpufft" und "verwässert": Knapp ein Jahr nach dem Dioxin-Skandal hat sich nach Ansicht von Foodwatch bei der Futtermittel-Kontrolle nichts getan. Der Bundesregierung wirft die Verbraucherschutzorganisation im SPIEGEL eine schleppende Umsetzung ihres eigenen Aktionsplans vor.

Test auf Dioxine: Der Skandal um verseuchte Lebensmittel ist knapp ein Jahr her Zur Großansicht
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Test auf Dioxine: Der Skandal um verseuchte Lebensmittel ist knapp ein Jahr her

Hamburg - Es war einer der größten Giftskandale der vergangenen Jahre: Bis zu 3000 Tonnen dioxinverseuchtes Fett waren im Januar an 25 Futtermittelhersteller in mindestens vier Bundesländern geliefert worden. Die Bundesregierung fasste einen Aktionsplan, um durch verschärfte Kontrollen solchen Fällen künftig vorzubauen.

Jetzt - elf Monate später - kommt von der Verbraucherschutzorganisation Foodwatch heftige Kritik an der Umsetzung des Plans. "Ein knappes Jahr später ist davon so gut wie nichts umgesetzt, und was umgesetzt wurde, ist so verwässert worden, dass es wirkungslos ist", kritisiert Thilo Bode, Chef der Verbraucherschutzorganisation Foodwatch, im SPIEGEL. Von den zehn Maßnahmen aus dem Aktionsplan seien sechs weitgehend und vier komplett verpufft, heißt es in einem noch unveröffentlichten Report seiner Organisation.

"Ilse Aigner hat im Januar angekündigt, dass künftig alles, was in Futtermittel reinkommt, auch getestet werden muss", sagt Bode weiter. Das bedeute, dass es eine Pflicht geben müsse, jede Zutat, die ins Mischfutter komme, zu testen. "Was im Januar aber noch angekündigt worden ist, ist im Laufe des Gesetzgebungsprozesses plötzlich verschwunden." Das bedeute nichts weniger, als dass die Futtermittelhersteller selbst darüber entscheiden könnten, welche Futtermittelchargen sie auf Dioxin analysieren lassen und welche nicht", heißt es dazu in der Foodwatch-Analyse.

Im Berliner Verbraucherministerium stoßen die Vorwürfe auf Unverständnis. Man habe nie geplant, jede Charge zu prüfen. Das sei weder praktikabel noch sinnvoll. "Wir kontrollieren jene Bestandteile von Tierfutter, die aufgrund der Produktionsverfahren theoretisch Dioxin enthalten können, also zum Beispiel Öle und Fette, je nach Risikoklasse bis zu 100 Prozent", heißt es in Berlin.

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Dioxine - Gefahr für Mensch und Tier
Was sind Dioxine?
Dioxine sind chemisch ähnlich aufgebaute Verbindungen, die aber unterschiedlich giftig sind. Der bekannteste Vertreter der Gruppe ist das als Seveso-Gift bekannt gewordene TCDD (2,3,7,8-Tetrachlordibenzodioxin). Im Tierversuch kann es schon in einer Konzentration von einem Millionstel Gramm pro Kilogramm Körpergewicht tödlich sein.
Wie entstehen sie?
Dioxin entsteht unerwünscht etwa bei Verbrennungsprozessen mit Chlor und organischem Kohlenstoff. Nach Angaben des Umweltbundesamts wird das Gift bei 300 Grad und mehr gebildet und bei 900 Grad und mehr zerstört. Auch bei chemischen Produktionsverfahren mit Chlor können die Stoffe entstehen, außerdem bei Waldbränden oder Vulkanausbrüchen.
Welche Gefahren gehen von Dioxinen aus?
Bereits geringe Konzentrationen können gefährlich sein. Als Langzeitwirkungen wurden etwa Störungen des Immunsystems, schwere Erkrankungen der Haut, der Atemwege, der Schilddrüse und des Verdauungstraktes festgestellt. In Tierversuchen wurden krebserregende Wirkungen nachgewiesen.

Die einmal in die Umwelt gelangten Gifte bauen sich nur sehr langsam ab und reichern sich deshalb auch im Gewebe von Tieren und Menschen an. 90 bis 95 Prozent der Belastung kommt über die Nahrung in den Körper - vor allem durch den Verzehr von Fleisch und Milchprodukten. Ein prominentes Opfer einer Dioxin-Vergiftung ist der ukrainische Politiker Wiktor Juschtschenko. Er hat einen Dioxin-Anschlag im Jahr 2004 nur knapp überlebt. (Quelle: dpa)
Dioxin-Skandale
Dioxin-Skandale des vergangenen Jahrzehnts
Der wohl tragischste Dioxin-Skandal fand im Juli 1976 im italienischen Seveso statt. Bei einem Chemieunfall wurde hochgiftiges Dioxin freigesetzt. Zahlreiche Menschen erkrankten an Krebs, 200 an schwerer Chlorakne. In Deutschland ist ein Vorfall in diesem Ausmaß bislang nicht vorgekommen.
1999
Eine belgische Firma liefert verseuchtes Futter an Tausende Betriebe, darunter sind mehrere deutsche.
2003
Mehrere hundert Tonnen Backabfälle aus Thüringen weisen eine Dioxin-Belastung auf, die bis zu 18-mal höher ist als der zulässige Grenzwert.
2004
In Nordrhein-Westfalen werden mehrere Bauernhöfe gesperrt - wegen des Verdachts auf Dioxin im Tierfutter.
2006
Nch Belgien und den Niederlanden wird auch in Deutschland Dioxin im Tierfutter entdeckt. Betriebe in mehreren Bundesländern müssen schließen.
2010
Das Landesamt für Verbraucherschutz sperrt vorübergehend mehrere Öko-Geflügelhöfe. Belasteter Mais soll von einem niederländischen Unternehmen von Nordrhein-Westfalen aus in mehrere Bundesländer verkauft worden sein. Mehrere Supermärkte stoppen den Verkauf von Bio-Eiern.